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8.12.2014 | Von:
Evelyn Ersanilli

Die Einwandererbevölkerung

Seit Jahrhunderten haben die Niederlande Einwanderer aus unterschiedlichen Weltregionen angezogen. Dadurch ist die Einwandererbevölkerung heute sehr heterogen.

Marokkanischer Bauarbeiter in Den HaagMarokkanischer Bauarbeiter in Den Haag: Marokkaner sind die zweitgrößte Allochtonen-Gruppe in den Niederlanden. (© picture-alliance / Ton Koene)

Definitionen: Allochthone und Autochthone

Niederländische Statistiken über die Einwandererbevölkerung orientieren sich an ihrer ethnischen Zugehörigkeit, die nach dem Geburtsland der Eltern bestimmt wird. Dieses wird in den Datenbanken der Einwohnermeldeämter gespeichert. Die Regierung unterscheidet dabei zwischen allochthonen und autochthonen Menschen.[1] Als "autochthon" werden "einheimische Niederländer", also Menschen mit zwei in den Niederlanden geborenen Eltern bezeichnet. "Allochthone" haben dagegen mindestens einen im Ausland geborenen Elternteil. Daneben wird innerhalb dieser Gruppe zwischen westlichen und nicht-westlichen Allochthonen unterschieden. Westliche Allochthone sind Menschen, die aus Europa (mit Ausnahme der Türkei), Nordamerika, Ozeanien, Indonesien und Japan stammen; nicht-westliche Allochthone sind Menschen, die aus der Türkei, Afrika, Lateinamerika und den übrigen Teilen Asiens kommen. Viele niederländische Statistiken nutzen diese Unterscheidung zwischen allochthon und autochthon (sowie oftmals noch weitere Aufschlüsselungen einzelner Gruppen nach ihrer unterschiedlichen ethnischen Herkunft). Ein Großteil der statistischen Erhebungen und der daraus resultierenden Forschung konzentriert sich dabei auf die Gruppe der nicht-westlichen Allochthonen, da diese als am stärksten benachteiligte Bevölkerungsgruppe innerhalb der niederländischen Gesellschaft gilt. Daher bezieht sich der Begriff allochthon im alltäglichen Sprachgebrauch vornehmlich auf die nicht-westliche Gruppe der Allochthonen und in den meisten Fällen explizit auf Marokkaner und Türken.

Zusammensetzung der Bevölkerung

Angesichts der hohen Einbürgerungsraten vieler ethnischer Gruppen, erlaubt das statistische Merkmal "Allochthone" andere Perspektiven als das sonst übliche Merkmal "Ausländer", da auch Personen der zweiten Einwanderergeneration erfasst werden können. 21,4 Prozent der niederländischen Bevölkerung sind allochthon (11,9 Prozent nicht-westlich), 10,8 Prozent sind im Ausland geboren und 4,75 Prozent der Bevölkerung haben keine niederländische Staatsangehörigkeit. Die zehn größten Allochthonen-Gruppen bilden Personen aus den (ehemaligen) Kolonien, den ehemaligen "Gastarbeiter"-Ländern sowie den drei Nachbarländern Belgien, Deutschland und Vereinigtes Königreich (vgl. Abbildung 2). Sie stellen zusammen zwei Drittel der gesamten allochthonen Bevölkerung der Niederlande. 27,4 Prozent der allochthonen Bevölkerung stammt aus den EU-Mitgliedstaaten.
Abbildung 2: Umfang der zehn größten Allochthonen-Gruppen 2014Abbildung 2: Umfang der zehn größten Allochthonen-Gruppen 2014 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Nach den Daten der niederländischen Statistikbehörde leben Menschen aus 190 verschiedenen Ländern in den Niederlanden.[2] Menschen aus den ehemaligen niederländischen Kolonien tauchen in der Liste der zehn größten ausländischen Bevölkerungsgruppen [3] nicht auf, da sie zum Zeitpunkt der Einwanderung meist bereits die niederländische Staatsangehörigkeit besaßen. Dagegen sind in dieser Liste neben den ehemaligen Anwerbeländern Marokko und Türkei mehrere EU-Staaten sowie die USA vertreten (vgl. Abbildung 3).
Abbildung 3: Die zehn größten Ausländergruppen nach Staatsangehörigkeit 2012Abbildung 3: Die zehn größten Ausländergruppen nach Staatsangehörigkeit 2012 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Räumliche Verteilung

Die Einwandererbevölkerung lebt vorzugsweise in städtischen Gebieten. Beinahe 30 Prozent der Allochthonen (und 38 Prozent aller nicht-westlichen Allochthonen) leben in den vier größten Städten des Landes: Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht. In diesen leben dagegen nur 8,9 Prozent der autochthonen Bevölkerung. In Amsterdam, Rotterdam und Den Haag machen Allochthone etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Auch einige kleinere Gemeinden weisen einen hohen Anteil einzelner allochthoner Gruppen auf. Dies ist auf die Beschäftigung von "Gastarbeitern" in der umliegenden Industrie zurückzuführen. Innerhalb der Städte gibt es hohe Segregationsraten: Viele Einwanderer leben in Vierteln mit einem geringen Autochthonen-Anteil.[4]

Dieser Text ist Teil des Länderprofils Niederlande.

Fußnoten

1.
Ein Bericht des Wissenschaftlichen Rates für Regierungspolitik (WRR) zur Identifikation mit den Niederlanden empfahl 2007 den Begriff "Allochthone" nicht mehr zu verwenden, da er die vermeintliche Nichtzugehörigkeit von Menschen mit einem Einwanderungshintergrund als "nicht von hier" aufrecht erhalte. Das Niederländische Institut für Sozialforschung hat den Begriff aus seinen Veröffentlichungen entfernt. Er wird zwar weiter von Regierungsbehörden, Politikern und Journalisten benutzt, aber zunehmend durch den Terminus "Migranten" abgelöst.
2.
Von diesen 190 nationalen Gruppen in den Niederlanden haben 127 mindestens 100 Mitglieder und 88 mindestens 500.
3.
Diese Angaben umfassen sowohl Menschen ohne niederländische als auch solche mit doppelter Staatsbürgerschaft.
4.
CBS (2012): Jaarrapport integratie 2012.
Creative Commons License

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Autor: Evelyn Ersanilli für bpb.de
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