Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

8.12.2014 | Von:
Evelyn Ersanilli

Einwandererintegration

Seit Jahrhunderten haben die Niederlande Einwanderer aus unterschiedlichen Weltregionen angezogen. Die Einwandererbevölkerung ist daher sehr heterogen. Bevölkerungsstatistiken unterscheiden zwischen "autochthonen", d.h. einheimischen, und "allochthonen" Menschen, die mindestens einen im Ausland geborenen Elternteil haben. Dabei werden Menschen, die aus Europa (mit Ausnahme der Türkei), Nordamerika, Ozeanien, Indonesien und Japan stammen als "westliche Allochthone" bezeichnet; Menschen aus anderen Weltregionen zählen zur Gruppe der "nicht-westlichen" Allochthonen.
Muschelzucht in Yerseke in den Niederlanden.Muschelzucht in Yerseke in den Niederlanden: Nicht-westliche allochthone Gruppen befinden sich im Allgemeinen in einer benachteiligten sozioökonomischen Position. (© picture alliance / ANP)

Nicht-westliche allochthone Gruppen befinden sich im Allgemeinen in einer benachteiligten sozioökonomischen Position. Obwohl sich die Situation insbesondere für die zweite Generation im Bildungsbereich und auf dem Arbeitsmarkt verbessert hat, gibt es weiterhin Unterschiede im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen. Von den vier größten nicht-westlichen Einwanderergruppen sind Marokkaner diejenige Gruppe, die am schlechtesten abschneidet; gleichzeitig zeigt die zweite Generation aber auch die stärksten Verbesserungen im Bildungsbereich. Unter den kleineren Einwanderergruppen sind vor allem Somalier von hoher Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von Sozialleistungen betroffen; die Kriminalitätsrate unter jungen männlichen Somaliern ist hoch.[1] Demgegenüber schneiden Einwanderer aus China und Iran und ihre Kinder sowohl im Bildungssystem als auch auf dem Arbeitsmarkt sehr gut ab.

Arbeitsmarkt

2012 lag die Arbeitslosigkeit in der erwerbsfähigen nicht-westlichen allochthonen Bevölkerung bei 16 Prozent, verglichen mit fünf Prozent in der autochthonen niederländischen Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit war besonders hoch unter somalischen (37 Prozent), afghanischen (21 Prozent) und irakischen (20 Prozent) Einwanderern. Seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 hat die Arbeitslosigkeit in der Einwandererbevölkerung stärker zugenommen als in der einheimischen niederländischen Bevölkerung.[2] Die Jugendarbeitslosigkeit in der Einwandererbevölkerung liegt bei 28 Prozent, unter 15 bis 24 Jahre alten Marokkostämmigen liegt sie sogar bei 37 Prozent. Diese Differenz kann nur teilweise durch Unterschiede hinsichtlich des Bildungsniveaus und dem Wohngebiet erklärt werden. Stattdessen spielen vermutlich auch Unterschiede in den Strategien bei der Suche nach einem Arbeitsplatz und der Beschaffenheit sozialer Netzwerke eine Rolle.[3] Eine Studie aus dem Jahr 2007 belegt zudem ethnische Diskriminierung durch Arbeitgeber.[4] Dennoch hat der Anteil der Allochthonen, die in höheren beruflichen Positionen arbeiten (sogenannte Hogere beroepen, die mindestens einen Bachelorabschluss voraussetzen), zugenommen. Etwa 30 Prozent der zweiten Generation arbeiten in einer höheren beruflichen Stellung und damit fast so viele wie unter einheimischen Niederländern.[5]

Bildung

Das Bildungsniveau der Einwanderer der zweiten Generation hat sich im Laufe der Zeit gegenüber ihren Eltern deutlich verbessert. Die Ergebnisse im Grundschulbereich zeigen deutliche Verbesserungen; zunehmend absolviert die zweite Generation auch akademische Ausbildungsgänge, die auf ein Studium an einer Hochschule oder Universität vorbereiten.[6] Insbesondere die zunehmende Aufnahme eines Studiums ist bemerkenswert. 2011 lag der Anteil nicht-westlicher Allochthoner, die eine Hochschul- oder Universitätsausbildung begannen, bei 53 Prozent (2003: 43 Prozent), unter autochthonen Niederländern waren es 58 Prozent (2003: 53 Prozent). Surinam- oder Antillenstämmige Personen schneiden etwa so ab wie autochthone Niederländer. Türkei- und Marokkostämmige Frauen zeigen eine starke Zunahme im Bereich der Hochschulbildungsbeteiligung von 30 Prozent im Jahr 2003 auf fast 50 Prozent 2011. Unter männlichen Türkei- und Marokkostämmigen fiel der Anstieg geringer aus: von 34 auf 37 Prozent bei marokkostämmigen Männern und von 26 auf 39 Prozent bei türkeistämmigen Männern. Dennoch ist der gewachsene Anteil derjenigen, die ein Studium aufnehmen, nur eine Seite der Medaille. Die Abbrecherquoten in weiterführenden Schulen und in der Berufsausbildung sind unter nicht-westlichen Allochthonen weiterhin hoch. Trotz einiger Verbesserungen haben weniger als die Hälfte der 20 bis 35 Jahre alten Türkei- und Marokkostämmigen einen höheren Schul- oder tertiären Bildungsabschluss, der aber als Voraussetzung für den Zugang zum Arbeitsmarkt gilt (startkwalificatie). Die Rate der nicht-westlichen Einwanderer, die einen höheren Bildungsabschluss erlangen, liegt unter derjenigen einheimischer Niederländer; von allen, die ihr Studium im Jahr 2003 begannen, erreichten 75 Prozent der einheimischen Studierenden und 60 Prozent der Studierenden mit nicht-westlichem Migrationshintergrund innerhalb von acht Jahren ihren Bachelorabschluss.[7]

Kriminalität

Die Kriminalitätsraten aller Einwanderergruppen sind rückläufig. Dennoch sind Marokko- und Antillenstämmige Jugendliche in den Kriminalitätsstatistiken weiterhin überrepräsentiert. 65 Prozent der marokkanisch-niederländischen Jungen und 55 Prozent der antillisch-niederländischen Jungen wurden im Alter von 12 bis 23 Jahren bereits einmal festgenommen, verglichen mit 25 Prozent der autochthonen Niederländer.[8] Die hohen Kriminalitätsraten sind immer wieder Thema öffentlicher Debatten. Sie sind nur teilweise auf sozioökonomische Unterschiede zurückzuführen. Auch rassistische Kriterien bei der Erstellung von Täterprofilen (racial profiling) [9] spielen eine Rolle.

Politische Partizipation

Die politische Partizipation von Einwanderern ist in den Niederlanden im Vergleich zu anderen Ländern hoch. Auch wenn der Anteil der Wähler niedriger ist als der unter autochthonen Niederländern, gibt es inzwischen eine erhebliche Zahl allochthoner Politiker. Von den 150 Parlamentsmitgliedern, haben 14 einen nicht-westlichen Einwanderungshintergrund, zumeist einen türkischen. In den Kommunalwahlen im Jahr 2010 wurden 303 Stadträte (drei Prozent) mit Migrationshintergrund gewählt. Auch wenn sich darin immer noch nicht der prozentuale Anteil der allochthonen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung widerspiegelt, ist es doch im Vergleich zu den Nachbarländern ein gutes Ergebnis. Mehr als die Hälfte der 303 Stadträte waren Türkeistämmige.[10]

Dieser Text ist Teil des Länderprofils Niederlande.

Fußnoten

1.
SCP (2009): Jaarrapport Integratie 2009.
2.
SCP (2013): Jaarrapport Integratie 2013.
3.
SCP (2009): Jaarrapport Integratie 2009.
4.
Andriessen/Nievers/Faulk/Dagevos (2010).
5.
SCP (2013): Jaarrapport Integratie 2013.
6.
Das weiterführende Bildungssystem der Niederlande teilt sich in unterschiedliche Zweige. Die Schüler werden basierend auf einem Test, den sie am Ende der Grundschulzeit im Alter von etwa 12 Jahren absolvieren, einem dieser Zweige zugeteilt. Es gibt drei Berufsausbildungszweige (VMBO basis, kader und gemengd), einen Bildungszweig, der eine Schnittstelle zwischen beruflicher und akademischer Bildung ist (VMBO theoretische leerweg) und zwei akademische Zweige, wobei HAVO (hoger algemeen voortgezet onderwijs) zur Aufnahme eines Studiums an einer Fachhochschule führt und VWO (voorbereidend wetenschapplijk onderwijs) auf ein Studium an einer Universität zielt.
7.
CBS (2012): Jaarrapport Integratie 2012.
8.
SCP (2011): Jaarrapport Integratie 2011.
9.
Von "racial profiling" spricht man, wenn eine Person allein aufgrund ihrer Ethnizität, Nationalität oder Religion für verdächtig gehalten wird und nicht aufgrund von eindeutigen Hinweisen auf ein kriminelles Verhalten.
10.
http://www.prodemos.nl/Media/Files/Allochtonen-in-de-politiek (Zugriff: 23.9.2014).
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