Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

15.10.2018 | Von:
Andreas Wilde

Afghanistan – Geschichte, Politik, Gesellschaft

Afghanistan ist ein relativ junger Nationalstaat, der in seinen heutigen Grenzen auf koloniale Interventionen Ende des 19. Jahrhunderts zurückgeht. Die jüngere Geschichte des Landes ist vor allem durch interne Konflikte und Bürgerkriege geprägt.

Kabul im August 2018: Kinder und Erwachsene lassen auf dem Nadir-Schah-Hügel Papierdrachen steigenKabul im August 2018: Kinder und Erwachsene lassen auf dem Nadir-Schah-Hügel Papierdrachen steigen (© picture-alliance/dpa)

Afghanistan gehört geographisch weder zu Vorder- noch zu Zentralasien und ist auch nicht Teil des indischen Subkontinents. Vielmehr befindet sich das Land an einer geostrategischen Scharnierstelle und empfängt aus den drei Kulturräumen Iran, Indien und Zentralasien kulturelle, wirtschaftliche und politische Impulse. Afghanistan ist ein Binnenland und grenzt im Süden und Osten an Pakistan, im Westen an Iran und im Norden an Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan. Im äußersten Nordosten gibt es eine kurze gemeinsame Grenze mit China. Die Landesgeographie ist vom Hindukusch und benachbarten Hochländern und Gebirgsketten geprägt, die nach Westen und Süden allmählich abfallen und in Wüsten und Halbwüsten übergehen. Die Bevölkerungsschwerpunkte liegen entlang der großen Flüsse wie dem Helmand und dem Arghandab im Süden, dem Hari Rud im Westen und dem Kabul-Fluss im Osten.

Die afghanische Bevölkerung ist sehr heterogen, wobei genauere Zahlenangaben zum Anteil der jeweiligen Volksgruppen an der Gesamtbevölkerung aufgrund eines fehlenden Zensus als nicht gesichert gelten. Schätzungen zufolge leben heute ca. 30 Millionen Menschen im Land.[1] Hinzu tritt eine große afghanische Diaspora; insbesondere in den Nachbarländern leben zahlreiche afghanische Kriegsflüchtlinge und Arbeitsmigranten. Die größten Bevölkerungsgruppen sind Paschtunen (ca. 40 Prozent) im Süden, Osten und Westen, Tadschiken (ca. 25-30 Prozent) im Nordosten und in den größeren Städten, Usbeken (10 Prozent) im Norden und schiitische Hazara (10 Prozent) im geographischen Zentrum des Landes. Daneben gibt es kleinere Minderheiten wie Turkmenen, Aimaq, Belutschen, Nuristani, Pashai, Araber und andere Volksgruppen. Neben den ethnischen Gruppen bieten Klientelverbände sowie die lokale Verankerung in bestimmten Landesgegenden, Städten, Provinzen und Talschaften weitere identitätsstiftende Bezugsrahmen.

Bis auf die 12er schiitischen Hazara und einige andere Gruppen bekennt sich das Gros der Bevölkerung zum sunnitischen Islam. Hinzu kommen kleinere Minderheiten von Ismailiten (7er Schiiten), Hindus und Sikhs. Letztere leben in den städtischen Zentren, wandern aber in den letzten Jahren verstärkt nach Indien aus. Die Heterogenität der Bevölkerung spiegelt sich auch in einer großen Sprachenvielfalt wider. Neben den beiden Amtssprachen Pashto und Dari werden Usbekisch, Turkmenisch, Nuristani, Pashai und Belutschi sowie andere Sprachen gesprochen.

Afghanistan befindet sich seit der Intervention der USA und ihrer Verbündeten 2001 im Umbruch. Einerseits brachte das internationale Engagement dem Land viel Aufmerksamkeit und finanzielle Zuwendungen in Gestalt ziviler Wiederaufbauhilfe. Gleichzeitig erwies sich das von der internationalen Gemeinschaft unter Führung der USA geförderte State Building (Staatsbildung, Staatsaufbau) als ein steiniger, mit vielen Hindernissen gepflasterter Weg. Neben dem anhaltenden Krieg behindern Konflikte im Regierungslager, Korruption und Ressourcenmangel (knapp zwei Drittel des staatlichen Budgets werden von ausländischen Gebern und Geldtöpfen bestritten) den Aufbau staatlicher Strukturen. Gleichzeitig haben sich die Spaltung der Gesellschaft und lokale Konflikte zum Beispiel um Land, Wasser und Weidegebiete sowie staatliche Ressourcen wie Zugang zu bestimmten Ämtern und finanziellen Mitteln weiter verschärft. Armut, Krieg und Perspektivlosigkeit haben in der Vergangenheit zu verstärkter Flucht und Migration geführt: Allein in Pakistan leben heute laut Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) rund 1,4 Millionen registrierte afghanische Flüchtlinge, im Iran sind es knapp eine Million Afghanen. Hinzu kommen ca. 1,8 Millionen Binnenvertriebene, die zumeist in den großen afghanischen Städten leben.[2]

Geschichte – Vom Großreich zum Nationalstaat

Seit jeher war das Territorium des heutigen Afghanistans ein Durchgangsland für Nomaden und Eroberer, die das Gebiet auf ihrem Weg nach Indien oder Persien passierten, um dort eigene Reiche zu gründen. Zwar diente die Region als Sprungbrett für zahlreiche Feldzüge, war jedoch selten über längere Zeiträume ein politisches Machtzentrum. Vielmehr galt die Region als Peripherie der großen Imperien. Eine Ausnahme bildete das Timuridenreich, das im 15. Jahrhundert zeitweise von Herat im heutigen Westafghanistan aus regiert wurde. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert trafen sich in der Hindukusch-Region die Einflusssphären der persischen Safawiden, der indischen Moguln und der Usbeken Transoxaniens.

Der heutige Staat Afghanistan ging in seinem Kern aus einem Großreich hervor, das auf die Eroberungen Ahmad Shah Durranis (Regentschaft 1747-1772) Mitte des 18. Jahrhunderts zurückging. Das ab 1747 von der Hauptstadt Kandahar aus beherrschte Imperium findet in einer späteren persischen Quelle als Reich von Iran, Turkistan und Hindustan (Indien) Erwähnung. Diese Bezeichnung spiegelt die geographische Lage an der Schnittstelle der drei großen Kulturlandschaften. Die Macht der Durrani-Dynastie basierte vor allem auf regelmäßigen Feldzügen in die fruchtbaren indischen Landesteile, später auch auf Steuereinnahmen aus diesen Gebieten sowie auf der Kontrolle wichtiger Handelsrouten in der Region. Wichtig für die Sicherung der Herrschaft war auch die Gefolgschaft der verschiedenen Stammesverbände der Durrani-Föderation. Deren Führer waren an der Herrschaft beteiligt, indem sie Truppen stellten und im Gegenzug finanzielle Überschüsse und Erntegüter aus den indischen Gebieten einstreichen konnten.

Bis 1820 musste das Durrani-Reich erhebliche Gebietsverluste hinnehmen. Besonders schmerzlich war der Verlust der fruchtbaren Indusebene, deren nördlicher Teil, der Punjab, schrittweise von den Sikhs erobert worden war, wodurch wichtige Steuereinnahmen aus diesen Gebieten verloren gingen. Ressourcenmangel und Thronstreitigkeiten führten schließlich zum Zerfall des Reiches in lokale Fürstentümer.

Mit der britischen Expansion in Indien geriet auch das Herrschaftsgebiet der rivalisierenden afghanischen Fürsten in den Fokus der Kolonialpolitik. Die Zeit ab den 1830er Jahren war geprägt von der britisch-russischen Rivalität um Einfluss- und Interessensphären in Zentral- und Vorderasien. Gleichzeitig entwickelte sich der Begriff Afghanistan als staatspolitisches Konzept, das zunehmend auf die gesamte Pufferzone zwischen der britischen und russischen Einflusssphäre übertragen wurde. Ursprünglich bezog sich der Begriff Afghane lediglich auf die Angehörigen der Paschtunen-Stämme.

Die beiden anglo-afghanischen Kriege (1838-1842 und 1878-1880) waren dem Versuch geschuldet, die Pufferzone jenseits von Indus und Khyber-Pass unter britische Kontrolle zu bringen bzw. einen Herrscher zu installieren, der den Interessen Kalkuttas und Londons gewogen war. Dabei waren die britischen Interventionen teilweise direkte Antworten auf russische diplomatische oder militärische Aktionen in der Region nördlich des Amu Darya-Flusses. Die beiden Kriege verliefen nach ähnlichem Muster: die wichtigsten Städte und Schlüsselstellungen wurden relativ zügig von den britisch-indischen Truppen erobert, allerdings regte sich alsbald Widerstand der verschiedenen Stämme sowie lokaler Anführer und religiöser Würdenträger (ulama). Gleichzeitig erwiesen sich die von den Briten installierten Herrscher als schwach, sodass ein rascher Abzug nicht infrage kam. Letzteres behinderte im ersten anglo-afghanischen Krieg die langfristige Sicherung britischer Interessen. Der nach dem zweiten anglo-afghanischen Krieg aus dem Exil in Samarkand zurückgekehrte und von England als neuer Herrscher anerkannte Emir Abdarrahman Khan, der von 1880 bis 1901 regierte, musste umfangreiche Gebietsabtretungen akzeptieren. Diese waren bereits zuvor im Vertrag von Gandamak (1879) fixiert worden. Außerdem verlor das Land seine außenpolitische Souveränität und erhielt den Status eines britischen Protektorats. In den 1890er Jahren übernahmen britisch-russische Grenzkommissionen die Festlegung der Außengrenzen. Diese war im Norden weniger problematisch, folgte die Grenze hier doch in weiten Teilen dem Verlauf des Amu Darya-Flusses. Im Osten schnitt die Durand-Linie, benannt nach dem Vorsitzenden der für diesen Abschnitt zuständigen Grenzkommission Sir Mortimer Durand, quer durch paschtunisches Siedlungsgebiet. Die Grenzen schrieben den Status Afghanistans als isolierten, politisch neutralen Pufferstaat zwischen Russisch-Zentralasien und Britisch-Indien fest. Die künstlichen Grenzen haben bis heute wiederholt zu Gebietsstreitigkeiten insbesondere mit Pakistan geführt. Zahlreiche Afghanen haben Verwandte in den Nachbarländern (siehe Kasten).

Afghanistan im 20. Jahrhundert

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von der Erlangung der außenpolitischen Souveränität, Reformversuchen und anschließender politischer Stagnation. Die ersten Reformen im gesellschaftspolitischen Bereich (Ausbau des Schulwesens und Frauenrechte) wurden von Amanullah Khan (Regierungszeit 1919-1929) nach dem dritten anglo-afghanischen Krieg (1919) und dem gleichzeitigen Ende des britischen Protektorats angestoßen. Sie scheiterten jedoch an mangelnden finanziellen Mitteln sowie dem Widerstand konservativer Stammesführer und religiöser Kräfte. Die nach einer Europareise Amanullahs in Angriff genommene Steigerung des Reformtempos und noch weiter reichende Pläne in Bezug auf Frauen (z.B. Einschränkung der Polygamie und Anhebung des Heiratsalters) führten schließlich zu einer Rebellion im Osten des Landes und zum Sturz des Herrschers.

Nach einem kurzen Bürgerkrieg kam 1930 mit der Musahiban-Dynastie eine Seitenlinie des Königshauses an die Macht. Diese bemühte sich um die Restaurierung der alten Machtverhältnisse und machten die Reformen rückgängig. Die Regierung arrangierte sich mit den ländlichen Eliten (Stammesführern, religiösen Würdenträgern und Großgrundbesitzern), indem sie deren Macht und Besitzstand nicht mehr angriff. Sie überließ die ländlichen Regionen sich selbst und mischte sich auch nicht in die Angelegenheiten der Stämme im Osten und Süden ein. Damit nahm die Regierung in Kauf, hier kaum Gestaltungsspielraum zu haben. Im Gegenzug erkannten die dörflichen Anführer die Musahiban-Herrschaft an. Die folgenden Jahrzehnte waren von einem konservativen Kurs in der Innenpolitik und einer Schaukelpolitik nach außen hin geprägt, die darauf setzte, den Einfluss der beiden Supermächte Sowjetunion und USA auszubalancieren. Hinzu kamen Konflikte mit dem Nachbarn Pakistan um die mehr als 2000 Kilometer lange Grenze, die von der afghanischen Regierung nicht anerkannt wurde. Stattdessen wurde es in Kabul üblich, die gemeinsame Grenze weiterhin als Durand-Line zu bezeichnen.
1955: Nikita Chruschtschow, Regierungschef der UdSSR, wird bei einem Besuch in Afghanistan von einer Ehrengarde in alten deutschen Uniformen begrüßt.1955: Nikita Chruschtschow, Regierungschef der UdSSR, wird bei einem Besuch in Afghanistan von einer Ehrengarde in alten deutschen Uniformen begrüßt. (© picture-alliance/AP)

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Grenzstreitigkeiten

Die afghanischen Regierungen unterstützten in den 1950er und frühen 1960er Jahren die Paschtunistan-Bewegung, die auf eine Revision des politischen Status der überwiegend von Paschtunen (in Pakistan Pathan genannt) besiedelten Gebiete West- und Nordwestpakistans drängte. Dies brachte Kabul wiederholt in Konflikte mit Islamabad, was zeitweise zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen führte und Grenzschließungen zufolge hatte. Die Frage der strittigen Grenze belastet das Verhältnis beider Länder bis heute und gilt als ein Motiv für die wiederholten pakistanischen Einmischungen in Afghanistan.*

*Siehe Giunchi, Elisa (2013): The Origins of the Dispute over the Durand Line. Internationales Asienforum 44/1-2 (2013), S. 25-46.


Ab 1963 setzte eine Phase innerer Liberalisierung und Demokratisierung ein, dennoch waren die 1960er Jahre auch von inneren Widersprüchen geprägt. Einerseits erlaubte die konstitutionelle Verfassung von 1964 die politische Teilhabe und Öffnung des Landes, andererseits griff der von 1933 bis 1973 amtierende König Muhammad Zahir Shah stärker denn je in die Politik ein. Dabei versäumte er es, ein Parteiengesetz zu unterzeichnen, das die Bildung politischer Parteien legalisiert hätte. Die politischen Parteien und Bewegungen, die sich damals im Umfeld der Kabuler Universität bildeten, agierten daher vielfach im Untergrund bzw. einer rechtlichen Grauzone. Mit einem unblutigen Militärputsch 1973 endete diese Phase der jüngeren afghanischen Geschichte. Zahir Shah ging ins italienische Exil und überließ das Feld seinem Vetter Muhammad Daud Khan, der die Republik ausrief und autoritär regierte. Im April 1978 kam er bei einem Militärputsch ums Leben, der die kommunistische Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) an die Macht brachte.

Der Krieg und seine Folgen

Der nun einsetzende bewaffnete Konflikt kann in vier Phasen eingeteilt werden. Die erste Phase (1978/79) stellt sich als Modernisierungskonflikt dar. Die DVPA legte mittels Reformen (z.B. Land- und Bildungsreform) Hand an den jahrzehntelangen ungeschriebenen Pakt zwischen den dörflichen Eliten und dem afghanischen Staat. Ein gegen die DVPA und deren Reformen gerichteter Volksaufstand weitete sich 1979 zu einem Bürgerkrieg aus, in den die Sowjetunion (UdSSR) Ende Dezember 1979 mit der Entsendung von Truppen eingriff. Damit trat der Konflikt in eine zweite Phase ein, die von einer Internationalisierung des Kriegsgeschehens geprägt war. Während die sowjetischen Truppen mehr als neun Jahre zum Schutz der DVPA-Regierung stationiert blieben, wurde der Widerstand der Mujaheddin von den USA, Pakistan, Saudi-Arabien und anderen Staaten finanziell und militärisch unterstützt. Für Afghanistan erwies sich der Krieg in mehrfacher Hinsicht als Katastrophe: Neben den vielen Todesopfern (Schätzungen sprechen von bis zu einer Million Toten auf afghanischer Seite) musste das Land die großflächige Zerstörung seiner physischen und staatlichen Infrastruktur verkraften; mehr als sechs Millionen Menschen flohen nach Pakistan und Iran, hinzu kamen mehr als 2,5 Millionen Binnenvertriebene. Mit diesem Flüchtlingsaufkommen war Afghanistan bis 2011/12 jahrzehntelang das Hauptherkunftsland im globalen Fluchtgeschehen. Der Krieg war auch ein Katalysator für gesellschaftliche Umwälzungen: Die alten Machthaber (z.B. Großgrundbesitzer und Aristokratenfamilien) auf dem Land verloren ihre Position an Kommandanten und bewaffnete Kräfte mit Verbindungen zu den großen Mujaheddin-Parteien. Auch die Macht der Stammesältesten erodierte zunehmend.

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Glaubenskämpfer

Das Wort Mujahed (andere Schreibweise Mujahid; Plural Mujaheddin) geht auf das arabische Verb jahada (kämpfen, sich bemühen) zurück. Die substantivierte Form Jihad bedeutet damit so viel wie Anstrengung, Kampf, Krieg bzw. auch heiliger Krieg. Im technisch-religiösen Sinn bezeichnet Mujahed also einen Glaubenskämpfer im Krieg gegen Ungläubige. Während der sowjetischen Besatzungszeit in den 1980er Jahren bezeichneten sich die afghanischen Widerstandskämpfer als Mujaheddin.*

*Bosworth, C.E. : Mud̲j̲āhid. Encyclopaedia of Islam, 2. Auflage.https://referenceworks.brillonline.com/ (Zugriff: 20.9.2018).


Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen Anfang 1989 wurde aus dem Konflikt ein von der internationalen Gemeinschaft weitgehend unbeachteter Bürgerkrieg (dritte Phase), der bis 2001 in wechselnden Konstellationen unter indirekter Beteiligung Pakistans, Irans, Usbekistans, Indiens, Russlands und Saudi-Arabiens ausgetragen wurde. Diese Staaten unterstützten als Schutzmächte ihre jeweiligen Verbündeten und heizten den Bürgerkrieg damit zusätzlich an. Der Sturz des letzten pro-sowjetischen Staatschefs Muhammad Najibullah und die Einnahme Kabuls durch die Mujaheddin im April 1992 sowie die Machtergreifung der von Pakistan unterstützten Taliban 1996 stellten weitere Wendepunkte dar. Die Unterstützung externer Mächte für unterschiedliche politische Lager führte zu einer Schwächung der Zentralregierung und einer Fragmentierung des Landes in konkurrierende Machtzentren und Einflusszonen von Milizen und Kommandanten. Zwischen 1996 und 2001 kämpfte die Nordallianz, ein Zusammenschluss ehemaliger Mujaheddin-Gruppen und Warlords, gegen die Taliban-Regierung. Letztere hatte ein rigides islamisches Regime errichtet, das insbesondere bei ethnischen Minderheiten und der städtischen Bevölkerung Kabuls und Herats auf Ablehnung stieß.

Mit der Intervention der USA und der NATO auf Seiten der Nordallianz nach dem 11. September 2001 und dem Sturz der Taliban-Regierung, wurde mit dem sogenannten Bonn-Prozess (angestoßen auf der Afghanistan-Konferenz in Bonn im Dezember 2001) der Grundstein für eine Neuordnung des Landes gelegt. Gleichzeitig trat der Konflikt in eine bis heute andauernde vierte Phase ein, die durch eine Überlappung des innerafghanischen Konflikts mit dem weltweiten Krieg gegen den Terror gekennzeichnet ist.

Die Taliban und einige andere Gruppen waren nicht an dem Bonner Abkommen beteiligt und kämpften nunmehr gegen die in ihren Augen als Besatzer agierenden NATO-Truppen (im Rahmen des UN-Mandats International Security Assistance Force, ISAF) und die afghanische Regierungsarmee. Auch die zwei großen Loya Jirgas (große Ratsversammlungen von Stammesältesten, Lokalfürsten und anderen Vertretern) 2002 und 2003 sowie drei Präsidentschaftswahlen (2004, 2009 und 2014) und zwei Parlamentswahlen (2005 und 2010) haben Afghanistan keinen dauerhaften Frieden gebracht. Bei den Wahlen ließ sich das sogenannte ethnic voting beobachten, also die Vergabe von Wählerstimmen nach ethnischer Zugehörigkeit von Wählerschaften an Kandidaten der eigenen Volksgruppe. Während der Alltag in Kabul und anderen Großstädten von Anschlägen geprägt ist, eskaliert der Krieg seit 2005/06 besonders in den Provinzen. Auch eine von den USA ab 2009 vorgenommene Truppenaufstockung im Rahmen der sogenannten Operation Surge (bis 2012) und verstärkte Wiederaufbauhilfe in den ländlichen Gebieten haben daran wenig geändert. Das extern gesponserte State Building schien von Anfang an unter keinem guten Stern zu stehen. Die afghanische Gesellschaft ist durch jahrzehntelangen Krieg und externe Einflussnahme zutiefst gespalten. Nach wie vor dominieren die Strukturen einer Kriegsökonomie, die auf Verkauf und Aufrechterhaltung von Sicherheit respektive Unsicherheit durch Kommandanten und ihre Milizen sowie Ausbeutung und Schmuggel natürlicher Ressourcen (Opium, Holz, Marmor und seltene Erden, Schmucksteine usw.) basiert. Neben den Warlords, welche im Malstrom der internationalen Intervention nach 2001 auf die politische Bühne zurückkehrten, spielt auch das religiöse Establishment in Gestalt der ehemaligen Mujaheddin-Führer und anderer islamischer Würdenträger (ulama) eine tragende Rolle. Diese Akteure drängen auf die Einhaltung islamischer Regeln basierend auf der Scharia und eine konservative Ausrichtung der afghanischen Gesellschaft. Warlords und ulama haben in den letzten Jahren wiederholt in die Politik der Regierung eingegriffen und besetzen wichtige Positionen in beiden Parlamentskammern. Außerdem gelang es ihnen, ihre Kämpfer in Armee und Polizei unterzubringen, die nach wie vor eher ihren Kommandanten und jeweiligen Gruppen gegenüber loyal sind als dem afghanischen Staat.

Die seit den umstrittenen Präsidentenwahlen 2014 durch Vermittlung der USA zustande gekommene Regierung der nationalen Einheit galt lange als intern zerstritten. Die beiden Hauptfraktionen der Regierung gruppieren sich um Präsident Ashraf Ghani und den Geschäftsführer der Regierung Abdullah Abdullah. Deren Streit hat in den letzten Jahren vermehrt zu politischen Blockaden und einer fortgesetzten Lähmung der Institutionen geführt. Zugleich endete im Dezember 2014 das ISAF-Mandat. Die Nachfolgemission Resolute Support ist eine zahlenmäßig begrenzte Ausbildungsmission der NATO. Vor dem Hintergrund des eskalierenden Krieges wurden die für 2015 vorgesehenen Parlamentswahlen wiederholt verschoben. Während die Sicherheitslage durch das Auftreten des sogenannten Islamischen Staates in einigen Ost- und Nordprovinzen zusätzlich verkompliziert wird, haben die Taliban den Tod zweier Anführer verkraftet und mehrfach wichtige Provinzstädte (Kunduz 2015 und 2016; Lashkargah 2017 sowie Farah und Ghazni 2018) angegriffen und kurzzeitig besetzt. Das Ende von Flucht aus und Vertreibung in Afghanistan ist daher nicht absehbar. Laut UN gilt Afghanistan weiterhin als eines der Länder mit niedriger menschlicher Entwicklung. [3] Ein Großteil der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Zum Thema

Afghanistan im 19. und 20. Jahrhundert

Afghanistan: Mittelalter und Neuzeit

Afghanistan: Frühgeschichte und Antike

Der Islam in Afghanistan

Die Rolle der Stämme

Das globale Flüchtlingsregime im Nahen und Mittleren Osten in den 1970er und 1980er Jahren


Dieser Text ist Teil des Länderprofils Afghanistan.

Fußnoten

1.
Die statistischen Angaben zur afghanischen Bevölkerung weisen je nach Quelle erhebliche Diskrepanzen auf. Der Fischer Weltalmanach von 2017 gibt die Zahl der Einwohner Afghanistans für das Jahr 2016 mit ca. 32,5 Millionen an. Die Ausgabe von 2018 veranschlagt die Einwohnerzahl für 2017 bereits mit knapp 34,7 Millionen (Fischer Weltalmanach 2017 und 2018, Frankfurt am Main 2016, 2017). Dem Länderinformationsportal der GIZ zufolge leben momentan 34,1 Millionen Menschen in Afghanistan (https://www.liportal.de/afghanistan/ueberblick/). Während das deutsche Auswärtige Amt die Einwohnerzahl für 2016 bereits auf 34,6 Millionen schätzt, gibt das Büro des afghanischen Präsidenten lediglich eine Zahl von 29,2 Millionen Einwohnern (https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/afghanistan-node/afghanistan/204676; sowie https://president.gov.af/en/afghanistan/).
2.
UNHCR (2018): Global Report 2017, S. 97. http://reporting.unhcr.org (Zugriff: 15.8.2018).
3.
United Nations Development Programme (2016): Global 2016 Human Development Report. Human Development for Everyone. New York. http://hdr.undp.org/sites/default/files/2016_human_development_report.pdf (Zugriff: 15.8.2018).

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