Hassan Akkouch, Lial Akkouch, Maradona Akkouch, Neukölln Unlimited, Neukölln

"Pro Palestine" – Palästina als Metapher unter Jugendlichen


1.9.2014
Intifada, Libanonkrieg, Grenzkonflikte mit Israel, Gaza-Blockade, wie wichtig ist der Nahostkonflikt für junge Menschen, die sich mit der "arabischen Community" identifizieren? Der Autor setzt sich damit auseinander, wie sich der Nahostkonflikt in der Jugendkultur abbildet und will dabei auch die Vielschichtigkeit des Themas verdeutlichen.

Maradona Akkouch (rechts oben) auf einer Demo gegen Militäreinsätze in GazaMaradona Akkouch (rechts oben) auf einer Demo gegen Militäreinsätze in Gaza (© Indi Film GmbH, Standbild aus "Neukölln Unlimited")

"Gazastreifen" heißt die Sonnenallee in Berlin-Neukölln im Volksmund – und tatsächlich ist der Nahe Osten hier im Norden des Stadtteils an vielen Orten präsent. Neben den zahllosen Shisha-Cafés prägen Geschäfte mit Namen wie "Al-Aqsa-Elektrik" und "Bäckerei UmKalthum" das über die Jahre gewachsene Straßenbild. Arabischstämmige Familien gehören heute zu den Alteingesessenen, die den stetigen Zuzug von Studierenden ins Reuterquartier – mittlerweile als Szenekiez "Kreuzkölln" bekannt – genauso misstrauisch beobachten wie ihre herkunftsdeutschen Nachbarn.

In den Gesprächen – ob im Imbiss, auf der Straße oder auf dem Pausenhof – geht es oft um den Nahostkonflikt, insbesondere um die Situation in den Palästinensischen Autonomiegebieten. Auch rund 3.000 Kilometer entfernt ist der Konflikt um das Heilige Land präsent. Oder zumindest das, was den Konflikt für die palästinensische Seite ausmacht. Die israelische Perspektive, in der die Sorge vor Anschlägen radikaler palästinensischer Gruppen und die feindselige Propaganda der Nachbarstaaten eine große Rolle spielt, kommt hier selten vor.

Nahostkonflikt(e): Erzählungen und Erinnerungen



Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter so sehr wie der Konflikt zwischen Israel und Palästina. Das gilt auch für Jugendliche – ganz unabhängig von ihrer Herkunft und Religionszugehörigkeit. Für Jugendliche wie Hassan, Lial und Maradona – die Protagonisten des Films "Neukölln Unlimited" – beschränkt sich der Nahostkonflikt nicht auf Bilder im Internet und Fernsehen. Als Kinder von Einwanderern aus dem Libanon, deren Eltern vor den Folgen der verschiedenen Kriege in der Region nach Deutschland geflohen sind, sind sie direkt betroffen von den Geschehnissen zwischen Israel und seinen Nachbarn. Mit Schlagzeilen wie "Militäroffensive in Gaza", "Wieder Gewalt im Südlibanon" oder "Eskalation der Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis" verbinden sie nicht nur diffuse Wut und Ohnmacht, sondern oft auch persönliche Erzählungen und biografische Erlebnisse. Vertreibung, Flucht, Inhaftierungen und Gewalt sind Erfahrungen, die viele palästinensische Familien erlebt haben.

Knapp 30.000 Menschen palästinensischer Herkunft leben allein in Berlin, bundesweit wird die Zahl der palästinensischen Migranten auf 200.000 geschätzt. Insgesamt leben in Deutschland etwa 600.000 Muslime aus dem Nahen Osten und Nordafrika.[1] Hinzu kommen mehrere zehntausend arabische Christen und Angehörige anderer religiöser Minderheiten. Viele der palästinensischen Migranten sind bis heute staatenlos – mit allen rechtlichen, politischen und sozialen Einschränkungen, die damit verbunden sind. Aber auch Migranten aus anderen arabischen Ländern verbinden mit Israel eine konfliktreiche Geschichte: Die nakba (arab. "Katastrophe"), wie die Staatsgründung Israels 1948 im Arabischen genannt wird, der Juni-Krieg 1967, in dem Israel das Westjordanland, den Gazastreifen und den Golan besetzte, der Oktober-Krieg 1973 oder die Libanon-Kriege von 1982 und 2006 spielen in der kollektiven Erinnerung eine zentrale Rolle.

Der Konflikt schwelt seit Jahrzehnten und ist im Juli 2014 mit dem Gaza-Krieg zwischen Israel und der Hamas erneut eskaliert. Wie in der Vergangenheit rechtfertigten beide Konfliktparteien ihre Angriffe mit vorangegangen Angriffen der anderen Seite und beschrieben ihr Handeln damit als einen Akt der Selbstverteidigung. Ähnlich wie in anderen Konfliktregionen bleibt für Differenzierungen und für Fragen nach den Hintergründen der Kriege in der Regel kaum Platz: Israel gilt arabischen Beobachtern bis heute vor allem als Aggressor, ohne dass die Rolle der arabischen Akteure hinterfragt würde.

Antisemitische Untertöne



Selbst Ereignisse wie die Erfolge dschihadistischer Organisationen in Syrien und dem Irak seit 2013 werden nach dieser Lesart vermeintlichen Machenschaften Israels zugeschrieben. Israel wird zum Sündenbock für unterschiedlichste Probleme und Konflikte in den arabischen Ländern, und das unabhängig davon, welche Politik von der jeweiligen israelischen Regierung gerade verfolgt wird.

Diese Wahrnehmung wurde in der Vergangenheit durch den Einfluss des arabischen Nationalismus maßgeblich befördert und – spätestens seit der Niederlage im Juni-Krieg 1967– auch durch den Einfluss islamistischer Bewegungen. Anhänger des arabischen Nationalismus sehen im Zionismus als jüdischer Nationalbewegung eine existentielle Bedrohung der arabischen Nation – wobei Unterschiede zwischen der politischen Bewegung des Zionismus und dem Judentum als religiöser und kultureller Gemeinschaft häufig aus dem Blick geraten. Bis heute beschränkt sich die Propaganda gegen Israel nicht auf eine Denunziation des Staates und der israelischen Politik, sondern wendet sich immer wieder auch gegen "die" Juden.

Noch deutlicher wird dieses Feindbild "Jude" in den Ideologien, die von Organisationen wie der libanesischen Hisbollah oder der palästinensischen Hamas vertreten werden. Sie wähnen sich in einem ewigen Kampf mit "den" Juden, der nicht auf Konflikte um Land und Ressourcen beschränkt ist. Nicht zufällig stoßen Bücher wie die antisemitische Hetzschrift "Die Protokolle der Weisen von Zion" aus den 1920er Jahren unter deren Anhängern noch immer auf reichlich Interesse.

Entsprechende Feindbilder gehören auch in manchen Familien arabischer Herkunft in Deutschland wie selbstverständlich zum Umgangston. "Du Jude", so zeigen Berichte von Lehrerinnen und Lehrern[2], gilt auf vielen Schulhöfen als gängiges Schimpfwort.

Palästina: zwischen realem Ort und Projektionsfläche



Entsprechende Äußerungen lassen sich nicht allein mit einer direkten Betroffenheit der Jugendlichen von der Gewalt im Nahen Osten erklären. So finden sich solche Aussagen eben nicht nur unter Jugendlichen palästinensischer oder libanesischer Herkunft, sondern auch unter Jugendlichen mit marokkanischem, ägyptischem oder türkischem Migrationshintergrund, die familiär in aller Regel nicht vom Konfliktgeschehen in Israel und Palästina betroffen sind. Als Muslime fühlen sie sich dennoch mit Palästina verbunden, da insbesondere Jerusalem mit seinen islamischen Heiligtümern (der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom) ein besonderes religiöses Gewicht zukommt.

Wie stark diese Wahrnehmungen allerdings von hiesigen Erfahrungen der Jugendlichen geprägt sind, wird in den zahllosen Liedern und Musikvideos deutlich, die von jungen Muslimen und Jugendlichen mit arabischem und türkischem Familienhintergrund über das Thema "Palästina" geschrieben werden. Für Musiker wie den Frankfurter Songwriter Sayfoudin oder den Berliner Rapper Scarabeuz steht "Palästina" symbolisch für eine gesamtgesellschaftliche Stimmung, die gegen Muslime gerichtet ist. So geht es zum Beispiel in dem Lied "Contraband" (2014) von Fard & Snaga (im Falle von Fard mit iranischem Migrationshintergrund) unter anderem um Palästina. Auch hier steht der Nahostkonflikt nur exemplarisch für ein allgemeines Unrecht. "Pro Mudschaheddin, pro Palestine, kontra Vater Staat, kontra Bundestag. Zaungäste verhungern nicht, ich hol mir meinen Grundbedarf", singen die beiden Rapper. Und weiter: "Das hier ist junge Wut gegen Politik aus Tel Aviv!" Auch Hassan rappt in einer Szene des Films "Neukölln Unlimited" über Palästina: "Israel, ihr müsst wirklich Mut haben, schießt auf Kinder mit Phosphor und Uran, über hunderte von Jahren leben wir im Land, heute steht im Pass: Unser Staat – unbekannt. (...) Araber: Terrorist, Schwarzer: Neger. Wir sind auch nur Menschen wie Adam und Eva. Wer ist Islamist, wer ist Faschist?" Die Palästinenser seien "Sündenböcke für jedes KZ", wie er im Lied reimt.

Konflikte im Nahen Osten, auf dem Balkan, in Afghanistan oder Zentralafrika werden von vielen muslimischen Jugendlichen als Beleg für eine einseitige Politik des "Westens" gegenüber Muslimen weltweit verstanden. Gerade die regelmäßige Eskalation in Israel/Palästina war in den vergangenen Jahren oft Anlass für Demonstrationen und Protestaktionen. Die teilnehmenden Jugendlichen bringen dort ihre Empörung und Verzweiflung angesichts der aus ihrer Sicht unvermittelten Gewalt des "Westens" – repräsentiert durch Israel, die USA, die NATO, oder auch durch Deutschland – zum Ausdruck. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina dient dabei darüber hinaus als Metapher für Ungerechtigkeiten, von denen sich muslimische Jugendliche auch in Deutschland betroffen fühlen.

Ein solches Gefühl speist sich nicht allein aus einer Opferideologie, in der die eigene Gemeinschaft mit Verweis auf Rassismus und Diskriminierungen zusammengehalten wird. Es spiegelt vielmehr auch reale Erfahrungen wider, die junge Muslime und Jugendliche mit türkischen oder arabischen Migrationshintergrund im Alltag sammeln. Ebenso wichtig wie persönliche Erfahrungen mit Vorbehalten und Anfeindungen sind die Auswirkungen eines gesellschaftlichen Diskurses, in dem "der" Islam und "die" Muslime immer noch in weiten Teilen als fremd und nicht zugehörig gelten. Diskussionen wie jene um die Thesen des ehemaligen Bundesbankvorstandes Thilo Sarrazin, der eine Vereinbarkeit von Islam und Deutschsein in Frage stellte, spiegeln sich bei jungen Muslimen nicht selten in einem Rückzug auf die eigene religiöse Identität.

Wie wenig selbstverständlich der Islam in Deutschland auch heute noch ist, und wie schwer es für junge Muslime ist, als deutsch anerkannt zu werden, zeigt sich unter anderem in Schulbüchern. So beklagen Schülerinnen und Schüler mit arabischem und türkischem Migrationshintergrund immer wieder das weitgehende Fehlen einer Auseinandersetzung mit der islamischen Religion und Geschichte und mit dem Alltag von Muslimen in der deutschen Geschichte. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, die in den vergangenen Jahren anhand von Schulbüchern im Geschichts- und Politikunterricht durchgeführt wurden, eine starke Konzentration auf historische und aktuelle Konfliktlinien, in denen der Islam vor allem als "Anderes" beschrieben wird.[3] Während Muslime als "normale" Bürgerinnen und Bürger der Gesellschaft ausgeblendet werden, nehmen die Konflikte im Nahen Osten, die iranische Revolution oder der islamistische Terrorismus breiten Raum ein. Die Festigung eines unbeschwerten Selbstverständnisses als muslimischer Deutscher wird so erschwert.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Konflikte im Gazastreifen, in Syrien und im Irak, aber auch in anderen Ländern der Region, ist das unter muslimischen und arabischstämmigen Jugendlichen verbreitete Verständnis Palästinas als Symbol für eigene Ohnmacht und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten problematisch. Gerade islamistische Gruppierungen instrumentalisieren das Selbstbild muslimischer Jugendlicher als Opfer undurchschaubarer Verhältnisse, um sie für den Dschihad, den Kampf für den Islam und die Muslime, zu werben. Umso wichtiger ist es, entsprechende Gefühle und Erfahrungen ernst zu nehmen – und nicht leichtfertig damit abzutun, dass sie mit dem Alltag in Deutschland kaum etwas zu tun hätten.


Fußnoten

1.
vgl. Sanem Kleff und Eberhard Seidel, Stadt der Vielfalt, Das Entstehen des neuen Berlin durch Migration, Berlin 2009, S. 85; Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hg.), Muslimisches Leben in Deutschland, Nürnberg 2009, S. 80
2.
Wolf Schmidt, "Schulhof-Schimpfwort ‚Jude‘", in: die tageszeitung vom 11. September 2011. Online unter: »http://www.taz.de/!81527/« (Stand August 2014)
3.
Melanie Kamp, Keine Chance auf Zugehörigkeit? Islam und Muslimen in neuen europäischen Schulbüchern, in: Eckert – Das Bulletin, Nr. 10/2011, S. 21-23

 

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