Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

27.10.2011

Deutschland: 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei

Am 30. Oktober 1961 schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen ab, das den Beginn der Einwanderung aus der Türkei markierte. Das Abkommen zielte auf die vorübergehende Rekrutierung von Arbeitskräften für die Industrie. Aus der ursprünglich nur temporär beabsichtigten Beschäftigung von "Gastarbeitern" entwickelte sich ein dauerhafter Einwanderungsprozess. 50 Jahre nach Beginn der türkischen Einwanderung findet die Geschichte dieser Migranten nun verstärkte Aufmerksamkeit.

Die 1950er und 1960er Jahre standen in der alten Bundesrepublik im Zeichen des Wiederaufbaus und des "Wirtschaftswunders". Seit Mitte der 1950er, vor allem aber ab Anfang der 1960er Jahre wurden Arbeitskräfte knapp: Ganze Jahrgänge von Männern waren durch den Zweiten Weltkrieg "reduziert" worden. Frauen wurden in Westdeutschland systematisch vom Arbeitsmarkt ferngehalten. Und nach dem Mauerbau im Jahr 1961 versiegte auch der Zustrom von Arbeitskräften aus der DDR. Ein großer Bedarf der boomenden Industrie an vor allem unqualifizierten Arbeitskräften hierzulande und ein Angebot von genau solchen Personengruppen in den Ländern Südeuropas und der Türkei bildeten den politischen und wirtschaftlichen Rahmen für den Beginn der Arbeitsmigration.

Da dieser Prozess nicht nur die Bundesrepublik, sondern Nordwesteuropa insgesamt betraf, entstand eine Wettbewerbssituation um Arbeitskräfte auf dem europäischen Arbeitsmarkt. Konkurrenz gab es insbesondere mit Belgien, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern. Für Italiener, Spanier und Portugiesen lag es aus sprachlich-kulturellen Gründen oft näher, nach Frankreich, Belgien oder Luxemburg zu gehen, so dass die Türkei als Alternative ins Blickfeld der westdeutschen Industrie und Politik geriet.

Die Anwerbung von Arbeitsmigranten hatte bereits 1955 mit dem Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik und Italien eingesetzt. Es folgten 1960 Verträge mit Spanien und Griechenland (vgl. MuB 3/10). Am 30. Oktober 1961 kam die Türkei hinzu. Weitere Verträge wurden mit Marokko (1963), Portugal und Tunesien (1965) sowie Jugoslawien (1968) geschlossen.

Die politische Initiative zum Abschluss des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens ging von der Türkei aus und stieß auf westdeutscher Seite auf offene Ohren. Dabei standen für die Türkei vor allem drei Überlegungen im Vordergrund: Zum einen wollte man überschüssige Arbeitskräfte "exportieren", die sonst aus dem ländlichen Anatolien nach Ankara, Istanbul oder Izmir gewandert wären. Zum Zweiten hoffte die Politik auf eine engere Anbindung an Europa. Und drittens rechnete man mit Rücküberweisungen der Migranten in die Türkei, um so Kapital für die wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunftsregionen zu mobilisieren.

Beabsichtigt und vertraglich geregelt war anfänglich nur die Anwerbung von Unverheirateten. Familiennachzug war ausgeschlossen. Auch war die Aufenthaltsdauer für türkische Staatsangehörige zunächst auf maximal zwei Jahre begrenzt ("Rotationsprinzip"). Diese Restriktionen wurden ab Mitte der 1960er Jahre aber aufgehoben, was nicht zuletzt auf Druck der Arbeitgeber geschah. Sie wollten die gerade mit Aufwand angelernten Arbeitskräfte aus der Türkei nicht sofort wieder verlieren.

Die systematische Anwerbung von Arbeitsmigranten endete im Jahr 1973, als die westlichen Industrieländer infolge der ersten Ölkrise von der härtesten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs getroffen wurden. Der von der sozialliberalen Bundesregierung erwirkte Anwerbestopp erzwang für die Einwanderer eine definitive Entscheidung zum Bleiben oder Gehen. Wer zurück ins Herkunftsland ging, hatte meist keine Option auf nochmalige Einwanderung nach Deutschland. Also blieben viele der Migranten dauerhaft. Dies war eine von der Politik weder beabsichtigte noch vorhergesehene Folge.

Der Anwerbestopp bedeutete aber nicht das Ende der Einwanderung, da sich in der Zwischenzeit größere Einwanderergemeinschaften herausgebildet hatten. Die Zahl der aus der Türkei stammenden Migranten betrug 1973 bereits eine Million. Jene Einwanderer, die sich entschieden, dauerhaft zu bleiben, bildeten die Basis für weitere Einwanderung über Familienzusammenführung. Es kam damit zur Herausbildung einer türkischstämmigen Minderheit. Diese verfügt mittlerweile nicht nur über eine gut entwickelte eigene Infrastruktur (Lobbyverbände, Vereine, Moscheen, Banken, Gewerbebetriebe usw.), sondern ist ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden.

Die Geschichte der Einwanderung aus der Türkei wird anlässlich des 50. Jahrestags an verschiedenen Orten durch Ausstellungen gewürdigt (vgl. MuB 10/11). Diese reihen sich in die seit knapp zehn Jahren zu beobachtende Konjunktur ein, Migration auch historisch und museal stärker zu berücksichtigen. Nationale Geschichtsbilder und eine vorwiegend auf Nationalgeschichte ausgerichtete Erinnerungs- und Gedenkkultur erfahren so eine notwendige Erweiterung. Das Einschreiben der Migration in die Geschichte und die damit verbundene ausstellerische Praxis ist nicht nur ein Schritt zur Anerkennung dieser Geschichte, sondern ein Beitrag zur Herausbildung neuer, für die Einwanderungsgesellschaft passgerechter historischer Erzählungen und Identitäten. Rainer Ohliger, Netzwerk Migration in Europa e. V.