Russlanddeutsche Auswanderung

4.1.2019

Dokument: 1.3 Brief von Reinhardt Köln an Nikita Chruschtschow über die Rehabilitierung der Wolgadeutschen, 8. April 1963

[1]

An den Ersten Sekretär des ZK der KPdSU
Gen. Chruschtschow N.S.

SEHR GEEHRTER NIKITA SERGEJEWICH!

Bei einem Treffen der Partei- und Staatsführung mit Schriftstellern und Künstlern am 8. März 1963 haben Sie in Ihrer Rede zu den schwerwiegenden Folgen des Personenkults um Stalin gesagt:[2]

"Unsere Partei hat davon dem Volk die ganze Wahrheit erzählt"

Aufgrund der Tatsache, dass die während des Großen Vaterländischen Krieg diffamierten und ihrer nationalen Selbstverwaltung im Rahmen der bestehenden Autonomen Republik beraubten Wolgadeutschen noch nicht rehabilitiert sind, erlaube ich es mir als Mitglied der Kommunistischen Partei Ihnen folgende Fragen zu stellen:
  1. Ob Sie zusammen mit Stalin die Verantwortung für die verübte Willkür – die Verbannung der Wolgadeutschen aus ihren Häusern aufgrund des Erlasses vom 28. August 1941 – teilen?
    Wenn nicht, warum wird in der Presse und in den Auftritten die Wahrheit darüber verschwiegen?
  2. Halten Sie die Beschuldigung der ganzen Nation – der Wolgadeutschen – Spionage und Sabotage begangen zu haben, wie es im Erlass [vom 28. August 1941] behauptet wird, für wahrhaft und plausibel?
    Wenn nicht, warum wird dieser Erlass bisher nicht aufgehoben?
  3. Sind Sie der Ansicht, dass in dem Land, das sich im Aufbau des Kommunismus befindet, die Diskriminierung der deutschen Bevölkerung der Sowjetunion gemäß dem Dekret vom 13. Dezember 1955 zulässig ist?
Angesichts der Tatsache, dass diese Fragen nicht nur für mich, sondern für die gesamte deutsche Bevölkerung der UdSSR vom Interesse sind, wäre es wünschenswert, dass Sie auf sie in aller Ihnen eigenen Aufrichtigkeit offen in der Presse antworten würden.

8. April 1963
R. Köln, Mitglied der KPdSU seit 1924[3]

Fußnoten

1.
Fuks V. (Viktor Fuchs): Rokovye dorogi povolžskich nemcev. 1763-1995 gody. Istoričeskie fakty. Dokumenty. Obraščenija k vlastjam. Pis’ma. Vospominanija lic presledujemogo naroda [Verhängnisvolle Wege der Wolgadeutschen. 1763–1995. Historische Fakten. Dokumente. Eingaben an die Machtorgane. Briefe. Erinnerungen von Personen aus den Reihen des verfolgten Volkes]. Krasnojarsk 1995, S. 119.
2.
Unterstrichen im Originalbrief. Siehe den vollständigen Text der Rede: DAS HOHE NIVEAU DER IDEOLOGIE UND DER KÜNSTLERISCHEN MEISTERSCHAFT SIND DIE GRÖSSTE KRAFT DER SOWJETISCHEN LITERATUR UND KUNST. Rede des Genossen N.S. Chruschtschow auf einem Treffen der Partei- und Staatsführung mit Schriftstellern und Künstlern am 8. März 1963, in: Novyj mir 3/1963, S. 10, online (russisch): http://imwerden.de/pdf/novy_mir_1963_03_khrushchov_vysokaya_idejnost_1963__ocr.pdf
3.
Reinhard Köln (1900–1988), wolgadeutscher Literat, nahm aktiv an der Errichtung der Sowjetmacht an der Wolga teil. In den 1930er Jahren repressiert, verbrachte er 20 Jahre in den Lagern an der Kolyma. Journalistisch und publizistisch tätig in der Presse der ASSR der Wolgadeutschen und in der Nachkriegszeit. In den 1960–80er Jahren einer der Aktivisten der Autonomiebewegung. Ausführlicher über ihn: Herold Belger: Russlanddeutsche Schriftsteller. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Biographien und Werksübersichten, 2-te, ergänzte u. überarb. Ausgabe. Berlin 2010, S. 117–118.

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