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Russlanddeutsche Auswanderung

7.1.2019

Dokument 1.6: Erste Delegation der Deutschen in Moskau in Fragen der Wiederherstellung der Autonomie. Empfang der Teilnehmer durch den Staatspräsidenten Anastas Mikojan, 12. Januar 1965

[1]

Empfang von Anastas Mikojan[2] einer Initiativgruppe von
Deutschen, im Bestand: Kaiser (Tschernogorsk), Hollmann
(Krasnojarsk), Schneider (Nasarowo) – alle aus der Region
Krasnojarsk, Vogel (Moskau, "Neues Leben"), Brug (Frunse), Köln
(Krymsk), Michel (Frunse), Bornemann (Kotowo), Delwa
(Krasnoturjinsk)[3]
12.1.1965



Im Empfangsraum des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR hat uns dessen Leiter, M.D. Skljarow, um 9:15 Uhr in Gegenwart von drei anderen Mitarbeitern empfangen, ein vorbereitendes Gespräch mit uns geführt und es aufgeschrieben. Um 11:10 Uhr waren wir im Empfangsraum von A.I. [Anastas Iwanowitsch] Mikojan im Kreml. Er traf uns sehr höflich und fragte, wer würde sprechen? Die Rede hat Michel gehalten, der im Namen der gesamten Gruppe das Zentralkomitee, das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR und die Sowjetregierung für die politische Rehabilitierung der Deutschen gedankt hat, die im Erlass aus dem Jahr 1964[4] zum Ausdruck gebracht wurde. Allerdings kann man erst nach der Wiederherstellung der Autonomen Republik an der Wolga von einer vollständige Rehabilitierung sprechen.

Mikojan: Die Frage ist natürlich, aber gleichzeitig auch komplex. In der Deutschen Republik wohnten 350.000 Deutsche. Auch in der Ukraine lebten die Deutschen. Sie alle zu sammeln und eine Autonomie entstehen zu lassen ist praktisch unmöglich. Wenn jemand will, so ist es möglich, die deutsche Kultur zu erhalten, aber es ist unmöglich, die Deutsche Republik wiederherzustellen. Das Gebiet der Deutschen Republik ist dichtbesiedelt, ebenso wie das Territorium der Krimtataren. Man kann deutsche Mittelschulen eröffnen, Literatur auf Deutsch veröffentlichen, Bücher aus der DDR beziehen. Ihre Sprache wird in fast jeder Schule unterrichtet.[5]

Bornemann: Wir stellen die Frage über die nationale Staatlichkeit. Über die Wiederherstellung der Republik der Sowjetdeutschen an der Wolga. Womit kann man erklären, dass nach der Beseitigung der politischen Anschuldigungen die Bestrafung der Deutschen geblieben ist: Durch den Erlass vom 13. Dezember 1955 [Aufhebung der Sonderkommandantur] ist es Deutschen verboten, zu ihren früheren Wohnorten zurückzukehren. Warum kann dies [das Verbot] nicht aufgehoben werden? Deutsche Menschen fühlen sich deprimiert. Die Regierung verheimlicht den Erlass vom 29. August 1964 vor dem Sowjetvolk, welchen Wert hat so ein Dekret? Durften etwa nicht alle Völker der UdSSR die Wahrheit über die Sowjetdeutschen wissen?

Mikojan: Ist denn der Erlass in einer deutschen Zeitung nicht veröffentlicht worden? Wir werden ihn veröffentlichen. Was die Anmeldung[6] betrifft, könnte dieses Problem gelöst werden. Die Autonomie können wir nicht wiederherstellen.

Köln: Haben wir das Recht auf eine autonome [i.S. nationale] Selbstbestimmung?

Mikojan: Nein, sie haben kein Territorium.

Köln: Es gibt Theoretiker, die argumentieren, dass eine Eigenstaatlichkeit den Sowjetdeutschen deshalb verwehrt wird, weil sie Vertreter einer Nation sind, von denen die meisten außerhalb der UdSSR leben.

Mikojan nahm von Köln den Zettel mit dem Zitat, las es und befahl dem Referenten, sofort das Buch Podjatschich zu finden:[7]
"Solche Vertreter der Völker haben keine eigene Staatlichkeit in der UdSSR, deren Mehrheit außerhalb der Sowjetunion lebt (Deutsche, Polen, Bulgaren u. a.)."

Mikojan: Das ist Unsinn.

Köln: Im Lehrbuch der Geschichte für die 9. Klasse, herausgegeben von Prof. Dr. Pankratowa, wurde der jungen Generation zwanzig Jahre lang die Behauptung präsentiert, dass die Wolgadeutschen der wohlhabendste und reaktionärste Teil der Bevölkerung waren, der dem russischen Volk feindselig gegenüberstand.[8] Das hat man mit dem Ziel geschrieben, um die Sowjetdeutschen in den Augen der Völker der UdSSR zu diskriminieren [i.S. diskreditieren], die anderen [Presse]Organe haben tatkräftig mitgemacht, sogar einige Schriftsteller.
Am meisten bedrückt uns jedoch das Dekret vom 13. Dezember 1955, das den Deutschen verbietet, in ihre früheren Wohnorte zurückzukehren.[9]

Mikojan: Wir können Einschränkungen aufheben.

Delwa: Wir sind dankbar für die politische Rehabilitation, aber wir bedauern, dass es keine deutschen Schulen, Verlage, nur wenige Zeitungen in deutscher Sprache gibt, es gibt keine Möglichkeit, Bücher zu veröffentlichen, und infolgedessen wird die deutsche Kultur verschwinden. Seit 23 Jahren [seit der Auflösung der ASSRdWD] ist nur ein Buch in deutscher Sprache "Hand in Hand" erschienen.[10] All diese Probleme können nur im Falle der Wiederherstellung der Wolgarepublik gelöst werden.

Mikojan: Wir können die Veröffentlichung der deutschen Literatur und Lehrbücher organisieren, sie in der DDR erwerben.

Kaiser: […] Bitte veröffentlichen Sie den Erlass [vom 29.8.1964] in russischsprachigen Zentralzeitungen.

Erlass vom 29. August 1964 auf DeutschErlass vom 29. August 1964 auf Deutsch (© Zeitungsausschnitt aus der Privatsammlung Viktor Krieger (Heidelberg - Lobbach))
Mikojan: Der Erlass wird in der deutschen Zeitung [im vollen Wortlaut] und in den russischen Zentralzeitungen in Zusammenfassung veröffentlicht.[11]

Kaiser: Die Errichtung von Schulen für die Deutschen und die Unterrichtung von Kindern in ihrer Muttersprache ist wegen der Zerstreuung in kleinen Gruppen fast unmöglich. Dieses Problem kann nur durch die Wiederherstellung der autonomen Republik gelöst werden.

Michel: Ich war in fünf Dörfern an der Wolga, 40% der ehemaligen Gebäude sind zerstört und werden nicht repariert. Viele Arbeitshände sind nötig, aber den Deutschen wird keine Zuzugsgenehmigung erteilt.

Bornemann: An die Wolga kamen demobilisierte sowjetdeutsche Soldaten, aber ihnen wurde keine Zuzugsgenehmigung ausgestellt und sie werden angewiesen, das Gebiet Saratow in 24 Stunden zu verlassen.

Mikojan: Ich werde den Obersten Sowjet der RSFSR[12] anweisen, Maßnahmen zur Beseitigung der Beschränkungen bei der Anmeldung des Wohnsitzes zu ergreifen. Die Deutschen haben sich während des Krieges sehr gut benommen, sie haben ehrlich gearbeitet und heute arbeiten sie ehrlich. Wir zeichnen sie für ihre Verdienste aus. Sehr selten werden Kriminalfälle mit sowjetdeutscher Beteiligung behandelt; und im Allgemeinen haben wir noch viel zu viele Straftaten.
Entschuldigung sie mich, ich habe um 12 Uhr eine Sitzung des Präsidiums.[13]

Fußnoten

1.
Quelle: Fuks V. (Viktor Fuchs): Rokovye dorogi povolžskich nemcev. 1763-1995 gody. Istoričeskie fakty. Dokumenty. Obraščenija k vlastjam. Pis’ma. Vospominanija lic presledujemogo naroda [Verhängnisvolle Wege der Wolgadeutschen. 1763–1995. Historische Fakten. Dokumente. Eingaben an die Machtorgane. Briefe. Erinnerungen von Personen aus den Reihen des verfolgten Volkes]. Krasnojarsk 1995, S. 121–123. Eine geringfügig abweichende Fassung ist im Beitrag von Hugo Wormsbecher zu lesen, der dem 40. Jahrestag des Auftritts der 1. und 2. Delegationen der Sowjetdeutschen gewidmet ist, Januar 2005, online (russisch): http://wolgadeutsche.net/wormsbecher/delegat_1_2.htm
2.
Anastas Mikojan (1895–1978), sowjetischer Staats- und Parteifunktionär, in den Jahren 1926–1966 Mitglied des Politbüros des ZK der Kommunistischen Partei, des eigentlichen Entscheidungsgremiums in der UdSSR. In der Zeit vom Juli 1964 bis zum Dezember 1965 bekleidete er zusätzlich das höchste repräsentative Amt, das des Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR und wurde in den westlichen Medien deswegen als Staatspräsident bezeichnet. Galt als ein vorsichtiger Liberaler unter der Stalinschen und Chruschtschowschen Führung.
3.
Heinrich Kaiser (1900–1967), Aktivist der Autonomiebewegung, siehe zu ihm ausführlicher im Dokument 1.2; Dominik Hollmann (1899–1990), bekannter wolgadeutscher Hochschullehrer, Schriftsteller und Publizist; Viktor Schneider (1911– nach 1965), Elektroingenieur, Verfasser des Briefes an Stalin, siehe Dokument 1.1; Maria Vogel (1910–1972), Journalistin, Mitarbeiterin der Zentralzeitung "Neues Leben" in Moskau, Mutter des weltberühmten Musikers Alfred Schnittke; Iwan (Johann) Brug (1899–1978), Jurist, lebte viele Jahre in Frunse (jetzt Bischkek), der Hauptstadt der Unionsrepublik Kirgisien. Zum Zeitpunkt des Treffens bereits Rentner; Reinhard Köln (1900–1988), wolgadeutscher Literat, Autor des Briefes an N. Chruschtschow, Dokument 1.3. Nach der Haft im Gulag wohnte er viele Jahre im Städtchen Krymsk in der Region Krasnodar, Nordkaukasus; Georg Michel (1934), Ingenieur aus Frunse, seit 1972 in Deutschland, der einzig noch lebende Zeitzeuge dieses Treffens; Konstantin Bornemann (1896–1969), in den 1920er-30er Jahren ein wolgadeutscher Funktionär mittleren Rangs, Parteimitglied seit 1918. In den 1960er Jahren einer der Aktivisten der Bewegung zur Wiederherstellung der Wolgarepublik. Lebte nach der Aufhebung der Sonderkommandantur 1955 in Kotowo, Gebiet Wolgograd. Nikolaj (Nikolaus) Delwa (? – nach 1980), Arbeiter aus der Stadt Kranoturjinsk, Gebiet Swerdlowsk im Ural.
4.
Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. August 1964 "Über Änderungen des Erlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 ‚Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben‘", siehe den Text: Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee: Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956. Hgg. von Alfred Eisfeld, Victor Herdt. Köln 1996, S. 461, [Dok. 409], online: http://www.russlanddeutschegeschichte.de/kulturarchiv/quellen/aenderung.htm
5.
Hier macht sich der Staatspräsident ziemlich schlau. Er vermengt absichtlich oder aus Ignoranz grundverschiedene Dinge: das Erlernen von Deutsch als Fremdsprache (gleich wie Englisch oder Französisch) mit der Erlernung des Deutschen als Muttersprache. Und auf die Problematik des Unterrichts für die deutschen Kinder in der allgemeinbildenden Schule der meisten Fächer in der Muttersprache, so wie es in nationalen Schulen für die Völker der UdSSR seit 1917 praktiziert wird, geht er überhaupt nicht ein. Denselben "Hütchentrick" benutzt Mikojan – in dieser Denk- und Vorgehensweise unterscheidet er sich nicht im Geringsten von anderen Sowjetoffiziellen vor und nach ihm – mit dem Verweis auf deutschsprachige Bücher oder Periodika, die in der UdSSR in all den Jahren als fremdsprachige Literatur herausgegeben oder aus dem Ausland, v.a. aus der DDR importiert wurden.
6.
In der einstigen UdSSR war für eine Wohnsitzanmeldung das Innenministerium zuständig; sie trug nicht einen registrierenden Charakter, sondern erforderte eine Zuzugsgenehmigung nach internen behördlichen Regeln, die auch gerichtlich nicht angefochten werden konnten. Somit gehörte das Anmeldungsprozedere zu einem wirkungsvollen Instrument der sowjetischen Innenpolitik in Bezug auf Migration und Siedlungsentwicklung.
7.
P.G. Pod’jačich: Naselenie SSSR. [Bevölkerung der UdSSR]. Moskva 1961, S. 108–109, online (russisch): http://istmat.info/files/uploads/17655/naselenie_sssr_1961.pdf
8.
Ausführlicher dazu siehe Anm. 29 im Dokument 1.5.
9.
Den Text des Dekrets siehe in der Anm. 15 der "Einführung".
10.
Es handelt sich um einen Sammelband mit literarischen Werken der deutschsprachigen Literaten in der UdSSR. Davon erfährt der Leser erst aus dem Vorwort. Auch der Verlag sorgte für Irritationen, da er auf Herausgabe von Übersetzungen ausländischer Autoren spezialisiert war: Hand in Hand. Gedichte und Erzählungen. Moskau: Verlag für fremdsprachige Literatur 1960, 306 S.
11.
In der Tat erschien die Übersetzung des Erlasses im Moskauer "Neuen Leben: Wochenschrift der sowjetdeutschen Bevölkerung" am 20. Januar 1965, S. 3. Laut der Auskunft des damaligen Chefredakteurs des "Neuen Lebens", Georgi Pschenizyn, erst nach diesem Treffen bekam er die Erlaubnis des ZK der KPdSU, den Erlass in deutscher Übersetzung zu veröffentlichen. Dagegen ist weder von einer vollständigen noch von einer zusammenfassenden Bekanntgabe des Dekrets in zentralen oder auch regionalen Massenmedien bekannt. Den vollständigen Text auf Russisch druckte lediglich das schwer zugängliche Erlassen- und Gesetzesblatt "Vedomosti Verchovnogo Soveta SSSR" vom 28. Dezember 1964, Nr. 52.
12.
RSFSR – die Russische oder Russländische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, auch Russische bzw. Russländische Unionsrepublik genannt.
13.
Wie aus einem Vermerk der Teilnehmer hervorgeht, dauerte die Unterredung mit dem Staatspräsidenten 40 Minuten, von 11:10 Uhr bis 11:50 Uhr.

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