Russlanddeutsche Auswanderung

15.1.2019

Dokument 4.2: Liedertextsammlung "Unsere Stimme", Typoskript, Oktober 1965

[1]

UNSERE STIMME

Erste Sammlung


Inhaltsverzeichnis:

Seite

Das Lied der Wolgadeutschen
1

Hört, deutsche Brüder
3

Die Vertriebenen
5

Der Ausgesiedelte
7



Oktober, 1965

Das Lied der Wolgadeutschen

(Melodie: "Stenka Rasin"[2])
  1. Voller Sehnsucht nach der Heimat
    ist mein Herz hier ganz erfüllt
    und in weiter, weiter Feme
    sich dein Bild von mir enthüllt.

  2. Drum, so laß dich herzlich grüßen
    dort am fernen Wolgastrand.
    Traurig wir dich einst verließen,
    Land, wo uns‘re Wiege stand.

  3. Und wir werden nie vergessen
    dieses deutsche Wolgaland,
    wo die Väter einst gesessen,
    wo sie rührten ihre Hand.

  4. Deutscher Fleiß und deutsche Mühen
    trugen reiche Früchte ein.
    Doch dann mußten wir entfliehen,
    und die Heimat blieb allein.

  5. Doch die Welt soll nie vergessen
    unsern schweren Schicksalsweg,
    und die Völker sollen wissen,
    wer die Schuld am Unglück trägt.

  6. Wo der Wolgastrom sich windet,
    leuchtend zieht sein Silberband,
    unsre Heimat ward gegründet,
    hieß man‘s Berg- und Wiesenland.

  7. Dort bebauten uns‘re Ahnen
    Urwaldgrund und Steppensand,
    trugen froh des Glaubens Fahnen –
    deutsches Volk vom Bauernstand.

  8. Ihre Sprache, ihre Sitten
    hatten sie sich treu bewahrt.
    Ob sie vieles auch erlitten,
    nie verlor sich ihre Art.

  9. Als des Krieges Flammen trieben
    Volker in ein frühes Grab,
    griffen, die noch übrig blieben,
    überall zum Wanderstab.

  10. Von der Wolga kühlen Strande
    und dem teuren Elternhaus,
    zogen wir durch fremde Lande
    wieder in die Welt hinaus.

  11. Doch die Sehnsucht nach der Heimat
    sich im Herzen nimmer stillt,
    in der weiten fremden Ferne
    sich dein Bild vor mir enthüllt.

Volksdichtung
Aufgeschrieben von Friedrich
Schiller aus Marxstadt[3]

Hört, deutsche Brüder!

  1. Hört, deutsche Brüder nah und fern
    Es schlägt einmal die Stunde!
    Nach Leid und Not, nach Fluch und Tod
    kommt eine frohe Kunde:
    Es geht zurück zum Wolgastrand,
    ins alte liebe Heimatland,
    wo deutscher Geist und deutscher Fleiß
    seit Jahr und Tag geschafft!

  2. Das Russenvolk, das Brüdervolk,
    wird uns es nicht verleiden:
    "Wir wollen keine andern sein,
    wir wollen Deutsche bleiben!"
    So sangen uns‘re Väter schon
    an den verhaßten Zarentron.
    Um Recht und Freiheit rangen sie,
    und haben sie erkämpft.

  3. Hoch lebe Lenin allezeit!
    Sein Werk ist uns‘re Waffe!
    Wir wollen sein mit allen Freund,
    und wollen friedlich schaffen.
    Verflucht in alle Ewigkeit
    sei Kult[4] und seine Helfersbrut,
    die fünfzehn lange Jahre uns
    Gepeinigt bis aufs Blut.

  4. Wir sind nicht schuld an Hitlers Krieg,
    und rein sind uns‘re Herzen.
    Das Leid war groß, das wir gehabt,
    die unverdienten Schmerzen.
    Wir darbten viel, doch hielten stand.
    Es steckt im Sieg, den unser Land
    errungen hat im Todeskampf,
    auch unser blut‘ger Schweiß.

  5. Drum gebt zurück die Republik
    am trauten Wolgastrande!
    Wir wollen nun nicht langer sein
    Stiefkinder hierzulande!
    Wir wollen Herr im Hause sein,
    wir wollen lernen groß und klein,
    mit allen halten gleichen Schritt
    in unser eignen Republik!

  6. Wo immer wir geboren sind
    auf weiter Sowjeterde,
    woll‘n wir, das uns‘re Republik
    uns allen Heimat werde.
    Der Deutsche von dem Wolgastrand
    reicht allen Brüdern seine Hand,
    heißt sie wollkommen jederzeit
    in seinem Heimatland.

  7. Der Deutschen Muttersprache Klang
    muß bleiben uns erhalten.
    Gepflegt sei unser altes Band,
    und möge nie veralten!
    Erklinge frei am Wolgastrand
    im lieben alten Heimatland,
    wo deutscher Geist und deutscher Fleiß
    seit Jahr und Tag geschafft.

  8. Die ihr des Staates Ruder lenkt,
    Gerechtigkeit laßt walten.
    Warum bleibt nur die Autonomie
    uns Deutschen vorenthalten?
    Aus Lenins Hand kam unser Glück,
    doch Beria[5] stahl‘s, der Henkersknecht.
    Gebt uns die Republik zurück,
    wir fordern unser Recht!

Eugen Hildebrandt[6]



Die Vertriebenen

(Melodie: "Stenka Rasin")
  1. Wir vertrieb‘nen Sowjetdeutschen
    sind zerstreut vom Heimatland.
    wo einst lebten uns‘re Väter,
    wo auch uns‘re Wiege stand.

  2. Und am fremden Ort, vertrieben,
    weit entfernt vom Heimatland,
    mur noch uns‘re Lieder blieben,
    die als Kinder wir gekannt.

  3. Die Familien sind zerrissen,
    der eine hier, der andre dort.
    Viele Mütter nicht mehr wissen,
    wo jetzt ihrer Kinder Ort.

  4. Hunger, Elend, Angst und Kummer,
    das war unser schweres Los,
    und gar viele uns‘rer Brüder
    ruhen längst im Erdenschoß.

  5. All das haben wir ertragen
    ohne Murren, mit Geduld.
    Wem auch sollten wir es klagen,
    wir Vertieb’nen ohne Schuld?

  6. Rechtlos waren wir und Knechte,
    nur zur Arbeit, wie das Vieh.
    Und zum Spott nannt‘ man uns Schlechte,
    Fritz, Faschist auch da und hie.

  7. Doch wir werden nicht mehr schweigen.
    Brüder auf! Nun ist es Zeit!
    Uns’re Stimme soll erschallen,
    bis da siegt Gerechtigkeit.

  8. Bis wir wieder das erhalten,
    was uns Lenin einstmals gab:
    Republik und Selbstverwalten,
    in Schul‘ und Haus die Muttersprach.

Volksdichtung

Der Ausgesiedelte

  1. Am steilen Ufer des Jenissei
    in goldigen Abendstunden
    steht oft er mit gesenktem Hauptv tief in Gedanken versunken.

  2. Vor ihm der mächtige Fluß,
    nicht Ende noch Anfang ist abzusehen.
    Die Wellen steigen riesenhoch,
    wenn starke Winde wehen.

  3. Ringsum am Fluß der Taigawald
    von Fichten, Tannen, Lärchen.
    Die Fluten brausen tobend dahin,
    gedrängt von den steilen Bergen.

  4. Oh rausche, wilder Jenissei!
    Dein Brausen will ich hören.
    Du rufst Erinnerungen wach...
    Hier kann mich niemand stören.

  5. Die liebe Wolga seh ich hier
    vor meinen Augen wallen,
    und ihre blauen Berge auch,
    und hör den Pfiff der Dampfer schallen.

  6. Mein Heimatsdort am Wolgafluß...
    Ich kann es nicht vergessen,
    wie ich vor meinem Elternhaus
    glückträumend oft gesessen.

  7. Am Haus seh ich den Garten noch,
    wo Äpfel, Kirschen reifen,
    und wie in glitzernd blauer Luft
    zickzack die Schwälbchen schweifen.

  8. O, tobe, brause, Jenissei!
    Im Rauschen hör ich wieder
    die längst verklung‘nen Melodien,
    der Jugend traute Lieder.

  9. Den Trauertag vergeß ich nie
    in jenem Unglücksjahre,
    als wir verjagt von Haus und Hof,
    ins Unheil mußten fahren.

  10. Wie‘s meinen Blutsverwandten geht,
    möchte ich noch einmal schauen,
    doch sind sie all wie Staub zerstreut
    in endlos weiten Gauen.

  11. Hier fühl ich mich als Fremder nur.
    Man zählt es oft für Schande,
    mich auf der Straß‘ zu grüßen frei,
    weil ich hier ein Verbannter.

  12. Schon viele Jahre sind es her,
    doch kann ich's nicht verschmerzen.
    Das Wolgaland, das Heimatland
    liegt tief in meinem Herzen.

  13. Ersehnte Freiheit, wann bekomm
    ich endlich sie nur wieder,
    das frei ich fahren kann nach Haus
    mit allen deutschen Brüdern?

  14. O, tobe, brause, Jenissei!
    Dein Rauschen singt mir Lieder
    von dir, mein lieber Wolgastrand.
    wie gern stünd' ich
    am deinen Ufern wieder!

Heinrich Fuchs[7]


Fußnoten

1.
Diese kleine achtseitige Liedersammlung mit einigen Heimatgedichten befindet sich als eines von vielen "Beweisstücken" in den Unterlagen der Gerichtsuntersuchung in der Strafsache gegen Viktor Werner (1936) aus Issyk, Gebiet Alma-Ata in Kasachstan. Er wurde nach politischen Paragraphen des Strafgesetzbuches der Kasachischen Unionsrepublik wegen der "Verbreitung in mündlicher und schriftlicher Form wissentlich falschen Verleumdungen, die die sowjetische Staats- und Gesellschaftsordnung verunglimpfen" am 5. März 1974 vom Gebietsgericht Alma-Ata zu 3 Jahren Haft in einer Kolonie strengeren Regimes verurteilt: Gosudarstvennyj archiv Almatinskoj oblasti (GAAO – Staatsarchiv des Gebiets Almaty), f. 830, op. 3, d. 3305, Umschlag mit dem Heftchen zwischen l. 61–62. Das Originaldokument stellt ein dritter oder vierter Durchschlag einer Schreibmaschine dar und wurde, soweit ersichtlich, schon mehrmals vervielfältigt. Diese bescheidene Broschüre schien so wichtig zu sein, dass der Untersuchungsrichter eine Übersetzung ins Russische veranlasste, siehe hierzu: GAAO, f. 830, op. 3, d. 3305, ll. 63–68.
2.
Das populäre Lied "Stenka Rasin" über den bekannten kosakischen Rebell gegen den Moskauer Staat war sehr beliebt, nicht nur im russischen Volk. Viele Volkslieder werden nach dessen Singweise gesungen. Vgl. hierzu den deutschen Text und die Melodie: http://www.musicanet.org/robokopp/Lieder/stenkara.html
3.
Es handelte sich offensichtlich um den Heimatdichter Friedrich Schiller (1923–2012), der in Marxstadt geboren wurde. Er durchlief alle Schicksalsstationen eines "durchschnittlichen" Sowjet-Deutschen und konnte 1971 in die Bundesrepublik übersiedeln. Ein Büchlein gibt Einblick in seine Empfindsamkeit: Der Wolgadeutsche: Gedichte. Erweiterte Ausgabe. Friesenhausen: Fischer [2002], 100 S.
4.
Der Terminus "Kult", hier als "Personenkult um Stalin" gemeint, geht auf Nikita Chruschtschow und seine Geheimrede "Über den Personenkult und seine Folgen" auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 zurück, in der er sich mit Stalins Willkürherrschaft kritisch auseinandersetzte.
5.
Beria (auch: Berija), Lawrenti (1899–1953), sowjetischer Staats- und Parteifunktionär, Mitglied des Politbüros des ZK der Partei. Erster Parteisekretär in Georgien (1931–1938), und anschließend langjähriger Geheimdienstchef und Innenminister. Im Zuge der Machtkämpfe nach Stalins Tod erschossen. Zu Chruschtschow-Zeit und später hat man auf ihn als Hauptverantwortlicher für die Repressalien der 1930er – Anfang der 1950er Jahre dargestellt, u.a. für die Deportationen verschiedener Völker während und nach dem 2. Weltkrieg.
6.
Es handelt sich dabei wohl um Eugen Hildebrandt (1937). Er absolvierte die Fakultät für Fremdsprachen in Moskau und lehrte in Pensa, bevor er 1966 sein Leben als Stillektor und Übersetzer mit der deutschsprachigen Zeitung "Freundschaft" in dem damaligen Zelinograd (heute Astana) verband. Auch nach der Überführung der Redaktion 1988 nach Alma-Ata und der Umbenennung des Periodikums in die "Deutsche Allgemeine Zeitung" (DAZ) blieb er der Zeitung treu, siehe den Zeitungsartikel zu seinem 80. Jubiläum: http://daz.asia/blog/zum-80-jaehrigen-jubilaeum/
7.
Der Verfasser ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Heinrich Fuchs (1883–nach 1969), geb. in der Kolonie Lauwe. War jahrzehntelang Lehrer in verschiedenen wolgadeutschen Siedlungen. 1941 deportiert in die Region Krasnojarsk, Ostsibirien. Aktivist der Autonomiebewegung der 1960er Jahre.

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