Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965
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Vom Spiel zum Spektakel

Der gesellschaftliche Erfolg des Fußballs


19.2.2016
Professionalisierung, Globalisierung, Eventisierung - das Bild des Fußballs hat sich seit 1873 verändert. Warum interessieren sich Medien, Wirtschaft und Politik für das Fußballpublikum? Was bietet der Fußball wiederum seinen Fans und wie unverzichtbar ist er für die Gesellschaft?

Am ersten Spieltag der neuen Fußball-Bundesliga Saison 1963/1964 stehen sich am 24. August 1963 im Saarbrücker Ludwigspark der 1. FC Saarbrücken und der 1. FC Köln gegenüber. Köln gewinnt das Spiel mit 2:0.Am ersten Spieltag der neuen Fußball-Bundesliga Saison 1963/1964 stehen sich am 24. August 1963 im Saarbrücker Ludwigspark der 1. FC Saarbrücken und der 1. FC Köln gegenüber. Köln gewinnt das Spiel mit 2:0. (© picture-alliance/dpa)


Einleitung



Zweifellos kann der Profifußball als ein Faszinosum der modernen Gesellschaft bezeichnet werden, denn die "schönste Nebensache der Welt" zieht nach wie vor die Massen in ihren Bann. Die Spiele der Fußball-Bundesliga locken Woche für Woche rund 400.000 Menschen in die Stadien. Über 45 Millionen Bundesbürger/-innen sind Fan eines Fußballvereins[1]. Und Topereignisse, wie zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaft, finden sogar vor einem nach Milliarden zählenden Weltpublikum statt. Fußball dominiert die Sportberichterstattung in den Medien und stellt einen beachtlichen Wirtschaftsfaktor dar, allein in der Saison 2012/13 machten die 18 Bundesligavereine erneut einen Rekordumsatz von mehr als zwei Milliarden Euro[2]. Seit einigen Jahren erfährt der Fußball sogar in der Literatur und Wissenschaft zunehmend an Aufmerksamkeit.

Es lässt sich also feststellen, dass Fußball über eine enorme gesellschaftliche Relevanz verfügt und zu einem kaum noch wegzudenkenden Kulturgut geworden ist. Doch wie lässt sich dieser Erfolg erklären? Dazu wird Im Folgenden das Verhältnis von Fußball und Gesellschaft aus einer soziologischen Perspektive analysiert.

Übersicht:

  • Es werden die Strukturmerkmale erörtert, die den Fußball als Sportart der modernen Gesellschaft kennzeichnen.
  • Der Zusammenhang von Fußball und Publikum wird in den Blick genommen.
  • Das Verhältnis des Fußballs zu den gesellschaftlichen Teilbereichen Massenmedien, Wirtschaft und Politik wird erläutert.
  • Abschließend wird die gesellschaftliche (Un-)Verzichtbarkeit des Fußball aufgezeigt.


Fußball als Sportart in der modernen Gesellschaft



Bei der Frage nach dem Ursprung des Fußballs verweist die Literatur oftmals darauf, dass der Fußball nahezu so alt wie die Menschheit selbst sei. Als Belege dafür dienen fußballähnliche Spiele aus verschiedenen Epochen und unterschiedlichen Regionen der Welt: So wurde beispielsweise bereits im zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt in China Tsu-Chu gespielt; in der Antike erfreute man sich in Griechenland an Episkyros und in Rom an Harpastum; zur Zeit der Renaissance war in Florenz das Calcio-Spiel sehr beliebt. Darüber hinaus werden auch das Kalagut-Spiel der Inuit, das russische Lapta, das japanische Kemari sowie das schweizerische Hornussen als fußballähnliche Spiele vergangener Zeiten angeführt[3]. Es ist aber umstritten, inwieweit diese Spielformen als tatsächliche Vorläufer des Fußballs gelten können.

Eine eindeutige Antwort lässt sich allerdings auf die Frage geben, wann und wo sich Fußball zu einer Sportart der modernen Gesellschaft entwickelt hat. Dies geschah im England des 19. Jahrhunderts. Bereits im ausgehenden Mittelalter gab es die Folk Games, die als Frühformen des Fußballs (wie auch des Rugbys) angesehen werden können. Bei diesen Spielen handelte es sich zumeist um Wettkämpfe zwischen zwei Dörfern oder Stadtteilen. Die Spielidee war, einen ballähnlichen Gegenstand in einen bestimmten Zielbereich im Gebiet des Gegners zu bringen. Die lediglich regional bekannten Spiele basierten oftmals auf nur wenigen, kaum formalisierten und zumeist nur mündlich überlieferten Regeln. So waren zum Beispiel das Spielfeld, die Spieldauer sowie die Teilnehmerzahl kaum begrenzt und eine klare Trennung von Teilnehmern und Zuschauern unüblich[4].

Ein zentrales charakteristisches Merkmal dieser Folk Games war das hohe Maß an Aggressivität und körperlicher Gewalt. Oft kam es auch zu über das Spiel hinausgehenden Tumulten und Ausschreitungen. Daher wurden diese Volksspiele häufig von den jeweiligen Obrigkeiten verboten, sodass diese Volkskultur in den folgenden Jahrhunderten nahezu verschwand. Allerdings fand der Fußball im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend Einzug in die sogenannten Public Schools. Diese waren – anders als es ihr Name suggeriert – keine öffentlichen, sondern private Einrichtungen und wurden vor allem von den Zöglingen der Oberschicht besucht. Fussball half dort die oftmals brutalen und rücksichtslosen Macht- und Prestigekämpfe unter den Schülern auf der Grundlage des sportlichen Konkurrenzdenkens und der Idee des Fairplays zu disziplinieren und zu kanalisieren.

Die Geburt des modernen Fußballs

Die Aufnahme vom 01.04.1874 zeigt die Spieler des Glasgower Fußballklubs Queens Park. Der Queens Park F.C. wurde im Jahre 1867 gegründet und war verantwortlich für die Aufnahme von Latten an Fußballtoren, Freistößen und Halbzeit in das Regelwerk.Die Aufnahme vom 01.04.1874 zeigt die Spieler des Glasgower Fußballklubs Queens Park. Der Queens Park F.C. wurde im Jahre 1867 gegründet und war verantwortlich für die Aufnahme von Latten an Fußballtoren, Freistößen und Halbzeit in das Regelwerk. (© picture-alliance/dpa)


Als Geburtsstunde des modernen Fußballs lässt sich der 23. Oktober 1863 anführen, denn an diesem Tag wurde bei einem Treffen von Vertretern der Fußballmannschaften verschiedener Public Schools sowie der Universitäten Cambridge und Oxford im Freemasons Tavern in London die Football Assoziation (FA) gegründet. Ziel des Treffens war es, für die immer beliebter werdenden Wettkämpfe zwischen den Schulen ein einheitliches Regelwerk und eine Entscheidungsinstanz für Streitfälle zu schaffen[5].

Es wurde also eine Organisation gegründet, deren Organisationszweck ausschließlich auf die Sportart Fußball ausgerichtet war. Sie definierte die Regeln der Sportart, bestimmte räumliche und zeitliche Begrenzungen des Spielablaufs, trennte die Rolle des Zuschauers von der des Spielers, führte den Schiedsrichter als intervenierenden Dritten in das Spiel ein, unterwarf das Aggressionspotenzial der Spieler der sozialen Kontrolle, sanktionierte Regelüberschreitungen und belohnte körperliche und taktische Fertigkeiten statt Gewalt und Stärke[6].

Strukturmerkmale des modernen Sports



Mit dieser Zusammenkunft in London im Oktober 1863 wurden zentrale Strukturmerkmale des modernen Sports im Fußball eingeführt. Diese sind unter anderem : die Ausdifferenzierung aus anderen Sinnkontexten, die Etablierung einer eigenständigen Systemlogik, eine darauf abgestimmte Strukturbildung sowie die Entstehung von Organisationen.

Fußball wird zum Selbstzweck

In vormodernen Gesellschaften waren viele Handlungsbereiche, wie zum Beispiel Arbeiten, Erziehen, Herrschen, Rechtsprechen, Glauben, Heilen sowie auch Bewegen und Spielen miteinander vermischt. Im Übergang zur modernen, funktional differenzierten Gesellschaft haben sich diese Bereiche zunehmend voneinander getrennt und zu jeweils eigenständigen gesellschaftlichen Teilsystemen ausdifferenziert, wie zum Beispiel dem Wirtschaftssystem, dem Erziehungssystem, dem politischen System, dem Rechtssystem, dem Religionssystem und dem Gesundheitssystem.

Auch der Sport entstand, indem er sich aus verschiedenen Handlungsbereichen herauslöste, in denen Bewegung, körperliche Leistungsfähigkeit oder Wettkampf eine Rolle spielten, wie zum Beispiel bei kultischen und rituellen Handlungen sowie in den Bereichen der (Leibes-)Erziehung, des Spiels und des überwiegend dem Adel vorbehaltenen Amüsements und Zeitvertreibs. Im Sportsystem der modernen Gesellschaft geht es nunmehr um die Erbringung körperlicher Leistungen, welche um der Leistung willen, also als Selbstzweck, erbracht werden[7].

Wie gezeigt, differenzierte sich der Fußball aus dem Kontext der Public Schools aus; er war nicht mehr nur Mittel zum Zwecke der Erziehung, sondern verselbstständigte sich zu einem eigenständigen Handlungsbereich. Denn es entstanden Wettkampfsysteme, in denen körperliche Leistungen ausschließlich zum Zwecke des sportlichen Erfolgs erbracht wurden – unabhängig davon, ob aus den Spielern damit auch gute Schüler oder gar bessere Menschen würden

Leistungs- und Konkurrenzdenken setzen sich als zentrale Handlungsprinzipien durch

Die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme geht mit der Etablierung eigenständiger Systemlogiken (nach welchen Kriterien ein System funktioniert) einher, auf die sich dann alle Handlungen in jenem Teilsystem ausrichten. Im Spitzensport geht es um die permanente Erbringung körperlicher Leistungen und um ständige Leistungsvergleiche. Wer im Sportsystem agiert, der will Leistung erbringen und steigern, der will seine Gegner besiegen und die eigene Niederlage vermeiden. In keinem anderen gesellschaftlichen Teilsystem ist das Leistungsprinzip in einer solchen Reinkultur zu finden: Den Hundertmeterlauf gewinnt der Schnellste, das Gewichtheben der Stärkste, das Speerwerfen derjenige, der am weitesten wirft. Und das Fußballspiel gewinnt die Mannschaft, die die meisten Tore schießt.

Das Sportsystem ist in seiner Logik autonom und strikt selbstbezüglich, das heißt, in die Bewertung sportlicher Leistungen gehen keine außersportlichen Kriterien ein. Es zählt nicht, ob ein Sprinter schön, ein Gewichtheber reich, ein Speerwerfer über ein politisches Amt verfügt oder in einer Mannschaft besonders viele Spieler Abitur haben. Mit dem Aufbau jenseits des Schulunterrichts stattfindender nationaler und internationaler Wettkämpfe durch die FA wurde es möglich, dass sich auch im Fußball das Leistungs- und Konkurrenzdenken des Sports etablierte und sich diese selbstbezügliche Logik durchsetzen konnte.

Die Football Association legt einheitliche Regeln fest

Bewegte Tafel zeigt Mannschaftsaufstellung1920er Jahre: Präsentation der Mannschaftsaufstellung vor dem Spiel 1.FC Nürnberg gegen TSV 1860 München mittels einer bewegten Tafel. (© imago/Otto Krschak)


Die Systemlogiken der gesellschaftlichen Teilsysteme werden durch entsprechende Strukturen spezifiziert. Die Leistungserbringung und -vergleiche im Sport, die Zuteilung von Sieg und Niederlage werden erst auf der Grundlage der sportartenspezifischen Regeln möglich. Denn diese legen fest, welche Leistungen überhaupt als bessere gelten können, welche Handlungen dabei erlaubt und welche verboten sind, wie zum Beispiel Foulspiel oder Doping. Sie bestimmen also den Raum möglicher Handlungen. Darauf aufbauend gibt es eine weitere Strukturebene, nämlich die der Taktiken und Bewegungstechniken, die vorgeben, wie Leistungen erbracht werden können.

Insofern war die Zusammenkunft am 23. Oktober 1863 in London von enormer Bedeutung für den Fußball. Die Festlegung und Vereinheitlichung der Fußballregeln durch die FA war ein zentraler Schritt zur Ausdifferenzierung des Fußballs, denn der Fußball erlangte zum einen die charakteristischen Strukturen, die seine Spielidee und sein Erscheinungsbild bis heute maßgeblich bestimmen. Zum anderen war dies eine notwendige Voraussetzung für die Verbreitung des Fußballs in der Welt, denn nur so wurden Wettkämpfe möglich, ohne jedes Mal Regeln und damit letztlich die Sportart als Ganzes neu aushandeln zu müssen.


Fußnoten

1.
Sportfive 2009, S. 138
2.
DFL 2014
3.
Eisenberg 2004, S. 45
4.
Schulze-Marmeling 2000, S. 11 ff.
5.
Eisenberg 2004, S. 46
6.
Bette 2010, S. 97 f.
7.
Stichweh 1990