Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Vom Proletensport zum Kulturgut


16.2.2016
Es dauerte lange, bis Fußball von den Eliten akzeptiert wurde. Früher galt das Rasenspiel als schmuddelig. Im nationalen Symbolhaushalt füllt Fußball heute eine Stelle aus, die sonst leer bleiben würde. Doch was hat ein Erfolg im Fußball mit nationalen Tugenden und Identität zu tun?*

Altbundestrainer Sepp HerbergerAltbundestrainer Sepp Herberger inmitten von Erinnerungsstücken in seinem Haus in Hohensachsen. (© imago/Kicker)


Ob man den Fußball liebt oder ihn für völlig überschätzt hält – er ist aufs Engste mit der Geschichte der Bundesrepublik verbunden. Viele markante Entwicklungen, die unser Land und seine Wahrnehmung prägen, können wir in der Geschichte des Fußballs in Deutschland wie in einem Buch lesen. Was wir darin finden, ist keine reine Spiegelung der Nachkriegszeit bis heute; es ist vielmehr eine Erzählung, die manches übertreibt und verzerrt: Alle wichtigen Ereignisse dieser Zeit werden hier ausgehend vom Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 auf eine je eigene Weise geschildert; und umgekehrt prägen die großen Ereignisse des Fußballs das nationale Gedächtnis. Wie ist es möglich, dass der Fußball in Deutschland zur nationalen Repräsentation gehört wie in England die Queen und in Österreich die Wiener Oper? Gewiss hinkt dieser Vergleich: Fußball ist weder eine Institution der politischen Geschichte noch eine der hohen Kultur; er füllt jedoch im nationalen Symbolhaushalt eine Stelle aus, die sonst leer bleiben würde.

Niemand hätte sich 1954 träumen lassen, dass Fußball einmal derart in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen würde. Was in Deutschland heute von der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird, sind weniger Fragen der großen Politik, es geht vielmehr um die Leistungen deutscher Clubs in der Champions League und die Aussichten der Nationalmannschaft bei der EM oder WM. Dies sind offenbar die bewegenden Fragen der Zeit, egal ob man mit Taxifahrern, Wissenschaftlern, Kulturschaffenden oder politischen Redakteuren spricht. Wir leben in Zeiten der europäischen Finanzkrise; die Staaten in Südeuropa leiden unter der von der EU verordneten Sparpolitik, die Jugendarbeitslosigkeit in jenen Ländern nimmt ein angsterregendes Ausmaß an; in Griechenland wird Angela Merkel gar mit Hitler verglichen. Wir können das nicht verstehen – niemand in Deutschland denkt an Krieg, Aggression oder auch nur an Herrschaft über Europa – wir denken an Brasilien, wir wollen das Spanien- und Italien-Trauma überwinden (jene Mannschaften, an denen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zuletzt immer scheiterte).

Deutsche wollen schon lange, dass nicht Deutschland gefürchtet wird, sondern die deutsche Nationalmannschaft. Seitdem immer mehr Spieler nicht-deutscher Herkunft aufgespürt, aktiv gefördert und in "unsere" Mannschaft aufgenommen worden sind, ist der deutsche Fußball deutlich größer als das deutsche Volk. Von dem Wunsch nach fußballerischer Größe werden alle geheimen inneren Zäune gegenüber eingewanderten Türken, Polen, Deutschen mit afrikanischen oder spanischen Vätern weggekickt. Im deutschen Fußball hat man nachgeahmt, was die Holländer (mit Ajax Amsterdam) in den 1980er und das französische Sportsystem in den 1990er Jahren mit Erfolg vorgemacht haben: die Integration ihrer fußballerisch begabten Einwandererkinder.

Wird im Fußball geheilt, was sonst in der Bundesrepublik als problematisch, ja als gefährlich angesehen wird? Auf den ersten Blick sieht dies fragwürdig aus. Oft genug erscheinen Fußballarenen wie große Kessel, in denen das völkische Gift brodelt; Ausländerfeindlichkeit und Rassismus scheinen zum Fußball zu gehören. Immer aber richtet sich diese Tendenz gegen Spieler der gegnerischen Mannschaft – im eigenen Team werden sie als "Leistungsträger" ausgesprochen gern akzeptiert, und dies sogar in Regionen, die in dieser Hinsicht als schwierig gelten (Energie Cottbus war 2001 der erste Bundesligaverein, der mit elf Ausländern in der Startformation auflief). Allen bösen Auguren zum Trotz ist die Integration – jedenfalls im Spitzenfußball – bisher gelungen und hat das Niveau des deutschen Nationalsports beträchtlich angehoben.

WM 2006Deutsche Fans schwenken auf der Berliner Fanmeile 2006 ihre Landesfahnen. Auf der Großleinwand Bundestrainer Jürgen Klinsmann. (© imago/Seeliger)


Seit der WM 2006 im eigenen Land hat sich Fußball als Stimmungsaufheller etabliert und ein Wir-Gefühl ermöglicht, das selbst kritische Intellektuelle für einen akzeptablen "Patriotismus" halten. Noch kurz vor Beginn der WM beobachtete "Der Spiegel" nach einer 1:4-Testspielniederlage gegen Italien eine allgemeine Niedergeschlagenheit in Deutschland; drei Monate später begann das "Sommermärchen", und auch die Kanzlerin entdeckte ihre Liebe zum Fußball. Als sie auf der Ehrentribüne vor Freude in die Hände klatschte, schien alles vergessen. In einem politischen Klima immer schlechter werdender Luft bersten die Fußballarenen an jedem Wochenende vor begeisterten Zuschauern. Es wird richtig schöner Fußball gespielt, die Nationalmannschaft zaubert inzwischen wie Brasilien und kombiniert wie Holland, aus dem Nachwuchs kommen reihenweise neue Talente. War Fußball nicht immer das Trostpflaster auf der Seele der Nation, jedenfalls seit dem Gewinn der Fußball-WM 1954? Das ist die heutige Sicht – allerdings stimmt sie nicht ganz. Der Fußball hatte einen langen Weg zurückzulegen, bis er zu einem Eckstein wurde, in den wichtige Daten der Nationalgeschichte eingelassen sind.

1954 als Ende und Anfang



Das "Wunder von Bern" führte das Bild eines gewandelten deutschen Staats vor Augen, der Altes und Neues miteinander verschmolzen und selbst zugeschriebene nationale Eigenschaften, die durch die Nazizeit kompromittiert waren, in die neuen Tugenden des Wiederaufbaus umgeformt hatte.
KickerKicker-Ausgabe vom 05.07.1954 zum Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft in Bern. (© imago/teutopress)
Im Berner Endspiel kamen die Sporttradition des "Dritten Reichs" und dessen Männlichkeitsideale zu einem finalen Höhepunkt, jetzt aber nicht mehr als Merkmale von Soldaten, sondern als höchst erfolgreiche Eigenschaften deutscher Arbeiter und Angestellter, die den Aufbau eines antimilitaristischen Landes repräsentierten. Im Mythos von 1954 ist der Held die Mannschaft. Sie war eine Gemeinschaft, die das provinzielle Deutschland verkörperte und sich unter ihrem "Chef", dem Bundestrainer Sepp Herberger, aufopferte. Die Heldenfigur dieser Mannschaft beeinflusst bis heute die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Leistungen aller deutschen Nationalteams.

Die durch Niederlage und Kriegsschuld erlittenen Verletzungen werden gelindert

Ihre Tugenden und ihre Beschreibung ("Opfer", "Helden", "Kampf") waren noch aus alten Zeiten vertraut. Es war das Alte, aber auch schon etwas Neues: An der Stelle der alten Anführer sah man jetzt die niedrigen Ränge, den "kleinen Mann" in der Rolle des Helden. Bis dahin hatte es keine symbolische Repräsentation jener Kräfte gegeben, die den Wiederaufbau zustande brachten; anders als in Frankreich gab es in Deutschland keine Romantik des Volkes. Mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft wurde eine Bühne geschaffen, auf der die Kraft und die Leistung der "kleinen Leute" pathetisch dargestellt wurde, mit höchster Glaubwürdigkeit und breiter Wirkung. Jeder in Deutschland begriff, dass der Erfolg dieser Fußballmannschaft die durch die Niederlage und deutsche Kriegsschuld erlittenen und selbst zugefügten Verletzungen symbolisch linderte. In dieser Perspektive erhält der Weltmeistertitel von 1954 einen anderen Sinn als jenen, den man ihm gewöhnlich zuschreibt: Er ist das Ende des Krieges – insofern als die Verlierer in ihrer symbolischen Repräsentation wieder ein Gesicht bekamen.

Mit dem unerwarteten Titelgewinn wurde den Deutschen etwas gegeben, worauf sie wieder stolz sein konnten. In den Augen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten zählte der WM-Sieg jedoch wenig – ihnen galt das Rasenspiel eher als eine schmuddelige Angelegenheit. Darin lag aber zugleich die Chance, dass die Nationalmannschaft zuerst für die unteren sozialen Schichten zur nationalen Identitätsbildung beitragen konnte. Im Gedächtnis vieler Deutscher blieb somit der Eindruck verankert, dass Deutschland mit einem Sieg im Fußball die Achtung der Welt gewinnen könne.



 

Mediathek

60 x Deutschland - Das Jahr 1954

Ende der Reparationen: Sowjetunion gibt Betriebe an DDR zurück +++ Das "Wunder von Bern": Deutschland wird Fußball-Weltmeister +++ Traditionelles Rollenverständnis von Mann und Frau im Westen +++ Neues Frauenbild in der DDR: Die berufstätige Mutter als Vorbild Weiter... 

Mediathek

60 x Deutschland - Das Jahr 1969

Willy Brandt zum dritten Mal Kanzlerkandidat der SPD +++ Gustav Heinemann erster sozialdemokratischer Bundespräsident +++ Nach der Bundestagswahl: SPD und FDP bilden Koalition +++ "Mehr Demokratie wagen" – Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt Weiter... 

Mediathek

60 x Deutschland - Das Jahr 1974

Enttarnung von DDR-Spion Günter Guillaume führt zu Rücktritt Brandts +++ Einführung des Punktesystems in der Flensburger Verkehrssünder-Kartei +++ Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland: DDR besiegt Bundesrepublik +++ DDR tilgt Verweise auf deutsche Nation aus Verfassung Weiter...