Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965
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Diplomaten am Ball

Der Fußball als Gradmesser für die deutsch-israelischen Beziehungen


1.7.2015
Der Austausch zwischen Sportlern aus Israel und Deutschland stellte eine wichtige Etappe auf dem Weg zu diplomatischen Beziehungen dar. Schon 1957 schickte Israel seine besten Trainer nach Deutschland. Auch die europäische Makkabiade ist Sportfest und politisches Forum. Bis heute stellen die Spiele ein Symbol jüdischer Identität dar.

Der DFB bot die Ausbildung zum Fußballlehrer ab 1957 wieder zentral an der DSHS an und übertrug Hennes Weisweiler die Leitung. In den 13 Lehrgängen, die unter seiner Führung bis 1970 stattfanden, erlangten insgesamt 255 Teilnehmer ihren Abschluss. Netzer, Weisweiler und Grashoff 1970. (@ picture alliance/nordphoto)Der DFB bot die Ausbildung zum Fußballlehrer ab 1957 wieder zentral an der DSHS an und übertrug Hennes Weisweiler die Leitung. In den 13 Lehrgängen, die unter seiner Führung bis 1970 stattfanden, erlangten insgesamt 255 Teilnehmer ihren Abschluss. Günter Netzer, Hennes Weisweiler und Helmut Grashoff 1970. Helmut Grashoff war langjähriger Manager von Borussia Mönchengladbach. (@ picture alliance/nordphoto)


Am 12. Mai 1965, zwanzig Jahre nach der Schoah, nahmen Israel und Deutschland diplomatische Beziehungen auf. Unterhalb dieser offiziellen Ebene bestanden bereits vielfältige Partnerschaften mit dem Ziel der Vertrauensbildung. Auch im Sport: Die deutschen Funktionäre Carl Diem und Willi Daume bemühten sich in den fünfziger Jahren um einen Austausch. Damals mussten sich israelische Athleten Wettkämpfe gegen deutsche Gegner von ihrer Regierung genehmigen lassen. In Israel bestand ein Auftrittsverbot für deutschsprachige Künstler. Willi Daume, Präsident des Deutschen Sportbundes, folgte 1957 einer Einladung nach Israel. Daume war der erste Repräsentant der Bundesrepublik im jüdischen Staat. Er überreichte dem israelischen Sportverband eine Spende für ein neues Gebäude. Die Jüdische Allgemeine berichtete in Deutschland auf ihrer Titelseite.

1963 besuchte eine Gruppe der Sporthochschule Köln das Wingate-Institut in Netanya, die wichtigste Sportuniversität Israels. „Unsere Reise wurde penibel vorbereitet. Wir haben einen Sprachunterricht in Hebräisch genossen, der achtzig bis hundert Worte umfasste“, erinnert Manfred Lämmer, der damals als 20 Jahre alter Student an der Reise teilnahm. „Zu unserer Überraschung hatten sich alle Vorsichtsmaßnahmen, die wir im Vorfeld erörtert haben, als unbegründet erwiesen[1]“. Lämmer hat mehr als dreißig Jahre das Institut für Sportgeschichte in Köln geleitet, einer seiner Forschungsschwerpunkte: die deutsch-israelischen Sportbeziehungen. Zwischen der Sporthochschule und dem Wingate-Institut entstand 1971 die erste deutsch-israelische Hochschul-Partnerschaft, am Austausch beteiligt waren seitdem mehr als 200 Dozenten.

In den fünfziger und sechziger Jahren wollten Israelis und Deutsche nach vorn blicken. In der Bundesrepublik fanden ehemalige Stützen des Nazi-Regimes neue Aufgaben. Der einstige kommissarische Reichssportführer Karl Ritter von Halt wurde Präsident des westdeutschen Olympischen Komitees. 1936 hatte er noch bei den Olympischen Spielen in Berlin die Ausladung der jüdischen Hochspringerin Gretel Bergmann vorangetrieben. Bei den Winterspielen im selben Jahr in Garmisch-Partenkirchen leitete er die Organisation. „Getreu dem Befehl unserer Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler“, wie er es in einer seiner Reden formulierte.

Seit 1957 schickte der Israelische Fußballverband seine besten Trainer nach Köln



Wie Karl von Halt war auch Willi Daume Mitglied der NSDAP gewesen, zudem Informant der SS. Das geht aus einer Dissertation des Historikers Jan C. Rode hervor. Halt und Daume machten sich nun für den israelischen Sport stark. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte 1957: „Der Sport lässt die Vergangenheit vergessen“. Ließen sich die Funktionäre von Schuldgefühlen treiben? Die Israelis interessierten sich kaum für die Herkunft ihrer deutschen Freunde, erinnert der Historiker Moshe Zimmermann von der Hebräischen Universität Jerusalem:

Quellentext

Moshe Zimmermann, Historiker

In Israel bemühte man sich Ende der fünfziger Jahre um eine Normalisierung – und die beruhte auf Ignoranz. Man interessierte sich nicht dafür, was die neuen deutschen Förderer gemacht haben. Herr Daume kommt – was hat er vor 1945 getan? Die Frage stellte man sich nicht. Man wollte pragmatisch agieren.



Für diesen Pragmatismus lassen sich vor allem im Fußball Indizien finden. Seit 1957 schickte der Israelische Fußballverband seine besten Trainer nach Köln. Im Land des Weltmeisters von 1954 sollten sie das Diplom des DFB erwerben. Zu den ersten Absolventen zählte Emanuel Schaffer, aufgewachsen im Ruhrgebiet. Seine Familie wurde vermutlich 1941 ermordet, bei einer Massenerschießung auf dem Gebiet der heutigen Westukraine. Schaffer freundete sich in Köln mit Hennes Weisweiler an. Die deutsche Trainer-Ikone gab im Juli 1968 einen Kurs am Wingate-Institut in Netanya. Wenige Monate später reiste die deutsche Jugendnationalmannschaft zu einem Trainingslager nach Israel. Mit dabei: die späteren Welt- und Europameister Uli Hoeneß und Paul Breitner. Ihre Testspiele fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, berichtet der Sport- und Kulturwissenschaftler Robin Streppelhoff in seiner Dissertation „Gelungener Brückenschlag“ über den Sport in den deutsch-israelischen Beziehungen. Erst 1969 lockerte die israelische Regierung die Sicherheitsvorkehrungen.

Die Fußballnationalmannschaft von Israel nimmt am 14.12.1969 in Tel Aviv vor dem ersten WM-Playoffspiel gegen Australien (1:0) Aufstellung für die Hymnen (v.l.): Mordechai Spiegler, Itzhak Visoker, Shraga Bar, Menachem Beollo, Rachamin Talbi, Jehishua Feigenbaum, Shmuel Rosenthal, Zvi Rosen, Aharon Shuruk, Itzhak Shu Giora Spiegel. Im Rückspiel schafft Israel in Australien ein 1:1 und qualifiziert sich erstmals für ein WM-TurnierDie Fußballnationalmannschaft von Israel 1969, (v.l.): Mordechai Spiegler, Itzhak Visoker, Shraga Bar, Menachem Beollo, Rachamin Talbi, Jehishua Feigenbaum, Shmuel Rosenthal, Zvi Rosen, Aharon Shuruk, Itzhak Shu, Giora Spiegel. (@ picture-alliance/dpa)


Als erste deutsche Vereinsmannschaft war im Sommer 1969 der FC Bayern Hof in Israel zu Gast. Einer seiner Gegner: Petach Tikwa und dessen Gastspieler Mordechai Spiegler, der zum bekanntesten Kicker Israels aufsteigen sollte. 1970, bei der einzigen WM-Teilnahme seiner Heimat in Mexiko, schoss er das einzige Tor, zum 1:1 gegen Schweden. Die Familie Spieglers war während des Krieges quer durch Europa vor den Nazis geflohen – sie überlebte. Diese Erfahrungen prägten Spiegler, wie er im Interview erzählt: "Als ich zehn war, 1954, fand die WM in der Schweiz statt. Im Endspiel standen sich Deutschland und Ungarn gegenüber. Ich habe Ferenc Puskás verehrt, den Kapitän der ungarischen Mannschaft. Als der deutsche Sieg besiegelt war, habe ich geweint. Als jüdischer Junge galt für mich: Deutschland sollte niemals gewinnen."

In den sechziger Jahren änderte sich Spieglers Wahrnehmung, gegen Bayern Hof blickte er noch verhalten auf die Gäste aus Deutschland. Doch dann, im August 1969, reiste Spiegler mit der israelischen Nationalmannschaft zu einem Trainingslager in die Sportschule Hennef. In Frechen bei Köln fand das erste Länderspiel gegen Deutschland statt. Gegner der Israelis war die deutsche Olympia-Auswahl. Die Resonanz der Medien: bescheiden. Nun reisten immer mehr israelische Vereine nach Deutschland. Spiegler schloss Freundschaften, sagt er, doch über die Vergangenheit sprachen sie nicht:

Quellentext

Mordechai Spiegler, israelischer Fußballspieler

Warum sollten wir über eine Vergangenheit sprechen, an der wir nicht beteiligt waren? Ich habe Spieler wie Günter Netzer nie gefragt, was ihre Eltern im Krieg gemacht haben. Um die Geschichte sollten sich die Historiker kümmern. Ich wollte auf dem höchsten Niveau Fußball spielen. Ich habe die Politik hinter mir gelassen. Hass sollte in meinem Leben keine Rolle spielen.



Borussia Mönchengladbach reiste 1970 unter Geheimhaltung nach Tel Aviv



Die sechziger Jahre waren für den Aufbau deutsch-israelischer Beziehungen von großer Bedeutung. Der Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 und die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt ab 1963 führten zu einer Debatte über deutsche Verbrechen. 1967, während des Sechstagekrieges, stand die Bundesrepublik an der Seite Israels. Das Deutschland-Bild vieler Israelis erhielt positive Konturen, schildert Robin Streppelhoff[2], der im Bundesinstitut für Sportwissenschaft tätig ist. So plante Borussia Mönchengladbach Anfang 1970 eine Reise nach Israel. Der Ausflug geriet in Gefahr, wegen eines Anschlags auf eine Maschine der israelischen Fluglinie El Al auf dem Münchner Flughafen. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher stellte den Gladbachern ein Flugzeug der Bundesluftwaffe zur Verfügung, unter Geheimhaltung. Mit an Bord: der damals 26 Jahre alte Spieler Herbert Laumen. „Unsere Frauen waren nicht begeistert“, sagt Laumen im Interview, „Der ganze Laderaum frei war. Nur die Mannschaft und zwei oder drei Sicherheitsbeamte saßen in der Maschine. In Tel Aviv ist das Flugzeug Tag und Nacht bewacht worden.“

Schmuel RosenthalGünter Netzer mit seinem israelischen Mannschaftskameraden Schmuel Rosenthal bei Borussia Mönchengladbach. Schmuel Rosenthal wurde 1972 von Borussia Mönchengladbach verpflichtet und war der erste israelische Fußballer, der einen Profivertrag in Europa erhielt. (@ imago)


Von den israelischen Medien wurde Mönchengladbach freundlich begrüßt. Trainer Weisweiler wurde am Flughafen live im Radio interviewt, bis dahin war die deutsche Sprache im Rundfunk tabu gewesen. Die Borussia besiegte die israelische Nationalmannschaft in Tel Aviv 6:0. Bis in den frühen Morgen wurden die Gladbacher von jungen Israelis gefeiert. Bis 2008 bestritt Mönchengladbach 27 Spiele gegen israelische Teams. Auch andere Mannschaften verbrachten ihre Trainingslager in Israel. Der 1. FC Köln, der ab 1976 von Weisweiler trainiert wurde, war allein sieben Mal im heiligen Land. Eine gemeinsame Gedenkkultur für die Opfer des Holocaust gab es damals noch nicht, erzählt Martin Krauß. Der freie Journalist betreut bei der Jüdischen Allgemeinen die Sport-Themen und hat sich intensiv mit den deutsch-israelischen Fußball-Beziehungen beschäftigt. Die deutschen Mannschaften wollten sich im milden Winter auf die Rückrunde vorbereiten.

Größter Rückschlag für die Beziehungen war das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München



Deutlich wird der positive Blick auf Israel im Spielfilm „Libero“ von Regisseur Wigbert Wicker. Der 85 Minuten lange Streifen, der 1973 in den Kinos gezeigt wurde, zeichnet ein Porträt Beckenbauers zwischen Fußball und Alltag. Einige Szenen, die Ausgelassenheit und Entspannung Beckenbauers vermitteln, spielen am Strand von Tel Aviv. Martin Krauß: „In den siebziger Jahren ist Israel zu einer sehr attraktiven Gesellschaft aufgestiegen. Der Film spiegelt dieses Aufbruchsgefühl wieder und bettet sich ein in die israelischen Erfolge in Kunst und Kultur.“ Zu nennen sind die Schauspielerin Daliah Lavi oder das Gesangsduo Esther und Abi Ofarim.

In Kultur, Kunst, Sport etablierte sich ein Netzwerk zwischen Deutschen und Israelis. Journalisten des Sportinformationsdienstes kooperierten mit israelischen Kollegen, deutsche Sportartikelhersteller bauten einen Produktionsstandort an der Grenze zum Libanon. Als erster deutscher Trainer ging Uwe Klimaschefski zu einem israelischen Verein, Hapoel Haifa. Als erster israelischer Spieler wechselte Schmuel Rosenthal zu einem deutschen Klub, Mönchengladbach.

Ein großer Rückschlag für die Beziehungen war das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München, bei dem elf israelische Sportler und ein Polizist ums Leben kamen. Auf deutschem Boden. Doch schon drei Wochen nach Olympia reiste eine Gruppe der Sporthochschule Köln ans Wingate-Institut, wo viele der ermordeten Sportler und Trainer einst gelehrt haben. „Die Ereignisse von München haben in keiner Weise die Beziehungen beeinträchtigt“, sagt Sporthistoriker Manfred Lämmer. „Sie haben sie sogar enger gestaltet, weil wir uns beide als die Angegriffenen betrachteten.“

Im Spitzenfußball prägten wenige Personen den deutsch-israelischen Austausch: Das Gespann Weisweiler und Schaffer, sowie Helmut Grashoff, der langjährige Manager von Borussia Mönchengladbach. Ihr Engagement täuschte über das Verhalten anderer Vereine und des Deutschen Fußball-Bundes hinweg, meint der Berliner Journalist Martin Krauß. Der DFB unterstützte zwar den Israelischen Verband bei der Verankerung in den europäischen Strukturen, nachdem ihn seine arabischen Nachbarn boykottiert hatten. Doch ein angemessenes Bewusstsein gegenüber dem jüdischen Staat leitete der Verband aus seiner Vergangenheit nicht ab.

Mit wenigen Ausnahmen: Der hochangesehene Trainer Sepp Herberger wollte 1972 ein verdrängtes Kapitel der Fußball-Geschichte in die Öffentlichkeit rücken. Der DFB hatte in seiner Geschichte nur zwei jüdische Nationalspieler: Julius Hirsch und Gottfried Fuchs. Bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm schoss Fuchs beim 16:0 gegen Russland zehn Tore. Ein Rekord, den der DFB nach 1933 aus seinen Büchern löschte. Julius Hirsch wurde 1943 in Auschwitz ermordet, Gottfried Fuchs floh nach Kanada. Herberger wollte seinen Brieffreund Fuchs zur Eröffnung des Olympiastadions 1972 nach München einladen. Doch der DFB wollte die Reisekosten nicht übernehmen. Damals saßen dreizehn Männer im Vorstand des DFB, zwei waren in der NSDAP gewesen. Diese Episode wurde erst 2012 durch den Sporthistoriker Werner Skrentny öffentlich gemacht, in seiner Biografie über Julius Hirsch. Wie hätten die Israelis darauf wohl 1972 reagiert?

Gedenkfeier am 23. März 1987Zum Abschluss einer einstündigen Gedenkfeier am 23. März 1987 legen Klaus Allofs (l.) und Lothar Matthäus (2. v.l.) für die deutsche Fußballnationalmannschaft sowie Rudi Bommer (2. v.r.) und Alois Reinhardt (r.) für das Olympia-Team im Beisein von DFB-Präsident Hermann Neuberger (Mitte) Kränze für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem nieder. Die deutschen Fußballer treffen am 25. März 1987 zu Länderspielen in Tel Aviv auf Israels A- und Olympia-Mannschaften.(@ picture-alliance/dpa)


Das erste A-Länderspiel zwischen Israel und Deutschland fand am 25. März 1987 statt, erst 22 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Die Israelis zahlten dem DFB für dessen Gastspiel nach eigenen Angaben 100000 Dollar. „Es war ein deutscher Auftritt mit Peinlichkeiten“, sagt der freie Publizist Alex Feuerherdt, der in zahlreichen Artikeln und Vorträgen den israelischen Fußball thematisiert hat. Das Stadion in Ramat Gan nahe Tel Aviv war beim 2:0-Sieg der Deutschen 1987 zur Hälfte gefüllt. Staatspräsident Chaim Herzog blieb dem Spiel fern und empfing auch keinen DFB-Vertreter. Arieh Kraemer, Vizepräsident des israelischen Fußballverbandes, verließ das Stadion aus Protest gegen das Abspielen der deutschen Hymne. In der Gedenkstätte Yad Vashem musste der deutsche Nationalspieler Hans Pflügler laut der israelischen Zeitung Maariv darüber informiert werden, dass er sich nicht in einer Gedenkstätte für gefallene Soldaten befinde. Manche Spieler hätten versucht, ihr „gelangweiltes Gähnen zu tarnen“, schrieb die Zeitung Chadaschot.

Nur 17 Jahre nach der umjubelten Mönchengladbacher Premiere in Tel Aviv 1970 stand die israelische Öffentlichkeit dem DFB kritisch gegenüber, sagt der Historiker Moshe Zimmermann, der unter anderem in Heidelberg, Kassel und München als Gastprofessor gelehrt hat:

Quellentext

Moshe Zimmermann, Historiker

Ab etwa 1980 meldete sich eine neue Generation zu Wort, die den Krieg nicht selbst erlebt hat. Diese zweite Generation nach dem Holocaust hat die Geschichte hinterfragt. Schriftsteller, Sänger und Politiker betrachteten die deutsche Mannschaft als eine Art Vertreterin der deutschen Vergangenheit. Und so machte sich an vielen Stellen eine negative Einstellung gegenüber Deutschland breit.



Die deutsche Wiedervereinigung weckte bei vielen Israelis Ängste vor einem mächtigen Deutschland. Die Anschläge auf Asylbewerber in Rostock, Mölln oder Hoyerswerda verstärkten diese Ängste, sagt Moshe Zimmermann. „Viele Menschen hatten den Eindruck, dass ein Viertes Reich im Kommen ist.“ Zu spüren war das während der Fußball-WM 1994 in USA. Die meisten Israelis wollten die deutsche Auswahl verlieren sehen. Zimmermann: „Es war gegen Deutschland eine neue Reserviertheit zu spüren.“ Diese Bedenken spürte die DFB-Auswahl 1997 beim zweiten A-Länderspiel. Israeliasche Zeitungen zitierten einen Dialog in Yad Vashem zwischen dem Nationalspieler Mario Basler und seinem Trainer Berti Vogts. So stellte Basler beim Anblick eines Fotos, auf dem ein KZ-Wärter einen Juden exekutieren will, die Frage: „Das kann doch nicht wahr sein! Hat’s so etwas wirklich gegeben, Trainer?“ Woraufhin Vogts geantwortet habe: „Doch, so war es.“ Das verbandseigene DFB-Journal bilanzierte hingegen: „Anerkennung erntete die DFB-Equipe für ihr besonnenes Auftreten beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, das ein weitweit positives Echo auslöste.“

Seit 2008 reisen Jugendteams des DFB regelmäßig nach Israel



Theo Zwanziger stieß als DFB-Präsident politische Projekte an. Der Verband ließ seine Rolle im Dritten Reich erforschen. Er würdigte Initiativen gegen Diskriminierung mit dem Julius-Hirsch-Preis. 2006 ließ die fröhliche Atmosphäre während der heimischen WM das Ansehen Deutschlands in Israel wachsen, zahlreiche Fanklubs von deutschen Vereinen entstanden. Ohne diesen Wandel wäre Kanzlerin Angela Merkel 2008 bei ihrer Rede in der Knesset, dem israelischen Parlament, nicht so freundlich empfangen worden, vermutet Moshe Zimmermann.

U-18-AuswahlIm Dezember 2013 besucht die deutsche U-18-Auswahl die nationale Gedenkstätte Yad Vashem. (@ Ronny Blaschke)


Im selben Jahr begründete der DFB eine Tradition: Jährlich im Dezember reist die Auswahl der Unter-Achtzehnjährigen zu einem Turnier nach Israel. Gemeinsam mit der israelischen Auswahl besucht das deutsche Team an einem Vormittag Yad Vashem. Neben den Jugendlichen gehören wechselnde Vertreter der Regionalverbände zur DFB-Delegation, die meist zum ersten Mal in Israel sind. Mit Dossiers und Workshops werden sie schon in Deutschland vorbereitet. So haben seit 2008 mehr als 150 Jugendspieler die heiligen Stätten von Jerusalem besucht, die sie ohne Fußball vielleicht nie kennengelernt hätten. 2013 gehörte der Kölner Lucas Cueto zur deutschen Reise-Gruppe:

Quellentext

Lucas Cueto, Fußballspieler

Mich hat vor allem beeindruckt die Freundlichkeit der Menschen. Ich hatte da einige Vorbehalte, auch wie die mit uns umgehen, ob die Geschichte noch eine Rolle spielt. Aber die Menschen hier sind sehr, sehr freundlich. Wir sollten das auf jeden Fall alle mit nach Hause nehmen und auch unseren Familien erzählen. In der Schule kann man das gar nicht so ausführlich machen, wie es hier möglich ist.



In Sportpolitik und Wissenschaft ist der Dialog zwischen Israel und Deutschland selbstverständlich geworden. Im Februar 2015 fand in der Schwabenakademie Irsee im südlichen Bayern eine Tagung zu den deutsch-israelischen Fußballbeziehungen statt. Es war die achte sporthistorische Konferenz in Irsee, ins Leben gerufen von Akademiedirektor Markwart Herzog. Auf der Leistungssportebene ist der Austausch nicht so selbstverständlich. Erst zwei deutsche Trainer waren in der höchsten israelischen Liga tätig: Uwe Klimaschewski in Haifa und Lothar Matthäus 2008 in Netanya. Im deutschen Profifußball hat es noch keinen israelischen Coach gegeben, aber Spieler wie Itay Shechter, Almog Cohen oder Roberto Colautti. Vielleicht werden es bald mehr, denn seit 2013 hat der Israelische Verband einen Technischen Direktor aus Deutschland: Michael Nees. Ressentiments habe Nees nicht zu spüren bekommen. Im Gegenteil, wie die Idee für ein Werbevideo der israelischen U21-Mannschaft zeigt. „Die Story ging so: Ich sollte im Film in der Kabine sitzen und Falafel essen“, erzählt Michael Nees, „Und meine Spieler sollten übers Training sprechen. Auf Deutsch. Das Motto war: Endlich haben wir eine Mannschaft, die wie eine deutsche Mannschaft spielt.“

Siebzig Prozent der Israelis haben heute eine positive Einstellung zu Deutschland, belegt eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung[3]. Sie basiert auf repräsentativen Umfragen, die im Dezember 2014 in Israel und den Palästinensischen Gebieten durchgeführt wurden. 20000 Israelis sollen in Berlin leben. Zwischen Januar und August 2014 besuchten mehr als 240000 Israelis die deutsche Hauptstadt. Die Fernsehquote beim deutschen WM-Sieg in Brasilien: 55 Prozent. Zurzeit organisieren das Auswärtige Amt und die Israelische Botschaft zahlreiche Veranstaltungen zum 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Auch mit Blick auf den Sport, sagt Yakov Hadas-Handelsman, Israelischer Botschafter in Deutschland. 1970 hatte er sich als 12-Jähriger von seinem Taschengeld eine Karte für die Premiere von Mönchengladbach in Tel Aviv gekauft. Nun in Deutschland ist er regelmäßig in Stadien zu Gast. Er trifft Politiker und Unternehmer gern auf den Tribünen, in Berlin, Dortmund oder Mönchengladbach. „Beim Fußball sind die Gespräche inoffiziell, ohne Krawatten“, sagt Hadas-Handelsman. „Wir können in lockerer Atmosphäre viel erreichen.“

Die deutsch-israelischen Fußballbeziehungen stehen vor neuen Herausforderungen: 2007 wollte der Wolfsburger Profi Ashkan Dejagah nicht mit der deutschen U21 in Israel spielen, aus Sorge um seine Familie im Iran. 2013 schloss der FSV Frankfurt einen Sponsorenvertrag mit einer saudi-arabischen Fluglinie, die keine Israelis befördert. Nach Protesten wurde der Vertrag aufgelöst. Im Januar 2015 spielte der FC Bayern in Katar und Saudi-Arabien; zwei Staaten, die Israel ablehnen. 2022 soll die WM in Katar stattfinden. Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich Israel qualifiziert. Und wenn doch? Der arabische Raum und Katar bieten dem Weltfußball einen neuen Absatzmarkt. Der deutsche Fußball könnte als mächtiger Fürsprecher Israels zeigen, wie sehr ihm an den sportlichen und politischen Partnerschaften zwischen beiden Ländern gelegen ist.



Fußnoten

1.
Dieses Zitat und alle folgenden Zitate stammen aus persönlich geführten Interviews mit dem Autor, die zwischen Februar und April 2015 stattgefunden haben.
2.
vgl. hierzu Robin Streppelhoff, 2012
3.
vgl. hierzu Konrad Adenauer Stiftung, Das Heilige Land und die Deutschen, 2015
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Ronny Blaschke für bpb.de
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