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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

1.6.2006 | Von:
Gunda Wienke

Brasilien

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Eine Mannschaft voller Stars

Der brasilianische Angriff liest sich wie das "Who's who" der europäischen Topvereine: Ronaldo, Robinho, Ronaldinho, Adriano und Fred. Dazu kommen offensive Mittelfeldspieler wie Kaka, Zé Roberto und Edmilson. Im defensiveren Mittelfeld zeichnet sich der erfahrene Emerson durch seine Spielübersicht aus. Unterstützt wird er von Alex. Die Abwehr ist mit Spielern wie Cafú, Cicinho, Roque Junior, Juan, Lucio und Roberto Carlos nicht nur sehr strapazierfähig, sondern zuvorderst antrittsschnell und äußerst variabel. Und mit Dida – Torhüter bei AC Milan – hat das Team einen Weltklassemann im Kasten stehen.

Dass Trainer Carlos Alberto Parreira Dida als Nummer Eins bringt, ist mutig, denn er stellt sich damit gegen den in Brasilien fixen (Aber-) Glauben, dass dunkelhäutige Torhüter weniger Leistung zeigten und Unglück brächten. Dieser Argwohn rührt her von der traumatischen 1:2-Niederlage gegen Uruguay beim WM-Finale 1950 im eigenen Land, die als "Maracanazo" in die Geschichte einging und die von Nelson Rodrigues gar als "unser Hiroshima" bezeichnet wurde.

Maracanazo – die größte Niederlage Brasiliens

"Alles war vorgesehen, außer ein Sieg von Uruguay", schrieb Fifa-Präsident Jules Rimet. Den Gastgebern hätte ein Unentschieden gereicht, aber 200.000 Zuschauer forderten ein Schützenfest. Spät, aber wie erwartet, ging Brasilien zu Beginn der zweiten Halbzeit durch Friaca in Führung. In der 66. Minute glich dann Schiaffino aus. Elf Minuten vor Schluss überwand der flinke Uruguayer Ghiggia den schwarzen Keeper Barbosa mit einem Schuss ins kurze Eck zum 1:2-Endstand.

Es war "das tosendste Schweigen in der Geschichte des Fußballs", schrieb der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano. Nach einem ersten lähmenden Schockzustand, setzten im ganzen Land wilde Diskussionen ein. Torwart Barbosa stand im Zentrum der auch rassistisch motivierten Kritik. Vor allem ihm wurde die Niederlage angelastet. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 blieb er der nationale Sündenbock. "In Brasilien ist laut Gesetz die Höchststrafe 30 Jahre. Meine Gefangenschaft dauerte 50 Jahre", pflegte er zu sagen.

Dida ist die erste schwarze WM-Nr.1 Brasiliens seit mehr als 50 Jahren. Alex Bellos, Autor des Buches "Futebol – The Brazilian Way of Life", glaubt sogar, wenn Brasilien die WM mit Dida im Tor gewönne, es in Brasilien einen echten Fortschritt in Richtung "Rassen-Demokratie" geben werde.

Rassismus in Brasilien

Es ist ein Mythos, dass in Brasilien die Hautfarbe keine Rolle spielt. Die Diskriminierung ist nur weniger offensichtlich als in den USA und in Europa, weil die afro-brasilianische Kultur stärker anerkannt und beachtet wird als beispielsweise die afro-amerikanische Kultur in den USA. Der Mythos von der "Rassen-Demokratie" geht zum guten Teil auf die Thesen des brasilianischen Anthropologen Gilberto Freye zurück. Er nutzte Fußball als Beispiel. Das Spiel der Nationalmannschaft diente ihm als Metapher für die gelungene Rassenmischung in Brasilien, die einen einzigartigen Charakter aus Schläue, Musikalität und Kreativität zeige.

Die Realität sieht anders aus. Fast die Hälfte der 186 Millionen Einwohner sind Afro-Brasilianer. Laut einem UNO-Bericht verdienen sie 50 Prozent weniger als Weiße und stellen 63 Prozent der Armen. "Reich und Schwarz, dass muss Pelé sein", ist denn auch ein geflügelter Spruch unter Brasilianern.

In Brasilien war Fußball zunächst der Sport für die weiße Elite. Viel später als in anderen südamerikanischen Ländern wurde erst 1933 eine Profiliga eingeführt. Bis 1933 existierte der "profesionalismo marron" – der so genannte "braune Professionalismus" (Anspielung auf Afro-Brasilianer). Die Spieler bekamen Handgelder, waren aber auf Gedeih und Verderb von den Klubfunktionären abhängig. Deren Meinung brachte 1932 Rivadávia Meyer, Präsident des Flamengo Club, auf den Punkt: "Für mich ist der Spieler, der Profi werden will, ein Zuhälter, der eine Prostituierte ausbeutet. Der Club gibt ihm alles Nötige, was er braucht, um zu spielen und sich mit dem Ball zu vergnügen, und da will er noch Geld? Das würde ich bei Flamengo nicht erlauben. Der Professionalismus entwürdigt den Menschen."

Eine Ausnahme in mehrfacher Hinsicht war Arthur Friedenreich (1892 –1969). Der Sohn des deutschstämmigen Händlers Oscar Friedenreich und dessen Frau, der Afro-Brasilianerin Mathilde, debütierte 1909 für Germania Sao Paulo und 1915 in der Nationalmannschaft. Sein Talent machte die Vereinsbosse "farbenblind". Nichtsdestotrotz blieb Friedenreich die entwürdigende Prozedur nicht erspart, sich sein Gesicht mit Reismehl zu weißen und die krausen Haare mit Gelantine zu glätten. Er erzielte 1.329 Tore in mehr als 1.000 Spielen – ein Weltrekord für die Ewigkeit.