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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

1.6.2006 | Von:
Gunda Wienke

Brasilien

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Fußball-Ikonen

Die Brasilianer legen großen Wert auf eine gute physiologische, medizinische und psychologische Betreuung ihres Nationalteams. Dass die angeheuerten Experten dabei nicht immer richtig lagen, beweist folgende Anekdote: Im Vorfeld der WM 1958 empfahl der Psychologe João Carvalhaes, Pelé nicht zu berufen. Begründung: "Pelé ist offensichtlich infantil. Ihm fehlt der notwendige Kampfgeist. Er ist zu jung, um Aggression zu spüren und in einer angemessenen Art darauf zu reagieren. Außerdem hat er nicht das notwendige Gefühl für Teamgeist." Pelé wurde dennoch eingeladen. Der Rest ist Geschichte. In Schweden wird Brasilien zum ersten Mal Weltmeister. Pelés Aufstieg zum Superstar beginnt.

Das Bild vom begnadeten südamerikanischen Fußballer ist maßgeblich geprägt durch brasilianische Spieler. Ihnen werden Attribute wie Athletik, Artistik, Kreativität, Eleganz, Magie, sexuelle Potenz, spirituelle Überlegenheit zugeschrieben. Pelé ist die Fußball-Ikone schlechthin und wird noch vor Maradona als begnadetster Spieler aller Zeiten angesehen.

Das Elend der brasilianischen Liga

Brasiliens Brillanz auf internationaler Ebene wird konterkariert durch das Chaos der nationalen Liga. Die schiere kontinentale Größe des Landes bereitet organisatorische Probleme. Im Laufe der Jahre wurde der Spielmodus mehrfach in Bezug auf Qualifikation und Anzahl der Teams modifiziert. Mittlerweile spielen an die 100 Teams um die Meisterschaft (Brasileirão). Manipulation und Schmiergeldzahlungen sind an der Tagesordnung. Die Sportgerichtsbarkeit ist korrupt, die Vereine wirtschaften häufig am Rande des finanziellen Ruins und versuchen mit windigen Unternehmungen, wie etwa Lotterien ("Timemania", u.a.) ihre Schulden zu begleichen. Hinzu kommt, dass der Zuschauerzuspruch "erbärmlich" ist, unter anderem, weil das Niveau des Ligafußballs weit unter dem europäischer Ligen liegt. Guter Angriffsfußball ist Mangelware. Häufiger sieht man die Taktik des "matar o jogo" ("das Töten des Spiels"). Da überrascht es nicht, dass vom WM-Aufgebot lediglich zwei Spieler (Ricardinho und Ceni) im Land spielen, und beide haben einen festen Platz auf der Ersatzbank.

Fußballspieler als Exportprodukt

Den Spielerhandel als "globalisierte Variante" (Walter Kuhl) der Sklaverei zu bezeichnen, ist so weit nicht hergeholt. Momentan stehen etwa 5.000 Brasilianer im Ausland unter Vertrag. Nur wenige haben ein gutes Auskommen. Der größte Teil "der Ware" spielt in unterklassigen Ligen für spärliches Geld. Viele dieser Profis sind auf Gedeih und Verderb ihren "Maklern" ausgeliefert, oft werden jugendliche Talente mit (leeren) Versprechungen und vergleichsweise lächerlichen Summen gelockt. Manchmal reicht schon ein Mobiltelefon für den Vater, um sich vertraglich auf Lebenszeit an einen der so genannten Vermittler zu binden. Kommen Spieler in ihrer fremden Umgebung mit Einsamkeit, Isolation und mitunter rassistisch motivierten Anfeindungen nicht zurecht, werden sie einfach fallengelassen.

Der ehemalige Nationalspieler Sócrates sagt, dass sich seit Anfang der 1990er-Jahre in Brasilien eine regelrechte "Exportindustrie" entwickelt hat. Alles im brasilianischen Fußball drehe sich um den Verkauf von Spielern. In den unzähligen Fußballschulen des Landes werden Talente gesichtet und mit Taktik gedrillt.