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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

1.6.2006 | Von:
Gunda Wienke

Brasilien

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Brasilianische Trainer

Brasilen hat neben einer ganzen Menge hervorragender Spieler auch eine Reihe recht erfolgreicher Trainer hervorgebracht. Bei diesen handelt es sich überwiegend um ehemalige Nationalspieler. Die "Spiel-Auffassung" der einzelnen Coaches ist, gemessen am Klischee vom offensiven, verspielten "brasilianischen Stil", von erstaunlich großer Bandbreite.

Der aktuelle Teamchef Pareirra war bereits 1970 in Mexiko Konditionstrainer des brasilianischen Weltmeister-Teams, ehe er die Seleção 1994 in den USA, bei seinem ersten Engagement, zum WM-Titel führte. Parreira vertritt einen defensiven Stil und ist deshalb nicht unumstritten. In der Tageszeitung "Fohla de Sao Paulo" hieß es nach dem WM-Sieg von 1994, Fußball mit Parreira sei wie coitus interruptus. Sócrates erklärte vor kurzem in einem Interview mit der Zeitung "Welt am Sonntag": "Es reicht nicht aus zu sagen: 'Was wollt ihr denn, wir sind doch Weltmeister! Die ganz entscheidende Frage ist, wie man Weltmeister wird. Das Team von 1994, das waren Italiener, aber keine Brasilianer." Das Finale gegen Italien war schwach, denn die beiden Abwehrreihen neutralisierten sich völlig. So kam es, dass ein Finale erstmals 0:0 endete und durch Elfmeterschießen entschieden werden musste (3:2). Dass Parreira zur Einstimmung auf die WM 2006 "Die Kunst des Krieges" des chinesischen Militärstrategen Chen Zu gelesen hat, mag bezeichnend sein.

Allzu einfach werden es ihm seine Trainerkollegen sicher nicht machen, immerhin zwei weitere Teamchefs sind ebenfalls Brasilianer, und somit stellt Brasilien schon vor der WM 2006 in dieser Hinsicht das stärkste Land. Scolari hat Ambitionen mit Portugal, und auch Zico, der Japan trainiert, rechnet für sein Team mit einem besseren Ergebnis als noch vor vier Jahren.

Gott ist Brasilianer - Aberglauben und Religiosität

"Religion, Karneval und Fußball" bilden die "heilige" Dreifaltigkeit der brasilianischen Massenkultur. Fußball ist nicht Alternative zum Glauben, sondern Ausdrucksform von Religiosität. Das "Vater Unser", und für die Katholiken unter den Spielern auch das "Ave Maria", gehören zum Standardgebet vor dem Spiel. Katholische Spieler beten in der Regel unauffällig und in Stille, wohingegen die Evangelikalen, wie etwa Lucio und Zé Roberto, ihre Religiosität und ihren Glauben offensiv missionarisch zeigen, indem sie mit Transparenten und bedruckten T-Shirts, Botschaften wie "Jesus ist spitze" auf den Platz laufen.

Neben diesen christlichen Bekenntnissen hat freilich auch der Aberglaube seinen festen Platz. Schamanische Rituale und afrikanische Glaubenspraktiken wie Candomblé, Macumba und Umbanda finden regelmäßig Anwendung bei Spielern und Funktionären. Dazu kommen die bei Brasilianern besonders stark vertretenen persönlichen Marotten, wie etwa dem selbst auferlegten Zwang, das Feld immer mit dem rechten Fuß zuerst betreten zu müssen.

So spielt die Selecão seit der "Schmach von 1950" gegen Uruguay nicht mehr in weißen Trikots, dem ehemaligen offiziellen Nationaltrikot. Auch die Equipe von 1958 pflegte gerne kleine Rituale. Delegationsleiter Paulo Machado de Carvallo legte fest, in welcher Reihenfolge zum Bus und wie aufs Spielfeld gegangen wurde, und während des Turniers trug er einen "glücklichen" braunen Anzug, den er nur zum Schlafen auszog (das Ritual wurde 1962 fortgeführt und hat anscheinend geholfen).