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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.
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1.6.2006 | Von:
Gunda Wienke

Brasilien

Complexo Vira Lata – Straßenköter-Komplex oder Brasilien kann sich bloß selber schlagen

Die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft gehört zweifelsohne zu den großen Favoriten der WM in Deutschland. Mit einem ersten Platz (neun Siege, sieben Unentschieden und nur zwei Niederlagen) hat das Team von Trainer Carlos Alberto Parreira die Südamerika-Qualifikation abgeschlossen.
Landesflagge BrasilienLandesflagge Brasilien
Bei den brasilianischen Fans ruft Deutschland schlimme Erinnerungen wach. Nach dem WM-Sieg von 1970 in Mexiko herrschte in Brasilien der Glaube, dass "futebol arte", die "Fußball-Kunst" Brasiliens dem europäischen Fußball nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen sei. Doch bei der WM 1974 erlebte das brasilianische Nationalteam ein Rückschlag. Im Halbfinale verloren die "Künstler" sang und klanglos mit 0:2 gegen die Niederlande. Diese Niederlage war der Auftakt zu einer 24-jährigen Durststrecke ohne WM-Sieg.


Das Scheitern von 1982 und 1986 verstärkte den Eindruck, den europäischen Teams unterlegen zu sein. Der überwunden geglaubte "Straßenköter-Komplex" brach wieder auf. Geprägt wurde der Begriff vom brasilianischen Dramatiker Nelson Rodrigues (1912–1980). Dieser beschrieb den Fußball als Inszenierung mit tieferem Sinn und hob ab auf die Bedeutung des Fußballs in der Gesellschaft. Bei einer WM gehe es nicht nur um Sieg oder Niederlage. Es gehe um wesentlich mehr, nämlich um den Glauben an das Besondere brasilianischer Fähigkeiten und damit letztlich um das Selbstvertrauen der ganzen Nation. Das stetige Bewusstsein, in vielen Bereichen unterlegen zu sein, - münde so in der Empfindung eines Straßenköter-Daseins.

Zweifelsohne hat Brasilien allen Grund, auf seinen Fußball stolz zu sein. Es ist das einzige Land, dessen Auswahl bei allen Turnieren dabei gewesen ist. Von 17 Weltmeisterschaften gewann man fünf (1958, 1962, 1970, 1994, 2002). In diesem Jahr geht die Selecão zum wiederholten Mal als Favorit in ein WM-Turnier. Ob die Mannschaft mit dem Spitznamen "Os Canarinhos" ("Die Kanarienvögelchen") den sechsten Titel holt, liegt ganz allein bei ihr, denn schlagen können sie sich eigentlich nur selbst.

Novum: Titelverteidiger in der Qualifikation

Als erster Titelverteidiger musste Brasilien sich für die WM 2006 qualifizieren. Dabei ist der Modus in der Südamerikagruppe besonders hart, denn hier spielt innerhalb von zwei Jahren der ganze Fußballkontinent im Modus alle gegen alle, die WM-Qualifikanten aus. Brasilien schloss die Gruppe als Tabellenführer ab. Vor heimischem Publikum blieb man ungeschlagen, einzig Ecuador und Argentinien konnten die Seleção besiegen. Die 3:1-Abfuhr im "verhassten" Nachbarland Argentinien hat sicher heftiger geschmerzt als die Niederlage in Ecuador. Insgesamt spielten die Blaugelben jedoch souverän, gingen neun Mal als Sieger vom Platz und spielten sieben Mal unentschieden. In 18 Spielen traf man mit 35 Toren am häufigsten und wies gleichzeitig, gemeinsam mit Argentinien, die sicherste Abwehr auf (17 Gegentreffer).

Ronaldo, Spitzname "El Fenómeno", wurde mit zehn Treffern erfolgreichster Torjäger der Qualifikation. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er zwischen Oktober 2004 und Oktober 2005 nicht einen Treffer für das Nationalteam erzielte.

Eine Mannschaft voller Stars

Der brasilianische Angriff liest sich wie das "Who's who" der europäischen Topvereine: Ronaldo, Robinho, Ronaldinho, Adriano und Fred. Dazu kommen offensive Mittelfeldspieler wie Kaka, Zé Roberto und Edmilson. Im defensiveren Mittelfeld zeichnet sich der erfahrene Emerson durch seine Spielübersicht aus. Unterstützt wird er von Alex. Die Abwehr ist mit Spielern wie Cafú, Cicinho, Roque Junior, Juan, Lucio und Roberto Carlos nicht nur sehr strapazierfähig, sondern zuvorderst antrittsschnell und äußerst variabel. Und mit Dida – Torhüter bei AC Milan – hat das Team einen Weltklassemann im Kasten stehen.

Dass Trainer Carlos Alberto Parreira Dida als Nummer Eins bringt, ist mutig, denn er stellt sich damit gegen den in Brasilien fixen (Aber-) Glauben, dass dunkelhäutige Torhüter weniger Leistung zeigten und Unglück brächten. Dieser Argwohn rührt her von der traumatischen 1:2-Niederlage gegen Uruguay beim WM-Finale 1950 im eigenen Land, die als "Maracanazo" in die Geschichte einging und die von Nelson Rodrigues gar als "unser Hiroshima" bezeichnet wurde.

Maracanazo – die größte Niederlage Brasiliens

"Alles war vorgesehen, außer ein Sieg von Uruguay", schrieb Fifa-Präsident Jules Rimet. Den Gastgebern hätte ein Unentschieden gereicht, aber 200.000 Zuschauer forderten ein Schützenfest. Spät, aber wie erwartet, ging Brasilien zu Beginn der zweiten Halbzeit durch Friaca in Führung. In der 66. Minute glich dann Schiaffino aus. Elf Minuten vor Schluss überwand der flinke Uruguayer Ghiggia den schwarzen Keeper Barbosa mit einem Schuss ins kurze Eck zum 1:2-Endstand.

Es war "das tosendste Schweigen in der Geschichte des Fußballs", schrieb der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano. Nach einem ersten lähmenden Schockzustand, setzten im ganzen Land wilde Diskussionen ein. Torwart Barbosa stand im Zentrum der auch rassistisch motivierten Kritik. Vor allem ihm wurde die Niederlage angelastet. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 blieb er der nationale Sündenbock. "In Brasilien ist laut Gesetz die Höchststrafe 30 Jahre. Meine Gefangenschaft dauerte 50 Jahre", pflegte er zu sagen.

Dida ist die erste schwarze WM-Nr.1 Brasiliens seit mehr als 50 Jahren. Alex Bellos, Autor des Buches "Futebol – The Brazilian Way of Life", glaubt sogar, wenn Brasilien die WM mit Dida im Tor gewönne, es in Brasilien einen echten Fortschritt in Richtung "Rassen-Demokratie" geben werde.

Rassismus in Brasilien

Es ist ein Mythos, dass in Brasilien die Hautfarbe keine Rolle spielt. Die Diskriminierung ist nur weniger offensichtlich als in den USA und in Europa, weil die afro-brasilianische Kultur stärker anerkannt und beachtet wird als beispielsweise die afro-amerikanische Kultur in den USA. Der Mythos von der "Rassen-Demokratie" geht zum guten Teil auf die Thesen des brasilianischen Anthropologen Gilberto Freye zurück. Er nutzte Fußball als Beispiel. Das Spiel der Nationalmannschaft diente ihm als Metapher für die gelungene Rassenmischung in Brasilien, die einen einzigartigen Charakter aus Schläue, Musikalität und Kreativität zeige.

Die Realität sieht anders aus. Fast die Hälfte der 186 Millionen Einwohner sind Afro-Brasilianer. Laut einem UNO-Bericht verdienen sie 50 Prozent weniger als Weiße und stellen 63 Prozent der Armen. "Reich und Schwarz, dass muss Pelé sein", ist denn auch ein geflügelter Spruch unter Brasilianern.

In Brasilien war Fußball zunächst der Sport für die weiße Elite. Viel später als in anderen südamerikanischen Ländern wurde erst 1933 eine Profiliga eingeführt. Bis 1933 existierte der "profesionalismo marron" – der so genannte "braune Professionalismus" (Anspielung auf Afro-Brasilianer). Die Spieler bekamen Handgelder, waren aber auf Gedeih und Verderb von den Klubfunktionären abhängig. Deren Meinung brachte 1932 Rivadávia Meyer, Präsident des Flamengo Club, auf den Punkt: "Für mich ist der Spieler, der Profi werden will, ein Zuhälter, der eine Prostituierte ausbeutet. Der Club gibt ihm alles Nötige, was er braucht, um zu spielen und sich mit dem Ball zu vergnügen, und da will er noch Geld? Das würde ich bei Flamengo nicht erlauben. Der Professionalismus entwürdigt den Menschen."

Eine Ausnahme in mehrfacher Hinsicht war Arthur Friedenreich (1892 –1969). Der Sohn des deutschstämmigen Händlers Oscar Friedenreich und dessen Frau, der Afro-Brasilianerin Mathilde, debütierte 1909 für Germania Sao Paulo und 1915 in der Nationalmannschaft. Sein Talent machte die Vereinsbosse "farbenblind". Nichtsdestotrotz blieb Friedenreich die entwürdigende Prozedur nicht erspart, sich sein Gesicht mit Reismehl zu weißen und die krausen Haare mit Gelantine zu glätten. Er erzielte 1.329 Tore in mehr als 1.000 Spielen – ein Weltrekord für die Ewigkeit.

Fußball-Ikonen

Die Brasilianer legen großen Wert auf eine gute physiologische, medizinische und psychologische Betreuung ihres Nationalteams. Dass die angeheuerten Experten dabei nicht immer richtig lagen, beweist folgende Anekdote: Im Vorfeld der WM 1958 empfahl der Psychologe João Carvalhaes, Pelé nicht zu berufen. Begründung: "Pelé ist offensichtlich infantil. Ihm fehlt der notwendige Kampfgeist. Er ist zu jung, um Aggression zu spüren und in einer angemessenen Art darauf zu reagieren. Außerdem hat er nicht das notwendige Gefühl für Teamgeist." Pelé wurde dennoch eingeladen. Der Rest ist Geschichte. In Schweden wird Brasilien zum ersten Mal Weltmeister. Pelés Aufstieg zum Superstar beginnt.

Das Bild vom begnadeten südamerikanischen Fußballer ist maßgeblich geprägt durch brasilianische Spieler. Ihnen werden Attribute wie Athletik, Artistik, Kreativität, Eleganz, Magie, sexuelle Potenz, spirituelle Überlegenheit zugeschrieben. Pelé ist die Fußball-Ikone schlechthin und wird noch vor Maradona als begnadetster Spieler aller Zeiten angesehen.

Das Elend der brasilianischen Liga

Brasiliens Brillanz auf internationaler Ebene wird konterkariert durch das Chaos der nationalen Liga. Die schiere kontinentale Größe des Landes bereitet organisatorische Probleme. Im Laufe der Jahre wurde der Spielmodus mehrfach in Bezug auf Qualifikation und Anzahl der Teams modifiziert. Mittlerweile spielen an die 100 Teams um die Meisterschaft (Brasileirão). Manipulation und Schmiergeldzahlungen sind an der Tagesordnung. Die Sportgerichtsbarkeit ist korrupt, die Vereine wirtschaften häufig am Rande des finanziellen Ruins und versuchen mit windigen Unternehmungen, wie etwa Lotterien ("Timemania", u.a.) ihre Schulden zu begleichen. Hinzu kommt, dass der Zuschauerzuspruch "erbärmlich" ist, unter anderem, weil das Niveau des Ligafußballs weit unter dem europäischer Ligen liegt. Guter Angriffsfußball ist Mangelware. Häufiger sieht man die Taktik des "matar o jogo" ("das Töten des Spiels"). Da überrascht es nicht, dass vom WM-Aufgebot lediglich zwei Spieler (Ricardinho und Ceni) im Land spielen, und beide haben einen festen Platz auf der Ersatzbank.

Fußballspieler als Exportprodukt

Den Spielerhandel als "globalisierte Variante" (Walter Kuhl) der Sklaverei zu bezeichnen, ist so weit nicht hergeholt. Momentan stehen etwa 5.000 Brasilianer im Ausland unter Vertrag. Nur wenige haben ein gutes Auskommen. Der größte Teil "der Ware" spielt in unterklassigen Ligen für spärliches Geld. Viele dieser Profis sind auf Gedeih und Verderb ihren "Maklern" ausgeliefert, oft werden jugendliche Talente mit (leeren) Versprechungen und vergleichsweise lächerlichen Summen gelockt. Manchmal reicht schon ein Mobiltelefon für den Vater, um sich vertraglich auf Lebenszeit an einen der so genannten Vermittler zu binden. Kommen Spieler in ihrer fremden Umgebung mit Einsamkeit, Isolation und mitunter rassistisch motivierten Anfeindungen nicht zurecht, werden sie einfach fallengelassen.

Der ehemalige Nationalspieler Sócrates sagt, dass sich seit Anfang der 1990er-Jahre in Brasilien eine regelrechte "Exportindustrie" entwickelt hat. Alles im brasilianischen Fußball drehe sich um den Verkauf von Spielern. In den unzähligen Fußballschulen des Landes werden Talente gesichtet und mit Taktik gedrillt.

Brasilianer in der Bundesliga

Der erste Brasilianer, der in der Bundesliga gegen den Ball trat, war Zézé (José Gilson Rodriguez Zézé) für Köln. Der damalige Kölner Vereinsboss Franz Kremer kündigte auf einer Pressekonferenz 1964 "einen sensationellen Transfer" an . Ein Spieler aus Brasilien schwimme "schon auf einem Bananendampfer in Richtung Europa". Ob dieser großspurigen Ankündigung wurde in der lokalen Kölner Presse spekuliert, ob nicht sogar der "große" Pelé im Anmarsch sei. Doch kaum angekommen, verschwand Zézé nach nur vier Einsätzen auch schon wieder in der Versenkung. Etwas erfolgreicher war sein Landsmann Tagliari (Raoul Eduardo Travassos Tagliari), der im selben Jahr vom Meidericher SV (heute MSV Duisburg) engagiert wurde. Der wurde mit neun Einsätzen und immerhin vier Toren nach zwei Spielzeiten wieder in sein Heimatland verabschiedet.

Seit den 1980er-Jahren stieg die Anzahl von Transfers . Die prominentesten Brasilianer in der Bundesliga (bisher): Jorginho, Dunga, Junior Baiano, Julio Cesar, Tita, Giovane Elber, Emerson. Aktuell sind mit Lucio, Zé Roberto, Juan und Gilberto vier Bundesliga-Brasilianer im Aufgebot der Selecão.

Fußball und Politik

In Brasilien wird dem Fußball eine zentrale Rolle im "nationbuilding" eingeräumt. Nach dem Anthropologen Da Matta sind die Quellen der nationalen Identität nicht die zentralen Institutionen der sozialen Ordnung - wie Verfassung, Gesetze oder finanzielle Ordnung- sondern die "Gast"-Freundschaft, Karneval und Fußball, die es den Brasilianern erlauben, in permanenten Kontakt mit der sozialen Welt einzutreten.

Fußball hat in Brasilien einen so hohen Stellenwert, weil die zentralen Institutionen der Gesellschaft versagen. Parteien bieten sich kaum zur Identifikation an. Die Arbeiterpartei PT ist gerade dabei ihren Kredit zu verspielen. An die Parteien von 1964 erinnert sich kaum jemand. Polizei und Justiz sind durch Korruption diskreditiert. Allein zwischen 1986 und 1994 gab es sechs verschiedene Währungen.

Die Gesellschaft ist immer noch durch traditionelle Strukturen geprägt. Zentrale Elemente der sozialen Kohäsion sind geprägt durch Hierarchien, Klientelsystem, Gefälligkeiten und Nepotismus.

"In puncto Korruption sind die brasilianischen Funktionäre dem Rest der Welt soweit voraus, wie einst Pelé und Garrincha und heute Ronaldinho und Robinho der Konkurrenz auf dem Rasen", schreibt Réne Martens in einem Porträt über den ehemaligen Fifa-Präsidenten Havelange. Im Jahr 1970, als die Militärdiktatur auf dem Höhepunkt ihrer Macht war, wurde die Selecão zum zweiten Mal Weltmeister. Brasilien wuchs mit atemberaubenden Tempo, und es schien, dass sich Fußballsiege und wirtschaftlicher Erfolg vereinen, um dem "ewigen Land der Zukunft" einen Platz in der Gegenwart zu sichern. Selbst die Schmach über das Verdikt de Gaulles, dass Brasilien kein "ernsthaftes Land" sei, schien vergessen.

1985 wird mit Sarney der erste zivile Präsident nach der Militärdiktatur gewählt, der sich aber sehr bald durch Skandale disqualifiziert und dem "Wunderprediger "Fernando Collor" (1990 zum Präsidenten gewählt) den Weg bereitet. Dieser schlug einen offenen, neoliberalen Kurs ein.

Der Traum von einem eigenen Entwicklungsweg – in der Nationalflagge mit dem Spruch "Ordem y Progreso" ("Ordnung und Fortschritt") – verewigt, war ausgeträumt. Collors Schlagwort war Modernisierung. Für Brasilien bedeutete das eine radikale Marktöffnung und Einbindung in den Weltmarkt. 1992 wurde Collor als unredlich entlarvt und musste zurücktreten.

Während der Amtszeit Collors wird Sebastião Lazaroni Trainer der Selecão und ruft zur WM die "Ära Dunga" aus. Dunga, das Arbeitstier im Mittelfeld, war das Gegenstück zum klassischen brasilianischen Spieler – wie Leonidas, Pelé, Garricha u.a., die den "futbol arte" geprägt haben. Dunga stand für "futbol resultado" – "Fußball der Resultate". Das "neue System" zur WM 1990 geriet indes zur Pleite und Lazaroni wurde zu einer der meistgehassten Personen Brasiliens.

Der aktuelle Präsident, Luiz Inácio Lula da Silva, steht in der Wirtschaftspolitik in Kontinuität zu Cardoso, genau wie Parreira in Kontinuität zu Felipe Scolari steht, der die Selecão 2002 zum Titel in Japan/Korea führte.

Brasilianische Trainer

Brasilen hat neben einer ganzen Menge hervorragender Spieler auch eine Reihe recht erfolgreicher Trainer hervorgebracht. Bei diesen handelt es sich überwiegend um ehemalige Nationalspieler. Die "Spiel-Auffassung" der einzelnen Coaches ist, gemessen am Klischee vom offensiven, verspielten "brasilianischen Stil", von erstaunlich großer Bandbreite.

Der aktuelle Teamchef Pareirra war bereits 1970 in Mexiko Konditionstrainer des brasilianischen Weltmeister-Teams, ehe er die Seleção 1994 in den USA, bei seinem ersten Engagement, zum WM-Titel führte. Parreira vertritt einen defensiven Stil und ist deshalb nicht unumstritten. In der Tageszeitung "Fohla de Sao Paulo" hieß es nach dem WM-Sieg von 1994, Fußball mit Parreira sei wie coitus interruptus. Sócrates erklärte vor kurzem in einem Interview mit der Zeitung "Welt am Sonntag": "Es reicht nicht aus zu sagen: 'Was wollt ihr denn, wir sind doch Weltmeister! Die ganz entscheidende Frage ist, wie man Weltmeister wird. Das Team von 1994, das waren Italiener, aber keine Brasilianer." Das Finale gegen Italien war schwach, denn die beiden Abwehrreihen neutralisierten sich völlig. So kam es, dass ein Finale erstmals 0:0 endete und durch Elfmeterschießen entschieden werden musste (3:2). Dass Parreira zur Einstimmung auf die WM 2006 "Die Kunst des Krieges" des chinesischen Militärstrategen Chen Zu gelesen hat, mag bezeichnend sein.

Allzu einfach werden es ihm seine Trainerkollegen sicher nicht machen, immerhin zwei weitere Teamchefs sind ebenfalls Brasilianer, und somit stellt Brasilien schon vor der WM 2006 in dieser Hinsicht das stärkste Land. Scolari hat Ambitionen mit Portugal, und auch Zico, der Japan trainiert, rechnet für sein Team mit einem besseren Ergebnis als noch vor vier Jahren.

Gott ist Brasilianer - Aberglauben und Religiosität

"Religion, Karneval und Fußball" bilden die "heilige" Dreifaltigkeit der brasilianischen Massenkultur. Fußball ist nicht Alternative zum Glauben, sondern Ausdrucksform von Religiosität. Das "Vater Unser", und für die Katholiken unter den Spielern auch das "Ave Maria", gehören zum Standardgebet vor dem Spiel. Katholische Spieler beten in der Regel unauffällig und in Stille, wohingegen die Evangelikalen, wie etwa Lucio und Zé Roberto, ihre Religiosität und ihren Glauben offensiv missionarisch zeigen, indem sie mit Transparenten und bedruckten T-Shirts, Botschaften wie "Jesus ist spitze" auf den Platz laufen.

Neben diesen christlichen Bekenntnissen hat freilich auch der Aberglaube seinen festen Platz. Schamanische Rituale und afrikanische Glaubenspraktiken wie Candomblé, Macumba und Umbanda finden regelmäßig Anwendung bei Spielern und Funktionären. Dazu kommen die bei Brasilianern besonders stark vertretenen persönlichen Marotten, wie etwa dem selbst auferlegten Zwang, das Feld immer mit dem rechten Fuß zuerst betreten zu müssen.

So spielt die Selecão seit der "Schmach von 1950" gegen Uruguay nicht mehr in weißen Trikots, dem ehemaligen offiziellen Nationaltrikot. Auch die Equipe von 1958 pflegte gerne kleine Rituale. Delegationsleiter Paulo Machado de Carvallo legte fest, in welcher Reihenfolge zum Bus und wie aufs Spielfeld gegangen wurde, und während des Turniers trug er einen "glücklichen" braunen Anzug, den er nur zum Schlafen auszog (das Ritual wurde 1962 fortgeführt und hat anscheinend geholfen).
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