Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Herbert Fischer-Solms

Deutschland

Abschied von deutschen Tugenden?

Bei den Europameisterschaften 2000 in Belgien und den Niederlanden, als der Chef-Übungsleiter Erich Ribbeck hieß, sowie 2004 in Portugal, als anschließend Rudi Völler den Bettel hinschmiß, hatte der Deutsche Fußball-Bund unfreiwillig eine Menge Prämien eingespart. Die Spieler waren ausgelaugt und sich gegenseitig obendrein nicht ganz grün. Der Motor stotterte, der Akku war leer, so dass jeweils nach der Vorrunde schon Schluß mit lustig war. Das Aufbäumen gegen das vermeintliche Unabwendbare, gegen das frühzeitige Scheitern, das hatte bei den EURO-Turnieren 2000 und 2004 schon nicht mehr stattgefunden. Dabei war dies immer einer der Grundpfeiler sogenannter "deutscher Tugenden", für die deutsche Fußballer sowohl bewundert als auch gefürchtet werden. Der Verlust solcher Tugenden mag manche schmerzen und quälende Fragen nach dem Wieso und Woher aufwerfen. Ist der Zeitgeist an allem schuld ? Das muss nicht sein: Bei der letzten Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan war alles wie früher : Es gelang immerhin der Einzug ins Finale gegen Brasilien, - mit einem DFB-Team, das weitaus mehr Handwerker als überdurchschnittliche Könner in seinen Reihen hatte. Argumente für

Zweifellos ist Deutschland eine Fußball-Nation, einzuordnen in die Reihe der Großen wie das Mutterland des Fußballs, England, wie Italien und Spanien, wie die Südamerikaner mit Brasilien an der Spitze. Überhaupt: die Brasilianer sind im internationalen Fußball das Maß aller Dinge. Aber erst durch den massiven Nachhilfeunterreicht diverser Fernseh-Fußball-Dokumentationen in diesen vorweltmeisterlichen Tagen erfuhr der verblüffte Bundesbürger von Arthur Friedenreich ( 1892 bis 1969), dem brasilianischen Fußball-Star der frühen Tage. Der Sohn eines nach Sao Paulo ausgewanderten Hamburger Kaufmannes war dabei, als Brasiliens Nationalmannschaft ihren sagenhaften Erfolgsweg antrat. Er hält mit 1.329 erzielten Treffern den Weltrekord, vor dem berühmten Pele, und wurde vom Welt-Fußballverband FIFA zum "besten Stürmer des 20. Jahrhunderts" ernannt.

Deutschlands Fußball schöpft aus einem riesigen Reservoir. Der DFB ist nach eigenen Angaben der Welt größter Fußballverband. Er hat laut Statistik des Jahres 2005 insgesamt 6,3 Millionen Mitglieder, darunter 2.81.912 Jugendliche. Der größte Zulauf kommt von Mädchen und Frauen, die zudem auch noch äußerst erfolgreich sind. Die Frauen-Nationalmannschaft des DFB hält den Weltmeister-Titel, und nicht ohne Hintersinn hat Angela Merkel, die erste Bundeskanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, in ihrer Regierungserklärung gesagt, sie sehe keinen vernünftigen Hinderungsgrund, warum die Fußball-Männer jetzt, im Sommer 2006, nicht das hinkriegen sollten, was die Fußball-Frauen vorgemacht haben. Natürlich aber weiß selbst die vom Fußball und überhaupt vom Sport nicht eben enthusiasmierte Regierungschefin, dass die männliche Konkurrenz ungleich größer ist. Und weil der Anschluß an die Weltspitze verlustig zu gehen drohte, hat der DFB ein Talent-Förderprogramm nach dem erfolgreichen Vorbild anderer Länder wie Frankreich auf die Füße gestellt. Ein Netz von 390 Stützpunkten wurde über die Republik gelegt. 22.000 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren werden dort geschult, 1.200 Honorartrainer bemühen sich um die, die Nationalspieler von morgen werden wollen.

Deutsche Einheit und dann unschlagbar?

Seit mehr als einem Jahrzehnt ist die Nation auf der Suche nach dem vollkommenen Fußball-Glück. Zuletzt im Jahre 1990, ausgerechnet in Italien, war Deutschland zum dritten Male Weltmeister geworden. "Tut mir leid", hatte Teamchef Franz Beckenbauer in der Stunde des Triumphs die Welt wissen lassen, "ab jetzt sind wir Deutschen unschlagbar!" Denn in Berlin war die Mauer gefallen, die Wiedervereinigung zweier ehemaliger deutscher Staaten zu einem Deutschland stand kurz bevor. Und während in der Bundesliga bereits in der Spielzeit 89/90 ehemalige Spieler aus der DDR-Oberliga wie Andreas Thom ihre große Klasse zeigen durften, war die Weltmeister-Mannschaft ausschließlich mit Spielern aus West-Deutschland bestückt. Das musste nach den Verbandssatzungen wohl so sein. Daß allerdings der DFB lange Zeit darauf drängte, auch die darauffolgende Qualifikation zur Europameisterschaft 92 mit zwei weiterhin getrennten deutschen Mannschaften zu bestreiten, gilt bis heute in Bonn und Berlin als Musterbeispiel für politische Ignoranz eines Sportverbandes. Bei der EURO 92 holten sich die vereinigten Deutschen den Vize-Titel mit maßgeblicher Hilfe, zum Beispiel, des ehemaligen Dresdners und Neu-Stuttgarters Mathias Sammer.

Die Prophetie von der Unschlagbarkeit jedenfalls war, wie man weiß, eine der vielen Beckenbauerschen Luftblasen, die schnell zerplatzten. So wie die Hoffnung, bei den Freudenfeiern im Lande über den Gewinn des WM-Titels werde es um Fußball und sonst nichts gehen. Es gab hingegen viel Schwarz-Rot-Gold, es gab aber auch viel "Deutschland, Deutschland, über alles", und es gab eine Schneise der Verwüstung, die gewalttätige "Fans" durch deutsche Großstädte schlugen. Was die sportliche Seite betrifft, so war Italien 1990 kein Glanzpunkt in der WM-Historie. "Es war ein schwaches Finale", hat unlängst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" Andreas Brehme eingestanden, der den Foul-Elfmeter in der 84. Minute zum 1:0-Sieg über Argentinien verwandelte. "Es hätte nach 20 Minuten schon 5:0 stehen können, so viele Möglichkeiten hatten wir. Wir waren viel zu sehr überlegen, und da war es schwer, konzentriert zu bleiben. Da lag unser Problem".