Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Herbert Fischer-Solms

Deutschland

Teamchef statt Bundestrainer - Wie der DFB mit der Tradition gebrochen hat

Was den Deutschen von 1990 in Erinnerung bleibt : Ein gefasster, ein nachdenklicher Franz Beckenbauer, einsam im vollbesetzten Olympiastadion von Rom, gefasst in der Stunde seines größten Trainer-Triumphes. Wenige Jahre zuvor, als er die Nachfolge des überforderten Jupp Derwall antrat, hatte Beckenbauer im Mittelpunkt auch von Anfeindungen gestanden. Mit der vorzeitigen Trennung von Derwall, dem früheren Assistenten des Bundestrainers Helmut Schön, war erstmals die Bürokraten-Laufbahn von quasi Trainer-Beamten des DFB, die automatisch zum begehrtesten aller Trainer-Jobs in Deutschland führte, gestoppt worden. Und der Bundesverband Deutscher Fußball-Lehrer hatte pflichtgemäß die Berufung eines Nicht-Trainers zum Bundestrainer attackiert. Das Ergebnis des Protestes war die Erfindung der Funktion des "Teamchefs", was bis heute Nachahmer findet.

Von den drei deutschen Weltmeister-Mannschaften ist die von 1990, obwohl die aktuellste in der DFB-Geschichte, wohl am wenigsten in der Erinnerung haften geblieben. Bodo Illgner im Tor, in Abwehr und Mittelfeld Andreas Brehme, Jürgen Kohler, Klaus Augenthaler, Guido Buchwald, Thomas Berthold, Stefan Reuter, Lothar Matthäus und Thomas Häßler sowie im Angriff Pierre Littbarski, Rudi Völler und Jürgen Klinsmann- so hießen die Spieler, die inzwischen als hochdotierte Trainer und Sportdirektoren überwiegend weiterhin Teil der gegenwärtigen Fußball-Szene in Deutschland sind.

Die Helden von Bern 54 und ihre Strahlkraft

Der Kontrast zwischen den Weltmeistern 1990 und den Helden des Jahres 1954 könnte größer nicht sein. Das vielbeschriebene Wunder von Bern, als Deutschland erstmals Fußball-Weltmeister wurde und sensationell die legendäre ungarische Mannschaft mit 3:2 bezwang, hat auch Verlierer zurückgelassen. Werner Kohlmeyer, zum Beispiel, der, als die Leistung nachließ, zu trinken begann und als Hilfsarbeiter mit 49 Jahren starb. Auch andere aus der vielumjubelten Mannschaft gerieten in wirtschaftliche und soziale Probleme. Die Strahlkraft der Mannschaft von Sepp Herberger und seines kongenialen Spielführers Fritz walter ist jedoch ungebrochen, sie nimmt, so scheint es, mit dem größeren zeitlichen Abstand zum Ereignis eher noch zu.

Vor zwei Jahren feierte das "Wunder von Bern" das 50. Jubiläum. Inzwischen ist in Deutschland ein veritabler Historiker-Streit ausgebrochen, in dessen Mittelpunkt die Behauptung steht, in den Juli-Tagen 1954 habe die dritte Gründung der Bundesrepublik Deutschland stattgefunden, nach der Währungsreform 1948 und der Verabschiedung des Grundgesetzes im Mai 1949. Oder waren die Tage nach dem Titelgewinn für viele Deutsche sogar die eigentliche Gründung des neuen Staates?

Ja, sagt, zum Beispiel, der Bonner Politikwissenschaftler Arthur Heinrich. Kaum zehn Jahre nach dem Ende der von Deutschland verschuldeten Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ließ das 3:2 die Bundesdeutschen einige Momente lang bilanzierend innehalten und rückblickend gemeinsam feststellen, dass man enorm viel geleistet hatte, behauptet Heinrich - Leistungen, die dann auch noch mit dem Titel Fußball-Weltmeister gekrönt wurden: