Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Herbert Fischer-Solms

Deutschland

WM-Gewinn 54 und Identitätsstiftung der Deutschen

Im Historiker-Streit um die Bedeutung des 4.Juli 1954 als ein für die Gründung der Republik identitätsstiftendes Ereignis nimmt der politische Autor Norbert Seitz aus Berlin eine dem gegenwärtigen Mainstream klar entgegengesetzte Haltung ein. "Hinter dem "Wunder von Bern" lauern alle Fallstricke eines bloß emotional gestifteten neuen Patriotismus", hat Seitz in einem Essay für die vom Deutschen Bundestag in Berlin herausgegebene Wochenzeitung ‚Das Parlament´ geschrieben. Streng genommen sei das 3:2 von Bern nicht einmal ein westdeutsches, sondern eher ein gesamtdeutsches Ereignis: Im Fußball habe die geteilte Nation noch einmal zusammengefunden. Während der SED-Staat die Daumen für die sozialistischen Brüder aus Ungarn drückte, hielt jedoch die DDR-Bevölkerung zu ihren westdeutschen Landsleuten.

Was ist dran am Mythos 4. Juli 1954? Ein vergleichbares Datum der nationalen Begeisterung hat es nur noch am 9. November 1989 gegeben, dem Tag, als die Mauer fiel. Hans-Eberhard Richter, der politischste unter den deutschen Psychoanalytikern, hat das Wunder von Bern und seine Implikationen als fast 30jähriger in Berlin erlebt: "Es waren immer noch die Spuren des Kaputten da. Man baute schnell wieder alles auf. Man wollte die Spuren der Zerstörung nicht mehr sehen. Und nun gab es also diese Weltmeisterschaft. Die hatte ja geradezu symbolisch einen Verlauf, der so die deutsche Situation widerspiegelte, nämlich: erst in der Vorrunde ein Debakel, ein 3 : 8 gegen die Ungarn, und dann passiert diese Wiederauferstehung dieser Mannschaft. Das war auch eine Wiederauferstehung für die Bevölkerung. Wie eine Erlösung, wie Heilung von einer Krankheit, aus einer Depression. Es hatte eine identitätsstiftende Wirkung. Für die Selbstachtung der Deutschen war dieses 1954 ein Durchbruch".

Das Datum, die WM und ihre Helden Fritz Walter und Helmut Rahn seien, anders als andere Gedenktage "nie einer zersplitterten Erinnerungskultur zum Opfer gefallen. Sie stiften auch ein halbes Jahrhundert später noch eine Gedächtnisgemeinschaft", meint der Journalist und Historiker Erik Eggers. Der intensive Reflex auf die Bilder und Berichte von damals sei vor allem als nationale Therapie zu verstehen, als heilende und Hoffnung stiftende Maßnahme für die angesichts von Haushaltsdefizit, Minuswachstum, Arbeitslosenquote und Pisa-Studie von Depression gezeichnete deutsche Psyche. Eggers zitiert in diesem Zusammenhang eine griffige Umschreibung für diese These: "Es muss ein Bern durch Deutschland gehen."

Als sogar der Kanzler weinte

Sogar der vormalige Kanzler Schröder kam zum Weinen ins Kino. Er zeigte sich öffentlich gerührt, als Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern" in Helmut Rahns Heimatstadt Essen uraufgeführt wurde. Am Ende hat die Analyse des Publizisten Norbert Seitz durch das frühe Scheitern der deutschen Nationalmannschaft beim letzten bedeutenden Turnier, der Europameisterschaft 2004 in Portugal, eindrucksvoll Bestätigung erfahren: "Inzwischen garantieren die sprichwörtlichen deutschen Tugenden allein keinen Erfolg mehr gegen eine technisch und taktisch hochgerüstete internationale Konkurrenz. Gesellschaftliche Analogien bieten sich an: Eine neue Spielergeneration beherrscht nicht einmal mehr das Kämpfen. Der einstige Superstar im Weltfußball steht vor der Zweitklassigkeit. Radikale Umbrüche verlangen nach heroischen Vorbildern. Schon deshalb dürfte auch das "Wunder von Bern" nie in Vergessenheit geraten..."

Viele Fragen und eine Menge Zweifel liegen über dem Team von Jürgen Klinsmann. Der Bundestrainer ist, wie er zuletzt mit der Nominierung des bisher noch nie in der Nationalelf berücksichtigten 22jährigen Dortmunders David Odonkor noch einmal bewiesen hat, immer für eine Überraschung gut. Vielleicht trifft das ja auch für seine Mannschaft zu.