Frauenfußballerinnen
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Damenfußball in der Verbotszeit


4.9.2007
Ende der 50er Jahre kommt es zur Gründung der ersten Damenfußballverbände. Die konkurrierenden Organisationen veranstalten Auswahlspiele gegen ausländische Mannschaften, sogar eine erste Frauenfußball-Europameisterschaft findet im November 1957 in Berlin statt.

Programmheft des Pfingstspiels der Westdeutschen Auswahl gegen Nordholland in Ulm 1957Programmheft des Pfingstspiels gegen Nordholland in Ulm 1957 (© Privatarchiv Nendza/Hoffmann)
In der Folgezeit finden zahlreiche "Länderrepräsentativspiele" statt. Organisiert werden sie vom Westdeutschen Damen-Fußball-Verband unter Leitung von Willi Ruppert bzw. von der dem WDFV angegliederten "Abteilung Süddeutschland", geleitet von Josef Floritz. Oftmals sind die Tore zu den Plätzen verriegelt und die Polizei schickt den Bus mit den Spielerinnen zurück. "Dat war damals 'ne furchtbare Zeit gewesen", erinnert sich Lore Barnhusen, geb. Karlowski. Sie spielt bei Kickers Essen und ist bei mehreren Länderspielen dabei. "Wir hatten manchmal Tränen in die Augen, wir waren ja jetzt heiß gewesen, wir wollten Fußball spielen. Und dann hörten wir nur, seid ruhig, seid ruhig, wir fahren eine Runde, und dann war die Polizei weg gewesen, dann war das Tor los, der Bus ist reingefahren, wir ausgestiegen, dann in ne Kabine rein, umgezogen, ja und dann haben wir Fußball gespielt."

Am Pfingstmontag 1957 werden sogar zwei Auswahlspiele gleichzeitig durchgeführt. Während in Ulm vor 9000 Zuschauern die deutsche Auswahl gegen DCO Haarlem mit 7:0 gewinnt, verliert eine zweite deutsche Auswahl am gleichen Tag in Utrecht gegen das Team von Herbido mit 6:0. Am 28. Juli 1957 findet im Stuttgarter Neckarstadion ein Länderspiel gegen England statt. "Nun haben also die unaufhaltsamen Wogen der Gleichberechtigung auch das Fußballfeld "beleckt" und selbst die Opposition des gestrengen DFB wie einen morschen Damm hinweggespült", kommentiert die Stuttgarter Zeitung vom 26.7.1957 im Vorfeld des Spiels. Damenfußball ist nach wie vor umstritten, und so erwartet man "Skeptiker", "Schaulustige" und "Befürworter des Damenfußballs". Vor 11.000 Zuschauern trennen sich die beiden Frauenteams bei strömendem Regen mit 1:1. Das englische Team wird von keinem geringeren als Bert Trautmann betreut, dem deutschen Torhüter und Europapokalhalbfinalisten von Manchester City. Die UFA-Wochenschau indes beurteilt Damenfußball als eine Art Sport nach Hausfrauenart und beklagt "den Ausverkauf holder Weiblichkeit."

"Ball paradox"

"Bert Trautmann gab den Anstoß und das Stuttgarter Neckarstadion wurde zum Tummelplatz von 22 Fußballbräuten. Deutschland gegen England hieß der neueste Schlager im unaufhaltsamen Ausverkauf holder Weiblichkeit. Englands Damenelf besann sich von Anfang an auf eine ruhmreiche Fußballtradition und ging mit 1:0 in Führung. Unermüdlich drängten sich die Insel-Damen im gegnerischen Strafraum, aber angestachelt durch echte Hausfraueninstinkte hielten die Deutschen ihr Nest sauber. Der Ausgleich erfolgte nach dem Prinzip der Gleichberechtigung, und der stürmische Beifall der Männerwelt trieb die Amazonen zu immer neuen Taten an. Die Zeit ist um. Der Spielstand hat sich nicht geändert. Gesiegt hat der Frauenfußball. Aber gewonnen hat keine der Damen." (Quelle: UFA-Wochenschau vom 31.7.1957)


Der DFV Nürnberg reist nach Jugoslawien



Ende 1957 gründet sich ein weiterer Club in Süddeutschland. Mit ihren fußballbegeisterten Freundinnen ruft die damals 21-jährige Helga Faul den DFV, den Damenfußball Verein Nürnberg ins Leben. Zur Gründungsversammlung des DFV laden Helga Faul und ihre Freundinnen mit kleinen Flugblättern ein. Die Freundin der Tante besitzt eine Druckerei und ist behilflich.15 Frauen kommen zusammen. Sie wählen einen Vorstand und verabschieden die Vereinssatzung.

Einen Trainingsplatz finden die engagierten Sportlerinnen im Nürnberger Vorort Ziegelstein, dort wo auch Helga Faul mit Mutter und Schwester wohnt. Die Akkordarbeiterin in der Metall- und Elektroindustrie fragt bei einem Betrieb nach, und die Geschäftsleitung stellt großzügig den firmeneigenen Platz zur Verfügung. Als Umkleidekabine, so erzählt Helga Faul, habe das mütterliche Schlafzimmer, zehn Minuten vom Trainingsplatz entfernt, herhalten müssen.

Ein Jahr lang wird "jeder Groschen auf die Seite gelegt", für die gelb-schwarzen Trikots. Zum ersten Spiel treten die DFV-Spielerinnen am 9. November 1957 in Ulm an. Gemeinsam mit Spielerinnen aus München bilden die Nürnbergerinnen eine Auswahl, die gegen das Team von Fortuna Dortmund antritt. Gegen die eingespielten und international erprobten Dortmunderinnen hat die fränkisch-bayerische Elf keine Chance und verliert 0:7.

Knapp zwei Jahre später, am 6. September 1959 läuft erneut ein Team aus Münchener und Nürnberger Spielerinnen auf. In Pfaffenhofen springen die süddeutschen Kickerinnen kurzfristig für eine verhinderte Elf aus Holland ein, die gegen eine westdeutsche Auswahl hatte antreten sollen. Die Fußballerinnen aus München und Nürnberg unterliegen 0:4. In der lokalen Presse ist anschließend zu lesen.: "Damenfußball! Als wir das Wort zum ersten Mal hörten, dachten wir unwillkürlich an Damenringkämpfe und ähnlichen Zirkus, welcher in erster Linie auf die billige Sensationsgier und den erotisch angehauchten Nervenkitzel spekuliert. Am Sonntag musste man seine Meinung revidieren. Das Spiel war von der ersten bis zur letzten Minute fair und in Grenzen, die nun einmal für Frauen gezogen sind. Man hatte in keiner Phase den Eindruck, im ästhetischen Gefühl verletzt worden zu sein".

Eine Woche später reisen die Nürnberger Fußballerinnen ins ehemalige Jugoslawien. Durch eine Urlaubsbekanntschaft kommen die Gastspiele zustanden. Für den Schriftverkehr müssen Helga Faul und ihre Vorstandskolleginnen immer wieder ein Übersetzungsbüro am Bahnhof aufsuchen. Schließlich ist es soweit und in aller Herrgottsfrühe machen sich die DFV-Frauen mit der Bahn auf den Weg. Als Reiseproviant muss ein wenig Brot, mit Wasser verdünnter Himbeersaft und ein paar Zigaretten reichen.

Zweimal tritt der DFV gegen die Frauen von Roter Stern Belgrad an, am 12. September 1959 in Zagreb und bereits einen Tag später, am 13. September, in Sarajewo. Beide Spiele werden hoch verloren, einmal 2:11 und einmal 3:13. Die jugoslawischen Frauen kicken schon länger und ganz offiziell. Nürnberger Spielerinnen stehen auch immer wieder in der vom Münchener Josef Floritz aufgestellten Nationalelf. Am 19. April 1958 in Mannheim und am 20. April im Stuttgarter Neckarstadion laufen Renate Zeh, Natalie Erdmann und Helga Faul vom DFV gegen Holland auf.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/2.0/de/ Autor: Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza für bpb.de

 

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