Eisberg vor Grönland

Kosten des Klimawandels


2.3.2009
Als Auswirkung des Klimawandels ist in den nächsten Jahrzehnten mit einer Zunahme von extremen Wetterereignissen zu rechnen. Dies führt zu erheblichen volkswirtschaftlichen Schäden. Wichtig ist es daher, frühzeitig in den Klimaschutz einzusteigen, da die Kosten umso höher werden, je später damit begonnen wird.

Sir Nicholas Stern beantwortet Fragen während einer Pressekonferenz über den historischen Bericht "The Economics of Climate Change 'in London. Der Bericht wurde vom britische Schatzkanzler Gordon Brown in Auftrag gegeben um sich einen Überblick über die finanziellen Kosten der Klimaänderung zu verschaffen.Sir Nicholas Stern hat im Auftrag der britischen Regierung einen umfassenden Bericht über die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung vorgelegt. (© AP)

Einführung



Als Auswirkung des Klimawandels ist in den nächsten Jahrzehnten mit einer Zunahme von extremen Wetterereignissen wie erhöhten Niederschlägen, Überschwemmungen oder Stürmen zu rechnen. Ein Anstieg der Anzahl und der Intensität von extremen Wetterereignissen führt zu erheblichen volkswirtschaftlichen Schäden.

Aber nicht nur die Klimaschäden an sich verursachen Kosten, auch für den Klimaschutz werden finanzielle Mittel benötigt. Neben den Kosten für Klimaschäden zählen demnach auch die Kosten der Vermeidung (vor allem Umstellung der Energieversorgung hin zu erneuerbaren Energien) und die Kosten der Klimaanpassung (Infrastrukturmaßnahmen etc) zu den Kosten des Klimawandels.

Um die Kosten des Klimawandels zu berechnen, werden ökonomische Klimamodelle verwendet. Diese koppeln ökonomische Modelle mit Klimamodellen und versuchen mit Hilfe von Simulationen, die Kosten von bestimmten Auswirkungen oder Maßnahmen zu ermitteln. Da es eine Vielzahl von unterschiedlichen Modellen mit verschiedenen Herangehensweisen und Annahmen gibt, sind auch die Ergebnisse sehr unterschiedlich. Einig sind sich die meisten Experten allerdings darin, dass, je früher damit angefangen wird, ausreichende und geeignete Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen, desto geringer die Klimaschäden und die daraus folgenden Kosten in den kommenden Jahrzehnten ausfallen werden.

Klimakosten in Deutschland



Ohne eine geeignete Klimaschutzpolitik ist damit zu rechnen, dass es auch in Deutschland zu einer steigenden Anzahl und Intensität von extremen Wetterereignissen kommen wird. Dies würde in den kommenden Jahrzehnten zu erheblichen volkswirtschaftlichen Schäden in nahezu allen Sektoren führen. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) werden die Land- und Forstwirtschaft besonders betroffen sein, wo es aufgrund von Trockenheit und Wassermangel zu Ernteausfällen in Höhe von insgesamt ca. drei Milliarden Euro bis 2050 kommen könnte. Durch Überflutungen und Hochwasser ist zusätzlich mit Immobilien- und Infrastrukturschäden von ca. zehn Milliarden Euro zu rechnen. Dazu kämen dann noch Kosten für die Anpassung an den Klimawandel (z.B. für eine Umstellung auf andere Anbaumethoden), dessen Höhe für diesen Sektor auf etwa das doppelte der Klimaschäden geschätzt wird.

Für den Tourismussektor werden für den Zeitraum bis 2050 die Kosten der Klimaschäden (z.B. ausbleibender Schnee in Wintersportregionen) vom DIW auf ca. 19 Milliarden Euro eingeschätzt, Anpassungskosten (z.B. für alternative Tourismusangebote) auf ca. elf Milliarden Euro. Auch im Gesundheitssektor ist mit hohen Kosten zu rechnen; die Kosten der Klimaschäden für den gleichen Zeitraum (z.B. verursacht durch das Auftreten von Krankheiten, die bisher überwiegend in subtropischen Ländern vorkommen) können ca. 37 Milliarden Euro betragen, die der Anpassung z.B. in Form von Vorsorgemaßnahmen ca. 24 Milliarden Euro.

Im Energie- und Verkehrssektor ist mit einer extremen Steigerung der Energiekosten zu rechnen. Allein durch eine 20-prozentige Steigerung der Energiepreise würden bis 2050 volkswirtschaftliche Schäden von ca. 130 Milliarden Euro entstehen. In gewissen energieintensiven Branchen ist mit einer Steigerung des Energiekostenanteils von ca. 85 Prozent an den Gesamtkosten zu rechnen. Auch die Finanzwirtschaft würde von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sein: Bei den Rückversicherern wird mit einer zusätzlichen Kostenbelastung von ca. 100 Milliarden Euro gerechnet.

Ohne stärkere Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels könnten sich die Kosten der Auswirkungen in Deutschland laut DIW bis zum Jahr 2050 auf insgesamt knapp 800 Milliarden Euro belaufen. Von diesen 800 Milliarden Euro würden ca. 330 Milliarden Euro auf direkte Kosten durch Klimaschäden entfallen, ca. 300 Milliarden Euro auf erhöhte Energiepreise (überwiegend für private Haushalte), sowie ca. 170 Milliarden Euro für Anpassungsmaßnahmen. Insgesamt würde dies zu gesamtwirtschaftlichen Wachstumseinbußen von bis zu 0,5 Prozentpunkten führen. Ohne Gegenmaßnahmen könnten sich die Kosten bis 2100 sogar auf bis zu 3.000 Milliarden Euro erhöhen, was einer ungefähren Vervierfachung gegenüber 2050 entsprechen würde.

Quelle: Wuppertal Institut, basierend auf DIW 2007.Quelle: Wuppertal Institut, basierend auf DIW 2007.
Um diesen möglichen Auswirkungen entgegenzuwirken, wurden zahlreiche klimapolitische Maßnahmen auf EU- und auch auf Bundesebene beschlossen. Dazu zählt beispielsweise das deutsche integrierte Energie- und Klimaprogramm (IEKP). Im Auftrag des Umweltbundesamts hat das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) eine Studie zu den ökonomischen Kosten und Nutzen des IEKP erstellt. Nutzen deshalb, weil Klimaschutzmaßnahmen nicht nur Kosten erzeugen (direkte Ausgaben des Staats, Kosten der Allgemeinheit durch Umlagen auf den Strompreis, Investitionen beim Endverbraucher), sondern auch zu langfristigen Entlastungen (Entlastung der Endverbraucher durch gegenüber der Entwicklung ohne klimapolitische Maßnahmen geringere Energiekosten, sinkende Energieimporte, (Export)vorteile der deutschen Wirtschaft durch innovative Technologien) führen. Aus der Differenz zwischen den zu erwartenden Kosten und den zu erwartenden Nutzen ergeben sich die Nettokosten bzw. der Nettonutzen.

Die Hauptaussage der Studie des ISI liegt darin, dass die Mehrzahl der Maßnahmen des IEKPs zu einer Nettoeinsparung von Kosten, also einem Nettonutzen, führen wird. In Zahlen ausgedrückt führt die Studie zu dem Ergebnis, dass für das IEKP im Jahr 2020 31 Milliarden Euro Bruttokosten anfallen, denen jährlich eingesparte Energiekosten von 36,3 Milliarden Euro gegenüber gestellt werden können. Demzufolge würde im Jahre 2020 ein ökonomischer Nutzen von ca. fünf Milliarden Euro vorliegen. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass mit recht moderaten Öl- und Gaspreisen gerechnet wurde (65 Dollar pro Barrel), die bereits Mitte 2008 nicht mehr zutrafen. Bei weiter steigenden Energiepreisen wäre daher mit einem steigenden Nettonutzen zu rechnen.

Klimakosten auf globaler Ebene



Die bekannteste und meist diskutierte Studie, die sich mit den Kosten des Klimawandels und dessen Bekämpfung auf internationaler Ebene beschäftigt, ist der so genannte "Stern Review". Der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Sir Nicholas Stern, hat im Auftrag der britischen Regierung in einem rund 650 Seiten fassenden Bericht den derzeitigen Wissensstand über die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung untersucht.

Quelle: Wuppertal Institut, basierend auf DIW 2007.Quelle: Wuppertal Institut, basierend auf DIW 2007.
Dem Stern Review liegt die Annahme zu Grunde, dass der globale durchschnittliche Temperaturanstieg in den nächsten ca. 50 Jahren auf zwei bis drei Grad Celsius begrenzt werden kann. Dadurch werde sich der globale Pro-Kopf-Konsum um bis zu 20 Prozent verringern. Dies würde einem Verlust von ungefähr fünf Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts entsprechen – wobei die ärmsten Nationen am stärksten betroffen sein würden.

Eine der Hauptaussagen des Stern Reviews besteht – wie bei der Schätzung des ISI für das konkrete IEKP in Deutschland – darin, dass der Nutzen frühzeitigen Handels zur Bekämpfung des Klimawandels die entstehenden Kosten überwiegen wird. Da sich die Klimaschäden ohne geeignete Klimaschutzmaßnahmen mit der Zeit häufen würden, würden auch die Kosten zur Beseitigung der Klimaschäden bzw. zur Anpassung an den Klimawandel immens steigen.

Zur gleichen Aussage kommt auch das DIW: "Sofortiges Handeln spart hohe Kosten". Mit Hilfe von Modellrechnungen wird gezeigt, wie sowohl die globalen Klimaschutzkosten als auch die Klimaschäden bei einer zeitlich nach hinten verlagerten Klimaschutzpolitik steigen werden.

Diesen Berechnungen zufolge würden die globalen Klimaschutzkosten bei Klimaschutzbeginn im Jahr 2005 bei 3.007,29 Milliarden US-Dollar in 2100, bei Beginn in 2025 bei 3.349,57 Milliarden US-Dollar in 2100 liegen – was also einem Kostenunterschied von knapp 350 Milliarden US-Dollar entspricht. Besonders deutlich wird der Anstieg der Kosten wenn man sich für die gleichen Zeiträume die Kosten der Klimaschäden ansieht: Bei einem Klimaschutzbeginn im Jahr 2005 wird mit Klimaschäden in Höhe von 3.384,46 Milliarden US-Dollar in 2100 gerechnet, bei einem Klimaschutzbeginn in 2025 würden sich die Klimaschäden in 2100 schon auf 15.368,00 Milliarden US-Dollar belaufen.

Ökonomische Klimamodelle



Zur ökonomischen Berechnung der Klimaschäden, der Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen werden ökonomische Klimamodelle verwendet, die meist aus einem volkswirtschaftlichen Modell, gekoppelt mit einem Klimamodell, bestehen.

Wie funktionieren diese Modelle?

Vereinfacht dargestellt, beruhen ökonomische Klimamodelle auf bestimmten angenommen ökonomischen Wirkungsketten. Die Modelle werden mit verschiedenen Daten hinsichtlich Preisen, Emissionsentwicklungen etc. gespeist. Wichtige Parameter umfassen statisches oder dynamisches Modellieren, einen top-down- (von der Gesamtwirtschaft ausgehend) oder bottom-up- (von einzelnen Wirtschaftssektoren ausgehend) Ansatz, einen partiellen oder generellen Fokus, die Reichweite sowie den Zeithorizont.

Die notwendigen Investitionen von angenommenen Vermeidungs- oder Anpassungsmaßnahmen fallen meist in der Anfangsphase an, während sich die entsprechenden Wirkungen über die gesamte Lebensdauer der Maßnahme verteilen, bzw. erst in der Endphase anfallen. Um dies zu berücksichtigen, werden die Investitionskosten in jährliche Kosten über den gesamten Zeitraum der Maßnahme verteilt. Diese Annuitäten werden dann den Einsparungen der Maßnahme (z.B. geringere Energiekosten) gegenübergestellt. Der Saldo stellt dann die Nettokosten oder Nettoerlöse der Maßnahme dar. Wenn man diesen Saldo diskontiert, erhält man den Kapitalwert der Maßnahme für einen bestimmten Zeitpunkt, z.B. für 2008. Ergibt sich ein negativer Kapitalwert, spiegelt dies eine Investition in die Emissionsvermeidung wieder; ein positiver Kapitalwert zeigt einen ökonomischen Gewinn bei gleichzeitiger Emissionsreduktion.

Das Forschungsinstitut Fraunhofer ISI ist bei seiner Bewertung der Kosten des bundesdeutschen "Integrierten Energie- und Klimaprogramms" beispielsweise zu dem Schluss gekommen, dass mit jährlichen Investitionen von 31 Milliarden Euro in den Klimaschutz, 36 Milliarden Euro an Energieeinsparungen ausgelöst werden und sich damit ein Nettoerlös von 5 Milliarden Euro ergibt.

Kritische Betrachtung der ökonomischen Klimamodelle



Die Abschätzung von künftigen Klimaschäden und -kosten ist mit großen Unsicherheiten verbunden. Daher muss man bei der Auswertung von Ergebnissen ökonomischer Klimamodelle wie bei allen Arten von Modellierungen stets im Hinterkopf behalten, dass es sich um vereinfachende, nur Teilbereiche der Wirklichkeit abdeckende Modelle handelt. Dies bedeutet, dass die Ergebnisse jeweils für den zugrunde liegenden Modellrahmen gültig sind und stark von den dort getätigten Annahmen abhängen.

Weiterhin sind modellunabhängige Annahmen von großer Bedeutung für das Ergebnis, wie z.B. die Einschätzung des Ölpreises, die Höhe der Diskontierungsrate, etc. Insgesamt führt dies dazu, dass es zu großen Unterschieden in den Ergebnissen verschiedener Modellberechnungen kommen kann.

Aufgrund der Begrenztheit von ökonomischen Modellergebnissen lässt sich die konkrete Summe der Kosten der Klimaschäden nicht sicher voraussagen. Die Aufgabe von ökonomischen Klimamodellen liegt aber auch nicht darin, punktgenaue Kosten vorherzusagen, sondern Erkenntnisse über Zusammenhänge und mögliche finanzielle Dimensionen zu erlangen. Aus den grundlegenden Tendenzen (Nettokosten oder Nettonutzen) und den Größenordnungen sind die richtigen politischen Schlüsse zu ziehen.

Fazit



Viele Studien machen deutlich, dass der Klimawandel zu volkswirtschaftlichen Schäden in nahezu allen Sektoren in allen Ländern der Welt führen wird. Die Mehrzahl der Studien und Modellergebnisse geht davon aus, dass die Kosten des Klimawandels ohne ausreichende klimapolitische Maßnahmen immens hoch sein werden. Sie zeigen auch, dass es wichtig ist, frühzeitig in den Klimaschutz einzusteigen, da die Nettokosten höher werden, je später begonnen wird. Das Fazit lautet daher: Die Bekämpfung des Klimawandels wird zwar teuer – Nichtstun aber deutlich teurer!

Literatur



DIW (2005): Weltweiter Klimaschutz – Sofortiges Handeln spart hohe Kosten. DIW Wochenbericht Nr. 12-13/2005, 72. Jahrgang / 23. März 2005.

DIW (2007): Klimawandel kostet die deutsche Volkswirtschaft Milliarden. DIW Wochenbericht Nr. 11/2007, 74. Jahrgang / 14. März 2007.

»Integriertes Integriertes Energie- und Klimaprogramm der Bundesregierung«


Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Kooperation mit Öko-Institut, Forschungszentrum Jülich, Dr. Hans-Joachim Ziesing (2007): Wirtschaftliche Bewertung von Maßnahmen des Integrierten Energie- und Klimaprogramms (IEKP).

Stern, Nicholas (2007): The Economics of Climate Change: The Stern Review. Cambridge University Press 2007. »Deutsche Zusammenfassung«


 

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