Eisberg vor Grönland

Schwarz auf weiß: Arbeit und Berichte des Weltklimarates (IPCC)


10.7.2008
Dass der Klimawandel heute weltweit auf der politischen Tagesordnung steht, verdanken wir vor allem der Arbeit des Weltklimarates. Mit seinen detaillierten Berichten zum Stand der Forschung konnte er die Zweifel am Klimawandel glaubwürdig widerlegen.

Dr. Rajendra Pachauri, Vorsitzender des Weltklimarates (IPCC) bei einer Pressekonferenz 2002.Hält die Fäden in der Hand: Rajendra Pachauri steht dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), dem Weltklimarat, vor. (© AP)

Einführung



In der Debatte über Ursachen, Folgen und Handlungs- möglichkeiten angesichts des Klimawandels nimmt der Weltklimarat (IPCC) eine zentrale Stellung ein. Das internationale Gremium aus Wissenschaftlern veröffentlicht in regelmäßigen Abständen Sachstandsberichte. Diese gelten als maßgebliche Zusammenfassung des Wissensstandes der Klimaforschung und dienen der internationalen Klimapolitik als Entscheidungsgrundlage. Der 2007 veröffentlichte vierte Sachstandsbericht (AR4) hat die zu erwartenden Folgen des Klimawandels in der bislang schärfsten Form skizziert und damit das Thema stärker als zuvor in den Blickpunkt öffentlichen Interesses gerückt. Für seine Arbeit erhielt das IPCC im Jahr 2007 den Friedensnobelpreis.

Geschichte und Aufgaben des IPCC



Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, Zwischenstaatlicher Ausschuss zum Klimawandel, kurz Weltklimarat) wurde 1988 von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und dem Umweltprogramm der UNO (UNEP) gegründet. Das IPCC soll politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit als objektive Informationsquelle über das komplexe Thema des Klimawandels dienen. Das Beratungsgremium mit Sitz in Genf betreibt keine eigene Forschung, sondern liefert einen Überblick über die Erkenntnisse, die in Studien und Untersuchungen zum Klimawandel weltweit gewonnen wurden – in Universitäten, Instituten und anderen Forschungseinrichtungen.

Auf Basis dieser Auswertungen ist es die Aufgabe des IPCC, wissenschaftliche, technische und sozioökonomische Informationen bereitzustellen, die zum Verständnis der Ursachen, Wirkungen und Risiken des von Menschen verursachten Klimawandels beitragen. Diese Informationen sollen eine Wissensbasis zur politischen Entscheidungsfindung bilden. Daher ist der Weltklimarat auch der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) beigeordnet.

Organisatorische Struktur des IPCC



Im IPCC können alle 191 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen mitarbeiten, bei der Erstellung des vierten Sachstandsberichts waren 130 Staaten beteiligt. Delegierte ihrer Regierungen sind im Plenum des Weltklimarates vertreten. Dort werden zentrale Entscheidungen getroffen: Das Plenum wählt den Vorstand und den Vorsitzenden, entscheidet über Zusammensetzung und Aufgaben der einzelnen Arbeitsgruppen, über Budget und den Arbeitsplan des Weltklimarates. Schließlich verabschiedet das Plenum die Sachstandsberichte und nimmt Einfluss auf die Formulierung von deren Kurzfassungen.

Die Organisationsstruktur des Weltklimarates. Quelle: www.ipcc.ch/about/how-the-ipcc-is-organized.htmDie Organisationsstruktur des Weltklimarates. Quelle: www.ipcc.ch/about/how-the-ipcc-is-organized.htm
Die inhaltliche Arbeit des Weltklimarates findet in den wissenschaftlichen Arbeitsgruppen statt. Arbeitsgruppe 1 beschäftigt sich mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zum Klimawandel, Arbeitsgruppe 2 analysiert die Auswirkungen des Klimawandels auf Natur, Gesellschaft sowie Wirtschaft und Arbeitsgruppe 3 bewertet die Möglichkeiten zur Abmilderung des Klimawandels durch Begrenzung der Emission von Klimagasen. Eine weitere Arbeitsgruppe entwickelt Methoden zur standardisierten Bestandsaufnahme der Treibhausgasemissionen in den einzelnen Ländern.

Geleitet wird die Arbeit der Wissenschaftler durch den Vorstand des IPCC. Der Vorstand, dem zurzeit 30 Mitglieder angehören, wird für die Dauer der Erstellung eines Berichts gewählt – in der Regel für fünf Jahre. Vorsitzender des IPCC ist derzeit der indische Umweltwissenschaftler Rajendra Kumar Pachauri. Neben seinen drei Stellvertretern besteht der Vorstand aus den jeweils zwei Vorsitzenden der einzelnen Arbeitsgruppen, von denen je einer aus einem Entwicklungsland kommt, und deren sechs Stellvertretern. Geplant und organisiert werden die Aktivitäten des Weltklimarates durch dessen Sekretariat.

Die organisatorische Struktur zeigt, dass der Weltklimarat eine Institution ist, die zwischen den Feldern der Wissenschaft und der Politik steht. Trotz der allein durch Wissenschaftler verantworteten Berichte steht das IPCC daher in der Kritik, politischer Einflussnahme ausgesetzt zu sein. Andererseits gewährleistet die Einbindung von Regierungen eine hohe Akzeptanz der Ergebnisse unter politischen Entscheidungsträgern.

Berichte zum Wissensstand der Klimaforschung



Alle vier bis sechs Jahre legen die Wissenschaftler des IPCC einen Sachstandsbericht (Assessment Report, AR) vor, der den weltweiten Forschungsstand zum Klimawandel zusammenfasst.

Jede der drei Arbeitsgruppen ist für einen Teil des Berichtes verantwortlich. Im ersten Teil werden die Methoden und naturwissenschaftlichen Grundlagen des Treibhauseffekts behandelt, im zweiten die Verwundbarkeit der Erde und des Lebens dargestellt sowie Anpassungsmöglichkeiten an den Klimawandel diskutiert, im dritten Teil schließlich Möglichkeiten für eine Abschwächung der Erderwärmung aufgezeigt. Bei der Erstellung der Berichte legt das IPCC großen Wert auf wissenschaftliche Sorgfalt. Nahezu alle führenden Forschungseinrichtungen sind daran beteiligt, ebenso wirken Umweltorganisationen mit. Am vierten Sachstandsbericht haben über 450 Autoren und 2500 wissenschaftliche Kritiker mitgearbeitet.

Prozess der Erstellung eines Sachstandsberichts



Nachdem die Versammlung des IPCC das Ziel des nächsten Berichts umrissen hat, können Regierungen und Nichtregierungsorganisationen Vorschläge für Autoren machen, der Vorstand des Weltklimarates wählt diese schließlich aus. Wer darunter die Hauptautoren sein werden wird dann von den einzelnen Arbeitsgruppen festgelegt. Dabei muss bei jedem Kapitel des Berichts zumindest ein Hauptautor aus einem Entwicklungsland beteiligt sein. Die Autoren sind anerkannte Wissenschaftler aus Forschungseinrichtungen, aber auch aus Industrie, Verwaltung oder Nichtregierungsorganisationen. Entscheidend ist bei der Auswahl der Experten nicht deren Einstellung zum Klimawandel, sondern allein deren wissenschaftliche Qualifikation.

Die Arbeit des IPCC ist auf Konsens angelegt: Jedes Kapitel muss von der gesamten Arbeitsgruppe akzeptiert werden, der gesamte Bericht benötigt schließlich die Zustimmung des von Regierungsvertretern besetzten Plenums. Um diesen wissenschaftlichen und politischen Konsens herzustellen, ist ein sorgfältiges Vorgehen notwendig.

Ablauf der Berichterstattung des Weltklimarates. Quelle: www.ipcc.ch/ipccreports/index.htmAblauf der Berichterstattung des Weltklimarates. Quelle: www.ipcc.ch/ipccreports/index.htm
Zunächst erarbeiten die Autoren einen ersten Entwurf ihres Kapitels auf Basis aller relevanten wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Die Hauptautoren konsultieren Experten, die ihnen als mitwirkende Autoren bei der Erstellung des Berichts in einzelnen Fragen helfen können oder spezifische Sichtweisen darstellen.

Dieser erste Entwurf durchläuft einen zweistufigen Prozess der Begutachtung durch eine Vielzahl externer Wissenschaftler. Jede Anmerkung und Kritik muss von den Autoren hinreichend berücksichtigt werden – dies wird von zwei wissenschaftlichen Redakteuren für jedes Kapitel sichergestellt. Alle Anmerkungen werden zudem öffentlich archiviert, um größtmögliche Transparenz herzustellen (»http://ipcc-wg1.ucar.edu«). Der bearbeitete Entwurf wird dann erneut den Begutachtern vorgelegt – und ebenso den beteiligten Regierungen, die ihrerseits berechtigt sind, den Text wissenschaftlich begutachten zu lassen. Nachdem auch deren Kommentare eingearbeitet sind, wird ein abschließender Entwurf vorgelegt, der in der Versammlung der Arbeitsgruppe diskutiert und bei Bedarf verändert wird. Schließlich wird der Entwurf vor der Veröffentlichung durch das IPCC-Plenum verabschiedet. Auf diese Weise publiziert jede der drei Arbeitsgruppen einen Bericht, eine technische Zusammenfassung sowie eine Zusammenfassung für Entscheidungsträger, die allerdings durch die Regierungsvertreter im Plenum des IPCC noch modifiziert werden kann. Nach Abschluss aller Berichte veröffentlicht der Weltklimarat schließlich einen Synthesebericht, der die Aussagen aller Berichte zusammenführt. Insgesamt sind die Sachstandsberichte des IPCC mehrere tausend Seiten stark. In ihnen ist nicht nur der wissenschaftliche Konsens über den Stand der Klimaforschung festgehalten, sondern auch alle noch offenen Fragen, Unsicherheiten und kritische Positionen.

Inhalte der Berichte des IPCC



Obwohl die Berichte des IPCC aus drei Teilen bestehen, erfährt der erste Teil regelmäßig die größte Aufmerksamkeit: die Erkenntnisse über die physikalischen Aspekte des Klimawandels, über seine Ursachen und vor allem über das vermutete Ausmaß des zukünftigen Klimawandels. Diese Klimaprognosen erstellt das IPCC auf der Basis von Annahmen über zukünftige politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen, die den Ausstoß von Klimagasen beeinflussen, in Form von verschiedenen Szenarien.

Verdichtung der Erkenntnisse: vom ersten bis zum dritten Sachstandsbericht

Seinen ersten Klimabericht veröffentlichte das IPCC 1990, zwei Jahre nach seiner Gründung. Mit seiner Forderung nach einem globalen Vertrag, der sich mit dem Klimawandel beschäftige, spielte der Bericht eine große Rolle für das Zustandekommen der Klimarahmenkonvention (UNFCCC) im Rahmen des "Erdgipfels" von 1992 in Rio de Janeiro. Die Wissenschaftler stellten fest, dass durch menschliches Handeln die Konzentration der Klimagase in der Atmosphäre angestiegen sei, wodurch ein zusätzlicher Treibhauseffekt entstehe. Je nach Szenario zukünftiger Treibhausgasemissionen könne dies zu einem Temperaturanstieg zwischen einem und fünf Grad Celsius im 21. Jahrhundert führen. Bereits im 20. Jahrhundert sei die Lufttemperatur zwischen 0,3 und 0,6 Grad Celsius gestiegen. In diesem Bericht werden jedoch viele Unsicherheiten der Wissenschaftler über das Klimasystem erwähnt. Der Einfluss von Wolken, Ozeanen und polarer Eisschilder sei noch nicht hinreichend verstanden, weshalb über das genaue Ausmaß und die regionale Verteilung des Klimawandels noch Ungewissheit herrsche.

Der zweite Sachstandsbericht von 1995 konkretisierte und verstärkte die Aussagen des IPCC hinsichtlich des Umfangs und der Auswirkungen des Klimawandels. Er leistete einen wichtigen Beitrag zum Zustandekommen des Kyoto-Protokolls 1997.

Im dritten Sachstandsbericht wurden die Erkenntnisse erneut bestätigt. Der menschliche Einfluss auf das Klima konnte mit höherer Wahrscheinlichkeit als zuvor ausgemacht werden, da sich die Klimamodelle verbessert hatten. Der 2001 veröffentlichte Bericht erreichte bereits eine sehr hohe Akzeptanz innerhalb der Klimaforschung. Öffentliche Sensibilisierung: der vierte Sachstandsbericht

Öffentliche Sensibilisierung: der vierte Sachstandsbericht

Der vierte Sachstandsbericht (»www.ipcc.ch«) erzielte die bisher größte öffentliche Aufmerksamkeit. Er beseitigte die verbliebenen wissenschaftlichen Zweifel am Klimawandel. Der Report beurteilt es als sehr wahrscheinlich (Wahrscheinlichkeit größer als 90 Prozent), dass der größte Anteil der beobachteten Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts vom Menschen verursacht wurde. Den zukünftigen Klimawandel beschreibt der Bericht bisher am dramatischsten: Im schlimmsten Szenario sei mit einer Erwärmung zwischen 2,4 und 6,4 Grad Celsius bis 2100 zu rechnen.

Anlass zur Besorgnis sehen die Wissenschaftler zudem in den Risiken für einzigartige und bedrohte Ökosysteme, im Risiko extremer Wetterereignisse, und in der starken Betroffenheit ökonomisch schwacher Regionen. Eine große Gefahr wird in irreversiblen Klimafolgen gesehen, so etwa dem Abschmelzen der polaren Eisschilde, welches den Klimawandel weiter verstärkt und zum Anstieg des Meeresspiegels führt.

Die schlimmsten Auswirkungen könnten nur verhindert werden, wenn die Erderwärmung auf maximal zwei bis drei Grad Celsius begrenzt wird. Die dazu notwendigen Anstrengungen seien wirtschaftlich tragbar und kosteten deutlich weniger als die Folgen eines ungebremsten Klimawandels: Nur maximal drei Prozent des globalen Bruttosozialprodukts müssten dafür aufgewandt werden. Allerdings müsse eine Trendwende beim Ausstoß von Klimagasen in zehn Jahren erreicht werden.

Bewertung: Politische Wirkung der Arbeit des IPCC



Die Berichte des IPCC spiegeln den Konsens in der Klimaforschung wider: Der Klimawandel ist zum größten Teil durch Menschen verursacht, seine zukünftigen Folgen dramatisch, wenn nicht bald gehandelt wird.

Das IPCC hat durch seine Berichte maßgebliche Anstöße zur Klimaschutzpolitik gegeben – auch wenn die Maßnahmen nicht ausreichen, die bislang auf nationaler und internationaler Ebene beschlossen wurden. Die Verabschiedung der Klimarahmenkonvention und des Kyoto-Protokolls wären ohne die Arbeit des Weltklimarates kaum denkbar gewesen. Auch das von der Europäischen Union bereits 1996 formulierte Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, basiert auf den Erkenntnissen des Weltklimarates. Zudem arbeitet das IPCC konkret an der Umsetzung von Klimapolitik mit: So stellt das Gremium die Fakten zur Feststellung der "adequacy of commitments" nach Art 2 der UNFCCC zur Verfügung und entwickelt Standards für die Berechnung der nationalen Emissionen.

Auch zur Thematisierung des Klimawandels in der öffentlichen Debatte leistet das IPCC einen wichtigen Beitrag, wie zuletzt an den Reaktionen auf den vierten Sachstandsbericht deutlich wurde.

Möglich wird diese Wirkung des Gremiums vor allem aufgrund seiner besonderen Stellung zwischen Politik und Wissenschaft. Als wissenschaftliche Institution genießt der Weltklimarat eine hohe Glaubwürdigkeit, da er seine Berichte unter Mitwirkung mehrerer tausend renommierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstellt. Weil diese Berichte aber zugleich von politischen Vertretern der beteiligten Staaten beschlossen werden, haben es selbst klimaskeptische Regierungen schwer, sich den Urteilen des IPCC zu entziehen.

Quellen und Literatur



Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reakorsicherheit / Bundesministerium für Bildung und Forschung / Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle: 4. Sachstandsbericht des IPCC (2007) über Klimaänderungen. Synthesebericht: Kernaussagen. Berlin, 17.11.2007, online verfügbar unter: »www.bmu.de«

IPCC -Website (mit der Originalfassung der Berichte): »www.ipcc.ch«

Müller, Michael / Fuentes, Ursula / Kohl, Harald (Hrsg.): Der UN-Weltklimareport. Bericht über eine aufhaltbare Katastrophe. Köln 2007

Union of Concerned Scientists: The IPCC: Who Are They And Why Do Their Climate Reports Matter?, online verfügbar unter: »www.ucsusa.org«


 

Dossier

Kraftwerk

Umwelt

Die Umwelt stellt uns Lebensgrundlagen und Rohstoffe zur Verfügung, die wir pflegen und erhalten sollten. Doch es fällt schwer, klare Grenzen zu ziehen: Wo nutzt der Mensch die Natur? Und wo zerstört er sie dauerhaft? Weiter... 

Mit offenen Karten

Die ungleiche Verteilung von Naturkatastrophen


Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürme und Tsunamis sind die wesentlichen Naturkatastrophen dieser Welt. Diese Folge thematisiert, dass die Ausmaße der Katastrophen durch bevölkerungsgeographische Aspekte verstärkt werden. In Megastädten nimmt die Bedrohung durch Naturkatastrophen am meisten zu. Weiter...