Bauen und Wohnen im 21. Jahrhundert
Oder: das Loch in der Wand
Die Reduzierung des Energieverbrauchs beim Wohnen ist ein wichtiger Baustein für die Einhaltung der Klimaschutzziele und zur Kostenersparnis. Welche Einsparmöglichkeiten gibt es? Und wie werden sie gefördert?
Mit gutem Beispiel voran: Diese Energiespar-Häuser in Gelsenkirchen könnten ein Vorbild werden. (© AP)Einleitung
Paul traf den Ball aus einer eleganten Drehung mit dem Vollspann. Der Ball flog direkt auf die frisch renovierte Gebäudefassade im Hinterhof der Altbausiedlung zu. Eine Schrecksekunde. Vor Wochen bereits, als die Baugerüste noch standen und die Handwerker die starke Dämmung an das Gebäude auftrugen, bohrte Paul einen Schraubenzieher heimlich in das weiche Styropor. Er wusste, dass der Ball ein hässliches Loch in der Wand hinterlassen würde.
Paul lebt in Hamburg in einem Mehrfamilienhaus aus der Gründerzeit. Viel hatte sich in den letzten Jahren im Viertel getan. Durch die konstant hohen Energiepreise, den hohen Modernisierungsbedarf in den Wohnungen und der enormen Wechselrate von Mietern im Gebäude entschloss sich die lokale Wohnungsgesellschaft endlich, ihren Wohnungsbestand zu modernisieren und auch Energiegesichtspunkte stark zu berücksichtigen. Ein ganzes Quartier wurde so Gegenstand umfassender Modernisierungen. Ein Modellfall.
Ein Beispiel: Eines der Mehrfamilienhäuser konnte allein mit einer zusätzlichen Dämmung und dem Einbau einer Holzheizungsanlage von einem Energiebedarf von über 270 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr auf 34 Kilowattstunden reduziert werden, also eine Reduktion um ca. 88 Prozent. Eine Förderung des Bundes deckte dabei ungefähr die Mehrkosten ab, die bei der Umsetzung energetisch anspruchsvoller Maßnahmen entstehen. Aber auch einzelne kleinere Maßnahmen in anderen Gebäuden haben den Bedarf deutlich gesenkt. Allein mit einer kostengünstigen Dämmung des Kellerbodens (10-15 Prozent) und des Daches (20-25 Prozent) lassen sich deutliche Einsparungen erzielen. Doch nur die integrierten Gesamtkonzepte ermöglichten deutlich höhere Einsparungen und somit Kostenentlastungen für die Bewohner.
Viele kleine Schritte ...
... verändern das Gesicht der Welt. Für den kleinstteiligen Gebäudebereich gilt dies buchstäblich auch unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes. Einige Zahlen hierzu: In Deutschland gibt es zurzeit 39 Millionen Wohnungen in fast 18 Millionen Gebäuden, 60 Prozent dieser Wohnungen befinden sich in Mehrfamilienhäusern, 50 Prozent der Wohnfläche befindet sich in Ein- und Zweifamilienhäusern, sowie Reihenhäusern. Und: ca. drei Viertel der Gebäude wurden vor 1979 gebaut. Gerade die Gruppe der Gebäude, die noch vor Verabschiedung der Wärmeschutzverordnungen von 1995 erbaut worden sind, weisen ohnehin einen sehr hohen Modernisierungsbedarf auf. Eine auch unter energetischen Gesichtspunkten durchgeführte Modernisierung wäre gerade bei diesen Gebäuden sehr wirtschaftlich.
Endenergieverbrauch nach Sektoren 2006 und Struktur des Energieverbrauchs im privaten Haushaltsbereich 2005. Quelle: BMVBS 2008Ein von Deutsche Bank Research berechnetes Szenario geht davon aus, dass sich unter sehr günstigen Bedingungen bis zum Jahre 2030 ein Drittel des Energieverbrauchs in Gebäuden einsparen lässt ("Klimaschock-Szenario"). Vorsichtigere Berechnungen gehen von knapp über 10 Prozent (11,5 Prozent) aus. Aber auch beim Strom lassen sich deutliche Einsparungen im Energieverbrauch erzielen, wie die folgenden Beispiele zeigen:
- Von den etwa 60 Millionen Kühl- und Gefriergeräten in deutschen Haushalten sind knapp 30 Millionen mindestens 10 Jahre alt. Würden diese alle durch hoch effiziente Geräte ersetzt, könnten pro Jahr ca. acht Terawattstunden eingespart werden, das entspricht fünf Millionen Tonnen CO2. Bei Ausnutzung dieses Einsparpotenzials werden die privaten Haushalte jährlich um über 1,4 Milliarden Euro entlastet.
- In Deutschland werden pro Jahr über 200 Millionen Glühlampen verkauft. Würden diese durch Energiesparlampen ersetzt, könnten 7,5 Terawattstunden eingespart werden, das entspricht 4,6 Millionen Tonnen CO2 und einer Stromkostenersparnis von 1,3 Milliarden Euro.
- Der Strombedarf von elektrischen Geräten im Leerlaufbetrieb ("stand-by") liegt in Deutschland bei rund 14 Terawattstunden pro Jahr. Durch den verpflichtenden Einbau von netztrennenden Schaltern und technische Optimierungen ließen sich neun Terawattstunden pro Jahr einsparen.
Staatliche Förderung
Bund, Länder und Kommunen bieten ein breites Spektrum an Maßnahmen und Förderinstrumenten an. U.a. haben die anspruchsvollen Klimaziele der Bundesregierung dazu beigetragen, dass der Bund sich seit vielen Jahren im Bereich der energetischen Gebäudemodernisierung engagiert. Die Klimaschutzkampagne der Bundesregierung bietet z.B. über die Plattform von CO2Online (www.co2online.de) umfassende Informationsangebote zu Möglichkeiten, sein Gebäude energetisch zu modernisieren. Der 2007 durch die Bundesregierung eingeführte Energieausweis ist ein verpflichtendes TÜV-Siegel über den energetischen Zustand eines Gebäudes. Der Bund fördert zudem Energieberatungen, die von zertifizierten BeraterInnen durchgeführt werden. Die so genannten Vor-Ort-Energiesparberatungen sind auch gleichzeitig die Bedingung dafür, zinsgünstige Kredite der bundeseigenen Hausbank, der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Anspruch nehmen zu können. Im Jahr 2007 wurden insgesamt 1,9 Milliarden Euro in das Kreditprogramm investiert, das komplette Umbauprogramme aber auch den Austausch von Einzelkomponenten und Heizungsanlagen in Gebäuden unterstützt. Die Bundesmaßnahmen werden ergänzt u.a. durch ein reichhaltiges Informations- und Beratungsangebot von Kommunen, Ländern, Verbraucherzentralen und Energieversorgern.
Auch im Neubaubereich hat sich viel getan. Die Energieeinsparverordnung (EnEV) von 2002/2004 stellt dabei Anforderungen an den Energiestandard von Neubauten und zu sanierenden Altbauten. Durch die Novellierung der EnEV und der Einführung des Erneuerbare-Energien Wärmegesetzes im Jahre 2009 werden nicht nur für Neubauten und größere Modernisierungsmaßnahmen in Altbauten anspruchsvollere Dämmstandards vorgegeben (-30 Prozent gegenüber der EnEV 2007), sondern auch die Verpflichtungen zur Verwendung von erneuerbaren Energieträgen bei der Wärmebereitstellung (je nach Energieträger zwischen 15 und 50 Prozent) geregelt. Auch hier bieten Kommunen und der Bund ergänzende finanzielle Förderungen für energetisch anspruchsvolle Neubauten an, die einen Energiebedarfswert von 60 Kilowattstunden oder und weniger pro Quadratmeter und Jahr haben. Die Förderung reicht bis zum Passivhaus. Diese benötigen maximal 15 Kilowattstunden Heizenergie und 40 Kilowattstunden Primärenergie (pro Jahr und Quadratmeter). Das sind rund 10 Prozent des Energiebedarfs eines bis 2008 errichteten Neubaus. Da in diesen Häusern die Wärmegewinnung über eine Wärmepumpe bereitgestellt wird, die die Abwärme der sich darin befindlichen Personen und benutzter Geräte nutzt, sucht man in diesen Gebäuden eine Heizung vergeblich.
Hemmnisse der Modernisierung
Alle diese Maßnahmen werden auch in Zukunft dazu beitragen, dass der Energieverbrauch und die Emissionen aus der Heizwärme in Deutschland deutlich gesenkt werden können. Allein durch die Förderprogramme der KfW werden bis zu einer Million Tonnen weniger CO2–Emissionen im Jahr erzielt. Trotzdem konnte die Quote der jährlich energetisch vollständig sanierten Gebäude, die zwischen 1900 und 1979 erbaut worden waren, nur von 1,6 Prozent 1994 auf 2,2 Prozent im Jahr 2006 gehoben werden. So bleibt doch eine Reihe von Hemmnissen für eine Modernisierung, die durch eine rein auf Einzelgebäude ausgerichteten Politik und Förderung kaum überwunden werden (können). Einige Beispiele:
Einsparpotenzial eines Einfamilienhauses, Quelle: Wuppertal Institut, basierend auf dena 2007: Energie@homeInsbesondere im Mietwohnungsbau profitieren unter gegenwärtigen Rahmenbedingungen nicht die investierenden EigentümerInnen oder Wohnungsgesellschaften von den erzielten Einsparungen und haben daher wenig Anreize zur Investition. Stattdessen profitieren deren MieterInnen durch die Senkung der energiebedingten Nebenkosten. So ist z.B. im sozialen Wohnungsbau für Wohnungsgesellschaften der Weg (bisher noch) versperrt, über Investitionen in die energetische Modernisierung (Verringerung der Nebenkosten für die MieterInnen) eine moderate Erhöhung der Wohnungsmiete (sog. 1. Miete) umzusetzen und den Prozess für die MieterInnen zumindest kostenneutral zu gestalten.
Ein weiterer Grund hängt mit der zunehmenden Alterung unserer Gesellschaft zusammen, denn es steigt kontinuierlich auch der Anteil der EigentümerInnen, die in hohem Alter keine Investitionen in die Gebäudesubstanz mehr vornehmen, sondern diesen Schritt entweder den jeweiligen Erben oder den späteren KäuferInnen überlassen.
Und: Die Armutsentwicklungen haben auch in Deutschland zu einer Gruppe von Gebäude-EigentümerInnen geführt, die nicht in der finanziellen Lage sind, entweder aus Eigenmitteln oder gar Krediten energiesparende Investitionen vorzunehmen.
Neben den skizzierten Globaleffekten existiert auch auf der Mikroebene einer Modernisierungsentscheidung eine Reihe von Hemmnissen:
Die Höhe der Investitionskosten und die teilweise langen Amortisationszeiträume halten viele Gebäude-EigentümerInnen ab, Investitionen an ihren Gebäuden vorzunehmen. Zudem liegen wichtige Ursachen auch in bestehenden Informationsdefiziten z.B. über Fördermöglichkeiten. Ebenso lassen sich bei Marktakteuren in der energetischen Gebäudemodernisierung (z.B. Handwerk, Architekten) weiterhin Informationsdefizite erkennen. Und: der Zeitraum zwischen Investition und Ertrag gilt ebenso als ein zentrales Hindernis für die Gebäudesanierung.
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen als Problem
Dies alles ruft doch nach ergänzender Politik und Planung auf Bundesebene und regionaler bzw. kommunaler Ebene. So führen die klimapolitischen Beschlüsse der Bundesregierung auch in Zukunft zu einer nachhaltigen Energieeinsparung und Minderung des CO2-Ausstoßes im Gebäudebereich. Wichtige Bestandteile sind u.a. die weitere Verschärfung der Energieeinsparverordnung für Alt- und Neubauten in zwei Stufen, die Unterstützung der energetischen Sanierung z.B. durch eine Fortführung des CO2–-Gebäudesanierungsprogramms und die kontinuierliche Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien bei der Heizwärmeerzeugung. Bei Neubauten soll z.B. bis zum Jahre 2020 erreicht werden, dass der Wärmebedarf ohne die Verwendung fossiler Energien gedeckt wird. Sowohl die Novellierung der Energiesparverordnung (ab 2009) oder die Verabschiedung des Energie-Wärmegesetzes sind daher nur Zwischenstufen in einem langfristigen Prozess, der zu deutlich anspruchsvolleren energetischen Standards führen wird.
Aber wenn wir die Perspektive von politischen Strategien hin zu allgemeinen gesellschaftlichen Prozessen öffnen, so wird die Grenze einer isolierten Betrachtung eines Gebäudes und dessen energetischen Zustands deutlich. Wie geschichtete Zwiebelschalen umgeben ein Gebäude die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sowohl das unmittelbare Umfeld eines Gebäudes betreffen (z.B. Qualität des Quartiers, Erreichbarkeit von bzw. Belästigung durch Verkehrsinfrastruktur etc.) als auch den Stadtraum, in den ein Haus eingebettet ist. Wie entwickelt sich z.B. der Wohnungsmarkt in einer Stadt oder Region? Von welchen demografischen, sozialen und sozial-ökonomischen Entwicklungen ist oder wird eine Stadt bzw. eine Region betroffen? Wie verhält es sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung?
Von zentraler Bedeutung sind allerdings auch die Lebens- und Wohnbedürfnisse derer, die heute – und künftig – in diesen Häusern leben: Vermutlich wird sich der Trend zu immer kleineren (energieintensiveren) Haushalten in Deutschland fortsetzen. Vermutlich setzt sich auch die weitere Alterung der Gesellschaft fort, die entsprechende Wohnbedürfnisse produziert. Und: Auch mit zunehmenden sozialen Ungleichheiten werden sich Klimaschutzmaßnahmen in Zukunft wesentlich stärker befassen müssen. Die Lebensbedürfnisse all dieser sozialen Gruppen spiegeln sich in deren Energieverbrauch wider, an diese Menschen müssen zukünftig jeweils spezifische Maßnahmen adressiert werden. Die verfügbaren empirischen Studien ergeben allerdings ein sehr uneinheitliches und sehr widersprüchliches Bild : Auf der einen Seite zeigt sich, dass der Energiekonsum mit dem Einkommen steigt. Auf der anderen Seite ist die Rolle von Indikatoren wie Bildung, Alter, Haushaltsgröße und Eigentumsverhältnisse sehr heterogen. In Deutschland kann man beispielsweise sehen, dass Wohneigentum dazu führt, dass Energiesparen ein präsenteres Thema ist als bei Familien, die kein Wohneigentum haben (können). Auch zeigt sich, dass die Transparenz der Kosten des Energieverbrauchs z.B. über eine Verbrauchskennzeichnung auf elektrischen Geräten energiesparendes Verhalten begünstigt. Aber auch dies ist nicht pauschal über alle sozialen Gruppen hinweg gültig: Ältere Menschen sind zwar im Vergleich zu jüngeren Menschen weniger umweltbewusst, haben jedoch eher die finanziellen Mittel, sich energiesparende Geräte zu kaufen.
Fazit
Liegt der Schlüssel der Veränderung jedoch wirklich allein in der Politik? Ist etwa allein mit Politik die zunehmende Technisierung unseres Alltags einzugrenzen, die sich weiter vollziehende Diffusion energieintensiver Haushalts- und Unterhaltungsgeräte oder der Energieverbrauch unserer Gebäude? Wissen wir z.B. Bescheid über den intensiven Energieverbrauch eines Flachbildschirms oder unserer kleinen Alltagsverschönerer, der iPods, Handys, Nintendos und Laptops, der Power-Mikrowellen, Kühlschränken und elektrischen Zahnbürsten dieser Welt? Wissen wir, welche Geräte kontinuierlich Strom ziehen, also so genannte Stand By-Verluste haben, obwohl wir sie eigentlich ausgeschaltet meinen? Und: Wissen wir wirklich um die kostengünstigen und wirtschaftlichen Einsparmöglichkeiten in unseren Wohnungen und Häusern?
Gerade die globale Perspektive zeigt uns doch, dass der Energie- und Ressourcenverbrauch der industrialisierten Länder weltweit begrenzt ist und der energie- und ressourcenintensive Lebensstil in den Industrienationen nicht übertragen werden kann. Es droht, dass mit der Beibehaltung unserer energieintensiven Lebensbedürfnisse und unseres Ressourcen verschwendenden Lebensstils auch unsere anspruchsvollen Klimaziele nicht erreicht werden. Dieses ist jedoch dringend notwendig, um die Wirkungen des globalen Klimawandels einzudämmen.
... und Paul?
Paul hatte Glück. Sein kraftvoller Volleyschuss hinterließ nicht das klaffendes Loch in der sanierten Häuserwand, sondern traf den Rahmen der eingebauten Dreifach-Passivhausverglasung der Wohnung des Hausmeisters. Die ist stabil und das Donnerwetter des Hausmeisters war Paul gerne bereit auf sich zu nehmen. Es war ja nichts passiert.
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