Ökologisches Bewusstsein und Handeln
Sorgen vor den Folgen des Klimawandels und Wissen über klimafreundliche Verhaltensweisen alleine reichen nicht aus, um die Bevölkerungsmehrheit zu angemessenen Veränderung ihrer Lebensstile zu motivieren. Was müsste sich wandeln, damit energie- und ressourcenschlankere Lebensstile mehrheitsfähig werden?Einführung
Die vor rund 250 Jahren einsetzende anthropogene Erderwärmung hat im Wesentlichen zwei Ursachen: Die übermäßige Verbrennung fossiler Energieträger (Holz, Kohle, Erdöl und -gas) für Produktion, Mobilität und Wohnen; ferner die Lebensmittelproduktion, insbesondere die zu große Produktion von Fleisch, Milchprodukten und der Reisanbau. Die Lösung des Klimaproblems liegt folglich in der drastischen Verringerung der freigesetzten Treibhausgase. Technische Entwicklungen werden diese Reduktion alleine nicht leisten können. Zwar sind sie notwendig, bedürfen aber der Unterstützung durch ressourcen- und energieschlanker Lebensstile – vor allem in den industrialisierten Ländern.
Dort ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Ressourcen und Energie viel höher als bei Menschen, die in Entwicklungsländern leben. Letztere sind zwar zahlreicher, leben aber deutlich ressourcen- und energieschlanker. Darum haben die Menschen in den Industrienationen den größten Einfluss auf den Zustand der globalen Ökosysteme, auf den Klimawandel und damit auf die Lebensqualität gegenwärtiger und nachfolgender Generationen. Nicht zuletzt gilt die westliche Lebensweise in anderen Teilen der Erde oftmals als prestigeträchtig und wird mit einigen kulturellen Abweichungen übernommen oder erstrebt. Das macht einen Wandel des konsumorientierten, energie- und ressourcenintensiven westlichen Lebensstil umso mehr erforderlich.
Ökologisches Bewusstsein in Europa
Das Verbrauchsniveau der Menschen in den wohlhabenden Ländern ist zu hoch, obwohl eine Mehrzahl von ihnen um die daraus resultierenden Gefährdungen weiß und um diese sehr besorgt ist. Dies ist das Ergebnis einer von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenen und 2008 veröffentlichten Studie ("Eurobarometer"). In dieser wurden rund 27.000 Menschen in den 27 EU-Staaten zu ihrem Umweltbewusstsein und ihrem Umwelthandeln befragt.
Demnach ist Umweltschutz für 96 Prozent der EU-Bürger wichtig und für zwei Drittel sogar sehr wichtig. Sorge bereiten ihnen vor allem die Folgen des Klimawandels (57 Prozent) sowie die Wasser- (42 Prozent) und Luftverschmutzung (40 Prozent). Zwar fühlt sich ein großer Anteil von ihnen nicht ausreichend gut über Umweltthemen informiert (42 Prozent), aber 55 Prozent geben an, gut oder sehr gut über diese Themen Bescheid zu wissen. Obendrein ist der überwiegende Teil der Befragten (86 Prozent) der Ansicht, dass ihr Verhalten eine Rolle beim Umweltschutz spielt.
Viele geben an ihren Müll zu trennen (59 Prozent) und Energie zu sparen (47 Prozent), geht es jedoch um Maßnahmen, die mit Änderungen ihres Lebensstils und ihrer Konsumgewohnheiten zusammenhängen (Kauf umweltfreundlicher Produkte, Verringerung des Verbrauchs von Wegwerfartikeln, Reduktion von Autofahrten, Veränderung der Ernährungsweise), bleiben 70 bis 80 Prozent passiv.
Einflüsse auf das Klima- und Umweltverhalten
Was bestimmt unser klima- und umweltwirksames Verhalten? Auf den ersten Blick scheint die in Studien wie dem Eurobarometer ermittelte Kluft zwischen Wissen und Handeln auf der einen und dem Umweltverhalten auf der anderen Seite irrational zu sein. Denn viele EU-BürgerInnen fördern mit ihrem Verhalten gerade die Entstehung jener Umweltbedingungen, vor denen sie sich sorgen. Obendrein widerlegt diese Kluft eine klassische Annahme der Umwelt-Psychologie und -Soziologie: Bis in die 1990er Jahre war die These forschungsleitend, ein hinreichendes Umweltbewusstsein führe zu einer umweltverantwortlichen Handlungsweise. "Umweltbewusstsein" wurde definiert als ein aus Wahrnehmung der Umweltproblematik (Umweltwissen), persönlicher Betroffenheit, Einstellung zur Natur und Werthaltung zusammengesetztes Ganzes. Diese These bestätigte sich nicht.
Aus Untersuchungen zum Umweltverhalten von Lebensstilgruppen (Kleinhückelkotten 2005) geht vielmehr hervor, dass der Ressourcenverbrauch bei den Gruppen am höchsten ist, wo das höchste Umweltbewusstsein und die beste Bildung vorhanden sind. Personen dieser Gruppen denken durchaus umweltverantwortlich, konsumieren aber nicht entsprechend. Sie können durchaus bei einzelnen Entscheidungen (wie Auto- oder Hauskauf) umweltbewusst handeln, da sie sich aber aufgrund ihres materiellen Status mehr Produkte und Dienstleistungen leisten können, ist ihr Lebensstil trotz hohen Umweltbewusstseins ressourcenintensiv.
Dagegen handeln oftmals ausgerechnet die an ökologischen Problemen Desinteressierten umweltverträglich. Tatsächlich sind diese Personen aber nicht bewusst umweltfreundlich, sondern gezwungenermaßen und das zumeist deshalb, weil sie über ein zu geringes Einkommen verfügen, um sich z.B. ein Auto, Haus oder eine Fernreise leisten zu können. Ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein ist also keine Vorbedingung für ihr umweltfreundliches Handeln.
Somit wurde eine andere These zum Umweltverhalten bestätigt: Demnach nimmt der Einfluss des Umweltbewusstseins auf das Umweltverhalten um so mehr ab, je größer die subjektiv empfundenen Verhaltenskosten werden. Solche Kosten entstehen durch den Verlust von Zeit, Komfort, Geld, lieb gewordener Verhaltensgewohnheiten, von (Erlebnis-)Optionen, die sich durch Verhaltensänderungen einstellen können. Sie entstehen davon unabhängig auch durch Handlungen, die gesellschaftlichen Konventionen oder Gruppenerwartungen etc. zuwiderlaufen.
Warum wir uns nicht ökologisch verhalten
Aus diesen Einflüssen auf das ökologische Verhalten lässt sich ein vorläufiger Erklärungsansatz ableiten, der zeigt, wann sich Individuen umweltfreundlich verhalten und wann nicht. Aus diesem können dann in einem weiteren Schritt Maßnahmen entwickelt werden, welche umweltfreundlichen Verhaltensweisen unterstützen und wahrscheinlicher machen. Am Beispiel Mobilität soll der Ansatz nun durchgespielt werden:
Für gewöhnlich orientieren Menschen ihr Handeln an Normen – an persönlichen Normen (z.B. moralische Urteile, Werte oder das aktuelle Gefühl der Verpflichtung zum umweltverantwortlichen Handeln) und an gesellschaftlichen Normen. Solche gesellschaftlichen Normen entstehen etwa durch den Erwartungsdruck, der von Freunden, Kollegen, dem eigenen sozialen Milieu oder der gesellschaftlichen Mehrheit ausgehen kann. Solche sozialen Normen beinhalten Konventionen, Verhaltensskripte, Standards sowie kulturelle Anerkennungsstrukturen, d.h. Normen, welche die Bedeutung von Handlungen definieren und besagen, welche Verhaltensweisen von der Gesellschaft wertgeschätzt werden und welche nicht. Von gesellschaftlichen Standards abweichende Lebensstile gelten umgekehrt als Zumutung, da sie von der Normalität abweichen, als "extrem" erscheinen oder keine Wertschätzung erfahren. Es bedarf schon sehr solider persönlicher Normen, um freiwillig von gesellschaftlichen Standards abzuweichen.
Die EU stellte 2005 fest, dass die Hälfte der im Straßenverkehr verbrauchten Kraftstoffe in bebauten Gebieten verbraucht wird, obwohl die Hälfte aller Fahrten in diesen Gebieten kürzer als 5 Km sind (Europäische Kommission 2005: 26). Wie konnte es dazu kommen? Ein hoher Komfort und Zeitersparnis begünstigen einerseits die Wahl des Autos. Sind der Besitz und der Gebrauch eines Autos außerdem ein gesellschaftlicher Standard und damit "normal", ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich die Mehrheit der Akteure normengerecht verhält. Orientieren sich Individuen nun mehrheitlich an den gegebenen gesellschaftlichen Standards, stellen sich alsbald kollektive und persönliche Gewohnheiten ein. Ab einem bestimmten Punkt wird die Nutzung eines Autos dann auch für kleine Wegstrecken zu einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit.
Eine freiwillige Veränderung des eigenen Lebensstils setzt die Bewusstwerdung über ihn voraus. Gewohnheiten können diese Reflektion jedoch vereiteln, da sich Routinehandlungen "automatisch" vollziehen. Fährt ein Individuum seit Jahren Kurzstrecken mit dem Auto, kommt es ihm nicht in den Sinn, von dieser Routine abzuweichen und auf das Rad oder die S-Bahn umzusteigen. Und selbst wenn es ihm zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Sinn kommt, sind die gefühlten Kosten für eine Änderung dieser Routine mittlerweile groß geworden.
Wir müssen schließlich wissen, dass wir die Möglichkeit haben, uns umweltfreundlich verhalten zu können (z.B. dass, wie und wo S-Bahnen genutzt werden können). Dazu ist auch eine entsprechende Infrastruktur notwendig (in diesem Fall ein Netz von S-Bahn-Linien). Auch müssten wir wissen, warum die S-Bahn dem Auto zu bevorzugen wäre, und wir benötigen die Kreativität und Bereitschaft, unseren Alltag umstellen zu können.
Letztlich bedenken Menschen die einschlägigsten ökologischen und sozialen Folgen ihrer Entscheidung und wägen dabei auch die verschiedentlich anfallenden Kosten mit dem potenziellen Nutzen ab, bevor sie handeln.
Wie kann ökologisches Handeln gefördert werden?
Aus diesem Ansatz, der Handlungen durch persönliche und soziale Normen, durch Gewohnheiten und Kostenkalkülen erklärt, lassen sich verschiedene Eingriffsmöglichkeiten ableiten, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sich umweltfreundliche Verhaltensweisen kollektiv durchsetzen. Am effektivsten sind dabei solche Maßnahmen, die auf möglichst viele dieser Einflussfaktoren einwirken: Auf die Wissensvermittlung und -vertiefung, auf die Veränderung von personalen und sozialen Normen, Gewohnheiten und Institutionen.
Bildungsprogramme können das persönliche Wissen über den Zustand der Umwelt und den Zusammenhängen zwischen Umwelt und eigenen umweltwirksamen Handlungen vertiefen. Immerhin fühlen sich laut Eurobarometer 42 Prozent der befragten EU-BürgerInnen unzureichend informiert. Hier kann durch Massenmedien und in Bildungsinstitutionen viel zur Verbreitung von umweltrelevanten Informationen getan werden. Dazu müssten durch Bildungsprogramme auch solche Kompetenzen gefördert werden – etwa eine vernetzte Denkweise –, die helfen, die Zusammenhänge zwischen Klima, Ökosystemen und Gesellschaft besser verstehen zu können. Aber: Selbst wenn Individuen viel über diese Zusammenhänge wissen und darüber, wie sie sich eigentlich verhalten sollten, ist noch nicht garantiert, dass sie entsprechend ihres Wissens handeln und Gewohnheiten ändern werden.
Ebenfalls auf Handlungsentscheidungen wirken persönliche Normen ein. Ein hohes Verantwortungsbewusstsein und eine geschärfte moralische Urteilsfähigkeit, die Kompetenz zur Reflexion des eigenen Lebensstils und kultureller Leitbilder tragen dazu bei, die Qualität der eigenen Normen zu erhöhen. Auch diese Fähigkeiten lassen sich durch Bildungsprogramme vermitteln (siehe etwa www.mut-zur-nachhaltigkeit.de). Jedoch können Verhaltensgewohnheiten die Aktivierung persönlicher Normen blockieren.
Gewohnheiten werden durchbrochen, wenn sich die soziale Situation verändert, in der Routinen bislang einen reibungslosen Ablauf garantiert haben. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Individuen ihr Handeln an die neuen Randbedingungen anpassen werden. Die Auslebung der Routine, täglich mit dem Auto ins relativ nah gelegene Büro zu fahren, wird beispielsweise dann erschwert, wenn das Auto kaputt oder der Kraftstoffpreis gestiegen ist oder wenn sich etwa soziale Normen verschieben und z.B. städtische Autofahrten ein nunmehr schlechtes Image in der Gesellschaft haben. Einen derartigen Deutungswandel hat in den letzten Jahren etwa das Rauchen von Zigaretten widerfahren, da sich die Erkenntnis zunehmend verbreitete, dass Passivrauchen die Gesundheit von Nichtrauchern schädigt.
Die Reduktion der Kosten für umweltfreundliche und/oder die Erhöhung der Kosten für umweltschädliche Verhaltensweisen wirkt maßgeblich auf Handlungen und die Veränderung von Handlungsweisen ein. Diese Kosten können, wie gezeigt, psycho-sozialer Art sein (wenn die eigene Handlungsweise von vorherrschenden gesellschaftlichen Normen abweicht) oder finanzieller Art (bei der Einführung ökologischer Steuern, einer City-Maut für Autos, Abbau umweltschädlicher Subventionen).
Nicht zuletzt können strukturelle Maßnahmen die Kosten für umweltfreundliche Verhaltensweisen ebenfalls verringern. So würden mehr Menschen das Fahrrad in Großstädten nutzen, wenn sich das Angebot an Radwegen verbessert oder sich die Bedingungen für den städtischen Autoverkehr verschlechtern (Reduktion von Parkmöglichkeiten, Verengung von Straßen). Auch der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel unterstützt die Verminderung des städtischen Verkehrsaufkommens, da hierdurch Alternativen zur bisherigen Mobilitätspraxis bereitgestellt werden.
Fazit
Die Zeit für effektive Veränderungen, um das Ausmaß des Klimawandels begrenzen zu können, ist eng bemessen. Vollzieht sich kein oder kein ausreichender Wandel hin zu energie- und ressourcenschlankeren Lebensstilen ist anzunehmen, dass sich die Erderwärmung fortsetzen wird. Dabei entstehenden hohe finanzielle und humanitäre Kosten. Diese werden ein Umdenken wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft erzwingen. Von der individuellen Bereitschaft zur Reflexion und Veränderung des eigenen Lebensstils in der Gegenwart sowie von politischen Maßnahmen, z.B. die Förderung von Bildungsmaßnahmen, hängt daher wesentlich ab, ob und wie sehr der Klimawandel unsere Lebensqualität in Zukunft verschlechtern wird.
Literatur
Europäische Kommission (Hrsg.) (2008). »Einstellungen der europäischen Bürger zur Umwelt.«
Europäische Kommission (2005). Weniger kann mehr sein. Grünbuch über Energieeffizienz. Luxemburg.
Kleinhückelkotten, Silke (2005). Suffizienz und Lebensstile. Berlin.
Matthies, Ellen (2005). Wie können PsychologInnen ihr Wissen besser an die PraktikerIn bringen? In: Umweltpsychologie, Heft 1, S. 62–81.
weitere Inhalte:
- 100.000 Watt-Solar-Initiative für Schulen in NRW
- Bioenergie – im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Klimawandel
- Die Bedeutung der Meere im Klimawandel
- Erhaltung der Umwelt
- Grenzübergreifende Gewässerpolitik für saubere Flüsse
- Klimapolitik
- Klimaschule von unten nach oben
- Klimawandel
- Krankheiten und Gefährdung des Waldes
- Luft
- Maßnahmen
- Wald
- Was können wir tun?
- Was uns klimafreundlich bewegt
- Zur Rolle der Ressource Wasser in Konflikten
Dossier
Mit offenen Karten
Die ungleiche Verteilung von Naturkatastrophen
Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürme und Tsunamis sind die wesentlichen Naturkatastrophen dieser Welt. Diese Folge thematisiert, dass die Ausmaße der Katastrophen durch bevölkerungsgeographische Aspekte verstärkt werden. In Megastädten nimmt die Bedrohung durch Naturkatastrophen am meisten zu. Weiter...


