Afrika

21.5.2005 | Von:
Paulette Reed-Anderson

Chronologie zur deutschen Kolonialgeschichte

Enteignung der Afrikaner, Entschädigung der deutschen Siedler

In dem 1913 in Leipzig veröffentlichten Band "Das deutsche Reichsstaatsrecht, Bd.1: Die deutsche Reichsverfassung, 2. Auflage" ist eine Erläuterung der Reichs-Kolonialpolitik zu finden. Zum rechtlichen Status der Kolonien wurde erklärt: "Die Kolonien sind nicht als 'Bestandteile' des Reiches aufzufassen, sondern als 'Reichsnebenländer'. Die Deutsche Reichsverfassung [ist] in ihnen [den Kolonien] nicht eingeführt und somit nicht gilt".[5] Ferner heißt es: "Die meisten Kolonien sind im Wege der Okkupation an das Reich gelangt. Zur Sicherung, ... und Erschließung des neuen Besitzes schloss das Reich eine dreifache Art von Verträgen ab: mit anderen Staaten, mit Eingeborenenhäuptlingen und mit deutschen Handelsunternehmungen."[6] "Die Verträge mit den Stammeshäuptlingen", so der Autor, "sind völkerrechtlich bedeutungslos, weil diese keine Staaten im Rechtssinne vertreten; sie waren lediglich dazu bestimmt, den Eingeborenen die Annektierung ihres Landes wenig fühlbar zu machen und so die Okkupation zu erleichtern."[7]

Obwohl nach Darstellung in dem oben erwähnten Band zum Reichsstaatsrecht die Deutsche Reichsverfassung keine Rechtsgültigkeit in den Kolonien hatte, berief man sich auf die Verfassung, um die deutschen Siedler zu entschädigen. Nach der Niederschlagung des Widerstandes in Deutsch-Südwest-Afrika (dem heutigen Namibia) wurden die Einheimischen enteignet und "die deutschen Siedler erhielten fünf Millionen Reichsmark Entschädigung".[8] Die Entschädigungsansprüche der Afrikaner wurden von den Kolonial-Befürwortern und der Kolonial-Verwaltung verspottet.

Die deutschen Siedler und die Kolonialfirmen wurden nach dem Ersten Weltkrieg für die Schäden an Leben und Gesundheit durch die Entschädigungsverordnungen der Kolonialgouverneure begünstigt. Die Verordnungen, bemerkte ein Jurist im Jahr 1926, wurden "praktisch freilich ohne besondere Rechtsgrundlagen angewandt".[9] Die Entschädigungssumme konnte sich auf annähernd 6 Milliarden Reichsmark belaufen.[10]

Veränderung des Geschichtsbildes

Die deutsche Kolonialgeschichte umfasst einen Zeitraum von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Unsere Einstellung zur Geschichte und Gesellschaft basiert immer noch weitgehend auf dem Fundament des überlieferten Geschichtsbildes, das während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Am Anfang des 21. Jahrhunderts sind ein anderes Fundament und ein anderes Geschichtsbild nötig. Die für diesen Aufsatz erarbeitete "Chronologie zur Deutschen Kolonialgeschichte" benennt Eckdaten und Hauptereignisse und soll zur Veränderung des Geschichtsbildes und zu einer umfassenden Überarbeitung der Kolonialgeschichte beitragen.

Fußnoten

5.
P. Zorn: Das deutsche Reichsstaatsrecht: Bd.1: Die deutsche Reichsverfassung, 2. Auflage, Leipzig 1913, S. 103.
6.
Ebd., S. 102.
7.
Ebd.
8.
Westphal, S. 178.
9.
T. Korselt: "Die Entschädigung kolonialer Kriegsschäden", in: Koloniales Hand- und Adressbuch 1926-27, Berlin 1926, S. 44f.
10.
N. Aas/H. SippelI: "Die 'Höllenmaschine' im Reichsentschädigungsamt für Kriegsschäden", in: U. van der Heyden/J. Zeller (Hg.): Kolonialmetropole Berlin, Berlin 2002, S. 243.

Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

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