Afrika

20.5.2005

Strukturanpassung und Verschuldung

Bilanz

Die Strukturanpassungspolitik wurde seit ihrer Einführung kontrovers diskutiert. Während die Notwendigkeit grundlegender Strukturreformen für Afrika unumstritten ist, wurde die Konzentrierung der SAP auf ökonomische Prozesse häufig als unangemessen für die speziellen Bedingungen in Afrika angesehen. Die klassischen Kritiker, insbesondere Nicht-Regierungs-Organisationen, machen die Anpassungspolitik der internationalen Finanzsituationen für die Verschlechterung der sozialen Dienste und die Steigerung der Armut verantwortlich. Die These negativer sozialer Auswirkungen wurde durch eine Vielzahl von Studien insoweit abgeschwächt, als den Verlierern in städtischen Gebieten eine ungleich höhere Zahl an ländlichen Gewinnern gegenübersteht.

Bei konsequenter Umsetzung der SAP verbessern sich die internen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, so daß Wachstum wieder möglich wird und damit die Chance besteht, den Lebensstandard zu erhöhen. Allerdings trat insbesondere bei der Weltbank ein Wandel ein, der zu einer Verbreiterung der Aktivitäten und stärkeren Berücksichtigung der sozialen Sektoren führte. Auch politiknahe Probleme wie die Korruptionsbekämpfung erhielten zunehmende Bedeutung. Als Strategie zur politischen Absicherung der Anpassungsprozesse sind auch die Programme der Social Dimensions of Adjustment (SDA) zu bewerten, die vor allem den "neuen Armen" in den Städten – und weniger den chronisch Armen auf dem Land – zugute kommen.

Seit Mitte der neunziger Jahre verstärkte sich die Kritik, die Weltbank, IWF und anderen Entwicklungshilfegebern vorhält, durch großzügige Kredite an afrikanische Regierungen die ökonomischen Ineffizienzen zu stabilisieren, statt zu reduzieren: In Zeiten der vermeintlichen Hochphase neoliberaler Reformen gestatteten die Entwicklungshilfegeber einen Anstieg der Staatsquote und eine Zunahme der Staatsbediensteten, so daß sich die afrikanischen Staaten in der Realität gar nicht angepaßt hätten. Die Problematik der SAP scheint deshalb weniger in den Maßnahmen als in deren Umsetzung zu liegen.

Insgesamt wurden in Afrika nur etwa die Hälfte der vereinbarten Politikreformen umgesetzt, davon viele erst mit Verzögerung. Bei Betrachtung der einzelnen Sektoren konnten die makroökonomischen Bedingungen zum Teil verbessert und die Preise angepaßt werden. Sehr geringe Fortschritte wurden allerdings bei institutionellen Reformen erzielt.

Quellentext

Förderung der Privatwirtschaft

So positiv der Beitrag ausländischer Direktinvestitionen im Einzelfall zur Entwicklung eines Landes sein mag, jede Förderung von Privatwirtschaft in Entwicklungsländern muß zunächst auf die Stärkung der einheimischen Unternehmerschaft setzen. Ausländische Investitionen werden solange wenig Entwicklungsimpulse auslösen, wie sie nicht in ein Geflecht unternehmerischer Tätigkeit, die vom Einzelhändler und Handwerker über mittlere bis hin zu Großbetrieben im Gastgeberland reicht, eingebunden sind. Nur dann ergeben sich die vorwärts- und rückwärtsgerichteten Integrationseffekte, die dauerhaft eine selbsttragende Entwicklung ermöglichen.

Insbesondere gilt auch umgekehrt, daß ein Land als Investitionsstandort für viele ausländische Investoren – soweit sie nicht auf die Ausbeutung von Rohstoffen abstellen – erst in dem Maße als Markt interessant wird, wie es ein gewisses Mindestmaß an Kaufkraft und damit Entwicklung des einheimischen Gewerbes aufweist. [...] Solange die heimischen Unternehmer nicht investieren, werden auch ausländische Investoren in der Regel zurückhaltend sein. [...]

Deshalb ist es eine interessante Fragestellung, wie ausländische Direktinvestitionen dazu beitragen können, unternehmerische Tätigkeit vor Ort zu befördern und nationales Spar- oder Fluchtkapital in produktive Investitionen zu kanalisieren. [...]

Die meisten afrikanischen Länder zeichnen sich durch ein hohes Maß an institutioneller Willkür aus. Gerade erfolgreiche Unternehmer können schnell das Opfer von maßlosen Steuerfestsetzungen oder anderen Akten behördlicher Schikane werden. Die Beteiligung einer ausländischen Finanzierungsinstitution am Kapital von lokalen Unternehmen hat deshalb vielfach eine Schutzfunktion, stärkt die Position dynamischer Unternehmer gegenüber ihren Administrationen. Letztere werden sich [...] eher an Recht und Gesetz halten, wenn ihr Ruf gegenüber einer ausländischen Finanzierungsinstitution auf dem Spiel steht.

Aus diesem Grund erhält die DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft m.b.H., Anm. d. Red.) auch Finanzierungsanfragen von afrikanischen Unternehmern, die in erster Linie nicht an Geld, sondern am Namen der DEG, an deren Mitwirkung im Aufsichtsrat, bei der Strukturierung von Finanzierungen oder bei Verhandlungen mit örtlichen oder regionalen Behörden interessiert sind. [...]

In Europa gibt es hunderttausende von „Gastarbeitern“ aus afrikanischen Ländern, die über Ersparnisse oder Potential zum Sparen verfügen und sich natürlich Gedanken machen, wie sie Geld sicher in ihre Heimatländer transferieren oder dort anlegen können.

Für viele Entwicklungsländer stellen die Überweisungen von Gastarbeitern eine wesentliche Position in der Zahlungsbilanz dar. Sie haben einen erheblichen Anteil an den nationalen Ersparnissen. [...]

Wenn ein signifikanter Prozentsatz der in Europa arbeitenden Afrikaner davon überzeugt werden könnte, ihre Lebensversicherung bei einer Gesellschaft abzuschließen, die zum Beispiel zehn Prozent ihrer Liquidität in Schwarzafrika investiert, würde dies für die Stärkung der dortigen Kapitalmärkte einen beträchtlichen Impuls bedeuten. Es gibt Afrikaner, die an einem solchen Konzept arbeiten. [...]

Die Angst vor dem Ausverkauf der nationalen Reichtümer an ausländische Interessen ist vielfach berechtigt. Es muß stärker darüber nachgedacht werden, wie die nationale Eigentumsbildung im Rahmen von Privatisierungen gefördert werden kann. [...]

Welches Ergebnis Quotenregelungen haben können, zeigt das Beispiel Nigeria. Dort war es ausländischen Unternehmen über viele Jahre nur möglich, sich im Land niederzulassen, wenn mindestens 40 Prozent der Anteile von Nigerianern gehalten wurden. Diesem Erfordernis wurde vielfach dadurch Genüge getan, daß sich die ausländischen Unternehmen Nigerianer „ins Boot“ holten, deren Anteile vorfinanzierten und ihnen zunächst fürs Nichtstun ein Direktorengehalt zahlten. Aus diesen ursprünglichen Frühstücksdirektoren ist zwischenzeitlich ein erheblicher Teil der recht regen nigerianischen Unternehmerklasse erwachsen. [...]

In den meisten afrikanischen Ländern ist mittlerweile eine dynamische Unternehmerklasse präsent, die dem Klischee der Händler, die durch die Erlangung lukrativer Importlizenzen reich und groß geworden sind, längst entwachsen ist. Die jüngeren dieser Unternehmer denken und handeln in Kategorien, die von denen ihrer europäischen Kollegen, mit denen sie oft die gleiche Ausbildung an den gleichen Universitäten genossen haben, nicht allzu weit entfernt sind. [...] Dabei bleiben Rückschläge zwangsläufig nicht aus. Das wirtschaftliche und kulturelle Umfeld bleibt schwierig, führt zwangsläufig dazu, daß es relativ häufig Fehlschläge geben wird. Wenn man diese Fehlschläge als kaum zu vermeidende „Lernkosten“ bei der Förderung lokaler unternehmerischer Initiative begreift, hat sich der Aufwand dennoch gelohnt. [...]

Roger Peltzer, „Ausländische Direktinvestitionen können die unternehmerische Initiative vor Ort nicht ersetzen: Überlegungen zur Förderung der Privatwirtschaft in Schwarzafrika“, in: Deutsches Übersee-Institut (Hg.), Nord-Süd aktuell 3/1997, S. 489 ff.



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