Afrika

20.5.2005 | Von:
Stephan Kaußen

Südafrikas gelungener Wandel

Risiken für die Stabilität Südafrikas

Neben der drohenden "crisis of expectations" und dem Traditionalitätenproblem stechen weitere Herausforderungen hervor: Zum einen fordert die AIDS-Epidemie Opfer, diein die Millionen gehen und neben der menschlichen Tragödie sowohl Wirtschaft als auch Gesundheitssystem belasten. Vorsichtige Schätzungen verweisen auf einen mindestens zehnprozentigen Anteil von HIV-Positiven an der Bevölkerung, in manchen Segmenten ist gar von 30 bis 40 Prozent auszugehen, wie etwa unter den Frauen im ländlichen KwaZulu-Natal. Die Regierung Mbeki hat auf dem Feld der AIDS-Bekämpfung bislang versagt.

Zum anderen steht die Landfrage im Raum, bei der die vom ANC avisierte Reform der Besitz- und Bestellungsverhältnisse bislang nicht so zügig wie erwartet vorangetrieben wurde. Auch wenn es aus wirtschaftlichen und Stabilitätsgründen keine einfache Lösung für das kolonial vererbte Problem des Landbesitzes in den Händen weniger Weißer und der Landlosigkeit vieler Schwarzer zu geben scheint, ist weitgehend unstrittig, dass die rechtsstaatlich ausgerichtete Landreform nach dem Prinzip "willing buyer, willing seller" noch nicht genug zur Transformation beigetragen hat.[21]

Ebenfalls zur "crisis of expectations" trägt bei, dass die Alltags- und Schwerkriminalität nicht in ausreichendem Maße bekämpft wird. Kapazitätsprobleme bis hin zu überfüllten und personell schlecht ausgestatteten Gefängnissen sind neben dem extremem Wohlstandsgefälle und der in der Apartheid gewachsenen Kultur der Illegalität die Ursachen. Die Tatsache, dass es heutzutage jedoch zumindest keine gewaltsamen ethnischen Auseinandersetzungen gibt, ist mit Blick auf andere Staaten des Kontinents, den Balkan oder den Nahen Osten alles andere als selbstverständlich. Offensichtlich verfügt das neue Südafrika neben der vererbten alltäglichen Kultur der Gewalt glücklicherweise auch über ein neues, stabilisierendes Mindestmaß an gesamtgesellschaftlicher Toleranz.

Eine systemtheoretische Ambivalenz der jungen Demokratie besteht darin, dass der ANC zwar erster Garant der stabilen Ordnung ist, gleichzeitig jedoch eine Gefahr für die Konsolidierung pluralistischer Demokratie darstellt. Dieses Paradoxon ergibt sich aus seinem uneingeschränkten Machtstatus, der wegen der nötigen gesellschaftlichen Transformation einerseits erhaltenswert, aus anderer Perspektive wiederum gefährlich erscheint: Uneingeschränkte Macht verschafft nötige Handlungsfreiheit, auch gegenüber starken überkommenen Interessen und Strukturen (weißen wie schwarzen). Einparteienhegemonie birgt jedoch ein Langzeitproblem für die Demokratie, da ein Regierungswechsel nun einmal zu ihrem Wesen gehört.


Fußnoten

21.
Erst zirka 3 Prozent des Agrarlandes wurden bislang umverteilt. Vgl. africa süd, 6'02 und 3'03; Die Zeit vom 11. 3. 04.

Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

Mehr lesen

Dossier

Afrikanische Diaspora in Deutschland

In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

Mehr lesen

Dossier

Innerstaatliche Konflikte

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren.

Mehr lesen

Eine Farm im Nordosten Kenias im Jahre 1938. Die aus Deutschland von den Nazis vertriebene Jüdin Jettel Redlich steht vor der unscheinbaren Wellblechfarm ihres Mannes. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de