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Afrika

20.5.2005 | Von:

Nigeria, der volkreichste Staat des Kontinents

Militärherrschaft

Die auf den inneren Gegensätzen basierenden Dauerkonflikte sind die eigentliche Ursache dafür, daß die Regionalmacht in den 39 Jahren seit der Unabhängigkeit fast 30 Jahre lang – von Januar 1966 bis Oktober 1979 und nahezu ununterbrochen von Ende 1983 bis Mai 1999 – vom Militär regiert wurde. Das mehrheitlich aus kleinen Völkern in Mittelnigeria rekrutierte Offizierskorps bietet einen Zerrspiegel innernigerianischer Konflikte. Obwohl seit 1966 mit gesellschaftlichen Kräften des Nordens verbündet, trat das Militär in politischen Krisen als scheinbar über allen Interessen stehender "Retter der Nation" auf den Plan.

Die zivile "Erste Republik" scheiterte Anfang 1966, weil die Politiker die ökonomische und soziale Entwicklung nicht voranbrachten und das Land durch Korruption, Vetternwirtschaft sowie Mißmanagement in den Ruin trieben und regionale Gegensätze bis an den Rand des Bürgerkrieges verschärften. Unter dem Eindruck erfolgreicher Staatsstreiche von Armeeführungen anderer west- und zentralafrikanischer Staaten putschte sich deshalb Mitte Januar 1966 das Militär erstmals an die Staatsspitze. Der blutige Machtwechsel führte zu einer kurzzeitigen Ablösung der Herrschaft des Nordens durch den Süden, denn das Offizierskorps wurde seit dem Ende der Kolonialzeit von Igbo dominiert. Durch einen ebenfalls blutigen Gegenputsch von Militärs aus dem Norden wurde jedoch bereits Ende Juli 1966 die alte regionale Vorherrschaft restauriert. Im Gegenzug scherte die von den Igbo beherrschte Ostregion mit dem Löwenanteil der Erdölvorkommen im Mai 1967 als unabhängige "Republik Biafra" aus dem Staatsverband aus. Erst durch einen blutigen Krieg konnte die Zentralgewalt diesen Schritt rückgängig machen.

Als der seit Juli 1966 regierende General Yakubu Gowon von dem Versprechen abrückte, Nigeria zur Zivilherrschaft zurückzuführen, wurde er trotz seines Ruhmes als Sieger im Biafrakrieg von einer rivalisierenden Fraktion um General Murtala Muhammed aus dem Amt gejagt. Nachdem letzterer bei einem gescheiterten Gegenputsch im Februar 1976 ums Leben gekommen war, führte sein Nachfolger Olusegun Obasanjo Nigeria auf dem Wege allgemeiner Wahlen am 1. Oktober 1979 zur Zivilregierung zurück.

Unter Präsident Shehu Shagari erlebte die "Zweite Republik" nicht die erhoffte Stabilisierung als Demokratie. Ausgeprägter als in der "Ersten Republik" blühten Korruption, Vetternwirtschaft und Mißmanagement. Politische Ämter wurden primär nicht für die allgemeine ökonomische und soziale Entwicklung genutzt, sondern zur Abzweigung umfangreicher öffentlicher Ressourcen für Familien, Clans und Günstlinge mißbraucht. Als die nach vier Jahren fälligen Wahlen manipuliert wurden und sich die inneren Gegensätze erneut zu gewaltsamen Unruhen zuspitzten, putschten die Militärs am Silvestertag 1983 abermals.

Dem durch einen Staatsstreich an die Macht gelangten Juntachef General Muhammadu Buhari folgte nach einer "Palastrevolte" im August 1985 General Ibrahim Badamasi Babangida, der eine langfristige Rückkehr zur Zivilregierung ankündigte. Als sich bei den allgemeinen Präsidentenwahlen am 12. Juni 1993 in dem von Babangida per Dekret eingeführten Zweiparteiensystem der Sieg des aus der Sicht des Militärs falschen Kandidaten Moshood Abiola, eines Yoruba aus dem Süden, abzeichnete, wurde kurzerhand die Stimmenauszählung gestoppt und wenig später die Wahl annulliert. Babangida machte im August 1993 den Weg frei für den vom Militär bestimmten zivilen Interimspräsidenten Ernest Shonekan. Aber statt des von der Demokratiebewegung verlangten endgültigen Rückzugs in die Kasernen riß in einer spannungsgeladenen Atmosphäre am 17. November 1993 das Militär unter General Sani Abacha die Macht wieder an sich.

In Nigeria gab es unter jeder Militärregierung Repression und Menschenrechtsverletzungen, aber zu keiner Zeit traf es das Land wie unter Abacha. So wurden Abiola und Obasanjo ins Gefängnis geworfen, der Schriftsteller und Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa am 10. November 1995 trotz weltweiter Proteste sogar hingerichtet. Unter dem Eindruck westlicher Sanktionen bereitete schließlich auch Abacha die Rückkehr zur Zivilherrschaft vor. Durch allgemeine – notfalls manipulierte – Wahlen gedachte der Militärmachthaber sich mit dem Anschein demokratischer Legitimation als ziviler Präsident zu umgeben. Diesen Plan machte sein plötzlicher Herztod am 8. Juni 1998 zunichte.


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