Afrika
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Zur Rolle der Ressource Wasser in Konflikten

16.8.2006

Fallstudien zu Wasserverteilungskonflikten



In den vergangenen zwanzig Jahren sind zahlreiche Fallstudien entstanden, in denen sowohl gewaltvolle als auch friedliche Konfliktlösungen von Wasserverteilungskonflikten berücksichtigt wurden. Aus Platzgründen beschränkt sich dieser Artikel auf wenige typische Beispiele internationaler Konflikte, in denen zwei oder mehr Anrainerstaaten auf eine Wasserressource Anspruch erheben.[6]

Der Nil

Im Einzugsgebiet des Nils leben mehr als 140 Millionen Menschen, und zehn Länder teilen sich sein Wasser. Bevölkerungswachstum und die Art und Weise der vorwiegenden Ressourcennutzung lassen den Druck auf die Ressource stetig steigen. Allen Regierungen der Region ist die Bedeutung von Wasser für ihre sozioökonomische Entwicklung bewusst, so dass es zum nationalen Sicherheitsinteresse gehört, so viele Wasserrechte wie möglich für den eigenen Staat zu sichern.

Im Nilbecken stehen sich der territorial machtvolle Oberanrainer[7] Äthiopien und der politisch, militärisch und wirtschaftlich überlegene, aber territorial schwächere Unteranrainer Ägypten gegenüber. Ägypten erhebt Anspruch auf den größten Teil des Nilwassers, mit dem es gut 90 Prozent seines Wasserbedarfs deckt. Der Staat ist also von Wasserressourcen abhängig, die außerhalb seiner Grenzen entspringen; 86 Prozent des Nilwassers entstammen der Äthiopischen Hochebene. Auch aus diesem Grunde reagierte Ägypten zum Beispiel mit politischen und militärischen Drohgebärden auf ein äthiopisches Vorhaben, große Staudämme am Oberlauf des Nils zu bauen. Auch gegenüber dem Sudan hat Ägypten in der Vergangenheit Druck ausgeübt: Sudanesische Überlegungen, den Vertrag von 1959 zwischen Sudan und Ägypten über die Nutzung des Nilwassers zu kündigen, führten zu ähnlichen Drohungen. Dass Ägypten sich gegen die Bildung eines selbständigen südsudanesischen Staates ausspricht, hat unter anderem damit zu tun, dass dies einen weiteren Anrainer mit eigenen Ansprüchen auf das Nilwasser bedeuten würde. Zudem würde dieser neue Anrainer nicht an Ägypten grenzen, befände sich also außerhalb ägyptischer Einflussnahme. Ein Ende der gewaltsamen Auseinandersetzungen im Sudan würde wohl in jedem Fall hydropolitische Veränderungen bedeuten, da darauf zwangsläufig die wirtschaftliche Entwicklung des Sudan folgen würde, die auch einen Mehrbedarf an Wasser nach sich zöge.

Es stehen sich also in der Diskussion über die Verteilung des Nilwassers sehr verschiedene politische und wirtschaftliche Ansprüche und Bedürfnisse in der Region gegenüber. Schon heute leidet ein Großteil der Bevölkerung an Unterernährung, und Konflikte und Kriege, wie etwa in Ruanda, Burundi, Uganda, Sudan und zwischen Äthiopien und Eritrea sind keine Seltenheit. Und doch ist nicht nachweisbar, dass der Mangel an Wasser in der Region mit diesen Konflikten im direkten Zusammenhang steht. Eher im Gegenteil: Die Staaten des Einzugsgebiets haben sich mittlerweile in der so genannten "Nile Basin Initiative" zusammengeschlossen und institutionalisierten so die internationale Kooperation der Anrainer im Wassermanagement. Heute treffen sich die Vertreter der Nil-Länder auf Ministerebene einmal jährlich im so genannten "Nile Council of Ministers" (Nile COM). Außerdem tritt das "Nile Technical Advisory Committee" (Nile TAC) vier- bis fünfmal im Jahr zusammen. Aus einem Paradebeispiel für mangelnde Kooperation im Wassermanagement ist ein Beispiel für internationale Kooperation geworden.

Der Indus

Der Indus liefert Wasser für mehr als 100.000 Quadratkilometer Land; dies ist weltweit die größte Bewässerungsfläche eines einzelnen Flusssystems. Das Flussgebiet liegt zum größten Teil in Pakistan, erhält aber wichtige Zuflüsse aus Indien. Schon unter britischer Herrschaft hatte es Verteilungskonflikte im Indusbecken gegeben, die durch die Teilung des indischen Subkontinents internationalisiert wurden. Die neu entstandenen Staaten stimmten nicht darin überein, wie das Wasser des Indus verwaltet und aufgeteilt werden sollte. Indien, das nach der Teilung über die Quellflüsse des Indusbeckens verfügte, verfolgte andere Ziele als Pakistan und machte dies zum Beispiel deutlich, indem es 1948 die Wasserzuflüsse des Dipalpur Kanals und der Hauptarme des Upper Bari Daab Kanals drastisch reduzierte bzw. ganz sperrte. Die auf dem Gebiet des heutigen Pakistan lebenden Menschen nutzten jedoch seit Jahrhunderten Induswasser für die Landwirtschaft und fühlten sich deshalb durch die indischen Maßnahmen in ihrer Existenz bedroht. Im Jahre 1951 waren die Verhandlungen über eine Regelung der Wasserverteilung zwischen Pakistan und Indien derart festgefahren, dass eine Lösung unerreichbar schien. Gleichzeitig kündigte sich ein Krieg um Kaschmir an; der Konflikt um die Wasseraufteilung verschärfte die politischen Gegensätze zwischen den Parteien zusätzlich. Und doch schien Kooperation im Bereich des Wassermanagements eine Möglichkeit zu sein, den politischen Konflikt um Kaschmir zu entschärfen.

Im Dezember 1954 nahmen die beiden Parteien auf Drängen der Weltbank die Verhandlungen um den Indus wieder auf; sechs Jahre später unterzeichneten sie einen Vertrag, der die Wasseraufteilung regelte und das kooperative Management des Indus institutionalisierte. Die "Permanent Indus Commission" hat mittlerweile zwei Kriege überdauert und ist weiterhin ein Instrument der Konsultation und Konfliktlösung durch Inspektionen, Datenaustausch und gegenseitige Besuche. Der Vertrag über den Indus ist bislang der einzige Vertrag, den Indien und Pakistan gemeinsam implementiert und aufrechterhalten haben.

Der Jordan

Ein weiteres Beispiel für Wasserverteilungskonflikte ist der Nahe Osten, der von jeher zu den wasserärmeren Regionen der Welt gehört. Wohl auch deshalb sind Brunnen und Wasser schon in der Bibel symbolisch von großer Bedeutung. Das Jordanbecken gehört zu den 261 internationalen Flussläufen und -becken dieser Erde, die zwei oder mehr Anrainer haben. Klima und Geografie zusammen mit der politischen Situation in der Region machen das Jordanbecken zu einem der meistzitierten Beispiele für internationale Wasserressourcen mit Konfliktpotenzial.

Nutzbares Wasser liefern der Jordan mit seinen Quell- und Zuflüssen (Hasbani und Banyas in Syrien, Dan in Israel, Yarmuk in Jordanien), der See Genezareth und die verschiedenen Grundwasserspeicher (auch Aquifere genannt; in Israel/Palästina handelt es sich vor allem um den Bergaquifer unter der Westbank, den Küstenaquifer unter dem Gaza-Streifen und der israelischen Küste sowie weitere noch wenig erschlossene Aquifere). Schon vor dem Sechstagekrieg 1967 sorgte Wasser in der Region für Konflikte: Israel plante eine Umleitung des Jordanwassers oberhalb des Sees Genezareth in den sehr ariden Süden des Landes, während Syrien beabsichtigte, einen Teil des Wassers aus Hasbani und Banyas, die beide in den Golanhöhen entspringen, für Bewässerungsprojekte und Trinkwasserversorgung zu nutzen. Dies beantwortete Israel von 1964 bis zum Krieg von 1967 mit wiederholten Bombenangriffen auf die syrischen Baustellen. Zu den Ergebnissen des Sechstagekriegs zählt, dass alle Wasservorkommen der Region seit der Besetzung der Golanhöhen und der Westbank unter israelischer Kontrolle stehen.

Die heutigen Anrainer des Wassereinzugsgebiets sind der Libanon, Syrien, Jordanien, Israel und Palästina. Der unsichere politische Status der Palästinenser trägt zu ihrer schwachen Verhandlungsposition bei. So wurden die Interessen der Palästinenser z.B. im Friedensvertrag von 1994 zwischen Israel und Jordanien, in dem die Wasseraufteilung eine wichtige Rolle spielt, völlig ausgeklammert. Die Konflikte in Bezug auf Wasser zwischen diesen Parteien sind vielfältig: Jordanien und Israel konkurrieren um das Wasser des Jordan, Syrien und Israel streiten über das Wasser der Golanhöhen, und die Palästinenser verlangen eine grundsätzliche Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse.

Zwar ist der Wasserverteilungskonflikt zwischen Israelis und Palästinensern nach wie vor nicht gelöst. Trotzdem ist dies der einzige der auf die Endstatus-Verhandlungen verschobenen Streitpunkte, in dem die beiden Parteien trotz allem noch kooperieren. So tagt etwa das israelisch-palästinensische "Joint Water Committee" weiterhin in relativ regelmäßigen Abständen, was angesichts der politischen Situation durchaus als kleine Sensation gewertet werden kann.

Euphrat und Tigris

Das Euphrat-Tigris-Becken ist seit Jahren Gegenstand von Konflikten zwischen den Anrainerstaaten Türkei, Syrien und Irak. Die beiden Flüsse entspringen in der Türkei, und die türkische Regierung nimmt als Oberanlieger für sich das Recht in Anspruch, große Teile des Wassers aus diesen Flussläufen für eigene Projekte zu verwenden. Besonders das sogenannte GAP-Projekt (Güneydogu Anadolu Projesi, Südostanatolien-Projekt), das den Bau von 22 Staudämmen und 19 Wasserkraftwerken auf einer Fläche von 75.000 Quadratkilometern im Osten der Türkei vorsieht, wird riesige Wassermengen auf türkischem Staatsgebiet stauen. Diese sollen neben der Elektrizitätserzeugung vor allem zur Bewässerung von Agrarflächen dienen. Die Dammbauten haben Proteste von Seiten der Nachbarstaaten Syrien und Irak ausgelöst.[8]

Für Syrien ist der Euphrat die wichtigste Quelle für seine Wasserversorgung, der Irak nutzt vor allem den Tigris und verfügt darüber hinaus über andere, nationale Wasserressourcen. Beide Staaten argumentieren, die türkischen Projekte führten dazu, dass die türkische Regierung nach Gutdünken die Wasserversorgung auf- und zudrehen könne. Die Türkei setzt dagegen, dass sie von dem gesamten Wasserdurchfluss der beiden Flüsse - 50 Milliarden Kubikmeter im Jahr, davon 30 Milliarden im Euphrat und 20 im Tigris - nur etwa 17 Milliarden Kubikmeter für die eigenen Projekte benötige. In einem Protokoll aus dem Jahre 1987 sicherte die Türkei den Syrern eine durchschnittliche Versorgung mit mehr als der Hälfte der auf 950 Kubikmeter pro Sekunde geschätzten durchschnittlichen Wassermenge zu. Doch die syrische Regierung, die ebenfalls eine Reihe von Dämmen am Euphrat errichtet hat, darunter den riesigen Assad-Staudamm, verlangt 700 Kubikmeter pro Sekunde. Syrien nutzt 83 Prozent seines Wassers für die Landwirtschaft, vor allem für die großen Bewässerungsanlagen im Norden des Landes.

Nach Ansicht der türkischen Wasserbehörde haben diese Auseinandersetzungen mit Syrien in erster Linie politische Gründe. Syrien beansprucht die Hoheit über die türkische Provinz Hatay an der Mittelmeerküste und bot jahrelang den Kämpfern der kurdischen PKK Schutz, darunter ihrem Führer Abdullah Öcalan; außerdem unterstützten die Syrer den Guerillakrieg der PKK gegen Ankara. Auf der anderen Seite unterhält die Türkei enge militärische Beziehungen zu Israel. Trotz dieser Probleme hält sich die Türkei bisher an ihre Verpflichtung, die versprochene Menge Euphratwasser an Syrien zu liefern. Wasserexperten beider Länder tauschen regelmäßig Informationen über Abflussmengen und den Wasserstand in den Stauseen aus. Das oft heraufbeschworene Szenario eines Wasserkrieges beider Länder hat wohl auch hier wenig mit der Wirklichkeit zu tun.


Fußnoten

6.
Vgl. Christiane Fröhlich/Ulrich Ratsch, Wasserknappheit und Kriegerische Konflikte, in: José L. Lozàn (Hrsg.), Warnsignal Wasser, Hamburg 2004, S. 235 - 238.
7.
Ein "Oberanrainer" oder "Oberanlieger" eines Flusses ist ein Staat, auf dessen Staatsgebiet die Quelle eines Flusses entspringt bzw. sein Oberlauf oder auch Grundwasserreservoirs verlaufen. Ein "Unteranlieger" bzw. "Unteranrainer" liegt entsprechend näher an der Mündung und bekommt oftmals die Wasserverschmutzung durch den/die Oberanlieger zu spüren. Im Fall von Grundwasser kann es dagegen von Vorteil sein, Unteranlieger zu sein, denn natürliche Quellen liegen oft im "Unterlauf" von Grundwasserleitern.
8.
Vgl. zum Folgenden Dieter Brauer, Umstrittene Entwicklung. Die Staudammprojekte der Türkei an Euphrat und Tigris, in: E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit, (2001) 6, S. 188-191.

 

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