Blick auf das Gebäude des brasilianischen Nationalkongress, ein Gebäude des Architekten  Oscar Niemeyer.

Olympische Spiele und der Kampf gegen Doping


2.8.2016
Im Vorfeld der Olympischen Spiele gab es viel Verwirrung um den Kampf gegen das Doping. Einerseits wurde mit dem Ausschluss von Teilen der russischen Mannschaft Stärke demonstriert, anderseits handelten Sportverbände und Anti-Doping-Kontrollorgane widersprüchlich.

Craig Reedie (C), president of WADA speaks at the press conference of 129th IOC session in Rio de Janeiro, Brazil on Aug. 2, 2016.Craig Reedie (Mitte) Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur auf der Suche nach Dopingsündern? (© picture alliance / Photoshot)

Die Institutionen, die für die weltweite Regulierung von Dopingmitteln zuständig sind, befinden sich in einer Krise. Ein Anzeichen dafür ist der Umgang mit Staatsdoping in Russland. Noch im Juli 2016 blickte die Welt gebannt auf die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zum Dopingskandal in Russland. Wir tun aber gut daran, uns vom Sensationalismus dieser Affäre zu lösen und die größeren historischen und politischen Zusammenhänge in den Blick zu nehmen, die erklären, wie es zu solchen Skandalen kommen kann. Solche Vorgänge und die Schwächen der Anti-Doping-Organisationen wie der WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur) überrascht kundige Beobachter jedoch kaum.

WADA - Welt-Anti-Doping-Agentur

Die 1999 gegründete Welt-Anti-Doping-Agentur WADA ist eine internationale Organisation die weltweit gegen Doping im Leistungssport kämpft. Sie hat ihren Sitz im kanadischen Montreal und wird vom ehemaligen Vorsitzenden der British Olympic Association (BOA), Craig Reedie, als Präsidenten geleitet.

Die WADA ist zuständig für die Dopingkontrollen der Sportlerinnen und Sportler, diese erfolgen sowohl angemeldet als auch spontan. Dazu müssen die Athletinnen und Athleten auch ihre Aufenthaltsorte der WADA drei Monate im Voraus mitteilen. Formal streng, können schon drei kleine Vergehen innerhalb von 18 Monaten zu einer Sperre der Sportlerinnen und Sportler führen.

Der aktuelle, seit Anfang 2015 gültige, Code der WADA sieht unterem anderen mindestens vierjährige Strafen für schwere Vergehen vor, auch dürfen Athleten zukünftig nicht mehr mit wegen Dopingvergehen verurteilten Trainern, Betreuern oder Funktionären zusammen arbeiten. Erst mit dem neuen Code ist die WADA auch zu echten Ermittlungen gegen Verdächtige bevollmächtigt.

Seit 2002 wird die WADA je zur Hälfte vom IOC, dem Internationalen Olympischen Komitee und verschiedenen nationalen Regierungen finanziert. Deutschland hat sich 2015 mit 544.000 Euro beteiligt.

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Rückblickend zeigt sich die Doppelbödigkeit des russischen Skandals darin, wie Präsident Putin und seine Sportfunktionäre behaupteten, die Bestrafung des russischen Sports durch die WADA sei unfair. Ein Ausschluss des gesamten russischen Olympia-Teams von den diesjährigen Spielen in Rio hätte, so Putin im Juni, "alle zivilisierten Verhaltensregeln" gesprengt; "Doping auf staatlicher Ebene" gebe es in Russland nicht. Bevor das IOC die russischen Athleten nun doch zu den Spielen zuließ, bezeichnete ein Mitglied des russischen Parlaments ihre vorläufige Sperre für die Rio-Spiele als einen politischen "Racheakt gegen Russland wegen seiner unabhängigen Außenpolitik". Die russische Stabhochspringerin und zweifache Olympiasiegerin Yelena Isinbayeva warnte, sie werde den Leichtathletik-Weltverband (IAAF) wegen "Verstoßes gegen die Menschenrechte" verklagen, falls der IAAF sie ausschließen sollte.

Wird Russland von internationalen Anti-Doping-Bürokraten schikaniert? Das Gegenteil ist der Fall. Die Anti-Doping-Maßnahmen des IOC und der WADA waren in den letzten fünfzig Jahren völlig unzureichend, um den Gebrauch von leistungssteigernden Substanzen durch Spitzensportler zu kontrollieren. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko führte das IOC ein grobes Dopingkontrollprotokoll ein, um den Konsum von Amphetaminen festzustellen. Im Laufe der acht Sommerolympiaden zwischen 1968 und 1996 machte das IOC seine eigenen Dopingtests. Das Ergebnis: Bei einem von tausend Sportlern wurde eine verbotene Substanz nachgewiesen. Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau gab es keinen einzigen positiven Befund. Nachträgliche Tests ergaben erhöhte Testosteron-Werte bei 16 Goldmedaillengewinnern, die die Dopingkontrollen bestanden hatten. Die von der WADA überwachten Dopingkontrollen, die bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney eingeführt worden waren, führten bei den Olympischen Spielen 2012 in London zu positiven Testergebnissen von weniger als einem halben Prozent.

Auf einem Auge blind



Eine prinzipielle Schwäche der Anti-Doping-Kampagne im Weltsport ist die passive Reaktion des IOC auf diese – über Jahrzehnte hinweg – niedrigen Zahlen, die unmöglich wahr sein konnten. Das IOC begrüßte die Zahlen, gerade weil die Dopingkontrollen des IOC vor allem der Imagepflege dienten. Wenn das IOC und seine medizinische Kommission mit diesen mageren Ergebnissen zufrieden waren, warum sollte sich die sportbegeisterte Öffentlichkeit dann sorgen? 1985 verlieh der IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch ironischerweise olympische Orden an die Architekten des DDR-Dopingsystems Erich Honecker und Manfred Ewald, die die olympischen Dopingkontrolleure über Jahre zum Narren gehalten hatten. Die Auszeichnung war eine politische Bestechung, um zu verhindern, dass sich die DDR an Boykotten der Spiele durch den Ostblock beteiligte. Zugleich war diese groteske Geste ein vielsagender Beleg für die gleichgültige Haltung des IOC gegenüber Staatsdoping.

Wie die verschwindend geringe Anzahl positiver Doping-Befunde bei den Olympischen Spielen der letzten fünfzig Jahren zeigt, sind Dopingkontrollen bei Olympischen Spielen ein einseitiger Kampf, bei dem die Kontrolleure immer den Kürzeren ziehen. Zu den großen Gewinnern dieses ungleichen Wettbewerbs zählen autoritäre Staaten, die geheime Dopingprogramme betreiben, um ihren Medaillenspiegel in internationalen Sportwettkämpfen zu verbessern: früher waren es die DDR und die Sowjetunion, heute sind es Russland und aller Wahrscheinlichkeit nach China. Nicht die WADA verhält sich unfair gegenüber Russland, wie Putin behauptete, sondern Länder wie Russland missbrauchen das Verhältnis zwischen Nationalstaaten und Anti-Doping-Agenturen. Letztere versuchen bisher vergeblich, die Doping-Epidemie im Spitzensport einzudämmen. De facto hat sich diese seit den 1960er-Jahren nur noch stärker ausgebreitet.

Die Konstitutierung der WADA im Januar 2000 markierte den ersten Versuch der Sportwelt, glaubwürdige Dopingkontrollen zur Eindämmung der Doping-Epidemie einzuführen. Die Agentur, die seit 2002 gemeinsam durch Regierungen und das IOC finanziert wird, besaß 2015 ein Jahresbudget von 28 Millionen Dollar. Wie das seit drei Jahrzehnten völlig unwirksame Dopingkontrollprotokoll des IOC ist die Unterfinanzierung der WADA eine bewusste Entscheidung des IOC und seiner Mitgliedsstaaten. Warum hat das IOC nach den verheerenden Folgen von Dopingskandalen für die Moral der Athleten und sein eigenes Prestige entschieden, so wenig in die Anti-Doping-Agentur zu investieren, an deren Einrichtung es doch beteiligt war?

Begrenzte Mittel



Noch entmutigender als die Budgetprobleme der WADA ist das Verhalten hochrangiger WADA-Vertreter, das durch den russischen Skandal ans Licht gekommen ist. Die Reaktion der Welt-Anti-Doping-Agentur, deren aktueller Präsident Sir Craig Reedie zugleich Mitglied der IOC-Exekutive ist, war zaghaft und ungeschickt. Präsident Reedie hat vor kurzem behauptet, es liege nicht in der Zuständigkeit der WADA, ihre eigenen Vorschriften durchzusetzen; die Agentur habe nicht die Macht, Doping-Vorwürfen nachzugehen. Vertreter der WADA haben frühe Hinweise von russischen Whistleblowern ignoriert und einen von ihnen sogar an russische Funktionäre verraten, die in dem Verdacht standen, das geheime Anti-Doping-Programm zu betreiben – ein unvorstellbarer Vertrauensbruch. Der Leiter der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA, Travis Tygart, hat unlängst erklärt: "Wir glauben nicht, dass WADA keine Befugnisse besitzt, Ermittlungen anzustellen, Zeugen zu schützen oder Maßnahmen zu ergreifen", um zu untersuchen, ob nationale Agenturen bestochen wurden. 2015 brachte der damalige Ermittler der WADA, seinen Abschlussbericht über das russische Dopingprogramm heraus. Die Ergebnisse konnten nur zutage kommen, weil er ein privates Ermittlungsunternehmen anheuerte, das ehemalige Mitarbeiter des Secret Service, des CIA und des FBI beschäftigt. Rückblickend ist klar, dass die übervorsichtige politische Sensibilität des IOC mit der Zeit auf das operative Denken der WADA abgefärbt hat. Der Glaubwürdigkeitsverlust der WADA hat den IOC-Präsidenten Thomas Bach sogar zu der Erklärung veranlasst, er wolle das gesamte "Anti-Doping-System unabhängig von Sportverbänden" machen – ein verblüffendes Eingeständnis, wie sehr WADA von den politischen Interessen des IOC kontaminiert ist.

Die Auswirkungen des russischen Doping-Skandals haben sich noch verschärft, da sie mit dem Zusammenbruch glaubwürdiger globaler Institutionen und Regelwerke im Sport in den letzten Jahren einhergehen. Dass Spitzenfunktionäre der FIFA anscheinend in kriminelle Machenschaften involviert waren, hat der sportbegeisterten globalen Öffentlichkeit eine wichtige Lektion erteilt, was die ethikfreie Umgebung vieler internationaler Sportverbände angeht. Der Führungskrise des Weltleichtathletikverbands IAAF hat diese Lektion noch verstärkt. Hochrangige Funktionäre wurden wegen Anklagen der Bestechung, Erpressung und Vertuschung positiver Dopingproben suspendiert. Gegen den ehemaligen Präsidenten des IAAF, Lamine Diack, wird wegen Bestechung ermittelt. Eine Untersuchung des Welt-Schwimmverbandes FINA sollte als nächstes auf der Liste stehen. Unterdessen geht der Kampf gegen Doping dort weiter, wo man ein Interesse an ihm hat. Noch erschüttert vom Ende des Lance-Armstrong-Mythos wählte der Internationale Radsport-Verband UCI 2013 einen echten Reformer zum Präsidenten. Wird eine ehrliche Führung es möglich machen, einen dopingverseuchten Sport aufzuräumen? Die derzeitigen Belege deuten darauf hin, dass Funktionäre guten Willens nicht ausreichen und dass eine "Reform" von Spitzenathleten weg von der Dopingkultur eine weitaus schwierigere Aufgabe ist, als viele von uns es sich vorgestellt haben.

Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Kotte


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Autor: John Hoberman für bpb.de
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