Blick auf das Gebäude des brasilianischen Nationalkongress, ein Gebäude des Architekten  Oscar Niemeyer.

Brasilien kann nicht nur Fußball


2.8.2016
Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro treten viele brasilianische Athleten an. Der Weg dorthin ist nicht leicht, denn viele Sportarten im Land werden nur wenig gefördert. Warum mehr Unterstützung wichtig ist und wie das funktionieren kann, erklären eine Ruderin, eine Ringerin und ein paralympischer Leichtathlet.

Die brasilianische Ruderin Fabiana Beltrame trainiert für die olympischen Spiele in Rio.Die brasilianische Ruderin Fabiana Beltrame trainiert für die olympischen Spiele in Rio. (© picture-alliance/AP)

Fußball ist in Brasilien nicht irgendein Sport. Fußball ist der Sport. Brasilianische Kinder kommen mit dem Traum auf die Welt, eines Tages in der sagenumwobenen "Seleção" zu spielen. Oder?

Ein Blick auf die Rekordzahl von 462 brasilianischen Athleten, die dieses Jahr bei den Olympischen Spielen im eigenen Land antreten, zeigt: Offenbar gibt es jede Menge Talente in Brasilien – abseits des Fußballs. Wir gehen mit drei Sportlern auf Spurensuche. Fabiana Beltrame ist die erfolgreichste Ruderin des Landes. Bei den Spielen 2016 nimmt sie allerdings nicht mehr teil und setzt sich mit 34 Jahren sportlich zur Ruhe. Ringerin Joice Silva hat gerade erst zum Höhenflug angesetzt. Genauso wie ihre Sportart. Und Fábio Bordignon war auf dem besten Weg, Siebener-Fußballstar zu werden: Das ist eine verkleinerte Fußball-Version die bei den Paralympics ausgetragen wird. Dann hat er aber noch mal von vorne angefangen: als paralympischer Leichtathlet. Wie sind die drei dahin gekommen, wo sie heute sind? Wie geht es ihren Sportarten? Und warum sind sie in Brasilien relativ unsichtbar?

Fabiana Beltrame - Ruderin



Fabiana Beltrame war 15 Jahre alt, als sie zu Hause in Florianópolis, im Süden des Landes, Ruderer im Meer ihre Bahnen ziehen sah. Sie war so fasziniert, dass sie selbst damit anfing. Ihr Aufstieg war rasant: Bei ihrem ersten Wettkampf auf Landesebene belegte sie den zweiten Platz. Kurz darauf holte sie zwei Goldmedaillen bei der Nationalmeisterschaft.

2004 nahm Fabiana in Athen als erste Ruderin Brasiliens an Olympischen Spielen teil. In der Einer-Disziplin ruderte sie auf den 14. Platz. In Peking 2008 erreichte sie den 19. Rang. 2010 wechselte sie dann die Disziplin und ruderte fortan im nicht-olympischen Leichtgewichts-Einer. Diese Bootsgruppe erlaubt bei Frauen ein Maximalgewicht von 59 Kilo, Beltrame nahm dafür ungefähr zehn Kilo ab. Ihr Ehrgeiz wurde belohnt: Bei den Ruderweltmeisterschaften 2010 in Neuseeland erreichte sie den vierten Platz, 2011 siegte sie beim Ruderweltcup in Hamburg und holte noch im gleichen Jahr die bislang einzige brasilianische Goldmedaille bei einer Ruderweltmeisterschaft im slowenischen Bled.

Seit 2005 lebt Fabiana in Rio de Janeiro. Rio, heute eine der Hauptstädte des brasilianischen Fußballs, war einst eine Rudermetropole. Vasco da Gama, Botafogo, Flamengo – die bekannten Fußballvereine haben alle einmal als Ruderclubs angefangen. "Bis in die 1950er-Jahre kamen Menschenmengen hierher, um die Regatten anzuschauen", erzählt Fabiana. Sie schaut auf die Lagune Rodrigo de Freitas. Es ist 8.30 Uhr, Fabiana hat die erste Trainingseinheit schon hinter sich. Sie trainiert zwei- bis dreimal täglich bei Vasco da Gama.

Dass ihre sechsjährige Tochter bislang kein Interesse am Wassersport zeigt, erleichtert sie ein bisschen: "Rudern ist ein harter Sport, und er wird kaum gefördert." Was sie in den letzten 19 Jahren erreicht habe, verdanke sie allein ihrem persönlichen Einsatz, sagt Fabiana. Der brasilianische Ruderverband bietet den Athleten der Nationalmannschaft kein Trainingszentrum. So rudern sie für sich in ihren Clubs, wo die Vorbereitung aber vor allem auf Landesmeisterschaften ausgerichtet ist. Fabianas Club hat nur eine begrenzte Anzahl an Booten, und die des Ruderverbands sind alt. Also musste sie sich ein eigenes Boot kaufen.

"Der Verband ist schlecht organisiert und plant nicht für die Zukunft", sagt Fabiana. Seit Jahren ist sie in ihrer Sportart ganz vorne dabei gewesen. Neue Talente kommen kaum nach, weil keine Basisarbeit stattfindet.

Für die Spiele 2016 suchte Fabiana eine Partnerin, da sie im Leichtgewichts-Einer alleine nicht antreten konnte. Allerdings fand sie niemanden auf ihrem sportlichen Niveau. Also trat sie in der Olympia-Qualifikation im Einer ohne Gewichtsbeschränkung an und ruderte auf den zweiten Platz. Besser waren nur Fernanda Nunes und Vanessa Cozzi, die im Leichtgewichts-Doppelzweier den ersten Platz belegten. Nach einer neuen Regel des Weltruderverbands darf jedes Land aber nur noch ein Frauen- und ein Männer-Boot zu den Spielen schicken. Damit war Fabiana draußen.

Ende 2016 geht sie zurück in ihre Heimat Florianópolis. "Ich will erst mal ausspannen und meine Familie genießen", sagt sie. Dann hat Fabiana eine Mission: Sie möchte im Brasilianischen Ruderverband daran mitarbeiten, den Sport in ihrem Land besser zu organisieren.

Joice Silva - Ring frei!



Die brasilianische Ringerein Joice Silva (oben) im Kampf mit der Ecu­a­do­ri­a­ne­rin Jessica Zinga.Die brasilianische Ringerein Joice Silva (oben) im Kampf mit der Ecu­a­do­ri­a­ne­rin Jessica Zinga. (© epa)
Joice Silva beschäftigt sich weniger mit der Organisation ihres Sports. Das muss sie auch nicht: Ringen entwickelt sich gerade prächtig in Brasilien. Die 33-Jährige trainiert zweimal täglich im Zentrum des brasilianischen Ringerverbands in Tijuca, im Norden Rios. An diesem Morgen üben die Sportlerinnen Angriffstechniken. Ziel ist es, die Gegnerin mit beiden Schultern auf den Boden zu drücken.

Frauen ringen nur im sogenannten Freistil, in dem der ganze Körper zum Einsatz kommt. Und das tun sie in Brasilien recht erfolgreich: Gleich vier Sportlerinnen sind für die Spiele qualifiziert, darunter Joice.

Dabei betreibt der brasilianische Verband diese Sparte erst seit wenigen Jahren professionell. 2008 holte er mit Unterstützung des Sportministeriums zwei kubanische Trainer ins Land. Kuba ist eines der erfolgreichsten Länder in diesem Kampfsport. Die erfahrenen Ringer sollten eine Mannschaft zusammenstellen, die bei internationalen Wettkämpfen Medaillenchancen hat.

Die Ergebnisse waren so gut, dass das Ministerium weitere Gelder genehmigte. Inzwischen sind mehr als ein Dutzend kubanischer Trainer in Brasilien. Immer mehr Kinder ringen, immer mehr Trainer werden ausgebildet, die Profis erzielen immer bessere Resultate. "Da ist noch sehr viel Luft nach oben", ist sich Joice sicher.

Sie findet, es ist an der Zeit, das Monopol des Fußballs zu durchbrechen: "Unsere Jungs haben Geschichte geschrieben, aber aktuell machen sie nicht allzu viel Freude." Joice hat selber 13 Jahre lang Fußball gespielt, im Osten Rios, wo sie in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist. Aber sie sah keine Karrierechancen im Frauen-Fußball. Obwohl die weibliche Nationalmannschaft eine der besten weltweit ist, ist sie im eigenen Land so gut wie unsichtbar. Es gibt kaum Clubs und keine Profiliga, die Spielerinnen gehen daher ins Ausland.

Joice spielte eine Weile lang Basketball. Dann musste sie in ihrer Ganztagsschule eine Nachmittagsaktivität auswählen. Sie entschied sich für Jiu-Jitsu. Das Sportangebot gehörte zu einem Sozialprojekt, neben den Schülern stand es auch anderen Kindern der Gegend offen. Ihr Coach sah, dass sie talentiert war, und er hörte, dass die Universität Gama Filho ein weibliches Ringerteam für die Landesmeisterschaft bilden wollte. Er ermutigte die damals 19-Jährige, es zu versuchen.

Schon nach ein paar Monaten wurde sie Landesmeisterin und wenig später brasilianische Meisterin. Sie bekam ein Stipendium, schloss ein Sportstudium ab. 2012 fuhr sie zur den Olympischen Spielen nach London. Letztes Jahr holte sie Gold in der Kategorie bis 58 Kilogramm bei den Panamerikanischen Spielen in Kanada.

Joice hat ihren Traum wahrgemacht. Sie kann vom Ringen leben, als Sportsoldatin der brasilianischen Marine und Stipendiatin des Sportministeriums. Sie weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Nicht einmal im Fußball: "Es gibt die Elite, die Millionen verdient, und es gibt die Masse, die genauso kämpft wie die Athleten anderer Sportarten", sagt Joice.

Das Stipendium des Sportministeriums "Bolsa Atleta" ist eine Hilfe – aber nur für die Besten. Die monatliche Unterstützung schwankt zwischen 925 Reais (circa 250 Euro) für die drei Besten ihrer Sportart auf nationalem Niveau und bis zu 15.000 Reais (4.150 Euro) für Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften.

Fábio Bordignon - neue Wege



Auch Fábio Bordignon hat das Glück, die "Bolsa Atleta" zu beziehen. Dabei ist der 24-Jährige ziemlich neu in der paralympischen Leichtathletik. Bis vor eineinhalb Jahren spielte Fábio Siebener-Fußball für Cerebralparetiker. Er kam mit einer Hirnschädigung auf die Welt, die für Muskelschwund, Kraft- und Koordinationsstörungen in beiden Beinen sowie im rechten Arm sorgt.

Das hielt ihn nicht davon ab, von einem Leben als Fußballspieler zu träumen. Und er träumte nicht nur: Er klopfte bei Clubs und Schulen in Rio an, spielte sogar eine Zeit lang bei Vasco da Gama. Doch bei jeder medizinischen Untersuchung im Club ließen ihn die Ärzte durchfallen. Sie dachten, er sei nicht in der Lage mit "normalen Leuten" zu spielen.

Fábio selbst hielt das durchaus für möglich. Er trainierte die betroffenen Muskeln. Sein körperlicher Zustand war sehr gut, sagt er. "Ihre Vorurteile standen mir mehr im Weg als meine Behinderung ", glaubt Fábio.

Das hörte erst auf, als er mit 17 zum Behindertenverband Andef in Niterói kam ("Associação Niteroiense dos Deficientes Físicos"). Er begann Siebener-Fußball zu spielen. Die Eltern zogen mit ihm in die Nähe des Clubs. Sie hatten nicht genug Geld, um dem Jungen die tägliche Anfahrt zu zahlen.

Nach wenigen Monaten war Fábio in der Nationalmannschaft des Siebener-Fußballs, 2012 bei den Paralympischen Spielen in London. Brasilien kam auf den vierten Platz. Die Mannschaft wurde aufgelöst, ein jüngeres Team sollte gebildet werden.

Fábio war jung. Er wartete darauf, wieder in die Auswahl berufen zu werden. Vergeblich. Er glaubt, der Nationalverband des Behindertensports boykottierte die Athleten aus Niterói wegen politischer Streitigkeiten mit dem Andef. Bestätigen lässt sich diese Einschätzung aber nicht.

Fábio wollte beim Andef bleiben. Also entschied er sich Ende 2014, zur Leichtathletik zu wechseln. Erneut war er schnell ganz vorne dabei. Er brach den südamerikanischen Rekord seiner Klasse über einhundert Meter und im Weitsprung. In beiden Disziplinen ist er im World Ranking auf Platz eins. Und bei den Paralympischen Spielen in Rio will er um die Goldmedaille kämpfen.

Fábio ist immer noch Fußballfan. Das erste Geschenk, das er seinem zweijährigen Sohn machte, war ein Ball. Aber jetzt sieht er, wie sehr die Athleten außerhalb des Fußballs zu kämpfen haben. Die großen Clubs sollten auch anderen Sportarten die Struktur geben, die sie brauchen, findet Fábio. Er ist in der glücklichen Lage, eine solche zu haben.

Fábio, Joice und Fabiana, alle drei mussten hart kämpfen, um dorthin zu kommen, wo sie sind. Jeder von ihnen hatte unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen, aber in einem sind sie sich einig: Es ist Zeit, dass nicht mehr nur die "Seleção" so großzügig unterstützt wird. Brasilien hat eine Menge Talente. Würden diese mehr gefördert, wären sie erfolgreicher. Und dann würden brasilianische Kinder vielleicht auch mal davon träumen, Ruderer, Ringer oder Leichtathleten zu werden.


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Autor: Laura Geyer für bpb.de
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