Blick auf das Gebäude des brasilianischen Nationalkongress, ein Gebäude des Architekten  Oscar Niemeyer.

29.5.2014 | Von:
Lígia Lana


Übersetzung: Kirsten Brandt

Frauensache

Zur Emanzipation in Brasilien

Zwar hat Brasilien seit 2011 mit Dilma Rousseff eine Präsidentin, zur Gleichberechtigung ist es dennoch ein weiter Weg. So bleibt die Hausarbeit nach wie vor auch bei Berufstätigen fast immer allein an den Frauen hängen. Dennoch ist langsam Besserung in Sicht.

Hausangestellte - empregada - bei der Arbeit. Ab der Mittelklasse aufwaerts haben sehr viele Haushalte eine Hausangestellte. Für viele Frauen der einfachen Bevoelkerung ist dies die einzige Moeglichkeit, Geld zu verdienen. Empregadas verdienen einen Mindestlohn. Dieser ist jedoch in den letzten vier Jahren mehr als verdoppelt worden. Da es verboten ist, weniger als den Mindestlohn zu bezahlen, verzichtet die Mittelklasse zunehmend auf Hausangestellte. Fotografiert am 05.04.2008Hausangestellte - empregada - bei der Arbeit. Ab der Mittelklasse aufwärts haben sehr viele Haushalte in Brasilien eine Hausangestellte. Für viele Frauen der einfachen Bevölkerung ist dies die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. (© picture-alliance)

Seit über zwanzig Jahren arbeitet Adalgisa Barbosa als Haushaltshilfe. Damit sie ihrer Tätigkeit nachgehen kann, passt ab mittags die Nachbarin auf ihren Sohn auf. Dafür zahlt Barbosa ihr 135 Reais, etwa 43 Euro, im Monat (im Durchschnitt verdient eine Hausangestellte in Brasilien kaum mehr als den Mindestlohn von 230 Reais). Nach Feierabend kümmert Barbosa sich um ihren eigenen Haushalt. Ihr Beispiel ist in Brasilien nicht ungewöhnlich. Hausarbeit, privat wie auch als Beruf, gilt immer noch als Domäne der Frau. Ein Drittel aller berufstätigen Brasilianerinnen arbeitet als Haushaltshilfe. 2007 errechneten Statistiker eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von rund 70 Stunden für die meisten berufstätigen Frauen im Land, da die Hausarbeit fast ausschließlich ihnen überlassen bleibt.

Doch es gibt auch positive Entwicklungen. Neuere Statistiken belegen, dass brasilianische Frauen aller Gesellschaftsschichten mittlerweile über ein höheres Bildungsniveau verfügen als Männer. Auch der Anteil weiblicher Führungskräfte hat zugenommen: 45 von 100 Unternehmern sind heute Frauen.

Als 2011 Dilma Rousseff, die zudem unter der Militärdiktatur der militanten Linken angehört hatte, Staatspräsidentin wurde, war dies ein nicht zu unterschätzender Durchbruch. Auch an dritter
 Stelle unter den Präsidentschaftskandidaten stand damals mit Marina Silva übrigens eine Frau. Nach Rousseffs Wahl wurden neun Ministerposten an Frauen vergeben – so viele
wie noch nie zuvor – und das 2002 geschaffene Staatssekretariat für Frauenpolitik wurde in ein Ministerium umgewandelt.

Eine weitere Besonderheit der Rolle der Frau in Brasilien betrifft alle sozialen Schichten und wird häufig durch die positive Bewertung der "ginga", der Freude an Tanz und Bewegung, und einer betonten Lässigkeit kaschiert. Auf der einen Seite sind Frauen einem strengen Sittenkodex im Hinblick auf ihr Verhalten und ihre Sexualität unterworfen, auf der anderen wird von ihnen erwartet, dass sie ihre körperlichen Vorzüge zur Schau stellen. Im Land mit den zweitmeisten Schönheitsoperationen weltweit wird von den Frauen ein perfekt modellierter Körper verlangt.

Eine Frau, die zu alt oder zu dick ist oder sich weigert, ihre Reize einzusetzen, wird gesellschaftlich geächtet. Wer Letzteres aber zu offensiv tut, wird schnell als "piriguete", als Schlampe, abgestempelt. So etwa die Frauen in der Bierwerbung, die sogenannten "Maria-chuteiras", Frauen, denen Liebschaften mit Fußballern nachgesagt werden. Oder die "mulheres-fruta", junge Frauen, die in den letzten Jahren in der Musikszene von Rio de Janeiro mit auf die Form ihres Hinterteils bezogenen Namen wie "Melonenfrau" oder "Apfelfrau" als Sängerinnen, Tänzerinnen und Covergirls große Berühmtheit erlangt haben.

Neben diesen eher symbolischen Problemen gibt es konkrete Bemühungen, Geschlechterdiskriminierung per Gesetzgebung zu vermindern. 2009 wurde eine Frauenquote von mindesten 30 Prozent für die Wahllisten politischer Parteien eingeführt. Die wichtigste juristische Maßnahme der vergangenen Jahre war jedoch die Verabschiedung des sogenannten "Maria-da-Penha"-Gesetzes von 2006, das häusliche Gewalt gegen Frauen rigoros unter Strafe stellt. Das nach einer brasilianischen Frauenrechtlerin benannte Gesetz schützt die von Gewalt bedrohten Frauen überdies, indem es ihnen einen Anwalt zuspricht und einen Täter-Opfer-Ausgleich verbietet. 2012 wurde noch einmal nachgebessert: Der Oberste Gerichtshof entschied, dass nicht zwangsläufig das Opfer Anzeige erstatten muss, da viele Frauen aufgrund der emotionalen Bindung zu ihrem Partner von einer Strafanzeige absehen. In einem auf Sklaverei und vielfältige Ausbeutung gegründeten Land ist die Ächtung der Gewalt gegen Frauen ein wichtiger Fortschritt.

Im April 2013 unternahm Brasilien schließlich auch einen entscheidenden Schritt zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Hausangestellten. Nach einer intensiven öffentlichen Debatte wurde durch eine Verfassungsänderung der Beruf der Haushaltshilfe in die Lister der Berufstätigkeiten aufgenommen, die durch Arbeitsgesetze geregelt und geschützt sind. Das neue Gesetz brachte zwei große Neuerungen: die Regelung der Arbeitszeit (Acht-Stunden-Tag und 44-Stunden-Woche) und die Vergütung von Überstunden. Trotz des Widerstands einiger gesellschaftlicher Gruppen – vor allem aus der Mittelklasse –, die warnten, dass dies zu Massenentlassungen führen werde, ist das Gesetz seit einem Jahr in Kraft.

Aus dem Portugiesischen von Kirsten Brandt.

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Autor: Lígia Lana für bpb.de
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