Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

9.1.2008 | Von:
Martina Kaller-Dietrich
David Mayer

Soziale Bewegungen in Lateinamerika

Neue Soziale Bewegungen in Lateinamerika

Die Geschichte der sozialen Bewegungen Lateinamerikas im 20. Jahrhundert lässt sich zu keinem Zeitpunkt auf die großen Revolutionen, auf korporativistische oder klassenkämpferische Gewerkschaften, auf populistische, stalinistische oder revolutionäre Parteien sowie auf Guerillabewegungen reduzieren. Es waren immer wieder auch unorganisierte, oft spontane Volksbewegungen, welche in gesellschaftlichen Radikalisierungsphasen und in den revolutionären Situationen den Rhythmus der Ereignisse vorgegeben hatten. In den 1980er-Jahren wurden "neue" Akteure in den sozialen Bewegungen sichtbar: lokale Campesino- und Genossenschaftsbewegungen, Frauengruppierungen, Menschenrechts-, Indígena-Organisationen, Stadtteilbewegungen, christliche Basisgemeinden, Umweltschutzgruppen sowie autonome Gewerkschaften. Der Aufschwung dieser Neuen Sozialen Bewegungen ist ein empirisches Phänomen Lateinamerikas in den Achtzigern. Vielfach ist von einem Sprießen der Graswurzelbewegungen die Rede. Der Typus der Neuen Sozialen Bewegungen zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
  1. Keine Parteianbindung.
  2. Die Organisierung einer partikularen sozialen Basis und das Auftreten für partikulare Ziele.
  3. Die Ablehnung historischer Missionen (wie Revolution, Sozialismus) und systemübergreifender Ziele.
  4. Die Analyse von strukturellen Klassenunterschieden wird nachrangig; es geht um die Gruppeninteressen der Akteure.
Die Neuen Sozialen Bewegungen entstanden in Abgrenzung zum Avantgardeanspruch wie zu den klassenanalytischen Leitideen der traditionellen linken Gruppen, insbesondere der Guerillagruppierungen. Dabei konnten sie auf alternative Organisierungserfahrungen, die teilweise bereits in den 1960ern ihren Anfang nahmen, zurückgreifen: so beispielsweise auf die Organisierung von Landlosen und städtischen Armen (etwa in Chile durch die Christdemokraten um Eduardo Frei) als auch auf basisorientierte Reformbemühungen der katholischen Kirche (Bischofskonferenz Medellín 1968), welche der so genannten Kirche der Armen und der Theologie der Befreiung Spielräume eröffneten. Die katholischen Basisinitiativen ermöglichten in manchen Ländern (zum Beispiel in Brasilien) ein politisches Betätigungsfeld während der Militärdiktatur. In diesen Diktaturformen etablierten sich – nachdem alle bisher bestehenden Organisationen und Führungsstrukturen (Gewerkschaften, Parteien) zerschlagen worden waren – in den Nischen dieser Regime überdies neue Varianten der politischen und sozialen Organisation. Frauenbewegungen (z.B. Selbsthilfe und Unterstützungsnetze in Chile), Menschrechtsgruppierungen und Zusammenschlüsse der Angehörigen von Verschwundenen (etwa die Madres de Plaza de Mayo in Argentinien) scharten das Oppositionspotenzial um sich.

Die neoliberalen Strukturreformen führten in ganz Lateinamerika zu De-Industrialisierung, Privatisierungen und der Rücknahme sozialer Reformen. Korporativistische, am Staat und seinen Unternehmen orientierte Gewerkschaften verloren Mitglieder und an Durchsetzungskraft. Sie vermochten die großteils weiblichen Arbeitskräfte in neuen, in Freihandelszonen angesiedelten, Exportindustrien (maquilas) nicht zu integrieren. Die Heterogenisierung der Industrie (absteigende Binnen-, aufsteigende Exportindustrien) und der Sozialstruktur im Zuge der neoliberalen Reformen zeitigte widersprüchliche Wirkungen auf die sozialen Bewegungen: Das Ansteigen des informellen Sektors und der Wegfall von Sozialleistungen ließ die Familie wieder zur zentralen ökonomischen und solidarischen Einheit werden, viele Menschen organisierten sich nun entlang der Wohnviertel und nicht mehr der Arbeitsplätze (Stadtteilbewegungen). In manchen Ländern führte die De-Industrialisierung zur Rückkehr vieler Arbeitnehmer in agrarische Gebiete (zum Beispiel in Ekuador, Bolivien). Die gemachten Proletarisierungserfahrungen veränderten jedoch die Organisations- und Kampfformen von Campesino- und Indígena-Bewegungen grundlegend und förderten deren allgemeine Radikalisierung ab den 1990er-Jahren. Stellvertretend dafür stehen die Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador (=CONAIE) in Ekuador, die Movimiento dos Trabalhadores Rurais sem Terra (=MST) in Brasilien oder die Coca-Bauern in Bolivien.

Neozapatisten in Mexiko (seit 1994)

Das Auftauchen der neo-zapatistischen Guerilla markiert für manche Autoren den Beginn einer dritten Welle von Guerillabewegungen. Das Ejército Zapatista de Liberación Nacional (=EZLN) entstand aus zwei Traditionslinien:

1.) Regionale Kleinbauernbewegungen in Chiapas: Ein erster Zusammenschluss dieser regionalen Bewegungen fand beim Indígena-Kongress von 1974 statt. Dem radikalen, bewaffneten Kampf der Bauern in Chiapas ging ein jahrzehntelanger erfolgloser legaler Kampf voraus.

2.) Aus der Stadt kommende Guerilla-Gruppen: Diese entstanden in Mexiko erstmals nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung 1968 (Massaker von Tlatelolco). Sie folgten erst dem Fokus-Konzept und blieben damit von den indianischen Bauern isoliert. Ab Anfang der 1980er-Jahre vollzog sich in Chiapas jedoch eine langsame Verschmelzung der beiden Traditionslinien. Die Guerilla verankerte sich im sozialen Umfeld der indianischen Gemeinschaften und veränderte ihre organisatorischen und ideologischen Prinzipien. Das entstehende EZLN ordnete sich dem konsensdemokratischen Prinzip der Dörfer unter. Die Befehlsgewalt der militärischen Führung beruht auf den Aufträgen der demokratischen Beschlüsse der Dorfgemeinschaften (mandando obediciendo, gehorchendes Befehlen). Frauen nehmen im neo-zapatistischen Befreiungsheer eine tragende Rolle ein und vollziehen teilweise einen Bruch mit den Normen der Indígena-Gemeinden.

Die Neo-Zapatisten stellen den Kulminationspunkt des Aufschwungs der Neuen Sozialen Bewegungen in Lateinamerika dar, indem sie die Forderungen von Autonomie und Partizipation verknüpfen, jedoch kein historisches Großprojekt verfolgen. Sie durchbrachen mit ihrem bewaffneten Kampf zugleich die Illusion einer liberalen, integrierten Gesellschaft. Die Kombination aus historischer Bescheidenheit und radikalem bewaffneten Vorgehen machte die Neo-Zapatisten innerhalb kürzester Zeit zum Referenzpunkt der Neuen Sozialen Bewegungen in Mexiko, in Lateinamerika, in Europa und den USA. Ohne Hegemonialanspruch hatten die Neo-Zapatisten die Hegemonie im politischen Diskurs erlangt.

Ende der 1990er-Jahre kommt es unter dem Eindruck von zunehmenden globalen Krisenerscheinungen (Globalisierungskrise) in vielen Ländern Lateinamerikas zu einer überraschenden Wende im Gefüge der sozialen Bewegungen und im politischen Kräfteverhältnis: Die "große Revolution" kehrt insofern zurück, als soziale Bewegungen bisweilen wieder das ökonomische und politische Gefüge des jeweiligen Landes herauszufordern begannen.

Argentinazo (2001)



Im Dezember 2001 vollzog sich in Argentinien eine die gesamte Gesellschaft erfassende Zuspitzung sozialer Auseinandersetzungen. Mit dieser als Argentinazo bekannten Volkserhebung ging eine tiefe Krise des politischen Systems und der repräsentativen Demokratie einher. Argentinien gehörte zu jenen Ländern, in welchen die Wende zu einer neoliberalen Privatisierungspolitik am konsequentesten umgesetzt worden war. Dies führte in den 1990er-Jahren zu nominell hohen Wachstumsraten, gleichzeitig verarmten große Teile der Bevölkerung. Dies und die steigende Schuldenlast führten im Dezember 2001 unter dem Präsidenten Fernando de la Rúa zu einem ökonomischen Zusammenbruch. Die verschiedenen sozialen und politischen Bewegungen bündelten sich daraufhin zu einer allgemeinen Aufstandsbewegung. Neben den Arbeitslosenbewegungen (piqueteros) und den Arbeitnehmern schlossen sich auch die Mittelschichten den Protesten an. Massendemonstrationen, Plünderungen, Streiks, Straßenblockaden und cacerolazos (Kochtopfdemonstrationen) prägten das Bild genauso wie demokratische Versammlungen in den Wohnvierteln (asambleas populares), Tauschmärkte (trueques) und Parallelwährungen. Der Aufschwung sozialer Bewegungen 2001 und 2002 zeitigte aber keine nachhaltige Änderung von Kräfteverhältnissen oder ökonomischen Strukturen.

Chávismo in Venezuela (seit 1999)



In Venezuela kam es unter dem im Jahr 1998 ins Amt gelangten Präsidenten Hugo Chávez Frías zu einer gesellschaftlichen Polarisierung. Diese ist für die Region von solch großer Bedeutung, dass sie auch auf Meinungsbildung und politische Diskussionen im deutschsprachigen Raum übergegriffen hat. Im Gegensatz zu den auf das persönliche Moment verengten Polemiken um Chávez ist die venezolanische Gesellschaft aus der Perspektive sozialer Bewegungen seit einigen Jahren wie kaum ein anderes Land von der Mobilisierung und Intervention der unterprivilegierten Klassen gekennzeichnet. Das Zusammenwirken dieser Massenunterstützung mit dem von den oligarchischen Eliten ausgehenden Widerstand (ein militärischer Putschversuch, mehrere Anläufe zu politischer und ökonomischer Destabilisierung) bedingte eine schrittweise Radikalisierung von Hugo Chávez´ Politik. Während programmatisch weltweit zum ersten Mal seit 1989 in einer Gesellschaft wieder vom politischen Ziel "Sozialismus" die Rede ist, sieht sich der Prozess in Venezuela mit einer Reihe von Widersprüchen konfrontiert: Tief greifende Reformen auf konsensualem Wege scheinen weiterhin unmöglich; die Hoffnungen der ärmsten Teile der Bevölkerung auf eine grundlegende Verbesserung der Lebenssituation sind großteils noch uneingelöst; die Möglichkeit einer gewaltsamen Beendigung der sozialen Dynamik durch einen Putsch bleibt weiterhin nicht ausgeschlossen; die Verstrickung in bürokratische Logiken sowie die Widersprüche zwischen einer neuen "bolivarischen Elite" und den sozialen Bewegungen steigen; die bisherigen Reformen sind zu stark vom anhaltenden Erdölboom abhängig.

Linkliste

Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhunder -ein historischer Überblick von Martina Kaller-Dietrich und David Mayer

Interdisziplinärer Universitätslehrgang für Höhere Lateinamerika-Studien an der Universität Wien

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Schwerpunkt

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