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Erdöl als Entwicklungsfaktor in Ecuador

Fluch oder Segen?


8.1.2008
Fast ein Drittel seiner finanziellen Mittel bezieht der Andenstaat aus dem "schwarzen Gold". Doch die Erdöl-Ära neigt sich in Ecuador dem Ende entgegen. In spätestens 30 Jahren dürften die heute bekannten Lagerstätten erschöpft sein.

Ricardo Veiga, Chevrons Vizepräsident in Lateinamerika. Ureinwohner hatten den Konzern wegen Umweltverschmutzung 2003 angezeigt.Ricardo Veiga, Chevrons Vizepräsident in Lateinamerika. Ureinwohner hatten den Konzern wegen Umweltverschmutzung 2003 angezeigt. (© AP)
Der 1972 erfolgte Eintritt in den Kreis der Erdölexporteure markiert zweifellos den wichtigsten Wendepunkt in der Wirtschaftsgeschichte des kleinen Andenstaates seit dessen Gründung im Jahre 1830. Aus ecuadorianischer Sicht hätte der Zeitpunkt für diesen Schritt kaum günstiger sein können: Zehn Monate nach Beginn der Ölausfuhren löste der Sieben-Tage-Krieg im Nahen Osten die erste weltweite Erdölkrise aus, die den Preis des Produkts um ein Mehrfaches verteuerte. Schon 1973 konnte daher Rohöl die Banane vom ersten Platz in der nationalen Exportbilanz verdrängen. Seither behauptet das Erdöl mit einem Anteil von 40 bis 60 Prozent an den Handelseinnahmen mit großem Abstand seine Führungsposition in der Ausfuhrstatistik.

Die Geschichte der Weltmarkteinbindung Ecuadors ist die Geschichte einer Serie von Zyklen, die jeweils von der Dominanz eines einzelnen Exportprodukts geprägt waren. Vor 1860 waren es Chinarinde und Strohhüte, auf die der größte Teil der damals noch recht spärlichen Ausfuhrerlöse entfiel. Über 60 Jahre lang dauerte die Vorherrschaft des Kakaos, die in den 1930er-Jahren zu Ende ging. Zwei Jahrzehnte später stieg das Land binnen kurzer Zeit zum weltweit größten Bananenexporteur auf – diese Position nimmt Ecuador auch heute noch ein. Jenseits der überragenden Außenhandelsposition lässt sich das Erdöl indes kaum mit den führenden Exportgütern der Vergangenheit vergleichen. Zum einen handelt es sich aufgrund seiner weltwirtschaftlichen Bedeutung um ein strategisches Produkt, dessen langfristige Preisentwicklung einem deutlichen Aufwärtstrend folgt. Zum anderen ist es zum ersten Mal der Staat selbst, der die Kontrolle über das wichtigste Exportprodukt ausübt. Die der Exekutive zur Verfügung stehenden Finanzmittel sind durch die Erdölverkäufe massiv angestiegen. In den vergangenen Dekaden stammten im Durchschnitt mehr als 30 Prozent der Fiskaleinkünfte aus dem Erdölgeschäft.

Die rasch steigenden Erdöleinnahmen wurden in den 1970er-Jahren zum Motor eines imposanten Wirtschaftsbooms, der alsbald die Hoffnung aufkeimen ließ, mithilfe des neuen Rohstoffreichtums die Überwindung der gravierenden Entwicklungsprobleme des Landes bewirken zu können. Das damals herrschende Militärregime (1972-1979) hatte angekündigt, das Geld aus dem Erdölexport (entwicklungspolitisch) "säen" zu wollen. Solche Vorstellungen und Ankündigungen erwiesen sich rasch als Illusion. Anfang der 1980er-Jahre begann im Zusammenhang mit der die gesamte Region Lateinamerika erschütternden Schuldenkrise eine tief greifende wirtschaftliche Rezession, die erst zu Beginn des neuen Jahrhunderts allmählich überwunden werden konnte. Im Hinblick auf die allgemeinen Lebensbedingungen der Mehrheit der Bevölkerung lassen sich kaum positive Effekte der Erdölbonanza erkennen. Auch wenn einige Fortschritte im Sozial-, Gesundheits- und Infrastrukturbereich ohne die staatlichen Erdöleinnahmen kaum möglich gewesen wären, hat die üppig sprudelnde neue Devisenquelle gleichzeitig eine Reihe von wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen begünstigt, welche die entwicklungspolitische Bilanz des "schwarzen Goldes" in einem eher düsteren Licht erscheinen lassen. Zum Negativsaldo tragen auch die durch die Erdölförderung hervorgerufenen gravierenden ökologischen Schäden im östlichen Tiefland bei.

Da die ecuadorianische Erdölära sich allmählich ihrem Ende nähert – in etwa 25 bis 30 Jahren dürften die heute bekannten Lagerstätten erschöpft sein – bleibt den politisch Verantwortlichen nicht mehr viel Zeit, um die kleine Ökonomie mit mutigen Reformen auf die Zukunft vorzubereiten.

Erdöldevisen als Voraussetzung einer kurzsichtigen Wirtschaftspolitik



Im Mittelpunkt der von der Militärregierung angestrebten Modernisierung der Wirtschaft stand die Stärkung des Industriesektors. Diesem Ziel diente ein ganzes Bündel von Anreizen und Fördermaßnahmen: großzügige Steuervergünstigungen für neue und bestehende Fertigungsbetriebe; zollfreier Import von Maschinen, Ausrüstungsgütern und Ersatzteilen sowie von Rohstoffen und Erzeugnissen, die im Land selbst nicht verfügbar waren; subventionierte Kredite; Errichtung hoher Zollmauern zum Schutz der vor Ort erzeugten Industrieprodukte vor ausländischer Konkurrenz. Auch wenn der Sekundärsektor sehr hohe Wachstumsraten verzeichnete, war er unter den gegebenen Bedingungen nicht in der Lage, die angestrebte Funktion eines dynamischen Pols der Volkswirtschaft zu übernehmen. In mehreren Branchen beschränkte sich die Importabhängigkeit nicht auf den Maschinenpark und entsprechende Ersatzteile, sondern umfasste den Bezug von Primär- und/oder Zwischenprodukten. Zwar ließ der kleine Binnenmarkt in diversen Produktionszweigen die Schaffung von Zulieferindustrien ökonomisch wenig rational erscheinen, doch machten die gewährten Anreize den Unternehmern den Zugriff auf die Angebote des Weltmarkts auch in solchen Fällen allzu leicht, wo die internen Voraussetzungen für eine verstärkte vertikale Integration durchaus gegeben waren. Integrierte Produktionslinien entstanden lediglich in einigen Segmenten der Agrarindustrie, aber auch dort bevorzugten die Betriebe zumeist ausländische Rohstoffe. Da die Industrie aufgrund der mangelnden internationalen Konkurrenzfähigkeit ihrer Erzeugnisse selbst nur in sehr bescheidenem Maße zur Devisenbeschaffung beitrug, blieb die Aufrechterhaltung der Industrieproduktion in erster Linie vom Verlauf und Erfolg des Erdöl- und Agrarexports abhängig.

Kehrseite der konsequenten Industrieförderung war eine politische Vernachlässigung des Agrarsektors, der im Hinblick auf die wirtschaftliche Zukunft ohne Erdöl die wichtigste produktive Reichtumsquelle darstellt. Der Export landwirtschaftlicher Produkte wurde zudem durch die hohe Geldentwertung beeinträchtigt, die den Wirtschaftsboom der 1970er Jahre-begleitete. Aufgrund der starken Devisenzuflüsse sahen sich die Militärs nicht gezwungen, den Außenwert der heimischen Währung zu korrigieren. Trotz Inflationsraten von jahresdurchschnittlich zehn Prozent blieb die Parität zum US-Dollar zehn Jahre lang unangetastet. Dadurch wurde die Attraktivität von Importen für die Industrieproduktion weiter erhöht, auch weil mit tendenziell immer billiger werdenden kapitalintensiven Fertigungstechniken den steigenden inländischen Löhnen entgegengewirkt werden konnte. Daher entstanden in der rasch expandierenden Industrie nur verhältnismäßig wenige neue Arbeitsplätze. Ein weiteres Resultat der florierenden Steuereinnahmen war der rasche Ausbau der Staatsbürokratie, deren Personal binnen zehn Jahren eine Verdoppelung erfuhr.


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