Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

8.1.2008 | Von:
Thomas Fischer

Soziale Bewegungen in Kolumbien

Gründe für die Mobilisierung

Betrachtet man die regionale Verteilung der Mobilisierungen, so fällt auf, dass einerseits das politische Zentrum Bogotá und andererseits die bevölkerungs- und ressourcenreichen "Departamente" Antioquia, Santander und Valle im Vordergrund stehen. Wie man weiß, ist die Entstehung sozialer Bewegungen nicht auf ein messbares Maß an Armut zurückzuführen; auch in Kolumbien ist die Perzeption von gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, also die subjektive Wahrnehmungsebene, ausschlaggebend für die Mobilisierung von Menschen. In diesem Zusammenhang dürfte die durch Umfragen nachgewiesene kritische Beurteilung der marktwirtschaftlichen Reformen und der einseitigen Bereicherung durch eine Minderheit der Bevölkerung eine wichtige Rolle spielen. Es geht um die Durchsetzung von Interessen und Verteilungskämpfe durch Gruppen, die durch die Gewaltakteure nicht repräsentiert werden.

Fragmentierung und Vielfalt

Noch etwas ist auffallend: Die meisten sozialen Bewegungen haben einen lokalen oder regionalen Schwerpunkt. Kolumbien ist ein fragmentiertes Land, und die sozialen Bewegungen sind ein getreuer Spiegel davon. Die Träger sind Indígenas im Cauca, negros an der Pazifikküste und Taxifahrer oder Lehrer in Bogotá oder Studenten in Cali. Landesweite Bewegungen gibt es, aber sie kommen selten vor. Vielmehr sind sie Ausdruck der Vielfalt hinsichtlich der regionalen Herkunft, der ethnischen Zuordnung, der beruflichen Tätigkeit, des Einkommens, des Geschlechts oder des Alters im Land.

Die Vielgestaltigkeit und die lokale Verankerung der sozialen Bewegungen Kolumbiens hat aber auch eine Schattenseite: Ihre Anführer und Mitglieder werden immer wieder zur Zielscheibe selektiver Gewalt, ohne dass sie von den Behörden wirksam geschützt werden, und ihre Druckkulisse ist häufig zu klein, um die angestrebten gesellschaftlichen Veränderungen erzwingen zu können. Das Zweiparteiensystem von liberaler und konservativer Partei, das lange Zeit zwischen Staat und Gesellschaft vermittelte, hat sich in den 1990er-Jahren weitgehend verbraucht. Der Institutionalisierungsgrad der beiden Traditionsparteien hat rasant abgenommen. Diese Situation wäre, so könnte man denken, für soziale Bewegungen eine gute Möglichkeit, den Marsch durch die Institutionen anzutreten. Fakt ist, dass sie sich zwar im öffentlichen Raum neben den mächtigen Interessenvertretungen der Industrie, der Kaffeeproduzenten, der Banken, der Viehzüchter und der Holdings positionieren. Tatsache ist aber auch, dass die organisatorischen und Mobilisierungskapazitäten vieler Gruppierungen nach wie vor zu gering sind, um die Legislativen "zu erstürmen". Soziale Bewegungen lösen sich oftmals auf, ohne ihre Ziele erreicht zu haben, wie das bei der Bewegung gegen die Entführung und für die Freilassung von Entführten geschehen ist oder bei der Bewegung gegen bewaffnete Akteure im Land. Immerhin haben die Indígenas mit ihrer Dachorganisation Organización Nacional de Indígenas (ONIC) gezeigt, dass einiges möglich ist. Auch das linksdemokratische Bündnis Polo Democrático nimmt Forderungen von sozialen Bewegungen auf. Aber auch diese Gruppierungen müssen erkennen, dass die erreichten Gesetze und Regelungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht eingehalten werden.

Lage der sozialen Bewegungen unter der Regierung Uribes



Unter der Regierung Uribes, die eine sehr hohe Zustimmung in der Bevölkerung genießt, hat die Zerschlagung der linken Guerilla oberste Priorität. Soziale Postulate und die Forderung der Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen sind auf nationaler Ebene nur schwer durchzusetzen. Gleichwohl haben sich auch unter Uribe spezifische Bewegungen konstituiert. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Bewegung gegen den Plan Colombia und die Zerstörungen im Kampf gegen den Anbau von Drogen durch Herbizide sowie die Studentenproteste gegen Reformen im Bildungswesen.

Literatur



Archila Neira, Mauricio: Colombia en el cambio de siglo: actores sociales, guerra y política. In: Nueva Sociedad, Nr. 182, 2002, S. 76-89.

Fischer, Thomas: Krieg und Frieden in Kolumbien. In: Heinrich-W. Krumwiede/Peter Waldmann (Hrsg.): Bürgerkriege: Folgen und Regulierungsmöglichkeiten. Baden-Baden 1998, S. 295-330.

Green, John W.: Kolumbianische Volksbewegungen und Massenmobilisierungen. In: Werner Altmann/Thomas Fischer/Klaus Zimmermann (Hrsg.): Kolumbien heute. Politik – Wirtschaft – Kultur. Frankfurt a., M. 1997, S. 175-198.

Informe de la Alta Comisionada de las Naciones Unidas para los Derechos Humanos sobre la situación de los derechos humanos en Colombia. Ginebra, 5 de Marzo 2007.

Mondragón, Héctor: Movimientos sociales. Una alternativa democrática para el conflicto Colombiano. Bogotá 2005. [Enthält Verzeichnis und Anschrift der sozialen Bewegungen].

Tilly, Charles: Social Movements, 1768-2004. Boulder, Col. 2004.

Linkliste



cinep.org.co/inicio.htm

coljuristas.org/inicio.htm

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