Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt
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Stalin unter Luftballons

Das südmexikanische Oaxaca als Brennpunkt einer neuen Bürgerbewegung


9.1.2008
Im Bundesstaat Oaxaca protestieren Tierschützer und Trotzkisten, Lehrer, Anarchos und Indigene gemeinsam gegen Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz und dessen diktatorischen Regierungsstil. Der Politiker kämpft um seine Macht. Und schreckt selbst vor Gewalt nicht zurück.

Straßenszene mit Stalin-Poster in Oaxaca.Straßenszene mit Stalin-Poster in Oaxaca. (© Anne Huffschmid)
Maiskolben dampfen aus dem Blechtopf, auf dem Pflaster ist Kunsthandwerk auf bunten Tüchern ausgebreitet, direkt darüber flattert "José Stalin" in der lauen Luft. Nicht mehr viel zeugt auf dem Platz von jenem langen Sommer der Revolte, als die Innenstadt von Oaxaca noch in der Hand der Aufständischen und der Alltag über Monate suspendiert waren. Noch immer ist der Pavillon mit dem verschnörkelten Metallgeländer mit Transparenten zugehängt: "Willkommen in Oaxaca, Wiege der Repression". Vor der Kirche ist ein weißes Zeltdach aufgespannt, darunter stehen ein paar Gestalten. Eine Lautsprecherstimme beschwört erst Gandhi, dann Che Guevara, eine Blaskapelle spielt einen kurzen Tusch. Ein junger Mann drängt an das Mikrofon und ruft zum Protesttreffen gegen die "unmenschlichen Stierkämpfe" auf. Dünner Applaus.

Es ist früher Nachmittag, ein paar Schritte weiter preisen Obst- und Eisverkäufer ihre Waren an, andere Händler verschwinden fast unter riesigen Bündeln metallicfarbener Luftballons, beleibte Frauen tragen Rosensträuße in Tüchern vor dem Busen. Von Ständen mit raubkopierten CD's scheppert Musik über die Plaza, süßer Pop, Marimba und Heavy Metal, aus allen vier Ecken gleichzeitig. Touristen schlendern ziellos umher. Es ist Guelaguetza-Woche. Letztes Jahr musste das einwöchige Folklore-Fest noch abgeblasen werden, jetzt kommen die Besucher allmählich zurück, die Hotels sind noch lange nicht ausgebucht. Manche der Protestbanner sind gleich auf englisch gehalten, "Killer government" oder, in Anspielung auf den Gouverneur, "Ulises, we repudiate you" ("Ulises, wir verabscheuen dich"). Abends ist das weiße Zelt dann rappelvoll.

Kein Landesvater in Mexiko dürfte je so inbrünstig gehasst worden sein wie der 48-jährige Ulises Ruiz Ortiz, der den Bundesstaat Oaxaca seit 2004 regiert. Schon damals war ihm Wahlbetrug vorgeworfen worden, in bewährter Tradition der institutionell-revolutionären Partei PRI, die die Präsidentschaft zwar 2000 abgeben musste, in Oaxaca aber seit nahezu 80 Jahren regiert. Doch diesmal war etwas aus der Kontrolle geraten.

Leninisimus als Vorbild?



Plakat in Oaxaca. (Bild: Anne Huffschmid)Plakat in Oaxaca. (Bild: Anne Huffschmid)
Auf einem roten Banner, das quer über eine Ecke der Plaza gespannt ist, sieht man den robusten Schnauzbartträger, wie er von Hammer, Sichel und Machete hinweggefegt wird. "Stürzen wir den Tyrannen" steht daneben und "proletarische Macht". Dabei geht es nicht nur um Ulises, sagt Florentino López Martinez, ein freundlicher junger Mann, der auf einem steinernen Bänkchen hinter dem Transparent sitzt. Er ist einer der Sprecher der APPO, die Volksversammlung der Völker Oaxacas, wie sich der Zusammenschluss der protestierenden Gruppen nennt. Und er dürfte hier eigentlich gar nicht sitzen. Denn auf ihn ist, wie für die gesamte APPO-Spitze, ein Haftbefehl ausgestellt, 300 sollen es insgesamt sein. Aber hier ist ja fast noch befreites Territorium, sagt der junge Indigene. Erst jenseits der Altstadt, da muss er dann abtauchen. Nein, eine feste Schlafstätte habe er nicht. Worum es denn gehe? Ganz einfach, eine "tief greifende Umwälzung", eine neue Verfassung, poder popular, das Volk an die Macht.

Ganze 23 Jahre ist López Martinez alt, das Gesicht ist weich, die Stimme auch, die Rhetorik geschliffen. Geboren ist er in einer Region namens La Mixteca, wo eines der ältesten mesoamerikanischen Völker, die mixtecos, das Regenvolk, beheimatet sind. Die Familie aus Bauern, in der kaum einer lesen oder schreiben konnte, ist fast vollständig in die USA ausgewandert. Der junge Mixteke blieb, begann ein Jurastudium an der Universität von Oaxaca, trat dort der Revolutionären Volksfront (FPR) bei, die mit der Stalin-Standarte, und hat den Marxismus-Leninismus schätzen gelernt. Da ist keine Ironie, nichts wird relativiert. Wo denn in einer Region wie Oaxaca, in der 70 Prozent der Bevölkerung indigener Abstammung sind, das Proletariat zu finden sei? López lächelt nachsichtig, nicht das erste Mal stellt man ihm solche Fragen. Natürlich wolle man "keine Kopie der russischen Revolution", es sei alles eine Frage der Übersetzung: Das verarmte Bauerntum bei Lenin sind heute die indigenen Gemeinschaften, die sollten strategische Allianzen mit den "19 Prozent Industriearbeiterschaft" schmieden. Im Übrigen seien in der APPO "alle Ideologien vertreten", es gebe alle Arten von Kommunisten bis Anarchisten, sogar ein paar Trotzkisten seien dabei und brave Reformsozialisten. Keine habe die "absolute Stimme", es werde diskutiert bis zum Abwinken, Entscheidungen werden kollektiv getroffen. Aber nochmal: Wie vertragen sich Stalin, Basisdemokratie und indigene Kulturen? López Martinez bleibt geduldig. Selbstverständlich würden "alle Forderungen der indigenen Völker", das Recht auf eigene Sprache, auf Autonomie und Anerkennung als Rechtssubjekte, aufgegriffen. Schließlich seien die allermeisten selber Indigene.

Heute aber geht es schon um Ulises. Dafür werden auch die ausländischen Besucher agitiert. "Wir waren nie gegen die Touristen, sie sollen die Botschaft ruhig in ihre Länder mitnehmen." Und wenn der Gouverneur nicht geht? Na ja, seufzt der junge Mann und streicht sich übers Haar. Wenn die Polizei wieder zuschlage, könne "alles Mögliche" passieren. Dann zieht er mit einem kleinen Trupp davon, mit Spruchbändern und Transparenten in Richtung Fußgängerzone.

Brandherd im Touristenparadies



Ausgerechnet Oaxaca, mit dem Kopfsteinpflaster und den in verwaschenem Bunt getünchten Fassaden die wohl verführerischste unter den mexikanischen Kolonialstädten, hat dem Land einen neuen Brandherd – und mit der APPO ein neues Kürzel der Rebellion beschert. Über ein Jahr ist es hier, dass die malerischen Gassen zum ersten Mal mit Tränengas eingeräuchert wurden. Noch heute lauert unter der Alltagsfassade der Ausnahmezustand, die Stadt ist wie traumatisiert: Bilder von Polizisten, die aus der Luft Tränengasgranaten in die Menge schießen, Berichte von Massenverhaftungen, von Folter und Misshandlungen, Kinder im Knast, Zivilpolizisten und Scharfschützen, die auf Demonstranten zielen. 18 offiziell registrierte Tote nennt Amnesty International in seinem Oaxaca-Bericht von Ende Juli, inoffiziell sollen es sogar schon 27 sein. Bis heute werden APPO-Aktive und Menschenrechtler abends auf offener Straße verschleppt, zusammengeschlagen, bedroht, wieder freigelassen oder zur Wache gebracht. Blanke Willkür. Das ist die eine Seite.

Die andere ist der Rausch der Revolte. Monatelang hatte man das Stadtzentrum in Beschlag genommen, Radio- und sogar Fernsehstationen waren besetzt, alle wichtigen öffentlichen Gebäude belagert, darunter der Regierungspalast; die Landesregierung musste auf Hotels ausweichen. An die tausend Barrikaden soll es in der "Kommune von Oaxaca" gegeben haben, nachts saß man an Lagerfeuern, tagsüber brachten gewaltige megamarchas, wie die gigantischen Protestumzüge genannt wurden, Hunderttausende auf die Beine. Bis zu einer Million sollen demonstriert haben, und das bei einem Bundesstaat, in dem überhaupt nur dreieinhalb Millionen Menschen leben. Die Stadt Oaxaca war, und das ist keine Metapher, über Monate "befreites Territorium".

Mörder ohne Strafe – die Wut der Witwen



Petra González mit einem Foto ihres Mannes. (Bild: Anne Huffschmid)Petra González mit einem Foto ihres Mannes. (Bild: Anne Huffschmid)
Diese Freiheit hatte für manche einen unerträglich hohen Preis. Dass Petra González sich in jener Nacht vom 22. August 2006 zunächst gar keine Sorgen um ihren Lebenspartner, den 52-jährigen Lorenzo San Pablo, machte, hat mit den etwas komplizierten Familienumständen zu tun: Lorenzo war von seiner Ex-Frau noch nicht geschieden und kam nur ein paar Mal die Woche zu Petra und dem gemeinsamen Sohn Andres, heute anderthalb Jahre alt. Lorenzo arbeitete bei der Stadtregierung, eigentlich hätte ihn die Bewegung gar nichts angehen müssen. Doch er beobachtete die Proteste "mit Sympathie", wie die Mitvierzigerin mit dem runden Gesicht sich erinnert. In jener Nacht habe es bei einer der Barrikaden Alarm gegeben, berichtete man ihr später, und so sei er noch spät losgezogen. Und dann ging alles sehr schnell. Aus Kleinbussen heraus begannen Bewaffnete auf die Aktivisten zu schießen, Lorenzo traf es in den Rücken, als er Deckung hinter einem Baum suchte. Der Lungenflügel war zerfetzt, im Hospital ist er dann am eigenen Blut erstickt. Am nächsten Morgen dann der Anruf der Schwester, die die Nachrichten gesehen hatte. "Bitte fall' jetzt nicht in Ohnmacht". Nein, sie sei nicht ohnmächtig geworden. Es gab dann noch eine Hommage auf der Plaza von Oaxaca, da ist sie dabeigewesen mit dem Babybündel auf dem Arm. Gesprochen aber hat sie nicht, als unverheiratete Geliebte hält sie sich im Hintergrund. "Aber ich hätte sprechen müssen", sagt sie heute und beginnt zu weinen. Sie hätte erzählen müssen, was er für ein Mensch war, jemand, der gerne tanzte und ihr "fast jeden Tag" Blumen mitbrachte. Die Politik hat ihr Leben überfallen, ohne Vorwarnung. Auch jetzt geht sie noch selten aus dem Haus, der Bus ist teuer, niemand sonst passt auf den Kleinen auf. Petra ist in einem Alter, in dem viele Frauen in der Gegend schon Großmutter sind, und sie muss ihren kleinen Kramladen am Laufen halten. "Ich beglückwünsche die Leute, die den Mut haben, etwas zu tun."

Der Mann von Carmen Marín Garcia war keiner von diesen ganz Mutigen. Alejandro Garcia sei nur sauer geworden, erinnert sich die zierliche Vierzigjährige, als er die ersten Bilder vom Polizeieinsatz gegen die Lehrer gesehen hatte. Als die Barrikaden anfingen, habe er dann zu ihr gesagt: "Komm, lass uns ein bisschen Kaffee und Gebäck zu den Leuten bringen." Carmen war wenig begeistert, nachts auf der Straße Kaffee zu servieren. Doch sie gingen hin, immer wieder. Zum Getränk kamen geschmierte Brote, später Brennholz. Auch in der Nacht vom 13. Oktober waren die Eheleute wieder zu "ihrer Barrikade" unterwegs. Sie befanden sich schon auf dem Heimweg, als ihnen ein Krankenwagen entgegenkam. Alejandro ging kurz zurück, um die Leute zu bitten, den Wagen auch wirklich durchzulassen. In diesem Moment durchbricht ein Kleinbus die Straßensperre, die Insassen schießen aus den Fenstern. "Hoch lebe Ulises Ruiz", sollen sie gerufen haben. Ein paar Minuten später sieht Carmen ihrem Mann mit einer Schußwunde im Kopf auf der Fahrbahn liegen. Im Krankenhaus lässt man den Schwerverletzten erstmal liegen. Erst als eine bekannte Fernsehschauspielerin und einige Reporter anrücken, wird Alejandro Garcia operiert. Kurz darauf stirbt er. Die Mörder wurden identifiziert, festgenommen, verhört – und kurze Zeit später gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt.

Mit der PRI haben Alejandro und Carmen Garcia, beide ehemalige Polizisten und seit 20 Jahren verheiratet, nie etwas am Hut gehabt. Im Jahr 2000 haben sie noch die rechtsliberale Partei der Nationalen Aktion (PAN) gewählt, man habe endlich den Wechsel gewollt. "Wir konnten ja nicht ahnen, was für ein Wechsel das werden würde". Denn es ist vor allem der Unterstützung durch die PAN zu verdanken, dass der Gouverneur heute weiterhin im Sattel sitzt. Zwar hatten ihm im Oktober 2006 noch Abgeordnete aller Parteien den Rücktritt nahegelegt. Dann aber ruderte die PRI-Führung zurück und setzte die PAN, die gerade unter fragwürdigen Umständen die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, unter Druck: Nur wenn sämtliche PRI-Gouverneure, die letzte politische Bastion der ehemaligen Staatspartei, unangetastet blieben, bekäme der neue Präsident die dringend benötigte Unterstützung in Kongress und Senat. Ulises Ruiz blieb im Amt.

Doch der habe sich verkalkuliert, sagt Carmen Marin Garcia. Demonstranten zu verhaften, Killer anzuheuern, heize die Bewegung nur an. "Selbst Leute, die vorher gar nichts damit zu tun hatten, fangen an, sich zu bewegen." Wie sie selbst, die heute auf fast jede marcha geht, sich seit einiger Zeit auch mit anderen Witwen trifft und davon spricht, dass sie ein "freies Oaxaca" möchte. Nicht alle meinen das so, wie sie es sagt. Es gibt Bewohner, die sich Aufkleber mit "Befreit Oaxaca!" ans Auto kleben und damit nicht den Gouverneur, sondern das "aufständische Pack" meinen. Und auch viele Armen, gibt Carmen zu bedenken, sind immer noch bereit, für ein T-Shirt, eine Mütze oder ein Sandwich ihre Stimme zu verkaufen. Bei den jüngsten Wahlen zum Landesparlament Anfang August 2007 kam die PRI wieder auf fast 50 Prozent der Stimmen. Die mexikanische Linkspartei PRD hingegen, die die Bewegung erst ignoriert hatte und dann sich auf die Schnelle einverleiben wollte, schnitt sehr bescheiden ab. Mehr als Dreiviertel aller Stimmberechtigten aber gingen gar nicht erst zur Wahl.

Vielfalt im Zapotekenland



Mit Wahlkampf, aber auch mit linker Revolutionsrhetorik, haben die indigenen Gemeinden wenig im Sinn. Am Anfang trug die APPO ja sogar noch den Singular "Volk von Oaxaca" im Titel, erinnert der Aktivist Aldo González. Doch dann habe man wohl bemerkt, dass es mehr als ein Volk gibt; nach amtlichen Statistiken sind 16 ethnische Völker registriert. Und, eine Besonderheit Oaxacas, 418 von 570 Gemeinden funktionieren nach "Sitten und Gebräuchen" der traditionellen Dorfgemeinschaften – offiziell anerkannt durch die Landesgesetze.

Man möge ihn nicht mit seiner Pfeife fotografieren, bittet Gonzalez lachend, "sonst kriege ich wieder zu hören, ich wolle Marcos nachmachen". Dabei ist er deutlich jünger als der Zapatistensprecher aus dem benachbarten Chiapas, lässt sein Gesicht unverhüllt und ist zudem indigener Herkunft. Vor 42 Jahren ist er hier in der Sierra geboren, im Bergdörfchen Guelatao, eine gute Stunde Serpentinenfahrt von der Hauptstadt entfernt. Hier hat einst Benito Juarez, der erste und bislang einzige Indio-Präsident des Landes (1861-1872), das Licht der Welt erblickt. Das erklärt womöglich den propperen Anblick der Ortschaft, in dem gerade mal 600 Menschen leben. Überall ranken sich dunkelrosa Blüten an leuchtendweißen Mauern hoch, allerorten ragen Satellitenschüsseln ins Grün. Dies ist das Zapotekenland, erklärt González, auch wenn hier schon lange keiner mehr zapoteco spricht. Als 15-Jähriger war der Junge zum Lernen und Studieren nach Mexiko-Stadt gegangen, zehn Jahre später ist er zurückgekommen. Hier haben ihn die zapotekischen "Gebräuche" wieder eingeholt: der tequio, der geldlose Tausch von Waren und Diensten, vor allem aber das rotierende sistema de cargos, das Ämtersystem, nach dem alle Bürger des Dorfes für eine Zeit in öffentliche Ämter gewählt werden, unentgeltlich. Auf diese Weise wurde er erst zum "Einkäufer" bestimmt, dann zum Schatzmeister, später zum Gemeindevorsteher. Seinen Arbeitsplatz hat er heute bei der indigenen Bauernorganisation UNOSJO, die am Rande von Guelatao in einem schmucken Blockhüttenensemble zwischen Pinien residiert. Dem 1990 gegründeten Verband geht es um Bodenständiges, um Holz, Wasser und Mais. Gegen die Sägewerke, die die Bewohner seit einem Vierteljahrhundert zur Abholzung verlocken, für eine ökologische Wasserwirtschaft, gegen die Kontaminierung durch genmanipulierten Mais, der kürzlich auf den Feldern hier entdeckt worden ist. Die Unruhen in der Stadt hat man zunächst misstrauisch beäugt. Zwar schickte man Tortillas an die Barrikaden, die endlosen Dispute aber waren weniger verlockend. Dennoch hat man sich Ende November in den 260-köpfigen APPO-Rat wählen lassen. Die Verknüpfung von städtischen und indigenen Erfahrungen sei eine Chance, so González, für "neue politische Praktiken". Schließlich agieren ja auch die Indigenen "nicht im luftleeren Raum". Aber noch immer knirscht es gewaltig zwischen den kommunitären Werten wie Austausch, Gegenseitigkeit und einer "dienenden Führung" und der vertikalen Logik vieler linksorthodoxer Gruppen. Auch strategisch liegt man nicht unbedingt auf einer Linie. Straßenblockaden und Barrikaden sind für die ohnehin schon abgelegenen Dörfer eher "hinderlich".

Radikal und pragmatisch



So ist die APPO heute ein heterogenes Mosaik aus über 300 Gruppen, in dem sich neben der Lehrergewerkschaft und den indigenen Gemeinden auch Punks und antiautoritäre Pädagogen tummeln, Studierende und Öko-Aktivisten, Künstler, Libertäre, Handwerker und das ganze Spektrum linksradikaler Splittergruppen, die während der langen Blockadenächte den idealen Nährboden für Ad-Hoc-Schulungen finden. Einig ist man sich bislang darüber, dass der Protest friedlich und öffentlich, nicht bewaffnet und geheim, verlaufen soll. Dabei ist "friedlich" ein dehnbares Wort. Geschossen hat bislang zwar immer nur die Gegenseite. Steine, Stöcke, Feuerwerkskörper und Molotow-Cocktails kommen aber zum Einsatz, Autos und Busse gehen immer wieder in Flammen auf. Dass auch sonst nicht alle am selben Strang ziehen, wird schon bei den Lehrern deutlich. Als diese Ende Oktober 2006 beschlossen, erstmal in die Klassenzimmer zurückzukehren, deuteten viele APPO-Gruppen dies als "Einknicken". Der damalige Verhandlungsführer der Lehrergewerkschaft ist heute untergetaucht und gilt als "Verräter".

Auch wenn die "Volksversammlung" zweifellos die treibende Kraft ist, so geht die Bürgerbewegung noch über sie hinaus. Etwa im Espacio Civil, dem zivilen Raum, in dem sich an die 50 Gruppen zusammengeschlossen haben. Nicht als Konkurrenz, stellt Alma Delia Soto vom Menschenrechtskomitee "25. November" klar, eher als friedliches Neben- und Miteinander. Schwer vorstellbar, dass die junge Frau mit geblümtem Rock und sanfter Stimme, im gleichen politischen Boot sitzen soll wie die indigenen Jungstalinisten aus der FPR. Doch Berührungsängste sind Soto, die lange selbst als APPO-Sprecherin fungierte, völlig fremd. Florentino López Martinez beschreibt sie als "engagierten jungen Mann".

Das ist womöglich das Erstaunlichste an Oaxaca, diese Mischung aus Radikalität und Pragmatismus. Soto, die sich zuvor nur in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert hatte, kam Ende November, wenige Tage nach dem bislang brutalsten Polizeieinsatz, auf eine Idee: Der berühmte Maler und Kulturmäzen der Stadt, Francisco Toledo, sollte Anwälte unterstützen, die sich für die Rechte von Verhafteten und Opfern einsetzen. Der ansonsten ausgesprochen politik- und medienscheue Künstler sagte sofort zu. Seitdem arbeiten neun Anwälte für die Freilassung der politischen Gefangenen - 25 sollen derzeit noch einsitzen – , die Witwen beziehen von Toledo eine kleine Rente. Doch auch das Komitee treibt mehr an als humanitäres Kalkül. Soto kramt einen Ordner mit dicken Stapeln von kopiertem Papier hervor: Entwürfe zu Gesetzesinitiativen über Gewaltenteilung, Bodenrecht, Mitbestimmung und andere Reformen. Nichts Glamouröses, ohne revolutionäres Pathos, für Oaxaca aber durchaus radikal: "Hier werden Dinge wie Bürgerbeteiligung und Gewaltenteilung ja nicht mal simuliert."

Doch noch sind es weniger juristische oder gar philosophisch angereicherte Diskurse um Macht und Gegenmacht, Autonomie und neue Politik – wie bei den "Diskursguerilleros" aus dem benachbarten Chiapas – als vielmehr eine einfache Überzeugung, aus der die Bürgerrevolte bislang ihre größte Kraft bezieht: dass Ulises Ruiz Ortiz, dessen reguläre Amtszeit erst 2010 endet, endlich gehen muss. Denn der Gouverneur verkörpert etwas, das selbst in Mexiko schon archaisch anmutet, die ungebrochene Willkür und den Autismus des Immer-schon-Mächtigen, der sich gegen "die da unten" immunisiert weiß – oder glaubt. Sein Abtritt sei "keine Lösung", sagt Maria del Carmen López Vázquez, eine der APPO-Sprecherinnen, die in Mexiko-Stadt im Exil lebt, höchstens eine "Geste der Entspannung". Erst wenn der Landesvater entmachtet ist, ob auf Lizenz oder hinter Gittern, wird Reden, auch mit der Regierung, überhaupt wieder möglich sein. Und dann wird auch darüber zu streiten sein, was man genau unter "Volksmacht" versteht, über den anderen schnauzbärtigen Diktator aus dem fernen Russland, dessen Antlitz noch immer auf der Plaza von Oaxaca flattert. Und nicht zuletzt über die Frage, was Tierschützer und Trotzkisten, Lehrer, Anarchos und Indigene auf Dauer verbinden könnte. Klar scheint im Jahre zwei der Bewegung nur eines zu sein: "Wir wollen nicht zurück zur Normalität", wie der Radiomacher Carlos Plascencia sagt. Die Angst ist nicht weg. Aber die Wut ist größer.


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