Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

9.1.2008 | Von:
Volker Wünderich

Soziale Bewegungen in Nicaragua

Gefährliche Arbeit

Tausende von Plantagenarbeitern protestieren im November 2002 gegen den jahrelangen Einsatz des Pestizids Nemagon und für Entschädigung durch den amerikanischen Hersteller. Nach Angaben der Demonstranten sind mehrere hundert Arbeiter durch den Einsatz des Pestizids ums Leben gekommen, vor allem treten Krebs, Unfruchtbarkeit und Mißbildungen bei Neugeborenen als Folge des Einsatzes auf.Tausende von Plantagenarbeitern protestieren im November 2002 gegen den jahrelangen Einsatz des Pestizids Nemagon und für Entschädigung durch den amerikanischen Hersteller. Nach Angaben der Demonstranten sind mehrere hundert Arbeiter durch den Einsatz des Pestizids ums Leben gekommen, vor allem treten Krebs, Unfruchtbarkeit und Mißbildungen bei Neugeborenen als Folge des Einsatzes auf. (© AP)
In der Zeit von 1970 bis 1985 sind zehntausende Arbeiter auf den Bananenplantagen der US-Firmen Dole und Standard Fruit in Chinandega dem chemischen Wurmgift Nemagon ausgesetzt gewesen, das zu dieser Zeit in den USA bereits verboten war. Nemagon verursacht Sterilität, Nervenschäden, Krebs und Hautkrankheiten. Mehr als 500 ehemalige Arbeiterinnen und Arbeiter sind an den Folgen schon gestorben. Die 9.000 registrierten Opfer müssen nun einen jahrelangen Kampf für ihre Entschädigung führen. 2001 wurden die US-Konzerne per Gesetz dazu verpflichtet, Geld für die Schadenersatzprozesse bereitzustellen; der US-Botschafter intervenierte vergeblich bei Präsident Bolaños. Erst nach einem Hungerstreik erhielten 27 Opfer Reisepässe, damit sie vor einem Gericht in Kalifornien als Zeugen aussagen konnten. Sollte die Schadenersatzklage Erfolg haben, werden außerdem mindestens 40 Prozent der Gesamtsumme von den Anwälten als Honorar abgezogen. Die kranken und teilweise völlig mittellosen Opfer haben mit insgesamt fünf Hungermärschen nach Managua erreicht, dass das Parlament 2005 die staatliche Übernahme der Arztkosten und die Zahlung einer Rente beschloss. Noch heute, nach mehr als zwei Jahren, kampiert eine Delegation der Opfer vor dem Parlament, nur von löchrigen Plastikplanen vor Sonne und Regen geschützt. Niemand von ihnen hat bislang eine Rente erhalten; erst kürzlich stellte sich heraus, dass die Rentenversicherung die Übernahme der Kosten abgelehnt und der Haushaltsausschuss des Parlaments über die Aufbringung des nötigen Geldes noch nicht einmal beraten hat.

Harte Verhandlungen

Mehr Erfolg hatten die rund 3.000 Ärzte im öffentlichen Gesundheitswesen, die im November 2005 einen Streik für eine seit langem ausstehende Lohnerhöhung begannen. Als das Gesundheitsministerium nach sechs Monaten keinerlei Verhandlungsbereitschaft zeigte, sondern mit harten Polizeieinsätzen den Widerstand brechen wollte, besetzten die Ärzte die Zentrale des Roten Kreuzes. Erst ein mehrwöchiger Hungerstreik konnte schließlich eine Gehaltserhöhung von 30 Prozent und die Wiedereinstellung der entlassenen Kollegen erzwingen. Im Oktober 2006 wurde ein weiterer Warnstreik der Ärzte notwendig, damit die Anpassung der Arztgehälter an das Niveau anderer Länder in Zentralamerika verabschiedet wurde. Die Ärzte haben sich damit die Perspektive auf eine tatsächliche Besserstellung erstritten. Doch was ist mit den Krankenschwestern und anderen Beschäftigten? Ihre Gewerkschaft FETSALUD, die nicht am Streik beteiligt war, begrüßte die Erhöhung, erklärte aber zugleich, sie sollte für alle Beschäftigten gelten. Damit ist das ungelöste Problem der riesigen, ständig wachsenden Lohnunterschiede in den öffentlichen und privaten Betrieben angesprochen.

Das Ergebnis des Ärztestreiks deutet darauf hin, dass die relativ gute Wirtschaftslage (seit 2004 etwa vier Prozent Wachstum pro Jahr) wieder einen Spielraum für Arbeitskämpfe eröffnet. Wenn man außerdem daran denkt, dass die neue Regierung der FSLN auf öffentlichen Druck eher wird reagieren müssen als ihre Vorgängerin, so ist zu vermuten, dass ein neuer Aufschwung sozialer Bewegungen in den kommenden Jahren bevorsteht.

Abschließend bleibt aber festzuhalten, dass die größte soziale Bewegung im Land seit 1990 keine Protest-, sondern eine Ausweichbewegung ist: Die Menschen wandern aus, wenn sie können. Die Migration (hauptsächlich mit dem Ziel Costa Rica und USA) ist zu einer Lawine angeschwollen und hat unter der letzten Regierung die Größenordnung von 100.000 Personen pro Jahr (!) erreicht. 40 Prozent aller Nicaraguaner gibt an, aktuell über die eigene Auswanderung nachzudenken. Da die Abwanderung den allzu großen Druck auf den Arbeitsmarkt mindert und außerdem die Geldsendungen der Migranten nach Hause (2006: offiziell 650 Mio. US-Dollar, de facto weitaus mehr) das riesige Zahlungsbilanzdefizit des Landes ausgleichen, hat noch keine Regierung das Ziel anvisiert, diesen Exodus zu stoppen, von effektiven Gegenmaßnahmen ganz zu schweigen.

Literatur:

Roser Solá Montserrat, Un siglo y medio de economía nicaragüense, Managua: UCA 2007

José Luis Rocha, De como nos convirtieron de ciudadanos-tutelados en ciudadanos-clientes y de por qué no se ven salidas (No.304, julio 2007) und andere Artikel in: Envío. Revista Mensual de la Universidad Centroamericana, Managua (www.envio.com.ni).

Publikationen des Centro Nicaragüense de Derechos Humanos/CENIDH (www.cenidh.org)

El nemagón en Nicaragua. Génesis de una Pesadilla, Managua: IHNCA/La Prensa 2007


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