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Soziale Bewegungen in Panama


8.1.2008
Unter dem Namen "Bürgerlicher Kreuzzug" formierte sich in den Achtzigern die wichtigste Sammelbewegung, die offen gegen die Militärdiktatur Manuel Noriegas protestierte. Ihr Leitspruch, "Demokratie, Recht und Freiheit", wurde zum Synonym für gewaltfreien Widerstand.

Obwohl Panama genug Lebensmittel hätte, hungert fast ein Viertel der Bevölkerung.Obwohl Panama genug Lebensmittel hätte, hungert fast ein Viertel der Bevölkerung. (© AP)
Die Gesellschaft der Isthmusrepublik blieb in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens von größeren sozialen Erschütterungen verschont. Der Wohlstandszuwachs der Kanalbauphase (1904–1914) verteilte sich zwar sehr ungleich, aber erreichte zumindest indirekt alle Schichten der Bevölkerung des Transitraumes, sodass die Gefahr schwerer sozialer Unruhen, die noch Ende des 19. Jahrhunderts drangvoll auf der Region gelastet hatte, nicht mehr bestand. Die politischen Spannungen des Landes zeigten sich daher hauptsächlich – neben den Dauerkonflikten mit den USA - als Auseinandersetzungen zwischen Machtgruppen der Oberschicht. Erst mit der Fertigstellung des Panama-Kanals verschärfte sich erneut die soziale Situation, als die Entlassungen von Arbeiterkontingenten aus der US-beherrschten Kanalzone eine Wohnraumknappheit in Panama-Stadt und Colón verursachten.

Im Namen der Toten



Der Mieteraufstand von 1925 führte zu ausufernden Protesten, welche unkontrollierbar zu werden drohten. Schließlich bat die Regierung Panamas das US-Militär um Beistand, welches dann auch in kurzer Zeit Ruhe und Ordnung wiederherstellte. Diese Intervention wurde für die politische Linke Panamas zu einem Kristallisationspunkt: Jedes Jahr nun wurde – mithilfe von Aufmärschen - der Toten des Aufstandes gedacht. Massen konnten zu sozialem Protest mobilisiert werden. Man strich den augenfälligen Einklang zwischen den strategischen und ökonomischen Interessen der USA und den Besitzstand wahrenden Interessen der panamenischen Oligarchie heraus.

Die Klassenkonflikte Panamas wurden in zunehmendem Maße von Rassenkonflikten begleitet, die sich durch die Anwerbung von schwarzen englischsprachigen Arbeitern für die US-geführten Großbauprojekte auf dem Isthmus ergaben. Panama selber hatte lange Zeit kein Mitspracherecht bei den Anwerbungen, war aber mit sozialen Problemen konfrontiert, wenn Arbeitskräfte entlassen wurden, die dann die Kanalzone zu räumen hatten und in die Republik Panama wechselten. Die dergestalt zugewanderten Schwarzen unterboten das herrschende Lohnniveau und sorgten damit für soziale Spannungen und ein unheilvolles Klima von Bedrohungsängsten, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Gegen Mitte der Zwanzigerjahre formierte sich eine Bewegung, die mit den oligarchischen Strukturen des Landes brechen wollte. Die zumeist jungen Mitglieder wandten sich in ihrem radikalen Nationalismus gegen den schleichenden Siegeszug englischer Sprache, die US-amerikanische Dominanz und gegen die willige Bereitschaft der eigenen Politiker, dies zuzulassen. Ihre Bürgeraktion (Acción Comunal) machte zudem Front gegen die Großgrundbesitzer und ihre Privilegien und führte eine antikapitalistische Rhetorik. Ein neues Element in der politischen Debatte war der Einsatz zugunsten des vernachlässigten Bauerntums.

Nationalgarde als Machtfaktor



Arnulfo Arias, ein Tatmensch aus den Reihen der Acción Comunal und wohl radikalster Präsident Panamas, betrieb eine volksnah-nationalistische, anti-US-amerikanische und fremdenfeindliche Politik. Als er sich daraufhin im Jahr 1941 den Forderungen Washingtons entzog und Panamas Souveränität herausstrich, wurde er unter Mithilfe des US-Geheimdienstes gestürzt. Nach dieser Zerstörung des politischen Systems fand das Land für ein halbes Jahrhundert nicht mehr in konstitutionelle Verhältnisse zurück. Es geriet in einen Strudel mehr oder weniger scheindemokratischer Militärherrschaften, und die Nationalgarde wurde zum alles entscheidenden Machtfaktor. Gegen diese sich abzeichnende Entwicklung bildete sich 1944 und 1945 der Frente Patriótico de la Juventud (Patriotische Front der Jugend). Die Bewegung entstammte eher der Mittelklasse, die sich den verkrusteten Parteienstrukturen entgegen stellte und dem Land ein jüngeres Gesicht geben wollte. Die Bürgerbewegung formierte sich bald als politische Partei, welche sogar kurzzeitig den Präsidenten des Landes stellen konnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg betrieben die Regierungen Panamas eine technokratische Modernisierungspolitik, welche bessere Erziehung, Straßenbau, öffentliches Gesundheitswesen vorsah – insbesondere auf dem Land. Gleichzeitig sollte die Nutzbarkeit des Bodens effektiver gestaltet werden, sodass auf Gesetzesebene günstige Investitionsbedingungen geschaffen wurden. Die im Zuge dieser Maßnahmen durch Benachteiligungen, Enteignungen und Vertreibungen beeinträchtigten Landarbeiter wehrten sich in Bauernvereinigungen (Ligas Campesinas), die ihrerseits durch die Nationalgarde bekämpft wurden. In den gewalttätigen Auseinandersetzungen, die sich zunehmend radikalisierten, versuchte zum Teil die Kirche zu vermitteln.

Parallel existierten nationalistische Strömungen, die sich gegen die USA und deren Präsenz in der Kanalzone richteten. Kleine Vorfälle genügten zuweilen, um heftige Reaktionen hervorzurufen. Als sich 1964 eine US-amerikanische Schule in der Kanalzone vertragswidrig weigerte, neben dem Sternenbanner die Nationalflagge Panamas zu hissen, kam es zu spontanen Auseinandersetzungen zwischen panamenischen Studenten und den Sicherheitskräften der Kanalzone, an deren Ende mehr als 20 Tote und viele Verletzte standen und kurzfristig sogar die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern unterbrochen waren.

Der linken Militärdiktatur unter dem charismatischen Omar Torrijos gelang es in den Siebzigerjahren, den nationalen und sozialen Protestbewegungen die Spitze zu nehmen, indem man einerseits in massiver Auseinandersetzung mit den USA um die Rückgabe der Kanalzone stritt und andererseits den Vertretern der Landarbeiter Gehör verschaffte und ihre Anliegen staatlicherseits aufgriff. Auch wurden Arbeiterorganisationen wie dem Consejo Nacional de Trabajadores Organizados (Nationalrat organisierter Arbeiter) tarifliche Rechte zugestanden - bei schleichender Integration in die Regierungspartei. Ineffektivität, Klientelismus des herrschenden Systems und die Interessen des Kapitals bewirkten in den 1980er-Jahren allerdings eine Einstellung der Umarmungsstrategie, sodass die soziale Frage wieder unabhängiger von der herrschenden Politik thematisiert wurde.


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