Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

8.1.2008 | Von:
Holger M. Meding

Soziale Bewegungen in Panama

Bürgerlicher Kreuzzug

Die wohl wichtigste Sammelbewegung des Widerstandes gegen die Militärdiktatur und ihren starken Mann Manuel Noriega war die Cruzada Civilista ("Bürgerlicher Kreuzzug"), die sich Ende der Achtzigerjahre formierte. Sie versuchte, den Protest auf die Straße zu tragen, prangerte die Menschenrechtsverletzungen und politischen Durchstechereien der Regierung an, rief zum versteckten und offenen Widerstand auf und wurde nicht müde, "democracia, justicia y libertad" ("Demokratie, Recht und Freiheit") zu fordern. Auf ihrem Höhepunkt sollen ihr 150 Organisationen, Vereine und Gruppierungen angehört haben. Die Mitglieder, größtenteils akademischen und mittleren Schichten entstammend, befanden sich im Visier der Staatsorgane. Die Regierung schwankte zwischen Duldung und Repression, verhängte dann aber doch Notstandsmaßnahmen. Gründungsmitglieder wie Aurelio Barría wurden inhaftiert oder, wie Alberto Conte, enteignet, misshandelt und des Landes verwiesen. Die Proteste der Cruzada Civilista waren friedfertig und vielfach symbolisch: Man trug weiße Kleidung, schwenkte weiße Tücher oder zeigte weiße Luftballons. Jeweils um zwölf Uhr mittags und sechs Uhr abends veranstaltete man Hupkonzerte. Einige Mutige verweigerten die Zahlungen von Steuern, Strom-, Telefon- und Wasser-Rechnungen. Die Staatsmacht allerdings war mit bürgerlichem Ungehorsam kaum zu beeindrucken, sodass erst eine US-amerikanische Militärintervention 1989 den Wandel brachte.

Mit der nachfolgenden Demokratisierung konnten sich zahlreiche Organisationen wieder frei artikulieren und nutzten dies auch zugunsten des Aufbaus einer Zivilgesellschaft. Diese heterogenen sozialen Bewegungen waren streckenweise durchaus erfolgreich, konnten zum Beispiel die beabsichtigte Privatisierung der Wasserversorgung verhindern, wenngleich sie in ihrem Protest gegen die Privatisierung im Telefon- und Energieversorgungsbereich scheiterten.

Auch baute sich ein starker nationalistischer Druck gegen jegliche militärische Präsenz der USA im Lande auf. US-Wünsche, nach der Rückgabe der Kanalzone an Panama im Jahre 1999 eine Drogenbekämpfungseinheit in operativer Stärke dauerhaft im Lande zu belassen, wurden abgewiesen. Gegen alle wirtschaftlichen Argumente stand der Wille, die Souveränität zu wahren. Zu leidvoll waren die Lektionen der Vergangenheit.

1998 organisierte sich 1998 eine Sammelbewegung, welche die unteren und mittleren Schichten im Protest vereinigen wollte: El Movimiento Nacional por la Defensa de la Soberanía (MONADESO: "Nationale Bewegung für die Verteidigung der Souveränität"). Man stellte sich gegen die neoliberale Regierungspolitik der Neunzigerjahre und gegen stärkere Bindungen an die USA. MONADESO verlieh der vorherrschenden Unzufriedenheit eine Stimme und besaß streckenweise eine breite Basis: Wortführer war längere Zeit der Menschenrechtler und Priester Conrado Sanjur; anderen Teilgruppierungen wurde die Nähe zum linksterroristischen Milieu nachgesagt.

Während um die Jahrtausendwende noch massenhafte Proteste und Streiks gegen Privatisierungen und gegen den Rückzug des Staates aus der Wirtschaftslenkung stattfanden, wirken die sozialen Bewegungen im aktuellen Panama eher marginalisiert. Mangelnde Koordination, innere Heterogenität und eine soziale Regierungspolitik verringern ihren Spielraum.

Plan Puebla – Panamá



Gleichwohl werden zahlreiche Projekte auf lokaler und regionaler Ebene wegen ihrer ökologischen und sozialen Folgen attackiert. Aktuell artikulieren sich zahlreiche Bauernvereinigungen gegen Agrobusiness, Kanal-Erweitungspläne mit ihren Konsequenzen, Minenprojekte und Staudämme ("Coordinadora Campesina contra los Embalses"). Globalisierungsgegner wenden sich gegen eine US-dominierte gesamtamerikanische Freihandelszone sowie gegen den "Plan Puebla – Panamá", der die Großregion Südmexiko-Mittelamerika durch großräumige Infrastrukturprojekte in den Bereichen Telekommunikation, Verkehrswesen, Handel, Tourismusförderung, Ressourcennutzung und Investitionsförderung fördern soll.

Wenngleich weniger stark als in früheren Jahrzehnten, bleibt die Sehnsucht nach radikalem Wandel durchaus latent vorhanden. 50 soziale Vereinigungen und 30 studentische Vertretungen Panamas hießen 2006 den linkspopulistischen Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez willkommen, doch haben sich solche Sympathieaktionen noch nicht zu einer Volksbewegung mobilisieren lassen.

Indigenistische Bewegungen



Das Modernisierungsprojekt der fortschrittlich orientierten Regierungen in Panama-Stadt sah ebenfalls vor, die indianischen Gruppen auf dem nationalen Territorium zu zivilisieren. Das Stammesbewusstsein sollte – in Sitten, Kleidung, Nahrungsgewohnheiten, Religion – zugunsten einer gesamtpanamenischen Identität aufgegeben werden. Doch besonders unter den Kuna-Indianern setzten sich die Traditionalisten durch und leisteten gewalttätigen Widerstand. In einer Erhebung töteten 1925 mehrere panamenische Polizisten und hissten ihre Aufstandsflagge, auf der ein Hakenkreuz prangte.

Panama musste schließlich seine Zivilisierungspolitik einstellen. Ein Schutzgebiet (reserva indígena) wurde vereinbart, in welchem eine Autonomie der Indianer bei Akzeptanz der panamenischen Oberhoheit vorgesehen war. Der Aufstand wurde im Sinne eines Freiheitskampfes zu einem Mythos und fand Einzug in eine indigenistische Bewegung. Die Kuna-Indianer bilden bis heute eine autonome Stammesgemeinschaft (Kuna Yala) auf dem Staatsgebiet Panamas. Sie pflegen ihre Sprache und ihre tribalistische Gesellschaftsordnung; es gilt indianisches Recht.

Bei aller autonomen Selbstverwaltung integrierten sich die Kuna nach dem Aufstand langfristig in den panamenischen Staat; sie bestimmten das Tempo und die Intensität dieses Prozesses allerdings selbst. In gegenseitigem Respekt beschritt man schließlich - und langfristig auch erfolgreich - den Weg der evolutionären Integration.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Schwerpunkt

Olympische Spiele 2016 in Rio de Janeiro

2016 ist Brasilien Gastgeber des Megaevents Olympische Spiele. Das Land befindet sich in einer politischen Krise und das Ansehen der Spiele hat durch Dopingskandale gelitten. Wofür steht Sport und wie geht es dem größten Land Lateinamerikas?

Mehr lesen

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 41-42/2010)


Die Linke in Lateinamerika

Bisherige Versuche, auf dem Subkontinent sozialistische Politik umzusetzen, sind am Widerstand der USA und an gravierenden Fehlern der reformistischen und revolutionären Regime gescheitert.

Mehr lesen