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22.8.2007 | Von:
Steffen Leidel

PdVSA

Charity-Konzern mit Erdölabteilung

Venezuela soll globale Energiemacht werden

Am Maracaibosee wird ein Großteil des Erdöls gefördert.Am Maracaibosee wird ein Großteil des Erdöls gefördert. (© Steffen Leidel)
PdVSA ist der Goldesel, der all diese Maßnahmen finanziert. Experten warnen vor einem Verfall des Ölpreises. Würde der nämlich ein Jahr lang unter 50 US-Dollar fallen, dann wären Sozialprogramme und Erdöldiplomatie nicht mehr tragbar. Doch niemand in der venezolanischen Regierung rechnet offenbar mit solch einem Szenario - nicht ganz zu Unrecht. Laut OPEC steigt die Nachfrage nach Erdöl in Lateinamerika bis 2020 um 47 Prozent, weltweit im Durchschnitt um 22 Prozent. Gleichzeitig nehmen die vorhandenen Reserven ab.

Chávez sieht sein Land vielmehr auf dem Weg zur globalen Energiemacht. Derzeit hat Venezuela zertifizierte Vorkommen von knapp 81 Milliarden Barrel. Damit liegt das Land im weltweiten Vergleich an sechster Stelle. Doch die Chávez-Regierung will in den nächsten Jahren die Reserven im Becken des Orinoco-Flusses erschließen. In einem 600 Kilometer langen und 70 Kilometer breiten Streifen parallel zu dem Fluss, an dessen Ufern einst Alexander von Humboldt wandelte, werden die größten Ölreserven der Welt vermutet. Die Regierung spricht von 1.370 Milliarden Barrel, von denen mit heutiger Technologie etwa 20 Prozent gefördert werden könnten.

Seit August 2006 arbeiten Firmen aus Brasilien, Argentinien, China, Indien und Iran in der Zertifizierung von rund 235 Milliarden Barrel. Bis 2008 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Läuft alles nach Plan würde Venezuela dann mit insgesamt 316 Milliarden weltweit die größten zertifizierten Vorkommen haben, vor Saudi Arabien, Kanada, Iran und dem Irak.

Öl von schlechter Qualität

"Die Reserven im Orinoco-Gürtel sind nicht nur für Venezuela interessant, sondern für die ganze Welt", sagt Antonio Vincentelli, Präsident der Erdölkammer Venezuelas. Und das, obwohl die Vorkommen im Orinoco-Gürtel schwer zu fördern sind. Da es sich um Schweröl handelt, das aus Teer besteht und äußerst schwefelhaltig ist, kann es nur durch aufwändige Verfahren in speziellen Raffinerien aufbereitet werden. "Das ist aber inzwischen wirtschaftlich machbar", sagt Vincentelli. Auch hier gilt: Der hohe Ölpreis macht es möglich.

Zum 1. Mai 2007 vollzog Chávez die Nationalisierung von PdVSA. Ausländische Firmen mussten eine Umwandlung in Joint-Venture-Unternehmen akzeptieren, in der der Staat die Kapitalmehrheit von 60 Prozent hält. Bis zu diesem Zeitpunkt war PdVSA im Orinoco-Gürtel lediglich Juniorpartner der ausländischen Ölkonzerne. Exxon Mobil, Chevron, Conoco Phillips, Statoil, Total und BP trugen mit einer Förderung von 600.000 Barrel Rohöl am Tag mehr als ein Fünftel zur gesamten Ölproduktion Venezuelas bei. In einer symbolischen Aktion am Orinoco erklärte Chávez das Ende der "Herrschaft des Imperialismus". Die ausländischen Konzerne akzeptierten die neuen Bedingungen, bis auf die beiden amerikanischen Öl-Multis ExxonMobil und ConocoPhillips. PdVSA kontrolliert inzwischen durchschnittlich 78 Prozent (vorher 39 Prozent) der vier Ölprojekte am Orinoco.

Der Präsident von PdVSA, Ramirez, bejubelte die Nationalisierung mit den Worten: "Mit unserer Vorherrschaft erfüllen wir den Willen des Volkes." Doch Kritiker bezweifeln, ob sich PdVSA mit der "Vorherrschaft" in der Erdölindustrie nicht übernommen hat. Mit dem 2005 aufgelegten Plan "Siembra Petrolera" soll die Produktion auf bis zu 5,8 Millionen Barrel im Jahr 2012 gesteigert werden. Dafür sind Investitionen in Höhe von 56 Milliarden US-Dollar nötig. So müssen die Raffinierungs-Kapazitäten noch deutlich ausgebaut werden.

Korruption und Vetternwirtschaft

Ein Großteil der Investitionen im Erdölsektor wird PdVSA nach der Nationalisierung selbst schultern müssen. Für Luis Giusti, der das Unternehmen zwischen 1994 und 1999 führte, steht der Konzern vor einer "düsteren Zukunft". Er wirft der aktuellen Führung Misswirtschaft und mangelnde Transparenz vor.

Seit 2002 hat PdVSA keinen Geschäftsbericht mehr vorgelegt, der den üblichen Regeln der Rechenschaftslegung folgt. Unternehmenszahlen werden nur als Presse-Erklärung herausgegeben. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune hat das Unternehmen 2007 mangels verlässlicher Zahlen aus der Liste der 500 größten Unternehmen der Welt gestrichen. Widersprüchliche Angaben gibt es zur Tagesproduktion. Laut Energieminister Ramirez lag diese im Jahr 2007 durchschnittlich bei 3,2 Millionen Barrel, die Internationale Energieagentur setzt die Zahl viel geringer an, bei lediglich rund 2,4 Millionen.

Außerdem verdichten sich die Anzeichen auf Korruption und Vetternwirtschaft im Unternehmen. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International liegt Venezuela auf Position 138 (von 163 Plätzen). Ungeklärt ist nach wie vor, wo die 3,5 Milliarden US-Dollar verblieben sind, die die Zentralbank Ende 2004 vermisste. "Wenn es zutrifft, dass die Firma die Kontrolle über ihre Operationen verloren hat, und wenn ihre finanzielle Situation so ungeklärt ist, wie es den Anschein hat, dann steht das ganze chavistische Reform- und Entwicklungsprojekt auf tönernen Füßen", urteilt der Tübinger Lateinamerika-Experte Andreas Boeckh. "Man hat den Eindruck, dass zum Teil ein gigantischer Raubzug im Gange ist, bei dem die neue politische Klasse sich im Namen des Sozialismus nach Kräften bedient", so Boeckh weiter.

Umstrittene Erfolgszahlen

Inzwischen misstrauen selbst Chávez-Anhänger den Erfolgszahlen, die von ihrer Regierung großspurig verkündet werden. Laut der nationalen Statistikbehörde INE stieg 2006 das Einkommen pro Haushalt um ein Drittel. Doch jenseits der Zahlen werden Probleme deutlich. Die von der Regierung viel gerühmten "Misiones" haben zwar für bestimmte Bevölkerungssektoren materielle Verbesserung gebracht, gleichzeitig aber eine kaum zu durchschauende Parallelbürokratie geschaffen, die sich durch Ineffizienz, Vetternwirtschaft und Abstimmungsprobleme auszeichnet. Eine unabhängige Bewertung der Programme ist die Regierung bislang schuldig geblieben. Nur ein Drittel der Gelder für die "Misiones" unterliegt haushaltsrechtlichen Kontrollen, über zwei Drittel verfügt Chávez nach Gutdünken. Hartnäckig hält sich auch der Vorwurf, dass nur Chávez-Fans in den Genuss der "Geschenke" kommen.

Totale Abhängigkeit von Erdöl bleibt

Eines steht fest: Venezuela hat seine Abhängigkeit vom Erdöl kaum verringern können. Der Plan, die Wirtschaft weiter zu diversifizieren, ist nach acht Jahren Chávez-Regierung nicht weit vorangeschritten. Nach wie vor stammen 75 Prozent der Export-Einnahmen aus dem Ölgeschäft, 60 Prozent der Staatseinnahmen werden über Erdöl finanziert. Die exzessive Ausgabenpolitik heizt die Inflation an.

Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts kämpft außerdem mit Widersprüchen. Zwei Drittel des venezolanischen Erdöls gehen in das Land von Chavez' Erzfeind George W. Bush. Die Abhängigkeit von den USA ist laut Klaus Bodemer vom GIGA-Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg sogar noch gestiegen. "So hat die Regierung entgegen ihrem expliziten Anti-Amerikanismus und ihrem Versprechen, die Energieintegration zum Kernstück einer umfassenden, sich auf den Befreiungshelden Simon Bolívar berufenden lateinamerikanischen Integration zu machen, ihre Ölexportquoten an die USA in den letzten Jahren erhöht", so der Experte.

Auch bei den mit viel Pomp vollzogenen Nationalisierungen im Öl-, Strom- und Telefonsektor handelt es sich bei näherer Betrachtung nicht wirklich um Verstaatlichungen, sondern eher um klassische Firmenübernahmen, die im Einklang mit den Regeln des Kapitalismus vollzogen wurden.

Dass hinter den wohlklingenden Reden und großartigen Plänen des guten Mannes aus Sabaneta, Hugo Chávez, nicht immer viel Substanz steckt, hat auch schon die junge Mutter vom Indianervolk der Wayuu zu spüren bekommen. "Es ist schön, dass wir jetzt den Chávez-Leuten sagen können, was wir wollen." Früher hätten die Wayuu nicht einmal über ihre Probleme sprechen können. "Ob unsere Wünsche dann erfüllt werden, ist freilich eine andere Sache", sagt die junge Mutter und eilt ihrer Tochter hinterher.

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