Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

10.10.2008 | Von:
Prof. Dr. Christof Mauch

Bürgerkrieg und Sklaverei

Totaler Krieg und Sklavenbefreiung

Zu Beginn des Krieges rechneten beide Seiten mit einem raschen Sieg. Die Nordstaatler planten den Durchmarsch nach Richmond, Virginia. Die Konföderierten hofften dagegen auf den militärischen Beistand der Engländer. Sie spekulierten darauf, dass Großbritannien nicht auf amerikanische Baumwolle verzichten könne. Aber beide Rechnungen gingen nicht auf. Statt eines kurzen Krieges kam es zu einem langjährigen, brutalen Ringen. Der Bürgerkrieg wurde zum Vorläufer der "totalen Kriege" des 20. Jahrhunderts. Militärische Terrorkampagnen, Grabenkriege, Zensur, Luftaufklärung (aus dem Heißluftballon) sowie der Aufbau einer modernen Kriegsmaschinerie, -wirtschaft und -infrastruktur wurden zur Signatur des Civil War. Aus den hohen Verlusten an Menschenleben, die auf Feuerkraft der Artillerie und die Zielgenauigkeit der Gewehre zurückgingen, erwuchs darüber hinaus erstmals der Zwang zur Einführung der Wehrpflicht, gegen die es im Norden erheblichen Widerstand gab.

Der Süden verfügte nicht nur über ein vorzügliches Offizierskorps, sondern hatte auch den Vorteil, auf eigenem Territorium zu kämpfen; außerdem stellten mehrere von West nach Ost verlaufende Flüsse natürliche Verteidigungsbarrieren dar. Dennoch waren die Vorteile der Nordstaatler immens. Nordstaatengeneral William Tecumseh Sherman hatte nicht ganz unrecht, wenn er zu Anfang des Krieges gegenüber einem Freund aus dem Süden hervorhob, dass in der Geschichte "noch nie eine Nation von Landwirten" gegen eine "Nation von Mechanikern" siegreich gewesen sei: "Ihr seid dazu verdammt, den Krieg zu verlieren!" Das Menschenpotenzial lag im Norden unvergleichlich höher als im Süden: 22 Millionen lebten im Norden, nur neun Millionen im Süden. Im Norden wurden diverse landwirtschaftliche Nahrungsmittel angebaut, im Süden hatte sich die Pflanzeraristokratie auf Baumwolle spezialisiert. Rohstoffe und verarbeitende Industrien fanden sich ebenfalls fast ausschließlich im Norden. Dieser verfügte außerdem über ein modernes Eisenbahn- und Telegrafensystem. Der Süden war dagegen technologisch weit zurückgeblieben.

Trotz solcher Überlegenheit konnte Lincoln den Sieg vor allem dadurch sichern, dass es ihm gelang, die Grenzstaaten (Delaware, Maryland, Virginia, Missouri und Arkansas) auf die Seite des Nordens zu ziehen. Wären diese auf Seiten des Südens in den Krieg gezogen, hätte sich das militärische und ökonomische Gleichgewicht deutlich verändert. Von besonderer Bedeutung war allerdings auch die Sklaverei. Die sklavenfreundliche Haltung kostete den Südstaaten die militärische Unterstützung der Engländer. Außerdem schweißte kein anderes Kriegsziel die Nordstaatenbevölkerung so eng zusammen wie der ideologische Kampf zur Befreiung der Sklaven, die ab 1862 als frei ("emanzipiert") galten, wenn sie sich in den von Rebellen kontrollierten Gebieten aufhielten. Von nun an durften sie auch in der Unionsarmee kämpfen. Das große Ziel der Sklavenbefreiung, das Lincoln zu Kriegsbeginn noch nicht im Visier gehabt hatte, sollte die noch zu erbringenden Opfer des Krieges rechtfertigen.

Nach den legendären Schlachten vom Juli 1863 (Schlacht von Gettysburg und Kapitulation der Festung Vicksburg) erhielt Lincolns Partei wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen 1864 durch den Fall Atlantas moralischen Auftrieb. Das sicherte die Wiederwahl des Präsidenten und stärkte Lincolns Position. In der Sklavereifrage gab es von nun an "kein Zurück". Mit dem 13. Verfassungszusatz wurde die Sklavenhaltung 1865 im gesamten Geltungsbereich der Verfassung verboten; die Verfassungszusätze 14 und 15 gaben schwarzen Amerikanern das Bürger- und Wahlrecht.

Das Erbe des Krieges

Mit der Ermordung Abraham Lincolns durch den Anführer einer südstaatlichen Verschwörergruppe avancierte der Präsident zum Märtyrer und Sinnbild der unteilbaren Nation. Im Süden entstand dagegen die Legende vom Lost Cause: Die materielle Überlegenheit des Nordens hatte nach dieser Geschichtsversion die Tugenden der südstaatlichen Aristokratie, die Wirtschaftsordnung und den Southern Way of Life zerstört.

Ohne den Bürgerkrieg hätte die Befreiung der Sklaven sicher noch lange Zeit auf sich warten lassen. Denn anders als etwa in Haiti, wo sich ein ehemaliger Sklave zum Revolutionsführer erhob und am Ende sogar zum Kaiser ausgerufen wurde, stellte die afroamerikanische Bevölkerung in den Südstaaten fast überall nur eine Minderheit. Widerstandswillige Sklaven hatten kaum Aussicht auf den Erfolg eines Aufstandes. Für die Südstaaten bedeutete die Befreiung der Sklaven eine psychologische und wirtschaftliche Niederlage und einen sozialen Umbruch, dessen Folgen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein den Charakter der Region und die Mentalität der Bevölkerung prägten.

Die schreckliche Verwüstung weiter Landstriche, die immense Zahl der Todesopfer und die Mythen, die sich um den Bürgerkrieg und dessen Protagonisten ranken, haben dazu geführt, dass es heute in den USA mehr als 40 Bürgerkriegsmuseen gibt und dass sich der Krieg tiefer in die kollektive Erinnerung der Amerikaner eingeschrieben hat als irgendein anderes Ereignis in der US-Geschichte.