Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)
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10.10.2008 | Von:
Prof. Dr. Christof Mauch

Bürgerkrieg und Sklaverei

Er war die große Bewährungsprobe der noch recht jungen Republik: Der Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten 1861-65. Im Zentrum des Konfliktes stand der Streit um die Abschaffung der Sklaverei.

Mehr als jedes andere Ereignis hat der Bürgerkrieg (1861 bis 1865) das "amerikanische Experiment" auf eine regelrechte Probe gestellt. Kein Krieg in der Geschichte der USA hat mehr amerikanische Leben gefordert – die Zahl wird auf über 600.000 Soldaten und mehrere Hunderttausend Zivilisten geschätzt.

Nordstaatentruppen belagern während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges das Ufer des North Anna River, Mai 1864.Nordstaatentruppen belagern das Ufer des North Anna River, Mai 1864. (© Libary of Congress)

Die Hauptursache für den Bürgerkrieg war zweifellos die Sklaverei mit all ihren Begleiterscheinungen und Konsequenzen. In zwei großen Fragen standen die Nordstaaten und die Südstaaten der USA einander unversöhnlich gegenüber: Erstens, wie ließ sich das Gleichheitsgebot der Unabhängigkeitserklärung mit der Unfreiheit von Millionen schwarzer Amerikaner vereinbaren? Die Mehrheit im Norden plädierte für die Sklavenbefreiung, der Süden fürchtete dagegen, dass die Abschaffung der peculiar institution auch die Grundlage der Plantagenwirtschaft zerstören würde. Zweitens, wie wichtig war die Einheit der Nation? Eine Mehrheit im Norden hielt den nationalen Zusammenhalt für permanent und unauflöslich. Im Süden fand dagegen auch die Auffassung Resonanz, die USA könne man als einen lockeren, möglicherweise aufkündbaren Zusammenschluss von souveränen Staaten sehen. Aus der Rückschau erscheint es folgerichtig, dass der im Bürgerkrieg ausgefochtene Konflikt sowohl zur Abschaffung der Sklaverei als auch zur verfassungsmäßigen Einheit der Nation führte. Aber im Jahr 1861 stellte sich die Situation ganz anders dar. Die Geschichte hätte – ohne die überragende politische Führung Abraham Lincolns, aber auch im Falle eines militärischen Siegs der Südstaaten – eine völlig andere Wendung nehmen und zur Spaltung der USA führen können.

Das "blutende Kansas" und Dred Scott

Der Bürgerkrieg brach nicht über Nacht aus. Schon fünf Jahre bevor im April 1861 die ersten Schüsse fielen, hatten Sklavereigegner (die sogenannten Abolitionisten) und Sklavereibefürworter im Streit um Kansas eine Art Stellvertreterkrieg geführt, was dem Territorium bald den unrühmlichen Beinamen "blutendes Kansas" eintrug. 700 militante Sklavereibefürworter gingen in einer gewaltsamen Aktion gegen die Abolitionistenhochburg Lawrence vor. Sie zerstörten Zeitungsverlage, plünderten Läden und brannten ganze Straßenzüge nieder. "Bekämpft Feuer mit Feuer" lautete die Parole des religiösen Fanatikers John Brown, der aus Rache ein Massaker an unbeteiligten Sklavenhaltern verübte. An den beiden Vorgängen entzündete sich ein Guerillakrieg, dem fast 200 Menschen zum Opfer fielen. Im Jahr darauf goss der Supreme Court mit einem sklavereifreundlichen Urteil noch weiteres Öl ins Feuer. Das oberste Gericht der USA nahm die Klage des Sklaven Dred Scott, der in einen freien Staat gezogen war, zum Anlass, eine Grundsatzentscheidung zur Sklaverei zu fällen. In der Urteilsbegründung verwarf der Oberste Richter die Klage Dred Scotts: Auch freie Afroamerikaner seien keine amerikanischen Staatsbürger, sondern "Wesen einer niedrigen Ordnung", die keine Rechte hätten. Präsident Buchanan, der sich auf Seiten der Sklavenbesitzer in die juristische Entscheidung einmischte, hatte die illusionäre Hoffnung gehegt, ein sklavereifreundlicher Beschluss könne die innere Situation befrieden. Das Gegenteil war der Fall. Die Sklavereigegner zeigten sich weniger denn je bereit, die Südstaatensympathien des Obersten Gerichtshofs zu akzeptieren.

Sezession und Kriegsbeginn

Unmittelbar nachdem der Republikaner Abraham Lincoln 1860 zum Präsidenten gewählt worden war – Lincoln hatte eine maßvolle Mittelposition in der Sklavenfrage bezogen und war deshalb am ehesten mehrheitsfähig –, schritten die radikalen Sklavereibefürworter, die sogenannten Fire Eaters, zur Tat und drängten auf die Abspaltung der Südstaaten vom Norden. Zwischen Dezember 1860 und Februar 1861 lösten sich nacheinander sieben Staaten (South Carolina, Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana und Texas) aus der Union der Vereinigten Staaten heraus, erklärten sich souverän und bildeten eine neue Republik, die Konföderierten Staaten von Amerika. Zum Präsidenten wurde der aus einer wohlhabenden Pflanzerfamilie stammende ehemalige Senator und Kriegsminister Jefferson Davis gewählt. Lincoln sah darin eine umstürzlerische Aktion. Zur militärischen Auseinandersetzung kam es im April 1861, als Jefferson Davis dem US-Präsidenten die Versorgung von Fort Sumter in South Carolina verwehrte, das Fort beschießen ließ und zur Kapitulation zwang. Für den Süden hatte damit der "Krieg zwischen den Staaten" begonnen; im Norden sprach man dagegen vom "Rebellionskrieg".

Totaler Krieg und Sklavenbefreiung

Zu Beginn des Krieges rechneten beide Seiten mit einem raschen Sieg. Die Nordstaatler planten den Durchmarsch nach Richmond, Virginia. Die Konföderierten hofften dagegen auf den militärischen Beistand der Engländer. Sie spekulierten darauf, dass Großbritannien nicht auf amerikanische Baumwolle verzichten könne. Aber beide Rechnungen gingen nicht auf. Statt eines kurzen Krieges kam es zu einem langjährigen, brutalen Ringen. Der Bürgerkrieg wurde zum Vorläufer der "totalen Kriege" des 20. Jahrhunderts. Militärische Terrorkampagnen, Grabenkriege, Zensur, Luftaufklärung (aus dem Heißluftballon) sowie der Aufbau einer modernen Kriegsmaschinerie, -wirtschaft und -infrastruktur wurden zur Signatur des Civil War. Aus den hohen Verlusten an Menschenleben, die auf Feuerkraft der Artillerie und die Zielgenauigkeit der Gewehre zurückgingen, erwuchs darüber hinaus erstmals der Zwang zur Einführung der Wehrpflicht, gegen die es im Norden erheblichen Widerstand gab.

Der Süden verfügte nicht nur über ein vorzügliches Offizierskorps, sondern hatte auch den Vorteil, auf eigenem Territorium zu kämpfen; außerdem stellten mehrere von West nach Ost verlaufende Flüsse natürliche Verteidigungsbarrieren dar. Dennoch waren die Vorteile der Nordstaatler immens. Nordstaatengeneral William Tecumseh Sherman hatte nicht ganz unrecht, wenn er zu Anfang des Krieges gegenüber einem Freund aus dem Süden hervorhob, dass in der Geschichte "noch nie eine Nation von Landwirten" gegen eine "Nation von Mechanikern" siegreich gewesen sei: "Ihr seid dazu verdammt, den Krieg zu verlieren!" Das Menschenpotenzial lag im Norden unvergleichlich höher als im Süden: 22 Millionen lebten im Norden, nur neun Millionen im Süden. Im Norden wurden diverse landwirtschaftliche Nahrungsmittel angebaut, im Süden hatte sich die Pflanzeraristokratie auf Baumwolle spezialisiert. Rohstoffe und verarbeitende Industrien fanden sich ebenfalls fast ausschließlich im Norden. Dieser verfügte außerdem über ein modernes Eisenbahn- und Telegrafensystem. Der Süden war dagegen technologisch weit zurückgeblieben.

Trotz solcher Überlegenheit konnte Lincoln den Sieg vor allem dadurch sichern, dass es ihm gelang, die Grenzstaaten (Delaware, Maryland, Virginia, Missouri und Arkansas) auf die Seite des Nordens zu ziehen. Wären diese auf Seiten des Südens in den Krieg gezogen, hätte sich das militärische und ökonomische Gleichgewicht deutlich verändert. Von besonderer Bedeutung war allerdings auch die Sklaverei. Die sklavenfreundliche Haltung kostete den Südstaaten die militärische Unterstützung der Engländer. Außerdem schweißte kein anderes Kriegsziel die Nordstaatenbevölkerung so eng zusammen wie der ideologische Kampf zur Befreiung der Sklaven, die ab 1862 als frei ("emanzipiert") galten, wenn sie sich in den von Rebellen kontrollierten Gebieten aufhielten. Von nun an durften sie auch in der Unionsarmee kämpfen. Das große Ziel der Sklavenbefreiung, das Lincoln zu Kriegsbeginn noch nicht im Visier gehabt hatte, sollte die noch zu erbringenden Opfer des Krieges rechtfertigen.

Nach den legendären Schlachten vom Juli 1863 (Schlacht von Gettysburg und Kapitulation der Festung Vicksburg) erhielt Lincolns Partei wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen 1864 durch den Fall Atlantas moralischen Auftrieb. Das sicherte die Wiederwahl des Präsidenten und stärkte Lincolns Position. In der Sklavereifrage gab es von nun an "kein Zurück". Mit dem 13. Verfassungszusatz wurde die Sklavenhaltung 1865 im gesamten Geltungsbereich der Verfassung verboten; die Verfassungszusätze 14 und 15 gaben schwarzen Amerikanern das Bürger- und Wahlrecht.

Das Erbe des Krieges

Mit der Ermordung Abraham Lincolns durch den Anführer einer südstaatlichen Verschwörergruppe avancierte der Präsident zum Märtyrer und Sinnbild der unteilbaren Nation. Im Süden entstand dagegen die Legende vom Lost Cause: Die materielle Überlegenheit des Nordens hatte nach dieser Geschichtsversion die Tugenden der südstaatlichen Aristokratie, die Wirtschaftsordnung und den Southern Way of Life zerstört.

Ohne den Bürgerkrieg hätte die Befreiung der Sklaven sicher noch lange Zeit auf sich warten lassen. Denn anders als etwa in Haiti, wo sich ein ehemaliger Sklave zum Revolutionsführer erhob und am Ende sogar zum Kaiser ausgerufen wurde, stellte die afroamerikanische Bevölkerung in den Südstaaten fast überall nur eine Minderheit. Widerstandswillige Sklaven hatten kaum Aussicht auf den Erfolg eines Aufstandes. Für die Südstaaten bedeutete die Befreiung der Sklaven eine psychologische und wirtschaftliche Niederlage und einen sozialen Umbruch, dessen Folgen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein den Charakter der Region und die Mentalität der Bevölkerung prägten.

Die schreckliche Verwüstung weiter Landstriche, die immense Zahl der Todesopfer und die Mythen, die sich um den Bürgerkrieg und dessen Protagonisten ranken, haben dazu geführt, dass es heute in den USA mehr als 40 Bürgerkriegsmuseen gibt und dass sich der Krieg tiefer in die kollektive Erinnerung der Amerikaner eingeschrieben hat als irgendein anderes Ereignis in der US-Geschichte.
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