Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)
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Der Vietnamkrieg


10.10.2008
In der Mitte des Kalten Krieges ließen sich die USA 1964 auf ein militärisches Abenteuer in Vietnam ein, sie wollten so den vermuteten Vormarsch des Kommunismus stoppen. Nach 11 Jahren und fast 60.000 toten US-Soldaten sowie Millionen toter Vietnamesen fand der Vietnamkrieg ein Ende. Die Bilanz: eine von ihrem Präsidenten zutiefst enttäuschte Nation – und ein verlorener Krieg.

Nach der Landung in der Mitte eines Viet Cong Landungs Gebiets, ein Fallschirmjäger der 173. Fallschirmjägereinheit schwingt sein M-16 Gewehr, um die Evakuierung eines verletzten Fallschirmjägers unter Beschuss von Schwarfschützen zu sichern.Fast 60.000 amerikanische Soldaten starben im Vietnamkrieg. (© AP)

Vorgeschichte



Während des Zweiten Weltkrieges warfen die Amerikaner Broschüren über Vietnam ab, in denen die Bevölkerung zum Widerstand gegen die japanischen Besatzer aufgefordert und ihnen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung in Aussicht gestellt wurden. Doch nach dem Sieg der USA über Japan und dem Beginn des Kalten Krieges war davon keine Rede mehr. Jetzt ging es um die "Eindämmung" des Kommunismus, und unter diesem Vorzeichen akzeptierten die USA auch Frankreichs Intentionen zur Restauration seiner Kolonialherrschaft in Indochina. Das ging nicht ohne Gewalt. Und so begann Ende 1946 der französische Indochina-Krieg.

Für die USA war dies zunächst nur ein "schmutziger" Kolonialkrieg. Das änderte sich mit dem Sieg der Kommunisten in China 1949 und dem Beginn des Koreakrieges am 25. Juni 1950. Fast zeitgleich mit dem Eingreifen in Korea begann auch das amerikanische Engagement in Vietnam. Aus dem Kolonialkrieg der Franzosen wurde ein "Kreuzzug gegen den Kommunismus", Teil der beginnenden weltweiten Auseinandersetzung zwischen Ost und West. 1953/54 zahlten die USA rund 75% der französischen Kriegskosten. Mit der Niederlage bei Dien Bien Phu im Mai 1954 endete dennoch Frankreichs Kolonialherrschaft in Indochina. Auf der anschließenden Konferenz in Genf wurde Vietnam entlang des 17. Breitengrades geteilt. Der neue Mann in Südvietnam hieß Ngo Dinh Diem, der aus dem amerikanischen Exil kam und von Washington als "starker Mann" aufgebaut wurde. Diem sollte das Bollwerk gegen Nordvietnams Kommunistenführer Ho Chi Minh leiten, doch nicht allein. Die Zahl der Militärberater in Südvietnam wurde während der Präsidentschaft von John F. Kennedy auf 16.000 erhöht. Auch für Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson war Südvietnam der erste Stein einer langen Dominoreihe: Würde dieser Stein fallen, würden auch die übrigen Staaten in Südostasien kommunistisch werden. Die Freiheit San Franciscos, so hieß es, werde in Saigon verteidigt.

Johnsons Krieg



Anfang August 1964 kam es im Golf von Tonking zu einem folgenschweren Zwischenfall. Nordvietnamesische Patrouillenboote beschossen den US-Zerstörer "Maddox". Zwei Tage später flogen die Amerikaner erste Luftangriffe gegen Nordvietnam. Ein zweiter Zwischenfall – der, wie wir heute wissen, überhaupt nicht stattgefunden hat – führte in Washington zur berühmt-berüchtigten Tonking-Resolution, eine Ermächtigung zum Krieg, die, wie Johnson meinte, "wie Großmutters Nachthemd alles abdeckt": Der Kongress ermächtigte Johnson, "alle notwendigen Schritte, einschließlich der Anwendung bewaffneter Gewalt, zu ergreifen", um Südvietnam zu unterstützen.

Die folgenschwersten Entscheidungen wurden im Frühjahr 1965 getroffen: Aus einem schwelenden Konflikt wurde ein amerikanischer Krieg. Nach zwei Angriffen der Kommunisten gegen amerikanische Kasernen befahl Johnson eine Verstärkung der Luftangriffe: Die Operation "Donnergrollen" (Rolling Thunder) startete am 2.März 1965 und wurde erst am 30. Oktober 1968 beendet. Während dieser Zeit flog die amerikanische Luftwaffe insgesamt 304.000 Einsätze in Nordvietnam, davon 2083 B-52-Angriffe. Der Widerstandswille der Kommunisten wurde dennoch nicht gebrochen.

Am 8. März 1965 folgte der nächste entscheidende Schritt der Amerikaner: Erstmals seit dem Koreakrieg betraten amerikanische Kampftruppen wieder asiatischen Boden. In Da Nang gingen 3.500 Marines an Land. Hanoi sprach von einer "offenen Kriegserklärung". Am 21. April 1965 wurden weitere 82.000 Soldaten nach Südvietnam geschickt, Ende Juli weitere 75.000. Ende des Jahres waren bereits 100.000 US-Soldaten in Südvietnam stationiert, im Frühjahr 1968 waren es zeitweise 550.000.

Das Ende von Johnsons Krieg kam im Januar 1968 mit der sogenannten "Tet-Offensive", einem nicht mehr für möglich gehaltenen Großangriff der Kommunisten gegen fünf der sechs großen Städte, 36 der 44 Provinzhauptstädte und einem Viertel der 242 Provinzstädte Südvietnams. Am Ende hatten Amerikaner und Südvietnamesen zwar alle verlorengegangenen Gebiete wieder zurückerobert, aber es war ein Pyrrhus-Sieg. Die amerikanische Öffentlichkeit hatte den Glauben an den Sieg verloren, der Präsident seine Glaubwürdigkeit eingebüßt. Ende April verkündete Johnson dann, dass er sich einer Wiederwahl nicht stellen werde.

Undatiertes Foto: Ein Panzer der US-Marines feuert mit seinem Flammenwerfer in ein Dickicht in Vietnam, in dem Viet Cong Guerillas vermutet werden.Ein US-Panzer feuert im Dickicht Vietnams auf vermutete Guerillas. (© AP)

Nixons Krieg



Der neue Präsident hieß Richard M. Nixon. Er hatte die Wahl mit dem Versprechen gewonnen, den Vietnamkrieg zu beenden. Seine Taktiken: zunächst ein "Geheimplan", später verbreitete er die Theorie des verrückten Präsidenten, die "madman theory", die Hanoi denken lassen sollte, er sei verrückt genug, jede Waffe einzusetzen. Nixon war überzeugt davon, dass der Krieg ausgeweitet werden musste, um ihn zu gewinnen. So wurden geheime Angriffe gegen nordvietnamesische Basen an der Grenze zu Kambodscha geflogen. Im Juli 1969 verkündete Nixon seine neue Doktrin: Vietnamisierung, das hieß Abzug der amerikanischen Truppen. Gleichzeitig ließ sein Sicherheitsberater Henry Kissinger Möglichkeiten für einen "brutalen, entscheidenden Schlag" gegen Nordvietnam prüfen, einschließlich des Einsatzes von Atomwaffen. Kissinger wörtlich: "Ich weigere mich zu glauben, dass eine viertklassige Macht wie Nordvietnam nicht an irgendeinem Punkt aufgeben muss."

Im März 1970 befahl Nixon die Invasion des neutralen Kambodschas. Daraufhin kam es zur größten Antikriegsdemonstration in den USA. An der Kent State University wurden am 4. Mai 1970 vier Studenten von der Nationalgarde erschossen.

Inzwischen sank die Moral der Truppe in Vietnam auf den niedrigsten Stand in der Geschichte der USA. 1971 nahmen 44% der Truppe Heroin, 20% waren drogenabhängig, es gab Befehlsverweigerung, Offiziere wurden von den eigenen Leuten im Einsatz unabsichtlich getötet. Das Ende des Krieges wurde zur absoluten Notwendigkeit für Washington. Bei seinem Amtsantritt hatte Nixon erklärt, er sei bereit, mit den Kommunisten zu verhandeln. Damit waren Moskau und Peking gemeint. Er besuchte China im Februar 1972. Einen Monat später begannen die Nordvietnamesen mit ihrer Frühjahrsoffensive. Daraufhin gab Nixon den Befehl zur Eskalation: B-52-Angriffe auf Hanoi und Haiphong verbunden mit einer Verminung des Hafens von Haiphong. 14 Tage nach diesem Befehl traf Nixon in Moskau. auf Kremlführer Leonid Breschnew. Man war sich einig, dass der Vietnamkrieg weitere Schritte auf dem Weg einer Détente nicht behindern durfte. Mit anderen Worten: Nixons Verhältnis zu China und der Sowjetunion hatte durch die Ausweitung des Krieges in Vietnam nicht gelitten.

Henry Kissinger führte fast gleichzeitig mit den Nordvietnamesen Geheimgespräche in Paris, die im Oktober 1972 zu einer prinzipiellen Einigung führten. Wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen in den USA konnte Kissinger auf einer Pressekonferenz so verkünden: "Der Friede ist zum Greifen nahe." Das war er keineswegs, da Südvietnams Ministerpräsident Thieu die sogenannte Vereinbarung ablehnte, die zum einen vorsah, dass nordvietnamesische Truppen im Süden des Landes bleiben konnten und zum anderen die entmilitarisierte Zone am 17. Breitengrad nicht als offizielle politische Grenze bezeichnete. Als Nordvietnam Änderungen an dieser Vereinbarung ablehnte, ordnete Nixon massive Luftangriffe auf Nordvietnam an: In dem sogenannten "Weihnachtsbombardement" bis zum 29. Dezember 1972 wurden mehr Bomben auf Nordvietnam abgeworfen, als in den drei Jahren zuvor.

Anfang Januar 1973 wurden die Verhandlungen in Paris wieder aufgenommen; Änderungen der Vereinbarung waren rein kosmetisch. Das Abkommen wurde am 27. Januar 1973 unterzeichnet: für die Amerikaner war der Krieg beendet. Nicht jedoch für die Vietnamesen. Nixon konnte nicht mehr helfen; er war in den Watergate-Skandal verwickelt und trat im August 1974 zurück. Der Kongress wollte mit Vietnam nichts mehr zu tun haben. Am 30. April 1975 überrannten die Kommunisten Saigon. Das Land wurde unter kommunistischer Herrschaft zwangswiedervereint – mit 400.000 Südvietnamesen in Umerziehungslagern.

Fazit



58.135 amerikanische Soldaten ließen ihr Leben in Vietnam; 304.704 wurden verwundet, davon erlitten 6.665 Amputationen, und ca. 33.000 blieben gelähmt. Eine Million südvietnamesische Soldaten waren gefallen, etwa zwei Millionen tote Zivilisten waren zu beklagen. Zwei Millionen Menschen wurden verstümmelt, zusätzlich zwei Millionen Liter giftige Chemikalien ausgesetzt. Zahlen über Nordvietnam sind nicht belegt, aber wahrscheinlich mussten dort genauso viele Menschen ihr Leben lassen. In den USA blieb der Vietnamkrieg ein Trauma, das die Nation so spaltete wie nichts mehr seit dem Bürgerkrieg hundert Jahre zuvor. Es gab zudem ungeheure Probleme der Veteranen: Drogen, Alkohol, Depression und eine distanzierte Gesellschaft. Für diesen Krieg gab es keine Siegesparaden nach der Rückkehr.

Es war "Amerikas längster Krieg" und der erste, der verloren ging. Die Gründe für die Niederlage waren vielfältig: keine klare Taktik, ein "begrenzter totaler Krieg" – ein Widerspruch in sich selbst –, eine korrupte Führungsclique in Südvietnam, und keine klare Antwort auf die Frage des einfachen GI und der Öffentlichkeit, warum man überhaupt in Südvietnam war und Opfer brachte. Aus privaten Mitteln wurde 1982 das eindrucksvolle Vietnam-Memorial in Washington eröffnet. Erst Mitte der 80er Jahre wurde versucht, das Vietnamtrauma im Film zu verarbeiten. Zweifel blieben, auch wenn US-Präsident Ronald Reagan den Krieg später öffentlich als "in truth a noble war" bezeichnete. Ein "edler" Krieg war der Vietnamkrieg zu keinem Zeitpunkt gewesen.

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