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Corporate Amerika

Das amerikanische Wirtschaftsmodell und seine Geschichte


10.10.2008
Man könnte es fast als die Heimat der Marktwirtschaft bezeichnen. In kaum einem anderen Land ist der Glaube an die freien Kräfte des Kapitals größer als in den USA. Bei genauerer Betrachtung der Geschichte sind aber selbst die Amerikaner etwas flexibel, wenn denn staatliche Eingriffe in Krisenzeiten der einzige Ausweg scheinen.

Blick auf die "New York Stock Exchange", die größte Wertpapierbörse der Welt an der Wall Street. Im Vordergrund eine Statue von George Washington auf den Stufen der Federal Hall.Das Herz der amerikanischen Wirtschaft, die "New York Stock Exchange" in der Wall Street. (© AP)

Seit im September 2008 gleich mehrere große amerikanische Finanzinstitute kurz vor dem Zusammenbruch standen, haben sich die Stimmen gemehrt, die ein Ende des amerikanischen Wirtschaftsmodells prognostizieren. Die Entwicklungen diesen Jahres scheinen ihnen Recht zu geben: Als im März 2008 die Investmentbank Bear Stearns, das fünftgrößte Institut der Branche aufgrund von Liquiditätsproblemen in Bedrängnis geriet, unterstützte die amerikanische Zentralbank, die Federal Reserve Bank (Fed), die Übernahme der Bank durch JPMorgan Chase. Dass die Fed eine Privatbank rettet, hat es in den USA zuletzt in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gegeben. Schon bald folgten weitere Eingriffe: Um größere Unruhen auf den Finanzmärkten zu vermeiden, übernahm die Regierung Anfang September die vorläufige Kontrolle über die angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac.

Einen Höhepunkt erreichte die Welle staatlicher Interventionen als Präsident Bush den Kongress um ein 700 Mrd. Dollar schweren Rettungspaket für angeschlagene Banken bat. Der zunächst im Repräsentantenhaus gescheiterte Gesetzesentwurf sprach dem Finanzministerium das Recht zu, unverkäufliche – insbesondere mit Hypothekenkrediten unterlegte – Wertpapiere aufzukaufen, um so den Zusammenbruch weiterer Banken zu verhindern. Es wäre die größte staatliche Intervention seit der großen Depression des Jahres 1929 gewesen. Der republikanische Abgeordnete Jim Bunning bezeichnete das Rettungspaket als "Finanzsozialismus und unamerikanisch". Der demokratische Abgeordnete Barney Frank, Vorsitzender des Ausschusses für Finanzdienstleistungen, fasste wie folgt zusammen: "Noch vor einem Jahr wurden wir aufgefordert, mehr zu deregulieren, heute müssen wir den Kapitalismus vor den Kapitalisten retten."

Das amerikanische Modell



In kaum einem europäischen Land ist das Wirtschafts- und Finanzsystem so stark am Konzept der freien Marktwirtschaft ausgerichtet wie das der USA. Ein Indikator hierfür ist die vergleichsweise niedrige Staatsquote: Der Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt in den USA beträgt heute knapp 35 Prozent; in Deutschland liegt dieser Wert bei über 45 Prozent. Ein weiterer Indikator dafür, dass der Staat in den USA weniger stark in die Wirtschaftsprozesse einzugreifen versucht, ist die Abgabenquote: Der Anteil von Steuern und Sozialabgaben an der Wirtschaftsleistung der USA umfasst etwa 29 Prozent, während dieser in Deutschland bei rund 40 Prozent liegt (2006). Zurückhaltend ist der Staat in den USA aber nicht nur, was das finanzielle Engagement der öffentlichen Hand anbelangt. Die amerikanische Wirtschaft wird zudem durch deutlich weniger Vorschriften für einzelne Branchen reguliert als die Wirtschaftssysteme der meisten europäischen Länder. Die US-Wirtschaft zeichnet sich durch einen hohen Grad unternehmerischer Initiative aus; wirtschaftliche Innovationen und Entwicklungen können sich schnell durchsetzen. Andererseits werden strukturelle Wandlungsprozesse auch weniger stark vom Staat abgefedert; die Anpassungskosten für einzelne Sektoren sind dadurch ungleich höher, die sozialen Anpassungsprozesse für einzelne Bevölkerungsschichten ungleich schmerzvoller. Hinzu kommt, dass das soziale Netz weit weniger ausgebaut ist als beispielsweise das in Deutschland. Arbeitslosengeld wird nur 26 Wochen gezahlt, eine anschließende Arbeitslosenhilfe existiert nicht, es bleibt nur der Gang zum Sozialamt. Unbekannt sind in den USA auch die in Deutschland übliche gesetzliche Krankenversicherungspflicht, eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie Kinder- und Erziehungsgeld.Selbst wenn in den USA auch Sozialpolitik gemacht wird, gemessen an den europäischen Wohlfahrtsstaaten sind die Vereinigten Staaten kein Sozialstaat.

Hat die Phase staatlicher Intervention im Jahre 2008 also das Ende des amerikanischen Wirtschaftsmodells eingeläutet? Unbestritten haben sich große Schwächen bei der Regulierung der Finanzmärkte gezeigt, gerade bei der Aufsicht des Hypothekenmarkts. Risiken sind völlig falsch eingeschätzt, Verwerfungen viel zu lange ignoriert worden. Wahrscheinlich ist auch das amerikanische Modell der reinen Investmentbank tot – das amerikanische Wirtschaftsmodell aber höchstwahrscheinlich nicht. Denn zum einen ist es alles andere als das erste Mal, dass die USA auf eine Krise mit umfassenden Regulierungsreformen antworten. Große Krisen haben stets große Regulierungsanstrengungen nach sich gezogen – man denke nur an die Weltwirtschaftskrise. Zum anderen war Regulierung in den USA immer schon eine äußerst pragmatische Angelegenheit. Auch das Krisenmanagement folgt einem alten Muster: Der Staat übernimmt Teile des Risikos und schafft neue Regeln für den Markt. Von einem Dogmenbruch kann also nicht die Rede sein.

Am Anfang: Der Glaube an die Marktkräfte



Zurückzuführen ist die vergleichsweise große Autonomie der US-Wirtschaft auf einen tief verwurzelten Glauben an die Funktionstüchtigkeit und Selbstheilungskräfte der Märkte. Zwei amerikanische Grundwerte stehen hinter dem ausgeprägten Wirtschaftsliberalismus: Individuelle Freiheit und Gleichheit. Die viel zitierte Redewendung "vom Tellerwäscher zum Millionär" illustriert den Glauben, dass persönlicher Einsatz und Initiative Schlüssel zum sozialen Aufstieg sind. Nicht der Staat ist verantwortlich für Erfolg oder Misserfolg eines Individuums, sondern das eigene Handeln. Für die wirtschaftliche Entwicklung ist der Staat nach dieser Sicht eher hinderlich, denn durch seine Bürokratie beschneidet er die Freiheit des einzelnen und somit auch Eigeninitiative und Unternehmergeist.

Die Wurzeln dieser Überzeugung liegen bereits in der Kolonialzeit: Als Nordamerika im 17. und 18. Jahrhundert besiedelt wurde, begann in Europa – insbesondere in England – gerade der bürgerliche Handelskapitalismus den zur staatlichen Wirtschaftskontrolle neigenden höfischen Kolonialismus und der wirtschaftliche Liberalismus den Merkantilismus zu verdrängen. Den neuen Kolonien wurde dementsprechend mehr wirtschaftliche Freiheit eingeräumt. Die in den USA zu beobachtende Risikofreude, die Kreativität aber auch der Pragmatismus in der amerikanischen Gesellschaft kann zudem auf die Pioniererfahrung während der der Erschließung neuen Landes im Zuge der Westwanderung und -besiedlung zurückgeführt werden: Sie war risikoreich und arbeitsintensiv, versprach aber auch die Chance auf Erfolg und Wohlstand, während im Falle eines Misserfolgs immer die Möglichkeit eines Neubeginns bestand.

Die Überzeugung, dass die beiden wichtigsten Aufgaben des Staates der Schutz des Bürgers in seinen Rechten und seiner wirtschaftlichen Entfaltung ist, spiegelt sich in der amerikanischen Verfassung von 1787 wider. Aus Angst vor einer übermäßigen Machtkonzentration schrieben die Verfassungsväter das Prinzip der Gewaltentrennung sowohl vertikal – zwischen der Bundesregierung und den Einzelstaaten – als auch horizontal – also zwischen den Organen der Bundesregierung – in der Verfassung fest. Der Staat wurde nur mit begrenzten wirtschaftspolitischen Vollmachten ausgestattet: Laut Verfassung ist die Bundesregierung lediglich für Steuer- und Haushaltsangelegenheiten, das Geld- und Kreditwesen und den Handel zwischen den einzelnen Bundesstaaten sowie mit dem Ausland zuständig. Alle Rechte, die die Verfassung nicht ausdrücklich an die Bundesregierung überträgt, verbleiben bei den Einzelstaaten. Ursprünglich beschränkte sich der Bund denn auch weitestgehend auf die Förderung der Besiedlung des Westens, die Förderung und Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur und die Industrialisierung. Bis zum Sezessionskrieg (1861-1865) war die Wirtschaftspolitik auf Bundesebene grundlegend vom Prinzip des Laisser-faire geprägt.



 

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