Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

10.10.2008 | Von:
Gerd Spelsberg

Umstrittener Fortschritt

Die grüne Gentechnik revolutioniert die amerikanische Landwirtschaft

Lang anhaltender Handelskonflikt

Dieser unterschiedliche Umgang mit der Grünen Gentechnik auf beiden Seiten des Atlantiks führte zu einem lang anhaltenden Handelskonflikt. Für die USA als größten Agrarexporteur der Welt sind gentechnisch veränderte Pflanzen eine innovative Anbautechnologie, die keinen Einfluss auf die Beschaffenheit und die Sicherheit der damit erzeugten Produkte hat. Aus den Rechtsvorschriften, die sich einige der Abnehmerländer – allen voran die EU – gegeben haben, leiten sich dagegen neue, spezifische Anforderungen ab, die tief in die Agrarproduktion der Erzeugerländer eingreifen. So müssen dort etwa getrennte Verarbeitungsketten und Rückverfolgbarkeitssysteme etabliert werden, um in den Abnehmerländern Wahlfreiheit und eine technologiebezogene Kennzeichnung zu ermöglichen.

Gemeinsam mit Argentinien und Kanada legten die USA 2003 bei der Welthandelsorganisation WTO Klage gegen die EU ein. Sie richtete sich vor allem gegen das in der EU von 1998 bis 2004 bestehende Zulassungsmoratorium sowie gegen nationale Verbote bestimmter gentechnisch veränderter Pflanzen, die einzelne EU-Mitgliedstaaten erlassen hatten, aber auch gegen die technologiebezogene Kennzeichnung. Solche Maßnahmen seien unzulässige Handelshemmnisse, so die klagenden Länder, da Einfuhrverbote aufgrund von Sicherheitsbedenken nach den WTO-Verträgen nur zulässig seien, wenn sie wissenschaftlich begründet seien und keinen Handelspartner diskriminierten.

Streit unter den EU-Mitgliedsstaaten

Das Urteil des WTO-Schiedsgerichts gab den klagenden Ländern nur zum Teil Recht. Zwar wertete es das Zulassungsmoratorium als WTO-Verstoß, nicht jedoch die europäischen Kennzeichnungsbestimmungen. Trotz der Entscheidung dauert der atlantische Grundkonflikt um die Grüne Gentechnik an, zu unterschiedlich sind die rechtlichen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen. Seit 1998 wurde in der EU keine gentechnisch veränderte Pflanze zum Anbau zugelassen. Zulassungsverfahren für Lebensmittel- und Futtermittel aus importierten gentechnisch veränderten Pflanzen ziehen sich über Jahre hin und die EU-Mitgliedstaaten sind untereinander politisch zerstritten.

In den USA werden neue gentechnisch veränderte Pflanzen dagegen zügig und ohne politische Diskussion von der zuständigen Fachbehörde zugelassen. Während sich dort die Sicherheitsbewertung für neue gentechnisch veränderte Pflanzen auf wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über mögliche Risiken stützt, gilt in Europa das politisch verankerte Vorsorgeprinzip, nach dem auch plausible, wissenschaftlich jedoch nicht bewiesene Risikoszenarien bei Zulassungsentscheidungen zu berücksichtigen sind. Diese kulturellen Unterschiede prägen nicht nur die gegenseitigen Wahrnehmungen; sie führen auch zu Verwerfungen im atlantischen Handel. So sind die Ausfuhren von Mais- und Sojarohstoffen in die EU deutlich zurückgegangen.

Druck der weltweiten Nachfrage

Immer weniger sind die Amerikaner bereit, auf die restriktiven europäischen Vorgaben einzugehen und etwa nur solche gentechnisch veränderten Sorten anzubauen, deren Ernteprodukte in der EU als Lebens- und Futtermittel zugelassen sind. In den vergangenen Jahren haben die europäischen Märkte für die amerikanische Landwirtschaft dadurch an Bedeutung verloren. Viel wichtiger als die anspruchsvollen, gentechnik-kritischen Kunden in Europa sind die sprunghaft gewachsene Nachfrage nach Agrarrohstoffen in China und anderen asiatischen Länden, aber auch ihre zunehmende Verwertungsmöglichkeit als Biokraftstoff.

Wenn heute die Grüne Gentechnik in den USA zumindest in den landwirtschaftlichen Regionen etwas Selbstverständliches ist, zeigt sich darin auch ein optimistischer Umgang mit Risiken und Innovationen, der den Europäern fremd ist. Doch je stärker die weltweite Nachfrage nach Agrarrohstoffen zunimmt, umso mehr können die großen Erzeugerländer durchsetzen, unter welchen Bedingungen sie produzieren. Weltweit nutzen inzwischen 23 Länder gentechnisch veränderte Pflanzen, die 2007 eine Gesamtfläche von mehr als 110 Millionen Hektar bedecken – Tendenz weiter steigend. Nur wenige große Unternehmen, allen voran der amerikanische Konzern Monsanto, beherrschen den Markt. Sie verfügen über die notwendigen finanziellen und wissenschaftlichen Ressourcen, um Gene für interessante Eigenschaften zu finden, sie in Pflanzen einzuführen und so neue Sorten zu entwickeln.

Auch wenn es für viele Europäer befremdlich klingt, die Grüne Gentechnik, die sich in den USA innerhalb weniger Jahre von einer interessanten wissenschaftlichen Methode zu einem profitablen Wirtschaftszweig verwandelte, ist in vielen Ländern der Welt angekommen. Sie ist eine ökonomische Realität. Und solange sich gentechnisch veränderte Pflanzen wirtschaftlich rechnen, ihre neuen Eigenschaften wirksam sind und keine gesundheitlichen und ökologischen Schäden auftreten, wird sich daran auch wenig ändern.


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