Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

2.10.2008 | Von:
Dr. Andrew B. Denison

Amerika kommt auf Deutschland zu

Die Welt ist atlantisch

Die Welt ist weiter atlantisch - trotz aller Unterschiede. Kern und Motor der weltweiten Wertschöpfung, des weltweiten Fortschritts bleiben die Vereinigten Staaten von Amerika und die weniger vereinigten Staaten von Europa - häufiger zusammen als getrennt. Mit weniger als einem Sechstel der Weltbevölkerung machen sie zusammen fast die Hälfte der globalen Wertschöpfung aus. Die aufsteigenden Mächte Asiens, ob Indien, China oder Russland, verzeichnen beeindruckende Wachstumsraten, und dennoch, im Pro-Kopf-Einkommen sind sie Jahrzehnte entfernt von einem Gleichziehen mit der EU und den USA. Macht und Möglichkeiten von Europa und Amerika bleiben enorm. Die Verhältnismäßigkeit sollte man weder bei der Betrachtung der gegenwärtigen Schwächen der USA noch derer der EU aus den Augen verlieren. Vor allem Amerika steht nicht kurz vor dem Untergang, wie manchmal der Eindruck erweckt wird. Dieses schnell wachsende, demographisch gesunde, politisch, kulturell, wirtschaftlich und militärisch führende Land bleibt im Mittelpunkt des Weltgeschehens wie kein anderes - und dies noch für lange Zeit. Und das ist gut so.

Die amerikanische Supermacht wird nicht von der Bühne verschwinden. Ihr Markt bleibt enorm, und für die "Weltwerkstatt" China und die "Welttankstellen" Venezuela, Russland und den Nahen Osten ist der Zugang zu diesem Markt lebenswichtig - um zu verkaufen, aber auch, um mit den angehäuften Dollar-Reserven einzukaufen. Die USA bleiben auch für Deutschland und Europa von existentieller Bedeutung, nicht nur, weil ihre Militärmacht, ob auf den Weltmeeren oder im Weltall, ob im Cyberspace oder beim Häuserkampf, allen überlegen ist. Diese Lagebestimmung zeigt die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen und die Notwendigkeit ihrer Reparatur, nicht nur für Amerika, sondern auch für Deutschland.

Atlantika ist wieder "in" - auf beiden Seiten des Atlantiks, so möchte man hoffen. Die Europäer konnten im vergangenen Jahr in "Foreign Affairs" aus der Feder des Präsidentschaftskandidaten Barack Obama genau dies lesen: Amerika muss wieder enger mit den Alliierten zusammenarbeiten. Der Senator aus Chicago fügte hinzu: "America cannot meet this century's challenges alone; the world cannot meet them without America."[1]

Die Wünsche der Europäer und der Deutschen, Atlantika möge wieder "in" sein, sind ebenfalls hier und da zu erkennen. Die Sehnsucht nach dem "guten Amerikaner", ob aus Gründen der liberalen Identitätsbildung oder aus Gründen der realpolitischen Interessenverfolgung - sie bleibt bestehen. Dieses globale Begehren nach dem guten Amerikaner und seinem amerikanischen Traum ist auch eine Quelle des amerikanischen Einflusses. Vorbild ist doch mächtiger als Feindbild - so möchte man hoffen. Vorbild füreinander ist man schon lange. Amerikaner geben gerne zu: Von den Europäern kann man lernen, mit den Europäern sollte man teilen - auch die Verantwortung der Macht. Umgekehrt stellt sich die Frage: Kann Deutschland von amerikanischen Verhältnissen und amerikanischen Abenteuern auch lernen, vielleicht sogar profitieren?

Etwas davon hatten sich die am 24. Juli 2008 vor der Siegessäule in Berlin Versammelten versprochen. Die Faszination von Amerika gibt es schon lange, eine solche Menschenmenge zum Thema "Amerika" aber noch nie, außer vielleicht im kurzen Moment der "uneingeschränkten Solidarität" nach "9/11", als vor dem Brandenburger Tor Hunderttausende gemeinsam trauerten. Aber dies ist Wahlkampf! Also: Abstimmen durch Hingehen, mitmachen, an der Hoffnung teilhaben, auch wenn deutsche Bürger den amerikanischen Kandidaten nicht unbedingt Geld spenden und am ersten Dienstag im November wählen gehen können. Hier ist nicht nur die Macht Obamas zu erkennen, sondern auch die Macht Amerikas - trotz, vielleicht auch wegen, acht langer Jahre mit George W. Bush.

Mit dem Aufruhr, mit der Obamania, wuchsen auch die Warnungen der Kleinkarierten: Das Volk sei verführt worden, zu groß die Mehrheiten für Obama, warnten die spitzen Stifte. Fast religiös sei dieses Pathos; gefährlich die unvermeidliche Enttäuschung; so schrieben Leitartikler fast einstimmig über ihr fasziniertes Volk. Hype über Hype. Nur Träume? Wohl kaum. 200 000 Zuhörer in Berlin bieten mehr Hoffnung als Bedrohung für die transatlantische Partnerschaft.


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