Dossierbild: USA (Freiheitsstatue)

Die Internet-Revolution


10.10.2008
Das Internet ist eine amerikanische Erfolgsgeschichte. Es hat sich so schnell wie kein anderes Kommunikationsmittel der Menschheit verbreitet. Die Folgen dieser digitalen Revolution beginnen in den USA Spuren zu zeigen: Klassische Medien verlieren an Boden, demokratische Partizipation erweitert sich, Datenschutz schwindet.

Ein Google-Emblem auf einem Schild im Google Hauptquartier in Mountain View, Kalifornien.Keine andere Firma verkörpert den Erfolg des Internets so sehr wie Google. (© AP)

Als es 1992 mit dem World-Wide Web in das öffentliche Bewußtsein trat, war das Internet noch eine Computer-zentrierte Technologie, die im beginnenden Informationszeitalter ein nützliches Hilfsmittel darstellte. Keine fünfzehn Jahre später ist der Siegeszug der Technologie allumfassend, Webseiten und E-Mails als Kommunikatonsmittel unverzichtbar und mit dem Web2.0 und mobilen Applikationen hat sich die amerikanische Erfindung des Internets so schnell wie kein Kommunikationsmedium in der Geschichte der Menscheit fundamental in den Alltag einer globalen Welt eingeklinkt. "Es wird der Marktplatz des globalen Dorfes von morgen sein" intonierte Personal Computerpionier Bill Gates eine Zukunft, die wesentlich schneller real wird, als man seinen Computer gegen ein leistungsfähigeres Modell austauscht.

Der Zugang zur digitalen Zukunft ist (noch) amerikanisch



Zugang zum Internet ist ein fast unverzichtbarer Bestandteil für ein ökonomisch funktionierendes Leben im 21.Jahrhundert. Neben der Kluft zwischen Arm und Reich wird nun auch vom "Digital Gap" oder der "Digital Divide" gesprochen, von der Trennung zwischen denen, die Zugang zu digitalen Technologien und dem Internet haben – und denen, die außen vor stehen. Immerhin, knapp ein Fünftel der Weltbevölkerung hat im Jahre 2008 Zugang zum Internet, mit einer jährlichen Wachstumsrate von 6,6 Prozent. Die USA sind nach wie vor das Land mit der höchsten Quote an Internetzugang mit knapp 75% seiner Bevölkerung (zum Vergleich: in Australien sind es knapp 60%, in Europe 49%, in China sind es 19%, aber mit 253 Millionen Usern in absoulten Zahlen hat es die USA mit 220 Millionen Usern nun überholt).

Die Dominanz der USA in diesem Medium ist ungebrochen, nicht nur weil immer noch eine überwältigend hohe Anzahl an Servern und "Backbone"-Technologien, die Datenübertragungsleitungen, amerikanisch sind. Die Internet-Revolution ist in weiten Teilen eine amerikanische, weil das Medium in den USA erfunden und dort auch mit Inhalten versehen wurde. Es kombiniert den Einfallsreichtum, die Finanzkraft und die Werte der Amerikaner (freier Zugang zu Informationen und zu Märkten) beflügelt von der Tatsache, daß das Internet durch seinen amerikanischen Ursprung als Hauptsprache das Englische kennt. Wie genau das Internet und die Tatsache, daß Menschen nun jederzeit und überall weltweit miteinander über alles kommunzieren können, den Gang der Geschichte verändern wird, bleibt abzuwarten. Deutlich ist, dass das Internet schon jetzt enorme Auswirkungen auf die "alten" Medien, die Politik sowie die Privatsphäre des einzelnen im Land seines Ursprungs bewirkt hat.

Medien im Cyberspace



Als im Januar 1998 das angesehene Nachrichtenmagazin Newsweek die Recherche über die außereheliche Affäre des amtierenden Präsidenten Bill Clinton einstellte, war die Zeit für das Internet als journalistischer Akteur gekommen. Ein selbsternannter Redakteur, der allein aus seinem Apartment in Los Angeles Nachrichten jeder Art, geprüft oder ungeprüft, auf seine Webseite packte, hatte keine ethischen Bedenken und ließ die Bombe platzen: "Newsweek kills story on White House intern". Der Lewinsky Skandal begann, veröffentlicht nicht durch ein angesehenes Nachrichtenmagazin mit Hunderten von Journalisten und einer jahrzehntelange Geschichte, sondern von einer kleinen Webseite namens Drudge Report. Mit dem Internet ist nun erstmalig ein Massenmedium in Gebrauch, das tatsächlich einen Rückkanal bietet. Theoretisch hat nun jeder Zugang zu einer Publikationsplattform, der das Geld und das mittlerweile geringe Know-How besitzt, eine Webseite zu betreiben. Seit Online-Medien wie der Drudge Report eigenständige Online-Gemeinden kultivieren und sogar durch ihre Publikation den Sprung in die existierende "alte" Medienwelt geschafft haben, wird das Internet als Medium ernst genommen.

Zeitungen, Radiosender, Fernsehstationen oder Unterhaltungssendungen sind nun alle online vertreten und tragen dazu bei, daß ihr Publikum im realen Leben langsam, aber stetig abnimmt. Die neue "digitale" Generation an Usern will ihre Inhalte konsumieren, wann und wo sie es will und versammelt sich nur noch selten vor dem Fernseher. Vor allem Zeitungen sind in den USA von einem Leser- und Anzeigenschwund betroffen, der selbst bei den großen etablierten Publikationen wie der New York Times oder der L.A. Times zu massiven Entlassungen und Budgetkürzungen geführt hat. Ironischerweise landen die Anzeigen-Dollar nun im Cyberspace, wo neue Spieler wie Google und Yahoo ihr Geld mit Online-Werbung verdienen und seit ein paar Jahren auch das Anzeigengeschäft der Zeitungen technisch abwickeln. Was das für die Zukunft des Journalismus bedeutet, bleibt abzuwarten. Journalistische Qualität und gründliche Recherche kosten Geld. In Zeiten von "Bürgerjournalisten", die heute mit einer Kamera bewaffnet über ein Blog Beobachtungen publik machen und damit auch für Aufmerksamkeit sorgen, scheint das herkömmliche Nachrichtengeschäft seine dominante Stellung zu verlieren.

Die digitale Demokratie



Nach einer Umfrage des Pew Institute for People and the Press vom Sommer 2008 nehmen zwar immer noch eine Mehrzahl der Amerikaner den Wahlkampf über das Fernsehen wahr (71%), aber zunehmend spielt das Internet eine Rolle, vor allem für jüngere Wähler und politische Interessierte zwischen 18 und 34 Jahren. Für 41% ist das Internet die Hauptquelle ihrer Wahlkampf-Informationen. Kein Wunder, sind es doch gerade junge Bürger, die sich im Wahljahr 2008 besonders aktiv am Wahlkampf beteiligen, motiviert durch eine einzigartige Internetkampagne des demokratischen Bewerbers Barack Obama. Wie kein anderer vor ihm hat er es verstanden, das Internet zu einem Werkzeug der Wählermobilisation zu machen sowie zu einem Finanzierungsmotor seiner Kampagne. Dabei tritt Obama in die Fußstapfen des demokratischen Kandidaten Howard Dean, der bereits 2004 als Internet-Kandidat von sich reden machte. Während andere Kandidaten sich im realen Händeschütteln übten, arbeitete Howard Dean mit einer Webseite namens Meetup.com und Hunderten von Bloggern, die ihm direktes Feedback auf seine Reden und Themen gaben. Dean hatte die Stärke des Internets als direktes Kommunikationsmittel mit seinem Wähler erkannt und bald schon eine junge, engagierte Wählergruppe um sich gescharrt. Dass seine Kampagne dann durch einen als unheimlich empfundenen Hurra-Schrei aus den Fugen geriet hat Obama nicht davon abgehalten, von Anfang an seine Fähigkeiten als "community organizer" auf das Web auszudehnen und eine denkbar maximale Community online zu bilden. Über die Webseite werden Aktions-Treffen organisiert, auf Kampagnen-Termine aufmerksam gemacht, Foren gebildet, mit denen sich Gleichgesinnte real treffen und es wird immer wieder um Spenden gebeten.

Wie sehr das Internet ein Instrument der politischen Partizipation sein kann, haben auch die "YouTube"-Debatten des Vorwahlkampfes 2007 gezeigt. Hunderte von Amerikanern setzten sich vor ihre Computer-Kameras und stellten Fragen an die Kandidaten, die diese dann in einer online und im Kabelfernsehen ausgetragenen Debatte beantworteten. Eine private Internet-Seite (YouTube gehört zum Google-Imperium) stellte damit die Plattform und Technik zur Verfügung, in der Bürger ungefiltert wie sonst auch nicht im Fernsehen ihre Fragen stellen konnten. Ein Marktplatz der direkten demokratischen Kommunikation, das Internet machts möglich.

Datenflut und Online-Striptease



Der stetig wachsende Datensatz, der über das Internet zugreifbar ist, wird immer schwieriger zu erschließen. Wer online ist, tippt in der Regel zuerst die Adresse einer Suchmaschine in seinen Browser, um das zu finden, was er sucht. Eine absolute Vormachtstellung hat dabei die Firma Google, die 2008 gerade einmal 10 Jahre alt geworden ist. Google, mit Sitz im Silicon Valley, hat die Informatik hinter der Suchmaschine revolutioniert und nebenbei ein extrem überzeugendes Wirtschaftsmodell entwickelt, das es zu einer der reichsten Firmen der digitalen Branche hat werden lassen. Google ist bis auf wenige nicht unwesentliche Ausnahmen (Rußland, China) auch weltweit die führende Marke bei den Suchmaschinen.

Google verknüpft die Suchanfrage jedes Nutzers mit Werbebotschaften von Anzeigenkunden, die eingeblendet werden, wenn ihr Produkt mit der Suchanfrage übereinstimmt. Eine Revolution in der Werbewirtschaft, die bis dato eher blind ihre Werbebotschaften ausstreute, in der Hoffnung, daß unter den vielen Fernsehzuschauern bspw. einige sein würden, die das beworbene Produkt brauchen. Kehrseite dieses Modells ist eine bis dato ungeahnte Flut an gespeicherten User-Daten. Jede Anfrage wird in den Prozeß der Suchmaschine zurückgefüttert, je mehr Daten das Programm hat, desto bessser kann es lernen, wie das Suchergebnis verbessert wird - aber umso genauere Profile der User werden auch erstellt. Google und auch andere Suchmaschinen sind in ihrem (noch) nicht öffentlichen Wissen über die Nutzer einem Big Brother so nahe wie wenige in der Geschichte vor ihnen.

Aber wer weiß, vielleicht wird das in absehbarer Zeit niemanden mehr stören. In Zeiten von MySpace und Facebook, den auch aus den USA stammenden sozialen Networking-Stars des Internet, bei denen Millionen von Nutzern freiwillig jede Art persönlicher Daten kundtun, ist die Idee eines Datenschutzes vielleicht irgendwann obsolet. Diskussionen über Zugang zum Netz, Kostenfreiheit, Datenübertragung und Datenspeicherung sowie eine weitere Verzahnung der globalen, digitalen Welt bleiben jedenfalls die Konstante in dem Netz, das sich ständig wandelt.



 

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