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Barack Obama und der Traum Martin Luther Kings

Zur Situation schwarzer Amerikaner und den "Rassenbeziehungen"seit den 1960er Jahren


10.10.2008
100 Jahre nach Ende der Sklaverei sorgten Schwarzenführer Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren endlich für rechtliche und politische Gleichstellung der Schwarzen in Amerika. Ist mit der ersten Kandidatur eines Schwarzen im Wahljahr 2008 Kings Traum von einer Gleichheit der Rassen erfüllt?

Der spätere US-Präsident Barack Obama spricht am 15. Januar 2007, dem Todestag von Bürgerrechtler Martin Luther King beim "Martin Luther King Jr. Scholarship Awards Breakfast" in Chicago.Barack Obama vor einem Plakat mit einem Bild von Martin Luther King Jr. (© AP)

Vorbemerkung: Das Wort "Rassenbeziehungen" ist eine direkte Übersetzung des im Englischen üblichen Ausdrucks "race relations". "Rasse" wird in diesem Artikel als Übersetzung des Begriffes "race" verstanden und nicht als der im deutschen Sprachgebrauch aus historischen Gründen negativ konnotierte Begriff.

"Barack Obama Fulfilling Dr. King´s Dream" stand groß auf einem Plakat, das ein begeisterter Teilnehmer am Parteitag 2008 der Demokraten in Denver hochhielt, wo Obama – nicht zufällig genau am 45sten Jahrestag der berühmten "I Have a Dream"-Rede vom 28. August 1963 – seine offizielle Nominierung zum Präsidentschaftskandidat akzeptierte.

Der Sohn eines nigerianischen Gaststudenten und einer weißen Amerikanerin, der sich selbst aus einfachen Verhältnissen hocharbeitete und jahrelang als "community organizer" im schwarzen Ghetto von Chicago arbeitete, ist der erste Afroamerikaner in der Geschichte der USA, der eine reale Chance auf das höchste politische Amt der Nation hat. Allein diese Tatsache ist sicher ein historisch bedeutender Fortschritt. Aber wie weit ist Amerika tatsächlich auf dem Weg der Rassengleichberechtigung gekommen, von der King in den 1960er Jahren träumte? Der folgende kurze Überblick soll hierzu einige Antworten geben.

Von der Sklaverei zur politischen Partizipation



Nach rund 250 Jahren der Sklaverei und einem weiteren Jahrhundert der Rassentrennung und Diskriminierung konnte die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den 1950er und 1960er Jahren endlich entscheidende Erfolge im Kampf um die soziale und politische Gleichberechtigung in Amerika erringen. Der erste wichtige Schritt war die Brown v. Board of Education-Entscheidung von 1954, mit welcher der Oberste Gerichtshof der USA die Rassentrennung an öffentlichen Schulen für verfassungswidrig erklärte. Eine Dekade später folgten die beiden großen Bürgerrechtsgesetze, der Civil Rights Act (CRA) von 1964 und der Voting Rights Act (VRA) von 1965, deren Verabschiedung nicht zuletzt aufgrund der von King und anderen Aktivisten organisierten Proteste erfolgte. Der CRA hob die bis dahin legale Rassentrennung auf und verbot die Diskriminierung von Schwarzen (sowie anderer Minderheiten und Frauen) in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, in Regierungsprogrammen und auf dem Arbeitsmarkt. Dieses Gesetz stellte ohne Zweifel den bis dahin größten Fortschritt für die Gleichberechtigung schwarzer Amerikaner seit Abschaffung der Sklaverei dar. Allerdings zielte es vor allem auf eine Abschaffung von Diskriminierung im sozialen und im wirtschaftlichen Bereich, weniger auf den Aspekt der politischen Gleichberechtigung, und vielen schwarzen Bürgern im Süden blieb das Stimmrecht verwehrt. Nach einer Reihe weiterer Protestaktionen (vor allem Kings berühmtem Voting Rights March von Selma nach Montgomery, Alabama), wurde schließlich im Sommer 1965 der Voting Rights Act (VRA) verabschiedet, der mit sofortiger Wirkung alle Arten von Wahlsteuern, Tests und Sonderregelungen aufhob, die zur politischen Entmündigung der Schwarzen im Süden beigetragen hatten. Darüber hinaus wurden Inspektoren der US Commission on Civil Rights in die Südstaaten gesandt, um den Wahleinschreibungsprozess dort genau zu überwachen.

Als Folge des VRA verdoppelte sich die Anzahl aktiver schwarzer Wähler in weniger als vier Jahren, und die Zahl der gewählten schwarzen Amtsinhaber in den Südstaaten stieg zwischen 1965 und 1970 von 72 auf 711; heute sind es über 5.000. Gab es im gesamten Bundesgebiet 1965 weniger als 300 schwarze Amtsinhaber, so sind es heute mehr als 9.000. Nicht nur auf lokaler und einzelstaatlicher Ebene, sondern auch auf nationaler Ebene hat die afroamerikanische Repräsentanz seit den 1960er Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht: Im US-Kongress gibt es heute 43 schwarze Abgeordnete (immerhin 8% aller Kongressmitglieder bei einem schwarzen Bevölkerungsanteil von rund 12,5%; zum Vergleich: Die sogenannten Hispanic Americans, die mittlerweile 13% der Bevölkerung ausmachen, verfügen nur über 5% der Sitze im Kongress); zahlreiche amerikanische Großstädte werden von schwarzen Bürgermeistern regiert, und seit März 2008 gibt es erstmals zwei schwarze Gouverneure in den USA (in Massachusetts und New York). Außerdem wurden seit den 1990er Jahren zahlreiche Ministerposten mit Afroamerikanern besetzt, darunter 2000 sogar das mächtige Amt des US-Außenministers, das zunächst von Colin Powell und seit 2005 von Condoleezza Rice ausgeübt wurde.

Dass nun ein Mann mit der Hautfarbe Barack Obamas ein veritabler Kandidat für das Präsidentenamt ist und 70% der an einer Meinungsumfrage teilnehmenden weißen Amerikaner im Juli 2008 meinten, Amerika sei durchaus bereit dazu, einen schwarzen Präsidenten zu wählen (wenn auch nicht unbedingt Obama), scheinen überzeugende Indizien für eine weitgehende Realisierung von Kings Traum der Rassengleichberechtigung zu sein.



 

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