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Born in the USA

Die Musik als Spiegelbild amerikanischer Identität


10.10.2008
Lieder erzählen Geschichten. Das ist auch in den USA so. Im ethnischen und kulturellen Schmelztiegel Amerika sind die verschiedenen Musik-Stile vom Ragtime über die Country-Musik bis zum HipHop allerdings besonders eng verbunden mit einer grundlegenden Antriebsfeder der vergleichsweise jungen Nation: der Suche nach einer eigenen amerikanischen Identität.

Country-Musik-Legende Johnny Cash während seines Auftritts in Jackson, Tennessee. Cash, als "The Man in Black" bekannt und berühmt für seine Lieder wie "I Walk the Line", "Ring of Fire" und "A Boy Named Sue", starb am Freitag 12 September, 2003, an den Folgen von Diabetes in Nashville.Johnny Cash gelang mit dem von Rick Rubin produzierten Album "American Recordings" zum Ende seiner Karriere ein großer Erfolg auch bei Hörern, die nichts mit Country-Musik anfangen konnten. (© AP)

Der amerikanische Songwriter Bob Dylan widmete sich auf einem Album aus dem Jahr 2001 den unterschiedlichsten Spielarten der amerikanischen Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er nannte das Album "Love And Theft" - "Liebe und Diebstahl": Ein besserer Titel findet sich auch kaum, um die Geschichte der US-Musik zu skizzieren. So schrieb auch der amerikanische Autor und Musikjournalist Nick Tosches in seinem Buch "Where Dead Voices Gather" treffend von "einer Geschichte der Schwarzen, die von Schwarzen stehlen, der Weißen, die von Weißen stehlen, und der Eine stiehlt vom Anderen".

Die Entstehung einer genuin amerikanischen Musik und die Herausbildung einer US-Identität sind eng miteinander verknüpft. Denn ein Großteil der Geschichten, denen diese Identität zugrunde liegt, wird in Songs erzählt. Natürlich ist jede Form von Identität eine Konstruktion. Doch während andere Länder sich auf eine mehr oder weniger gemeinsame Geschichte berufen können, sind die USA eine vergleichsweise junge Nation, deren Bewohner aus den unterschiedlichsten Kulturen stammen. "Amerikaner zu sein", schrieb der Kulturwissenschaftler Leslie A. Fiedler, "heißt genau genommen, sich ein Schicksal vorzustellen, anstatt eines zu erben. Denn wir sind immer, sofern wir überhaupt Amerikaner sind, eher die Bewohner des Mythos denn der Geschichte gewesen."

"Minstrel Shows" als erste Form der Massenkultur



Zu Beginn ihrer Geschichte bestanden die Vereinigten Staaten aus vielen verschiedenen regionalen Kulturen. Erst mit dem Sezessionskrieg und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes Mitte des 19. Jahrhunderts begannen diese Kulturen sich gegenseitig zu beeinflussen. Die erste genuin amerikanische Form der Massenkultur hatte ihren Ursprung im urbanen Norden der USA. In den so genannten Minstrel Shows parodierten zunächst ausschließlich weiße Künstler mit schwarz geschminkten Gesichtern auf burleske Art und Weise die afroamerikanische Kultur ihrer schwarzen Mitbürger. In den größtenteils eigens für diese Shows komponierten Songs verschmolzen schwarze Arbeiterlieder, Spirituals, Redewendungen und Dialekte mit weißen Folksongs und Balladen. So sorgten die Minstrel-Shows nicht nur für eine Vermischung afroamerikanischer und europäischer Musiken, sondern auch für die Entstehung eines neuen Berufsbildes: des Songwriters. Stephen Foster, Verfasser von auch heute noch populären Liedern wie "Old Folks At Home", "My Old Kentucky Home" oder "Hard Times Come Again No More" war der erste Amerikaner, der das Schreiben von Liedern zu seinem Beruf machte. Im Lauf der Zeit traten dann auch afroamerikanische Musiker in den Minstrel-Shows auf. Um zu verdeutlich, dass auch sie ihre Performance auf schwarzen Stereotypen aufbauten, standen sie ebenfalls mit schwarz geschminkten Gesichtern auf der Bühne.

Dieses Spiel mit Masken und ethnischen Klischees beherrscht bis heute die populäre amerikanische Kultur, vom wilden Gebaren eines Little Richard über das Macho-Image der Italo-Amerikaner bis zu den Posen des HipHop. Vermutlich ist eben dieses Spiel mit Identitäten und konstruierten Ursprungsmythen mitverantwortlich für den weltweiten Erfolg amerikanischer Musik. Die Minstrel-Songs wurden damals sehr schnell populäres Liedgut. Im Norden lebende schwarze Musiker spielten ihre eigenen, tanzbaren Versionen dieser Songs, in dem sie sie zu abgewandelten Rhythmen afroamerikanischen Ursprungs vortrugen. So entstand der "Ragtime". Diesen wiederum parodierten weiße Komponisten in so genannten Coon-Songs. Unter ihnen war auch Irving Berlin, der später neben Cole Porter sowie George und Ira Gershwin einer der erfolgreichsten populären Songwriter des "Tin Pan Alley" wurde, des legendären New Yorker Straßenzuges, in dem die großen amerikanischen Musikverlage ansässig waren.

Von den Marching Bands zum Blues



Die aus dem urbanen Norden stammende Minstrel- und Ragtime-Musik wurde wiederum zu einem wichtigen Einfluss für die Musik des ländlichen Südens. Dort waren die afroamerikanischen Spirituals, europäische Folksongs und die Musik der so genannten Marching Bands vorherrschend. Die ersten Marching Bands entstanden nach dem Ende des Bürgerkrieges, als Afroamerikaner bei der Auflösung der Truppen die Instrumente der Armee-Kapellen günstig kaufen konnten. Meist taten sie sich zusammen, um zunächst Marschmusik zu spielen und diese dann bei Hochzeiten und Beerdigungen mit ihren eigenen afroamerikanischen Musiken zu verbinden. So keimten auf den Straßen des Südens zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Jazz und der Blues auf. Bereits in den Minstrel-Shows hatte es frühe Vorläufer des Blues-Songs gegeben. Doch erst die schwarzen Musiker des Südens machten daraus eine eigenständige Spielart amerikanischer Musik.

Im Gegensatz zum religiösen Spiritual galt der Blues als "Musik des Teufels". Doch dies hielt viele Musiker nicht davon ab, Samstag abends in den Bars den Blues und Sonntag morgens in der Kirche Spirituals zu spielen. Einer der einflussreichsten Gitarristen der 1920er und 1930er Jahre, Blind Willie Johnson, vermischte diese beiden Formen: Er sang ausschließlich Lieder mit religiösem Inhalt, bediente sich aber der Techniken des Blues. Eine Aufnahme seines Songs "Dark Was The Night (Cold Was The Ground)" wurde von der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA als wichtiger Repräsentant der amerikanischen Kultur des 20. Jahrhunderts auserkoren und 1977 mit der Voyager-1-Rakete auf eine Reise in ferne Galaxien geschickt.

Mit Country zum "American Idol"



Doch nicht nur afroamerikanische Musiker spielten den Blues. Weiße Künstler mischten ihn mit irischem und englischem Folk, dem Folk der Appalachen und den hawaiianischen Klängen der Steel-Gitarre, und nannten diesen Stil "Country". Während die ersten Blues-Aufnahmen als so genannte Race Music vor allem eine schwarze Käuferschaft fanden, wurde die Country-Musik durch Künstler wie Jimmie Rodgers und die Carter Family auch bei der weißen Hörerschaft immer beliebter. In den unterschiedlichen Spielarten von "Bluegrass" bis "Honky Tonk", nach dem Zweiten Weltkrieg von Künstlern wie Hank Williams, Lefty Frisell oder auch Gene Autry vorgetragen, brachte dieser Musikstil die ersten amerikanischen Popstars hervor.

Der populärste schwarze Musiker war allerdings seit den 1920er Jahren der Trompeter Louis Armstrong. Er machte zusammen mit Sängerinnen wie Bessie Smith oder Ma Rainey den Blues populär und brachte mit treibenden Rhythmen dem Jazz das Tanzen bei. So wurde der "Swing" geboren. Auch im Blues wurden die Rhythmen zunehmend dominanter. Aus dem einzelnen Künstler auf der Bühne wurden Orchester. Der Rhythm & Blues entstand, der schließlich auch unter weißen Hörern populär wurde.



 

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