Afghan traditional music players are seen during a music performance organized by The Aga Khan Trust for Culture (AKTC) at the Baghe Babur in Kabul, Afghanistan on Saturday, March 29, 2008. Playing music was once forbidden as many other things during the fundamentalist regime of the Taliban, who were ousted from power by U.S. forces in late 2001. (ddp images/AP Photo/Musadeq Sadeq)
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Zeitgenössische afghanische Kunst


5.12.2012
Die moderne Kunst in Afghanistan war immer ein westliches Projekt: In den 1920er Jahren verbreiteten die ersten afghanischen Künstler mit westlichem Wissen den europäischen Stil der Malerei in Afghanistan. 1983 wurde die erste afghanische Nationalgalerie mit 200 von den in Kabul residierenden westlichen Botschaften zur Verfügung gestellten Werken eröffnet. Nach den Taliban und ab 2001 ist es wieder der Westen, der die moderne Kunst in Afghanistan bekannt macht.

Khadim AliBild von Khadim Ali (© Khadim Ali)

Der erste Künstler, der den europäischen Malereistil in Afghanistan einführte, war Ghulam Mohammad Meimangi (1873-1935). Er war der berühmteste afghanische Maler des 20. Jahrhunderts und ein glückloser Usbeke aus dem Norden Afghanistans. Als er elf Jahre alt war, wurde sein Vater von Amir Abdul Rahman des Aufruhrs beschuldigt, von Meimaneh nach Kabul deportiert und enthauptet. Der Sohn wurde wegen seines Malereitalents in den Hof aufgenommen. Ghulam Mohammad lernte beim englischen Hofarzt John Alfred Gray und Mir Hesamuddin Rassam, der im königlichen Palast Wandmalereien durchführte. Nach dem Tode von Amir Abdul Rahman 1910 wurde die Situation von Ghulam Mohammad schlimmer.

Amir Habibullah Khan (1901-1919), der Sohn und Thronfolger von Amir Abdul Rahman, inhaftierte Ghulam Mohammad Meimangi wegen seiner Beteiligung an einer politischen Bewegung, die abzielte auf die Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Aber auch im Gefängnis hatte er keine Ruhe: Täglich brachten ihn die Soldaten mit Handfesseln in den Hof, wo er zum Malen gezwungen wurde. Der Amir befahl dem Gefangenen Maler gar, sein Porträt zu malen. Das von Ghulam Mohammad gemalte Porträt von Amir Habibullah wird bis heute in der Kabuler Nationalgalerie aufbewahrt. Als Amanullah Khan (1919-1929) als nächster afghanischer König 1919 an die Macht kam, ließ er Ghulam Mohammad Meimangi frei und schickte ihn 1921 zur Weiterbildung nach Berlin.[1]

Ginge es nach der restriktiven Definition der Kunsthistoriker, dann ist die "Zeitgenössische Kunst" in Afghanistan ein ganz neues Phänomen. Mit "Zeitgenössischer Kunst" meint man die Stils und Genres, die nach dem 2. Weltkrieg in der Kunst entstanden sind. Als "Moderne Kunst" bezeichnet man die am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Kunstbewegung. Die Moderne Kunst gibt jene "Schulen" wieder, die in Europa entstanden, und in diesem Sinne wird jeder Künstler einer "Schule" zugeordnet. Dagegen umfasst die "Zeitgenössische Kunst" ein weiteres Spektrum, und lässt sich nicht in eine bestimmte "Schule" pressen. Die "Zeitgenössische Kunst" hat heute ein Stadium erreicht, in dem die Grenze zwischen "Kunst" und "Unkunst" nicht mehr erkennbar scheint. In diesem Sinne kann alles ein Kunstmedium und jeder ein Künstler sein.

Die größte Begegnung der "Zeitgenössischen Kunst" der Welt ist die Documenta, die 2012 zum 13. Mal stattfand. Neben ihrer Hauptausstellung in Kassel wurde 2012 ein Teil der Ausstellungsstücke nach Kabul gebracht. Vom 20. Juni bis zum 19. Juli 2012 fand die Ausstellung in "Baghe Bobor" (ein bekannter Garten in Kabul) statt. Die meisten der Stücke waren Werke von afghanischen Künstlern. Diese Ausstellung zeigte in hervorragender Weise die Veränderungen der afghanischen Kunstszene ein Jahrhundert nach der Einführung der europäischen Malkunst in Afghanistan. Sehr beachtlich war in dieser Ausstellung der große Abstand der afghanischen Künstler von realistischen Gemälden von Ghulam Mohammad Meimangi am Anfang des Jahrhunderts.

Von Hotel One bis zum Königlichen Palast



1971 reiste der italienische Konzeptkünstler Alighiero Boetti nach Kabul und verliebte sich in diese Stadt. Er kaufte hier ein Gebäude und machte daraus ein Hotel (Hotel One), das ihm neben der Bewirtung von Gästen auch als Kunstprojekt dienen sollte. Dieses Hotel war bis 1979 im Betrieb, also bis zum Beginn des Krieges, und Boetti arbeitete dort. Er schaffte dort moderne Kunstwerke auf der Grundlage des Handwerks von afghanischen Frauen. Er bestellte bei afghanischen Frauen gestickte Landkarten der Welt. Diese wurden später unter dem Begriff "Mappa" bekannt. Diese sind auch Jahre nach seinem Tode die wohl erfolgreichsten Werke des Künstlers. Er war der erste ausländische Künstler, der ernsthaft eine zeitgenössische Kunstrichtung in Kabul produzierte.[2]

Einige Wohnblöcke vom "Hotel One" entfernt wohnte ein anderer Künstler hinter den Mauern des Königlichen Palastes: Es war der letzte afghanische König Mohammad Zahir und auch wohl der erste afghanischer Künstler des modernen Stils, der sich mit abstrakter Malerei und Photographie beschäftigte. Zahir Shah besuchte zwischen 1923 und 1929 in Paris die Lycée Johnson de Sailly und wohnte im Haus eines Abgeordneten des französischen Parlaments. Dieser nahm regelmäßig den Kronprinzen mit ins Parlament, um ihn mit der parlamentarische Demokratie bekanntzumachen. Zahir Shah lernte neben der Demokratie und Französisch in Paris auch die moderne Kunst kennen.

In den 1920er Jahren war Paris Schauplatz der Avantgarde und der Bewegung der modernen europäischen Kunst. Wahrscheinlich wurde der junge Mann aus Afghanistan gerade deshalb von der modernen Kunst angezogen. 1929 kam der Kronprinz nach Kabul. Vier Jahre später, nach der Ermordung seines Vaters, bestieg er widerwillig den Thron. Mohammad Zahir Shah war der erste afghanische König, der in den 1960er Jahren Parlamentswahlen zuließ. Er war auch der erste Afghane, der abstrakte Bilder nach dem Stil der Pariser Moderne malte. Im Dokumentarfilm von Atiq Rahimi "Eine Monarchie im Exil" (2003) zeigt er seine Bilder.[3]


Fußnoten

1.
A. Shahrani, Sharh-e Ahwal wa Assar-e Professor Ghulam Mohammad Meimangi [Leben und Werke von Professor Ghulam Mohammad Meimangi], Peshawar, Al Azhar-Verlag 2005
2.
Zum interessanten Leben dieses Italieners s. folgenden Beitrag im BBC. Dort wird über die Verwandtschaft des Künslers mit einem antikolonialistischen Mullah des 18. Jahrhunderts namens Sheikh Mansour berichtet.
3.
Zahir Shah hat über sein privates und politisches Leben derBBC ein Interview gegeben.

 

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