Afghan traditional music players are seen during a music performance organized by The Aga Khan Trust for Culture (AKTC) at the Baghe Babur in Kabul, Afghanistan on Saturday, March 29, 2008. Playing music was once forbidden as many other things during the fundamentalist regime of the Taliban, who were ousted from power by U.S. forces in late 2001. (ddp images/AP Photo/Musadeq Sadeq)
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Landschaftsarchitektur und Siedlungsbau

Die Geschichte des Siedlungswesens in Afghanistan


21.1.2013
Die massive Zerstörung der großen Zentren einerseits und die hohe Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsexplosion im ländlichen Raum anderseits haben in Afghanistan zu einer gewaltigen Verstädterung geführt: Lebten beispielsweise vor dem Krieg schätzungsweise 500.000 Menschen in Kabul, sind es heute wohl 4,5 Millionen.

KabulKabul (© Canada in Afghanistan)

Afghanistan verfügt über eine lange Geschichte städtischer Siedlungen. Unter bestimmten Dynastien erblühten kleinere Städte und wurden zu mächtigen Reichs- und Kulturzentren. Ehemals bedeutende Städte sanken zu Provinzstädten herab oder verschwanden fast völlig von der Landkarte. Ein Beispiel für Ersteres ist etwa die Geschichte Ghaznis – 120 km westlich von Kabul – unter den Ghaznaviden im 11. und 12. Jahrhundert. Ein Beispiel für die zweite Entwicklung bietet Balkh, das bis zu seiner Zerstörung durch Dschingis Khan im 13. Jahrhundert zu den blühenden Städten gehörte, sich aber nach seiner Zerstörung bis heute jedoch nicht wieder erholt hat.

Die Entwicklung des afghanischen Städtewesens lässt sich nicht als lineares Wachstum begreifen. Sie basiert vielmehr den kulturgeografischen Bedingungen des Landes und der Abhängigkeit von klimatischen und natürlichen Gegebenheiten. Als weitgehend gebirgiges Wüsten- und Halbwüstenland boten lediglich jene Gebiete oder Oasen günstige Voraussetzungen für das Wachsen von Städten, die die städtische Bevölkerung aus dem Umland mit Nahrung versorgen konnten. Das heißt sie mussten über genügend ausgedehntes Ackerland mit entsprechender Bewässerung verfügen. Derartige Gebiete gibt es im Westen um die Stadt Herat herum, im Süden zwischen Lashkargah, Kandahar und Kalat-e Ghilzai. Im Osten umfassen sie das Kabul-Tal und Jalalabad sowie im Norden die turkmenische Tiefebene.

Die erst im 20. Jahrhundert zu Städten gewordene Ansiedlungen wie etwa Baghlan oder Kunduz im Norden des Landes sind über Jahrtausende Zentren dieser Gebiete gewesen.Die Reichsgründung der Paschtunen im 18. Jahrhundert vereinigte sämtliche dieser Gebiete erstmals seit dem 12. Jahrhundert wieder unter einer einheimischen Reichsherr­schaft mit Kandahar und ab 1772 Kabul als Hauptstadt.

Die koloniale Politik der Großmächte Russland und England im 19. Jahrhundert reduzierte – neben internen Fehden – das ehemalige Großreich auf die heutigen Grenzen und klammerte das Land zugleich aus Fortschritt und Entwicklung aus. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Kabul ca. 60.000 bis 80.000 Menschen, in Kandahar und Herat jeweils ca. 10.000 bis 15.000. Städtische Siedlungen wie Jalalabad, Mazar-e Sharif oder Ghazni zählten etwa 1.000 bis 5.000 Einwohner. Mit dem Erhalt der vollen staatlichen Souveränität 1919 und dem Beginn einer allgemeinen Modernisierungspolitik seit den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die dann nach dem Zweiten Weltkrieg durch internationale Entwicklungshilfe entscheidend angekurbelt wurde, erfuhr das Städtewesen einen langsamen Aufschwung. Durch stetiges Bevölkerungswachstum, den Ausbau staatlicher Dienstleistungssektoren sowie die allmähliche Sesshaftigkeit der Nomaden erhielten die traditionell bedeutenden Städte teilweise neue Funktionen und wurden zum Ausgangspunkt der Modernisierungsmaßnahmen.

Diese Maßnahmen trafen die einzelnen Städte allerdings sehr unterschiedlich: Kabul als Hauptstadt und Sitz der Regierung bekam den Löwenanteil aller Investitionen im Infrastrukturbereich. Herat und Kandahar, die beiden nächst wichtigen Provinzzentren, erlebten vor allem auch aufgrund der Bemühungen einer einheimischen Beamten- und Händleroberschicht einen kontinuierlichen Aufschwung. Jalalabad profitierte vor allem von seiner Lage an der Hauptstraße zum indischen Südkontinent. Mazar-e Sharif wurde durch das Interesse der Kabuler Zentralregierung an einer engeren Anbindung der nördlichen Provinzen an Kabul aufgewertet und gewann seit den sechziger Jahren vor allem als Zentrum abbauwürdiger Gasvorkommen an Bedeutung. An der unterschiedlichen Geschichte dieser fünf Städte lässt sich paradigmatisch die Kontinuität des afghanischen Städtewesens ablesen und anhand ihres Ausbaus der Wandel bis heute erfassen.

Nach 25 Jahren Bürgerkrieg sind diese großen Zentren jedoch zerstört und die Kontinuität kaum mehr zu erkennen. Erst durch die Vertreibung des Taliban-Regimes wurde die Chance für eine Neugründung einer städtebaulichen Neuorientierung als Vision geboren. Allen Fehlentwicklungen, die vor der Zerstörung auch in der Stadtentwicklung vorhanden waren, wird durch ein Gesamtkonzept (Masterplan) und gezielter fachlicher Planung entgegengewirkt.Im Gegensatz zu den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts aber konnte die wirtschaftliche Hilfe der Geberländer, die 2002 in Tokio beschlossen wurde, das Stadtwesen in Afghanistan nicht verbessern.

Die massive Zerstörung der großen Zentren einerseits und die hohe Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsexplosion im ländlichen Raum anderseits haben dazu geführt, dass viele Menschen ihr gewohntes Umfeld verlassen mussten, um in den großen Städten Wohnraum und Arbeit zu finden. Die Zentralregierung in Kabul hat die Risiken einer Verstädterung nicht rechtzeitig erkannt und somit dazu beigetragen, dass die großen Städte, insbesondere die Hauptstadt Kabul, eine Bevölkerungsexplosion erfahren haben, die in der Geschichte Afghanistans einmalig ist.[1]

Aufgrund knapper Baugrundstücke und mangelhafter Planung haben sich viele Zuwanderer illegale Notunterkünfte an den Berghängen gebaut. Diese Entwicklung hat in den vergangenen zehn Jahren rapide zugenommen und die Stadt Kabul, die in ihrer Expansion ohnehin aus topografischen Gründen eingeschränkt ist, zu einem Kessel werden lassen, der sich unkontrolliert weiter füllt, bis er überläuft.


Fußnoten

1.
Vor dem Krieg hatte Kabul max. 500.000 Einwohner. Die Schätzung geht jetzt auf 4,5 Mio. Einwohner. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Laender/Afghanistan.html

 

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